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21.4.1899 Zweites Blatt
 
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Freitag den 21. April

1809

Zweites Blatt

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Gießener Anzeiger

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1 Mellten, Expedition und Druckerei:

Kchntfiratze Nr. 7.

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nämlich, daß die deutsche Nation vom letzten Arbeiter bis zum Großindustriellen und Großbankier hinauf wisse, was ie wolle. Hübbe-Schleiden hat prophezeit: im Jahre 1980 würden 900 Millionen Anglosachsen (Engländer und eng- isch redende Amerikaner) und 300 Millionen Russen den größten Teil der Erde inne haben. Alle anderen kleinen Nationen würden dagegen verschwinden, ja erdrückt werden. Er als Deutscher hofft, die Deutschen würden dann auch 150 Millionen ausmachen. Selbst der Franzose Leroy- Beaulieu sagt bei einer Betrachtung über die Zukunft )er Nationen über Frankreich, Spanien, Italien, Skan- linavien ähnliches; nur die Deutschen, meint auch er, würden wohl ums Jahr 2000 gegen 200 Millionen Menschen ausmachen und so vor diesem Schicksal bewahrt bleiben. Sollen wir an uns verzweifeln, wenn so selbst ein gelehrter Franzose spricht? Nur darüber muffen wir uns klar sein. Wenn wir still Hinterm Ofen hocken bleiben, wenn wir nicht an den großen Machtkämpfen teilnehmen, so ist diese Zukunft uns verschlossen.--

Was ist aber das Haupthindernis dieser Einigkeit? Es liegt doch wohl vorwiegend in den Mißverständnissen der sozialen Klaffen untereinander, in der Thatsache, daß natur­gemäß gewissen Gruppen der Gesellschaft Flotte, Kolonien und Exportindustrie ganz direkten, offenbaren, den übrigen Klassen nur indirekten und späteren, weniger sichtbaren Vor­teil bringen. Es nimmt häufig den Anschein an, als ob den Großindustriellen und Großkapitalisten, deren Reichtum ohnedies so gewaltig steigt, die die Staatsgewalt mehr als andere beeinflussen, ja beherrschen oder zu beherrschen scheinen, allein aller Vorteil aus einer kühnen Weltmachtpolitik zufalle. Schon 1880 fiel die Samoavorlage im Reichstag doch wesent­lich unter dem schiefen Vorurteil, eine unserer Großbanken stecke mit ihrer Spekulation allein dahinter. Und seither hat der Mißmut der Agrarier, breiter Teile des Mittelstandes und der Arbeiterschaft wesentlich aus solchen Gefühlen seine Nahrung gezogen.

Viel wird auch, das ist zuzugeben, nach dieser Seite gesündigt. Wie oft hört man:Haben wir Kiautschou nur erworben, um einem Bankkonsortium ein Monopol und Monopolgewinne zu verschaffen?"

Ist nun an solchen Vorwürfen einzelnes auch berechtigt, im ganzen sind sie maßlos übertrieben; sie übersehen, daß in allem Menschlichen Egoismus steckt und ohne ihn doch wirtschaftlich nicht voranzukommen ist. Der Weg zu einer wirtschaftlichen Großmacht ist uns verschlossen, wenn wir nicht großen und kühnen Unternehmern große Gewinne gönnen, wenn wir nicht, den kleinlichen Neid bei Seite lassend, einsehen, daß geniale Geschäftsleute, die draußen dem deutschen Namen Ehre machen, doch in zweiter Linie mehr dem Baterlande, den künftigen Generationen, den übrigen Klassen, als sich selbst dienen. Unsere Großgrund­besitzer und Arbeiter vor allem sollten dies einsehen lernen. Aber mit der Einsicht ist es nirgend allein geschaffen; die Gefühle der Klassen und der Mafien muß der Staatsmann verstehen und zu lenken wifien. Nur wenn sie richtig ge­lenkt werden, erwächst auch die wahre Einsicht. Dazu gehört jetzt in Deutschland vor allem eines: die Nation muß wieder das Gefühl erhalten, eine Regierung großen Stils zu haben, eine Regierung, die über den Klassen steht, nicht von kleinen egoistischen Gruppen Mächtiger abhängig'ist. Kühnes Auf­treten nach außen, versöhnliche Politik nach innen, Wieder­aufnahme der großen Gedanken der sozialen Reform damit käme man zum Ziel.

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Hessischer Landtag.

Zweite Kammer der Stände.

nn. Darmstadt, 19. April 1899.

Die Sitzung wird nm 9 Uhr eröffnet. Am Minister­tische: Staatsminister Rothe sowie das gesamte Staats­ministerium.

Vor Eintritt in die Tagesordnung kritisiert der Abgeord­nete Hing er als Vorsitzender des Finanzausschusses die vom Abgeordneten Schmitt gestern gelegentlich der Debatten in Sachen der Berechnung des Dienstalters der Staatsbeamten gemachte Aeußerung, als habe der Ausschuß hinter dem Rücken der Kammer Abmachungen mit der Negierung gemacht, welche das Haus in dem Sinne nicht sanktioniert habe. Er weist diese Unterstellung mit Entschiedenheit zurück. Abg. Schmitt hält an dem gestern Gesagten vollständig fest und ist bereit, dem Hause den Nachweis der Richtigkeit seiner Ansichten beizubringen. Justizminister Dittmar giebt nochmals die Erklärung

Was lehrt uns Samoa?

autrts (im Aufsatz von Professor Gustav Schmoller in -er ^kilschriftDie Woche". Würden doch seine Ratschläge xbeitodl gnhört!

Die deutsche Nation steht unter einem ungewöhnlich starÄm. jn ergreifenden Eindruck. Zähneknirschend rufen die tftnmDas ist ein zweites Olmütz, das hätten wir unter BiSMttL nicht erlebt!"Haben wir nicht seit 1880 voraus- gesa'M daß wir uns nur Nasenstüber durch neue Kolonial- >.>oli Ä ho-len werden?" sagen ihre alten verbissenen Gegner. Daß; Die Ursache zur Trauer haben, geben alle zu. Aber emei:iliutlid)e, aufwärtsgehende Nation schöpft aus Beleidi- .luntga, Vie ihr zugefügt werden, neue Kraft, neue Impulse 3u t üihkillichem, energischem Auftreten, neue bessere Einsicht 'n dlLMge und Mittel, die zu ergreifen sind. Lassen wir uns 1 djo nicht entmutigen, ergehen wir uns nicht in Ver- r.ächhiümgen gegen Personen, die an der jetzigen Katastrophe unseWiz sind, sondern sagen wir offen: Es ist ein Stück Lehnqstd, das wir naturgemäß auf der Straße nach dem ,griciiijaeai Deutschland" zahlen müssen. Rufen wir stolz ?cn :Litern, die es verschuldet, zu:Der Tag wird kommen, da IM Lina den Schaden mit Zinsen werdet zahlen müssen." TröHt rair uns damit, daß die Engländer viel Schlimmeres orleN«! haben, z. B. als die Holländer sie im siebzehnten fahachnvert aus den Molukken hinauswarfen, oder als die Fra AWm sie im achtzehnten Jahrhundert in Indien fast an 1 biiWand gedrückt hatten, und als Großbritannien 1783 Me Äneiinigten Staaten und Port Mahon auf Minorka beranetytoen mußte. Auch in unserem Jahrhundert mußten sie A v'ieles gefallen lassen, was ihnen viel bitterer war, als ' ie die Vorgänge in Samoa zu sein brauchen: der ganMÜuitsche und französische Kolonialerwerb in Afrika und Asien».vav der englischen Politik so unangenehm wie möglich. Sie imsae ihn, gelb vor Aerger und Mißgunst dulden, wei Kerny unib Bismarck geschickt zusammen operierten. Solche Konjtunliuoren werden wiederkommen. Und liegt dann die Scitin e unserer Politik in mutigen, kühnen und klugen Hämrw,.'.io wird die Schande von heute so sicher ausgewetzt rutTtM iroie die von Olmütz. Freilich gehört dazu eines:

ab, daß die gemachten Ausführungen in keiner Weise den Thatsachen entsprechen; die Regierung sei genau nach den Beschlüßen der Kammern verfahren.

Zur Tagesordnung übergehend, erfolgt zunächst die Beantwortung der Interpellation des Abg. Dr. Schmitt: Die Abänderung des Bankgesetzes betr." Staatsminifter Rothe erklärt, daß das Bankgesetz bereits dem Reichstag zur Beratung vorlicgc und könne die Staats- regierung keinen Einfluß mehr geltend machen. Wenn das Gesetz jedoch im Bundesrat zur Beratung gelange, so werde der hessische Bundesbevollmächtigte instruiert werden, damit die Jnterefien der Privatbanken nach Möglichkeit gewahrt werden. Bei der Besprechung der Interpellation weift >er Abg. Schmitt die Schädigungen der Privatbanken nach, welche durch das neue Bankgesetz hervorgerufen werden, und bittet die Regierung, für die Interessen dieser Banken einzutreten.

Die Interpellation des Abg. Köhler-Langsdorf und Genossen, die zu erwartenden Vorlagen Großh. Ministeriums der Justiz, die Gesetz-Entwürfe über die Grundbuch- ordnung und die Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit betreffend, beantwortet Justizminister Dittmar dahin, daß noch vor Herbst dem Hause die Vorlagen zugehen werden.

Eine weitere Anfrage defielben Abgeordneten über den Stand des Baues einer Nebenbahn durch das Lumdathal beantwortet Oberfinanzrat Ewald dahin, daß mit dem Bau der Bahn im Laufe des Sommers be­gonnen und die Fertigstellung derselben beschleunigt wird.

Präsident Haas macht dem Hause die Mitteilung, daß er soeben die Nachricht erhalten habe, daß der Abg. Neeb gestern nachmittag um 3 Uhr gestorben sei. Er widmet dem Dahingeschiedenen einen ehrenden Nachruf. Derselbe habe sich durch sein gemeinnütziges Wirken in weiten Kreisen der Bevölkerung Sympathien erworben. Auch in der Kammer habe er sich voll und ganz auf seine» Platz befunden und für das Wohl des Landes sei er jederzeit eingetreten. Zur letzten Ehrung erhebt sich das Haus von den Sitzen.

Die Interpellation des Abg. K r a m e r und Genossen, die Lohnzahlungen im Betriebe der Main- Neckarbahn beantwortet Oberfinanzrat Ewald dahin, daß die Darstellungen des Abg. Kramer nicht zutreffend seien. Die Art der monatlichen Lohnzahlung sei von dem Arbeiterausschuß im Einverständnis mit der Großh. Regie­rung und der Direktion der Main-Neckarbahn festgesetzt, und von den Arbeitern angenommen worden. Abg. Kramer hält seine Darstellungen voll und ganz aufrecht. Bei den Arbeitern der Main-Neckarbahn sei eine monatliche Lohnzahlung eingeführt, und das sei bei einem Betrieb wie die Main-Neckarbahn bedauerlich, daß man mit den Löhne« der Arbeiter noch Kapital mache. Auch die in der Werk­stätte-Ordnung in § 3 aufgestellte Bestimmung, wonach Arbeiter über 40 Jahren keine Verwendung finden dürfen, rufe in Arbeiterkreisen die tiefste Entrüstung hervor, und verlange Beseitigung derselben. Auch die ganzen Lohn- verhältnifie der Main-Neckarbahn bedürften einer gründ­lichen Aenderung, da sie den heutigen Verhältniffen nicht mehr entsprechen. Abg. Reinhardt ist auch der Meinung, daß es Aufgabe des Staates sei, seine Werkstätten als Musteranstalten zu gestalten. Er ersuche daher die Regierung, zu erwägen, ob sie bei der Main-Neckarbahn nicht künftighin achttägige oder vierzehntägige Lohnzahlungen einführen wolle. Man solle die Leute mit dem Lohn nicht zu lange warten lafien. Denn der verheiratete Arbeiter brauche jederzeit sein Geld. Abg. Ulrich geht mit den Einrichtungen der Main-Neckarbahn, besonders aber mit den Lohnzahlungen, den Arbeitsverhältnissen, und mit der Werkstätte-Ordnung und Akkordarbeit sehr scharf ins Ge­richt, ohne daß es dem Regierungsvertreter gelungen ist, die Angriffe auf die Verwaltung der Main-Neckarbahn zu widerlegen, oder abzuschwächen. Die Abgg. Frenah und Schroeder treten ebenfalls für eine Neuregelung der Arbeitsverhältnisse bei der Main-Neckarbahn ein, und bitten die Regierung, hier endlich einmal Wandel zu schaffen. Auch der Abg. Weidner schließt sich diesem Verlangen der Vorredner in energischer Weise an.

Die Debatten über den Antrag Wasserburg auf Einführung direkter Wahlen zum Landtag, werden heute fortgesetzt. Abg. Weidner tritt für die direkte Landtagswahl ein, ist jedoch gegen eine von Abg. David beantragte Sonntagswahl. Abg. Schönberger hält von der direkten Wahl nicht viel. Er würde die Em- führung einer Wahlpflicht für das einzig Richtige halten.

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De«Kohlengrubenarbeiterstrike in Belgien.

lbgi sehen von England pflegen die Arbeiterausstände in t:en fkeinen Belgien den größten Umfang anzunehmen. Freilich sind hier auch alle Vorbedingungen dazu reichlich nurEiembric. In der Borinage finden wir die gewaltigen KohctabkLen auf einen verhältnismäßig kleinen Kreis zu- saiuiMngAräugt, und es ist erklärlich, daß hier auch die .jit'Hiftrie sich niedergelassen hat. Die Folge davon ist, ud&j die Arbeiter, da eng zusammenwohnend, wohlorganisiert sind) unb sich bei jeder Gelegenheit solidarisch erklären. Die AuSMildk pflegen sich deshalb auch auf alle Arbeiterschichten auSA ubchven, und in die verschiedensten Zweige überzugreifen. Wem die Strikebewegung in Belgien während der letzten JuWjchMe aufmerksam verfolgt hat, der weiß zu er- ' ksffci, N'elch ungeheurer Schaden durch die Ausstände dem Wutijumabermögen zugefügt worden ist. Und abgesehen von de-n» mal eriellen Schaden bleibt noch der moralische )UißkiI gestehen, welcher durch die Erregung der Gemüter, bur ch die Aufhetzung der Massen gegen Gesetz und Ordnung, ?*cni We zugefügt worden ist. Plünderung und Blut- >cr$ itjtn sind ja gelegentlich der letzten Arbeiterunruhen in Bes zirn nicht selten gewesen, und noch in frischer Erinne- unrgist ldie große Aufregung, welche über die Grenzen Bel MS hinaus die dortigen Zustände hervorriefen.

Zurzeit ist wiederum in dem Becken von Charleroi im.» zlos Arbeiterbewegung ausgebrochen, die sich sofort ruf ' vier Bezirke ausgedehnt hat. Die Arbeiter verlangen cinei drtrüchtliche Lohnerhöhung, und es ist sehr fraglich, ob nie Mill»! nbefitzer in dieselbe einwilligen können, weil während der i Irhtkin Jahre bereits mehrfach Lohnerhöhungen statt- icfir* haben. Den Arbeitern kommt regelmäßig zur dosß weite Kreise der Industrie durch den Ausstand n Mitlriidenschast gezogen und vielfach ganz lahmgelegt roer'twn. So ist es auch heute wieder. Die Hüttenwerke hab'kr» itirr noch einen geringen Vorrat an Kohlen und müssen bet i du Fortdauer des Strikes den Betrieb einstellen. DatWbe ist mit den zahlreichen Glasfabriken der Fall. Ooftwtliä) läßt sich noch rechtzeitig eine Verständigung rtiirlh. Jedenfalls thäte die belgische Regierung gut, ech Wig alle Maßregeln zu treffen, damit Ausschreitungen n Stile, wie sie ja leider bei den Arbeiterbeweg­ungen in Belgien zur Gewohnheit geworden sind, diesmal vernniibcm werden. (xx)

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