Ausgabe 
21.2.1899 Drittes Blatt
 
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4 J 2 1 000000; 6000 000.

Nr 44 Drittes Blatt.

Dienstag den ^l^Februar

1800

Gießener Anzeiger

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trachten. Gerade damals traten Ibsens Tendenzdramen ihren Siegeszug über die deutschen Bühnen an, und willig folgte der junge Autor, der seinen Stil bislang noch nicht gefunden hatte, als ergebner Trabant den Spuren des nordischen Meisters.

Seine eigentliche Domäne hat Fulda erst mit dem dramatischen MärchenDer Talisman" betreten, das ihn mit einem Schlage in die erste Reihe rückte. Wenn sich auch zu dem rein poetischen Verdienst ein aktuelles Interesse gesellte, so war doch die Behandlung des dem Dänen An­dersen entlehnten Stoffes eine so feine, daß alle Bedenken gegenüber den unleugbaren Vorzügen verstummen mußten. Fulda ist bis heute derDichterdesTalismanes geblieben, kein anderes Werk -von ihm hat diesen Erfolg auch nur an- näherend wieder erreicht. Mit geringerem Glück hat er dann auf diesem Gebiete noch den Sohn des Kalifen" geschrieben, ebenfalls ein dramatisches Märchen, in dem eine starke Neigung zum Didaktischen hervortrat. Große K unstwerke tragen die Moral in sich selbst; aber wenn diese äußerlich an­gehängt wird, pflegt sie meist zu einem Bleigewicht zu werden, das den Wert des Kunstwerkes bedenklich herabzieht. Dazu kam, daß das Interesse an Märchen, das durch Humperdinck's OperHänsel und Gretel" neu geweckt war, inzwischen wieder zu erkalten begann.

Fuldas leichtes Talent, das immer mehr zum Durch­bruch kam, mußte sich dem Lustspiel zuwenden, einer leider bei uns so stiefmütterlich bedachten Gattung. Unsere Lust­spieldichter sind alle an der Klippe, von dem leichten Kon­versationsstil in den derben Possenton zu verfallen, mehr oder minder gestrandet. Fulda hat mit Glück in seinen Lustspielen die Sphäre der Gesellschaftssatire gestreift, ja er hatRobinsons Eiland" ganz hier angesiedelt. Auf die heute noch recht amüsanteWilde Jagd" warenDie Kameraden" gefolgt und endlichJugendfreunde". Was diesem Lustspiel an Frische der Erfindung und an Origi­

nalität der Handlung gebricht, ist durch überaus liebevolle Charakterzeichnung, durch geschickten Aufbau und flüssigen Dialog ersetzt. Es wäre schlechterdings ein gutes Lustspiel zu nennen, ein Stück, das auch in der Litteratur sein Recht hat, wenn es nicht zu sehr auf den Effekt hinaus gearbeitet wäre. Man merkt ihm auf Schritt und Tritt an, daß es konstruiert ist, daß es ein geistreicher Mann ersonnen und erklügelt hat. Wäre es weniger schematisiert, so könnte es neben Gustav FreytagsJournalisten" in Ehren bestehen. Gleichwohl ragt es turmhoch über die faden Benedixiaden hervor, die man noch immer als Lustspiele anzugeben sich erdreistet.

Nnen Versuch hat Fulda auch auf dem Gebiet der großen Tragödie gewagt mit seinem letzten WerkeHeroftrat". Er wollte die Gestalt des antiken Brandstifters, den ein geradezu anarchistisches Ruhmesgelüste erfüllt, vermenschlichen, und er hat zu diesem Zwecke eine erdrückende Fülle von Motiven aufgeboten, die die Durchsichtigkeit der Fabel un­gemein trüben. Herostrat bleibt ein Wahnwitziger, wenn er die Brandfackel in den Tempel der Artemis schleudert, und selbst der von seiner Göttin Betrogene kann unsre Teil­nahme nie erregen. Fulda lockte es wohl, in die Seele eines Verbrechers hineinzuleuchten, aber leider war es ein Jkarusflug.

Von seinen großen Verdiensten als Uebersetzer kann hier in der Kürze nicht die Rede sein. Als Moliere-Dol- metsch hat er sich auf die höchste Höhe emporgeschwungen, und seine Verdeutschung des Cyrano von Bergerac ist nach Gebühr wie eine Neudichtung oder doch wenigstens wie eine Nachdichtung gepriesen worden.

Fulda hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen. Der humoristische Roman steht ihm noch offen, und auf dem Gebiet des Lustspiels giebt es für ihn noch Lorbeeren genug einzuheimsen. Neberall hat ihn seine Beherrschung der Form zum Sieg geführt.

lichen Schwierigkeiten, die es macht, daß sich die praktischen Juristen mit dem neuen Rechte soweit abfinden, um bereits vom 1. Januar 1900 ab in der Lage zu sein nach dem neuen Gesetzbuch Recht zu sprechen, erheblich herabgemindert werden dürften, wenn eine Fristverlängerung einträte. Je früher das Gesetzbuch in Kraft tritt, um so mehr wird auch der Zwang, sich mit einer vollendeten Thatsache abfinden zu müssen, ein ganzes Teil helfen, die Ueberwindung der vis inertiae zu beschleunigen, die hier sehr stark mit in Frage kommt. Ein großer Teil unserer intelligenten und fleißigen Juristen hat schon seit Jahr und Tag sich mit dem neuen Recht in einer Weise vertraut gemacht, daß er unbedingt imstande ist, vom 1. Januar 1900 an, das leisten zu können, was der Gesetzgeber für möglich hielt, als er den 1. Januar 1900 für das Inkrafttreten des bürgerlichen Gesetzbuchs ins Auge faßte. Der übrige Teil aber wird nicht sowohl durch seminaristische Hebungen nnb Vorträge, sondern durch den Zwang, sich im gegebenen Falle mit prak­tischer Entschlossenheit mit der neuen Ordnung der Dinge vertraut zu machen, diejenige Treffsicherheit gewinnen, auf die es hier mindestens ebensosehr ankommt, wie auf das Studieren und Wissen. Es ist dann aber auch noch weiter zu berücksichtigen, daß, wenn der Termin des Inkrafttretens des bürgerlichen Gesetzbuchs um ein Jahr hinausgeschoben werden wird, gar nicht abzusehen wäre, wie viele berech­tigte und unberechtigte Wünsche sich dann bald in dem einem, bald ifr einem andern Einzelstaat hervorwagen möchten, um neue Hindernisse für die Ermöglichung einer thunlichst ein­heitlichen praktischen Handhabung der Bestimmungen des bürgerlichen Rechts zu schaffen. Dies und nichts anderes ist in erster Linie Zweck der Ausarbeitung des bürgerlichen Gesetzbuchs gewesen. Es hat schwer genug gehalten, viele Sinne unter einen Hut zu bringen. Den im Abgeordneten­hause eingebrachten Antrag annehmen, würde eine nicht un­bedenkliches Präjudiz schaffen heißen.

Ausland.

Wien, 18. Februar. Die Herzogin Maria Imma­culata ist heute vormittag 91/3 Uhr gestorben.

Budapest, 18. Februar. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde von dem Alterspräsidenten eine in warmen Worten gehaltene Gedächtnisrede für den Präsidenten Fanre abgehalten. Dieselbe wurde in das Protokoll eingetragen. Gleichzeitig wurde beschlossen, der französischen Kammer ein Beileidstelegramm zu senden.

Sodann gab Banffy die Demission des getarnten Kabinetts. Hierauf fand ein Ministerrat statt, in welchem alle Minister das Demissionsgesuch unterzeichneten. Dasselbe wird morgen dem Kaiser durch den Grafen Szechenyi überreicht. Banffy, Lukacs und Fejervary reiften nachmittags nach Wien ab.

Airolo, 18. Februar. Heute vormittag 9 Uhr erfolgte hier ein neuerlicher Bergsturz.

Brussel, 18. Februar. In der Nähe von Brüssel bei der Station Forest sind heute früh zwei Personenzüge zusammenge stoßen. 27 Personen wurden getötet. Die Zahl der Verwundeten isi noch nicht festgestellt, dürfte jedoch bedeutend sein. Der Zusammenstoß war derart heftig, daß sämtliche Wagen der beiden Züge zertrümmert wurden. Das Unglück erfolgte infolge falscher Weichenstellung. Einer der beiden Züge war größtenteils von Arbeitern besetzt.

Paris, 18. Februar. Lo ubet wurde (wie wir bereits am Samstag abend durch Extrablatt mitteilten. Red.) mit 483 Stimmen zum Präsidenten gewählt. Meline erhielt 270 Stimmen. Während der Wahl versuchten die Nationa­listen und Antisemiten, Dsroulöde, Drumont und Cavaignac, Kundgebungen zu veranstalten. In dem Augenblick, wo sie ihre Stimme in die Urne legten, versuchten sie zu sprechen. Der Vorsitzende Loubet verweigerte ihnen, das Wort zu nehmen. Sie bestanden trotzdem darauf und wurden von den Saaldienern von den Tribünen heruntergeholt. Einige Abgeordnete der Linken liefen über die Bänke und versuchten Dsroulöde heraufzuholen. Die Freunde der Antisemiten versuchten eine Kundgebung zu veranstalten. Dieser Versuch scheiterte aber absolut. Die Rufe:Es lebe die Republik" übertönten alles. Die Republikaner riefen allesamt:Es lebe der Präsident." Das Ministerium hat alle Maßregeln getroffen, um jede Unruhe zu verhindern.

Paris, 18. Februar. Das Ministerium ordnete für die Staatswürdenträger und für die Beamten eine BOtägige Trauer um den verstorbenen Präsidenten an.

Universttäts Nachrichten.

Leipzig. Der Senior der hiesigen Untoersilät, Professor der Physik Geheimrat Wilhelm Hankel, ist am 18. dS. gestorben.

Wien. Der Oberst a. D. Hetnrich Hartl ist zum ordent- lichen Professor der Geodäsie an der hiesigen Untoersilät ernannt worden.

Wien. Der außerordentliche Profeffor für alttestamenttfche Exegese und biblische Archäologie an der evangeltsch-theologtschen Fakultät Dr. phll. und Ltc. theol. Ernst Selltn ist zum ordent­lichen Professor ernannt worden.

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Deutfches Reich.

Darmstadt, 18. Februar. Das Großherzogspaar ist heute nachmittag 5 Uhr 5 Min. von Gotha hierher zurückgekehrt.

Berlin, 18. Februar. Reichskanzler Fürst Hohen­lohe veranstaltet am 20. ds. den ersten großen parla­mentarischen Abend dieser Session. Einladungen ergingen an eine Reihe von Abgeordneten des Reichs- und Landtages.

Berlin, 18. Februar. Im Abgeordnetenhause wurde heute der Antrag Langerhans betreffend Aufhebung der Konsistorial'Verordnung von 1873 an eine 14er Kom­mission verwiesen. Hierauf wurde der Etat des Ministeriums des Innern erledigt, desgleichen der Etat der Central- Genossenschaftskasse. Montag: Justiz-Etat.

Berlin, 18. Februar. In der heutigen Sitzung der Achter-Kommission des Reichstages für die Beratung des Bankgefetzes wurde die Erhöhung des Grundkapitals ans 150 Millionen Mark angenommen.

M.P C Im preußischen Abgeordnetenhause ist in der Sitzung vom 16. Februar der Antrag eingebracht worden, die Staatsregierung aufzufordern, daß sie ihren Einfluß bei ber gesetzgebenden Faktoren des Reiches dahin geltend mache, daß mit Rücksicht auf die unzulänglich kurze Zeit, die der Bevölkerung und den Behörden zur Aufnahme und Ver­arbeitung des z. Z. noch gar nicht abgeschlossenen, in dem bürgerlichen Gesetzbuch und seinen Nebengesetzen umfangreichen gesetzgeberischen Materials bleibt, die Ein­führung dieser Gesetze bis zum 1. Januar 1901 heraus- gcfd)obcn werde. Wenn man bedenkt, daß die letztjährigen Arbeiten der Kommission für die Ausarbeitung des bürger­lichen Gesetzbuchs wesentlich deshalb so sehr beschleunigt würben, weil man die Einführung des einheitlichen bürger­lichen Rechts im ganzen Reiche unter allen Umständen zum 1 Januar 1900 erreichen wollte, und daß dementsprechend mich das Reichsjustizamt die definitive Fertigstellung des Gesetzbuches und der mit ihm zusammenhängenden Gesetze mit allen Kräften betrieben und Bundesrat wie Reichstag üenfalls um an diesem Ziele festzuhalten, eine ganze Reihe .berechtigter Wünsche zurückgestellt haben, so erscheint es nicht ganz recht und billig, jetzt die Verlängerung der Frist um eilt Jahr zu verlangen. Es unterliegt ja keinem Zweifel, Saß zur Begründung des in Frage stehenden Antrags sehr vieles sich mit gutem Recht anführen läßt. Auf der andern Teile fragt es sich aber auch, ob die persönlichen und sach-

Feuilleton.

Ludwig Anlda.

(Zur Aufführung seines LustspielsJugendfreunde".)

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135-20

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Man hat sich früh daran gewöhnt, große Erwartungen us ihn zu setzen, und er hat sie gehalten, denn von diesen ^>nen Anfängen ist er bald emporgewachsen zu einem der 26.10 :.ai meisten aufgeführten dramatischen Dichter, zu einem der 14?J rfäjidteften Verskünstler, die wir besitzen.

23,90 j'J Nur als ein Durchgangsstadium, nicht als eine wichtige in seiner Entwicklung können wir die beiden Schau- ftidcDas verlorene Paradies" undDie Sklavin" be-

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Von Dr. M. Schilling.

Ludwig Fulda ist keine starke Persönlichkeit, aber ein -aisgesprochen liebenswürdiges Talent. Was ihm an Kraft Skr Erfindung, an fortreißendem Temperament und an Jn- rlichkeit abgeht, vermag er durch feine Formgebung und Hrazie des Ausdrucks zu verdecken.

154.60 10

Der Dichter ist am 15. Juli 1862 in Frankfurt a. M. 4'boren. Zu einer Zeit, wo andre noch die Schulbänke Kücken oder eben in die goldene Freiheit der Universitäts- jchre hinausstürmen, wurden schon kleine, nette Lustspiele ton ihm aufgeführt. So hat sich der EinakterUnter vier Augen", den er mit 24 Jahren vollendet hat, bis heute Ms dem Repertoire gehalten; als Vorspiel-Einakter oder ;;6'2o !' Nachspiel ist er mit seiner Harmlosigkeit des Erfolges 135.20 li' -fiw-ifc. Auch als Litterarhistoriker hat sich Fulda früh be- , feiert. Auf dem Titelblatt älterer Bände von Kürschners P Phtionallitteratur kann man im Kreise berühmter Namen n' toi stud. phil. L. Fulda erblicken, der sich als Heraus- iWer des luftigen Christian Weise und durch eine Ab- Handlung:Die Gegner der zweiten schlesischen Schule" mibeftreitbare Verdienste erworben hat.

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