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21.2.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 44 Zweites Blatt Dienstag den 21. Februar

1899

Siebener Anzeiger

General -Anzeiger

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Fernsprecher Nr. 51.

Frankreich unter neuer Präsidentschaft.

Die durch den plötzlichen Tod Felix Faures not­wendig gewordene Wahl eines Präsidenten der französischen Republik ist am Samstag ziemlich glatt von statten gegangen und wie wir bereits gemeldet haben auf den Senats­präsidenten Loubet gefallen. Es ist der siebente Präsident der dritten französischen Republik, der nunmehr die Regierung antritt, und man darf wohl sagen, unter gleich schwierigen Umständen hat kaum ein Vorgänger Loubets seine Wohnung im Elysee-Palaste genommen. Wir haben ja schon gelegent­lich der Besprechung des Todes Faures die ungemein heikle Situation betont, in welcher sich die französische Republik befindet, und die hieran geknüpften Befürchtungen waren keineswegs übertrieben, wenn auch bis jetzt die Ruhe nicht ernstlich gestört erscheint. Der Tod Faures kam eben allzu plötzlich, um den Feinden der Republik Gelegenheit zu geben, die Waffen zu schärfen und die letzten Maßregeln zu einem kühnen Coup zu ergreifen. Aber diese Feinde schlummern keineswegs, sie warten nur die nächste Gelegenheit ab, die ihnen vielleicht günstiger ist und sie ihr Ziel erreichen läßt.

Nach allem, was über den neuen Präsidenten bekannt ist, hat der Kongreß mit der Wahl Loubets einen guten Griff gethan, wenigstens den besten, der unter den jetzigen Umstünden gethan werden konnte. Frankreichs ganze innere Politik steht bekanntlich jetzt unter dem Zeichen der Dreyfus- Affaire, und da ist es von großem Werte, daß Loubet völlig unbefangen ist und sich nach keiner Seite hin engagiert hat. Seine erste Aufgabe wird es daher sein, die Dreyfus- Angelegenheit in die richtigen Bahnen zu lenken und sie so bald wie möglich zu beenden. Nach der einen oder der anderen Seite hin wird er Wunden schlagen müssen, aber je eher das geschieht, je früher kann die Heilung eintreten. Ueberdies drängen die Umstände zu einer schnellen Ver­söhnung zwischen Militär- und Zivilgewalt, dieselbe ist aber kaum zu erzielen vor Erledigung der Dreysus-Affaire.

Wir haben vorhin gesagt, der Kongreß hätte mit der Wahl Loubets den glücklichsten Griff gethan, der erfolgen konnte. Damit soll aber keineswegs behauptet werden, daß Loubets Eigenschaften ihn zum Staatsoberhaupt prädestinieren. Um viel Gutes zu wirken, mangeln ihm vorläufig noch die nötigen Vollmachten. Loubet ist mehr phlegmatisch veranlagt, und es fehlt ihm deshalb an Thatkraft und Unternehmungsgeist. Er gehörte der gemäßigten Linken an und gilt als ein über­zeugter Republikaner, von welchem weder die Orleans noch die Napoleons etwas zu erhoffen haben.

Auf die internationale Politik Frankreichs wird Loubets Wahl keinen Einfluß ausüben. Zu gewagten Unternehmungen

wird er seine Hand nicht bieten, und deshalb darf man hoffen, daß die Friedensbestrebungen in Loubet keinen Gegner, sondern vielmehr einen eifrigen Förderer finden werden. (xx)

Deutsches Reich-

Berlin, 19. Februar. Unmittelbar nachdem das Kaiser- p aar gestern aus Hubertusstock in Berlin angekommen war, begab sich der Kaiser, und zwar direkt vom Bahnhofe aus, zur hiesigen französischen Botschaft und stattete dem Marquis de Noailles einen Kondolenzbesuch ab.

Berlin, 19. Februar. Zur Abordnung, welche auf Befehl des Kaisers an den Beisetzungsfeierlichkeiten in Paris teilnimmt, ist befohlen worden: Der Oberst­stallmeister Gras Wedel, General A la suite v. Scholl, der Kommandeur des Alexander-Regiments, Oberst v. M o l t k e und der Major des 1. Garde-Regiments v. Plüskow Diese vier Offiziere zählen zu den größten der deutschen Armee. Die Witwe des Präsidenten Faure hat dem Kaiser telegraphisch nach Hubertusstock in bewegten Worten ihren Dank ausgesprochen für die herzlichste Teilnahme an dem Verlust ihres Gatten.

Berlin, 18. Februar. Dem Entwurf einer Fern­sprechgebührenordnung haben die verbündeten Re­gierungen eine sehr ausführliche Begründung mitgegeben, worin es heißt: Sowohl im Interesse des Publikums als in dem der Verwaltung erscheint es geboten, bei der Neu­ordnung des Fernsprechgebührenwesens das Abonnements­system beizubehalten. Daneben wird es aber möglich sein, denjenigen Teilnehmern, welchen die Abonnementsgebühr zu hoch erscheint, den Anschluß gegen Zahlung von Einzel­gebühren zu gestatten. . . . Die Annahme der Vorschläge des Entwurfs wird eine wesentliche Vermehrung der Fern­sprechanschlüsse in den mittleren und kleineren Städten und auf dem flachen Lande zur Folge haben. Die Bemühungen der Reichs-TelegraPhenverwaltung in dieser Richtung, welche schon im diesjährigen Etat durch Einstellung von besonderen Mitteln für den Ausbau des ländlichen Telephonnetzes Be­rücksichtigung gefunden haben, werden erst durch die für diese Kreise bevorstehende erhebliche Gebührenermäßigung ihre volle Wirkung erlangen. Die Beschränkung des Fern­sprechers auf eine gewisse Zahl von großen und mittleren Orten würde auf die Dauer das Geschäft in diesen kon­zentrieren. Die Ausdehnung des Fernsprechers auf die kleineren Orte und das flache Land wird dieser unerwünschten Entwicklung entgegenwirken.

Berlin, 18. Februar. Die Beileidskundgebung Kaiser Wilhelms beim Tod des Präsidenten Faure wurde am Freitag morgens 9 Uhr 15 Minuten an die Witwe Faures abgesandt und lautete:Profond^ment emu par la nouvelle de la mort de votre Apoux, Monsieur le President de la Republiqiie Fran^aise, je mempresse de vous exprimer quelle part sincöre je prends A votre perte cruelle. LImpAratrice se joint A Moi en formant les voeux les plus ardents A ce que le Dieu tout-puissant veuille vous accorder la force pour pouvoir porter le deuil qui vous a accable. Guillaume I. R. Zu deutsch: Tief' bewegt durch die Nachricht von dem Tode Ihres Gemahls, des Herrn Präsidenten der Französischen Republik, beeile Ich Mich, Ihnen auszusprechen, einen wie aufrichtigen Anteil Ich an Ihrem schmerzlichen Verlust nehme. Die Kaiserin vereint sich mit Mir in dem heißen Wunsche, daß der all­mächtige Gott Ihnen die Kraft geben wolle, die Trauer zu tragen, welche Sie heimgesucht hat.

Deutscher Landwirtschaftsrat. Aus Anlaß der am Montag, den 20. d. M., im Brandenburgischen .Provinzial-Ständehaus beginnenden 27. Plenarversammlung des Deutschen Landwirtschaftsrates erstattet der Vorstand bereits an seine Mitglieder den Geschäftsbericht. Heber die Lage der deutschen Landwirtschaft heißt es darin, daß die jetzige Besserung nicht genüge, um die ungünstigen Zeiten vor 1897 wett zu machen. Wenn sich die Landwirtschaft von den Wunden aus dieser unglücklichen Zeit erholen soll, so genügen dazu nicht einige bessere Jahre, sondern dazu ist ein dauernder Aufschwung der gesamten Landwirtschaft in allen ihren Zweigen erforderlich. Ein solcher Aufschwung besteht aber weder gegenwärtig, noch ist er für die nächste Zukunft zu erwarten. Daher ist es ein verhängnisvoller Irrtum, wenn aus der eingetretenen Besserung der Verhält­nisse von der nicht landwirtschaftlichen Bevölkerung die Folge­rung gezogen wird, daß nunmehr die Landwirtschaft in glänzender Lage sich befinde, daß sie eines Schutzes nicht mehr bedürfe und daß sich deshalb das Gesamtinteresse der deutschen Nation allein der Hebung der Industrie und des Handels zuwenden müsse. In dem Bericht wird auch die vielumstrittene passive Handelsbilanz Deutschlands berührt und bestritten, daß die größere Einfuhr für uns unbedingt Wohlstand bedeute. Es wird daran erinnert, wie 1889 der Wert der Einfuhr etwa 800 Millionen Mark höher war, als der Wert der Ausfuhr, 1898 dagegen V/2 Milli­arden Mark höher. Dann wird gesagt: Wenn nun auch zuzugeben ist, daß die Zahlen der Handelsstatistik ein nicht ganz zutreffendes Bild von der gesamten Handelsbilanz

Feuilleton.

K affe AurscheriHerrkichkeit!

(1. Fortsetzung.)

Nachdem die Versammlung auf dem Loos'fchen Felsen­keller geschloffen war, traten die Studenten in heiterer Stimmung den Rückzug über den Seltersberg hinab in die Stadt an. Plötzlich rief einer:Zu den Advokaten Diehm und Welker!" Beide hatten sich alsAlte Herren" der beleidigten Studentenschaft auf dem Balle angenommen und mit Unwillen gegen die polizeilichen Eingriffe protestiert. Welker wohnte in den Neuenbäuen, unweit der HeYer'fchen Buchhandlung. Der Zug wälzte sich dorthin, es wurde ein dreifaches Hoch (wahrscheinlich von Studiosus Rudolf Feudt aus Schotten, der später, anno 1848/49 eine hervor­ragende politische Rolle spielte, und dessen Aufzeichnungen wir hier folgen) auf Welker ausgebracht, in das die Studenten jubelnd einstimmten. Von hier begab sich der Zug nach der Wohnung des Hofgerichtsadvokaten Diehm, der in gleicher Weife geehrt wurde, wie Welker.

Es wird nicht nötig fein, noch besonders zu schildern, daß ganz Gießen: Männlein und Weiblein, Philister, Pro­fessoren und Beamte, Besen und Florbesen, Schwänze, Knoten, Balken, Wichsiers, Spatzen- und sonstige Köpfe in lebhafter Bewegung waren, daß Fenster und Hausthüren sich aufthaten, um augenblicklich mit neugierigen, geputzten und weniger geputzten Leuten angefüllt zu werden, die meistens der Ansicht waren, daß so etwas lange nicht da- gewesen wäre.

Mit dieser Demonstration war die Sache selbstverständ­lich nicht abgethan. Das Studentenkomitee, aus zwölf Personen bestehend, erschien vor dem Rektor und dem

Universitätsrichter, trug die Sache vor, und bat um Genug- thuung. Der Rektor berief den Senat zusammen, der in einige Verlegenheit geriet, denn ein derartiger Fall war in den Statuten nicht vorgesehen. Auch mit den einflußreichen und verehrten Professoren Hillebrand und Liebig setzte sich der Studentenausschuß in Verbindung, die ihre Mitwirkung bei der schweren Verwickelung zusagten. Der Senat ver­sprach zuletzt: die Untersuchung sollte dem völlig unbeteiligten Hofgericht übergeben und schleunigst durchgeführt werden, wodurch die Sache auf eine die ganze Universität befriedigende Weise ihre Erledigung finden würde.

Nun trat Ruhe ein, die Hitze legte sich immer mehr, aber der Studentenausschuß blieb bestehen und hielt regel­mäßige Sitzungen; auch die freundschaftlichen Beziehungen unter den Korporationen hielten an. Recht vorsichtig ver­fuhr die Behörde, sie verteilte an die Garnison, die damals summa summarum 24 Mann stark war, scharfe Patronen, und nachts patrouillierten Gendarmen und Sicherheitswächter mit scharfgeladenen Gewehren durch die ruhigen Straßen.

So verging eine Woche, und die Sache fing an, kleiner und unwichtiger zu werden, als der unter der Asche glimmende Funke plötzlich wieder zur Flamme angefacht wurde. Sonntag den 6. August 1846 hielt der damalige katholische Pfarrer und Professor Hartnagel in der katho­lischen Kirche eine gemünzte Predigt, worin vonbösen Buben" die Rede war,die sich zusammengerottet hätten, um einen im Dienst ergrauten, gut katholischen Mann zu verfolgen." Von neuem erwachten Grimm und Zorn in den Gemütern der Musensöhne. Gegen abend fand sich ein halbes Hundert Studenten auf demKreuz" zusammen, die tüchtig lärmten. Mit jeder Minute wuchs der Haufen, aus dem der Ruf ertönte:Dem Pfaffen müssen die Fenster eingeschmissen werden!" Das fand Anklang. Studiosus

Schneider aus Heppenheim* *), wegen seiner riesigen Gestalt derlange Samstag" genannt, stellte sich an die Spitze des Zuges, der nach der Hartnagel'schen Wohnung marschierte. Hier entwickelte sich ein fürchterliches Johlen, Schreien und Brüllen; einige Studenten bemühten sich nach Kräften, den Skandal zu ersticken, es gelang aber nur teilweise, denn die Fensterscheiben des Pfarrhauses wurden zum Teil ein­geworfen.

Von hier durchzogen die wieder heftig aufgeregten Studenten fast die ganze Stadt; an den verschiedenen Kneipen wurde Halt gemacht, gesungen, gejohlt, getrunken, viel arger, als bei d?m Zuge am 1. August. Das Lied vomBürgermeister Tschech" war besonders beliebt, aber mit verändertem Texte. Der Kehrreim:Lidjum, lidjum, lidjumlei! lustig ist die Polizei," wurde inschuftig" ab- geänbert; die hessische Nationalhymne: Heil unserm Fürsten Heil! sangen die Leutchen: Gummi elastium! Oder auch: Sauerkraut, Schweinefleisch! Auf demKreuz" brannte Studiosus Lerch auch noch ein bengalisches Feuerwerk ab, das mit fürchterlichem Brüllen, Toben und Jubeln begrüßt wurde. Etliche Tage später wurden die Haupträdelsführer auf das Diszipel geladen und wegen nächtlichen Straßen­unfugs, Verhöhnung und Absingung eines Spottliedes auf die Polizeiverknurrt". Die Herren Schlosser, Schlich und derlange Samstag" wurden auf ein Semester relegiert, die anderen Mithelfer erhielten mehrwöchige Karzerstrafen. Hier soll erwähnt werden, daß sich unter dem studentischen Zwölferausschuß nicht weniger als sechs Theologen: Fendt, Schlich, Becker, Scriba, Schlosser und Schmidt befanden, die ebenso tapfer in den Wissenschaften, als auf dem Fecht- boden und auf der Kneipe zu wirken wußten.

(Fortsetzung folgt.),

*) Als Distrits-Einnehmer in Groß-Felda gestorben.