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21.1.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 18 Zweites Blatt

Samstag den 2l. Januar

1899

Meßmer Anzeiger

Heneral-Anzeiger

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Ausland.

Paris, 19. Januar. Wilhelm II. und die Fran­zosen. Der Leitartikler Whist schreibt imFigaro" in einer seiner Betrachtungen über die deutsch-französischen Be- Ziehungen, es sei für niemand mehr ein Geheimnis, daß Kaiser Wilhelm II. lebhaft einen Ausgleich der politischen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland, wie sie aus dem Frankfurter Vertrage resultieren, herbeiwünscht. Wohl zwanzigmal habe er in der Unterhaltung über diesen Gegenstand sich mit einer Bestimmtheit ausgesprochen, die nichts zu wünschen übrig lasse. Diese Thalsache bekräftige ein Vorfall aus den Tagen, wo der Kaiser auf dem Wege nach Palästina in Konstantinopel der Gast des Sultans war. Der Kaiser gab der dortigen deutschen Kolonie eine Audienz. Als diese zu Ende war, unterhielt er sich noch längere Zeit allein mit einer hervorragenden Persönlichkeit, die ebenfalls zur Audienz erschienen war. Das Gespräch kam auf die Beziehungen zwischen den Deutschen und den Franzosen. Angehörige beider Nationen haben im türkischen Neiche große Geschäfte gegründet und kommen so täglich in Berührung. Der Kaiser empfahl seinen Landsleuten dringend, das gute Einvernehmen zwischen den beiden Kolonien zu pflegen und fügte für die Franzosen sehr verbindliche Worte hinzu. Er schloß mit dem Hinweis, daß dieses gute Ein­vernehmen im Orient früher oder später auch eine Rück­wirkung auf die Beziehungen zwischen den beiden Nationen im Abendland haben werde und daß auch er das ©einige dazu beizutragen gewillt sei.

SchvedeU'Norwege«. Auch die maßgebenden Kreise Schwedens begrüßen den von Rußland, dem nächsten und nicht ungefährlichen Nachbarn des Landes, ausgehenden Gedanken der Abrüstungs-Konferenz nur mit einem Vorbehalt. In der soeben zur Eröffnung des schwedischen Reichstags verlesenen Thronrede heißt es: Der König, der mit Freude die Einladung zu der Abrüstungskonferenz an­genommen hat, bringt die Sympathie des schwedischen Volkes für das edelmütige philanthropische Vorhaben zum Ausdruck, sowie den lebhaften Wunsch, daß es dem Kaiser von Ruß­land gelingen möge, seine Absicht zu verwirklichen, die ihm auf alle Fälle d'e Anerkennung aller Generationen erworben hat. Der Kongreß veranlaßt jedoch kein Land, die für seine nationale Verteidigung nötigen Maßregeln zu unter­lassen. Schweden muß seine geringe Militärmacht beibe­halten und vergrößern. Die Organisation des Heeres und der Marine ist nur auf die Verteidigung gerichtet. Niemand kann uns übertriebener Rüstungen anklagen und uns An­griffspläne zutrauen.

Der Friedensvorschlag des Zaren in englischer Beleuchtung. DieTimes" bespricht in ihrer Nummer vom 17. Januar das neue Rundschreiben des Grafen Murawiew. Sie kennzeichnet das Schriftstück zunächst als die Antwort auf die Depesche Lord Salisburys

vom 24. Oktober v. I., in der er um Aufklärung über die einzelnen Punkte bat, auf welche die Aufmerksamkeit der Konferenz gelenkt werden solle. Sie erklärt, diese Punkte nicht zu kennen, ist aber von vorn herein überzeugt, daß ihre Bekanntgabe die allgemein geteilte Anschauung nur be­stätigen könnte, daß der Charakter des ganzen Planes utopisch sei. Sie betrachtet England als moralisch und im Interesse der Selbsterhaltung verpflichtet, mit besonderer Wärme einen Plan zur Aufrechterhaltung des Friedens willkommen zu heißen. Aber trotzdem, glaubt sie, dürfe mau sich nicht dazu verleiten lassen, das tausendjährige Reich durch Vertrag herbeiführen zu wollen. Die Schwierigkeiten zeigten sich mit voller Klarheit, nachdem nunmehr die Einzel­heiten des Planes vorgelegt seien. Das Blatt tritt dann in eine Besprechung des Rundschreibens ein. Es weist da­rauf hin, daß das Schreiben den gegenwärtigen Zeitpunkt selbst eigentlich als wenig geeignet bezeichnet, da es selbst zugebe, daß sich der Horizont augenblicklich etwas verdunkelt habe, und keine Anzeichen für seine Hoffnung anführe, daß die allgemeine Lage bald ruhiger und dem Vorschlag des Zaren günstiger werden würde. Mit Freuden begrüßt es den Ausschluß jeder Erörterung über die politischen Be­ziehungen der Staaten, der unbedingt erforderlich sei. Die thatsächlichen Vorschläge des Schreibens teilt es dann in drei Gruppen. In die erste Gruppe stellt es den Vorschlag, die Land- und Seerüstungen und die entsprechenden Kriegs- budgets für eine bestimmte Zeit zu beschränken. Es bemerkt dazu, daß diese merkwürdige Anregungvon den kon­stitutionellen Staaten, wo jeder Pfennig der öffentlichen Aus­gaben in den staatlichen Rechnungsablagen ausgespürt werden kann, großes Zutrauen zu der Redlichkeit derjenigen Mächte fordert, deren Hilfsquellen für die Vermehrung ihrer militärischen Streitkräfte nach den eigenen Worten des Grafen Murawiewnicht begrenzt sind durch kon­stitutionelle und parlamentarische Einschränkungen." Zu derselben Gruppe fügt es auch den Vorschlag, Mittel zur zukünftigen Beschränkung der Streitkräfte und der Budgets ausfindig zu machen, für den sie nach dem Voraus­geschickten einen Kommentar für überflüssig hält. Die zweite Gruppe der Vorschläge, die sich mit den anzu­strebenden Verboten beschäftigen, bezeichnet das Blatt als sehr neu und sehr bemerkenswert. Neue Waffen, neue Sprengstoffe, neues wirkungsvolleres Pulver, das Schleudern von Sprengstoffen aus Ballons oder durch ähn­liche Einrichtungen, unterseeische Torpedoboote oder Tauch­apparate und verwandte Zerstörungs-Einrichtungen sollen verboten und die Anwendung der vorhandenen starkwirkenden Sprengstoffe eingeschränkt sowie der Bau von Rammschiffen untersagt werden. Die visionäre Natur des Planes, die Rüstungen zu beschränken, bemerkt dieTimes" dazu, tritt in dieser Gruppe vielleicht klarer hervor, als in irgend einer andern ... Wie kann Graf Murawiew ... sich selbst so täuschen, zu glauben, daßsolche Maßregeln den andern

annehmbar erscheinen könnten". Bei der dritten Art von Vorschlägen, die darauf hinauslaufen, die Möglichkeit schieds­richterlicher Entscheidung zu vergrößern, hält es das Blatt vollends für unnötig, gegenwärtig zu verweilen. Nach seiner Ansicht hält alle Welt die schiedsrichterliche Entscheidung von internationalen Meinungsverschiedenheiten für das an­zustrebende Ideal, das aber jedem auch nur oberflächlichen Kenner der Geschichte und der menschlichen Natur unerreich­bar erscheinen muß. Die russische Regierung macht hier nach Ansicht des Blattes die Voraussetzung, die alle der­artigen Vorschläge haben müssen, daß jede Macht unbedingtes Zutrauen zu jeder andern hat und die Bestimmungen der zu diesem Zwecke geschlossenen Verträge in demselben Sinne anwenden wird. Zum Schluffe kann es sich das Blatt nicht versagen, auch einen kleinen Hieb auf Rußland zu führen, indem es darauf hinweist, daß zu den Mächten, die ihre Rüstungen vermehrt und dadurch zur Verdunkelung des politischen Horizonts beigetragen haben, auch Rußland gehört.Des Zaren Absichten", heißt es am Schluß,sind zweifellos sehr edel; aber die Mittel, die sein Minister vor­schlägt, um sie zu verwirklichen, sind offenbar undurchführbar."

Köln. Ztg."

Sitzung der Stadtverordneten

am 19. Januar 1899.

Anwesend die Herren Oberbürgermeister G nauth und Beigeordneten Georgi, Grüneberg und Wolff, von feiten der Stadtverordneten die Herren Brück, Em melius, Euler, Faber, Dr. Fuhr, Dr. G affky, Dr. Gu t- fleisch, Grünewald, Hanau, Haubach, Heichel­heim, Heyligenstaedt, Huhn, Jughardt, Keller, Kirch,Krumm,Leib,Löoer,Loos, Orbig, Petri, Dr. Schäfer, Schiele und Wallenfels.

Die bereits v orgeprüfte Rechnung derStadt Gießen für 1897/98 wird, nachdem Herr Oberbürger­meister Gnauth über die wesentlichsten, bedeutendere Ab­weichungen vom Voranschlag und früheren Rechnungen auf­weisende Rubriken referiert, an die Finanzkommission ver­wiesen. Der Abschluß der Rechnung stellt sich erheblich günstiger dar als in den vorhergegangenen Jahren. Im Hinblick auf Ausfälle an Oktroi, sowie auf Erhöhung der Lehrergehalte, Gehalte der städtischen Beamten, ferner auf Aufwendungen in der Fürsorge für arbeitsunfähige städtische Arbeiter wird indes der Voranschlag für 1899/1900 mit einer Steuererhöhung von etwa 10 pCt. zu rechnen haben. Der Verwaltungsbericht wird in der nächsten Sitzung vor­gelegt werden.

Die Rechnung desStadterweiterungsfonds für 1897/98 wird vorgelegt. Der reine Vermögens­überschuß beträgt 92 542 Mark, er hat sich gegen das Vorjahr um 16446 Mark erhöht. Die Rechnung wird ebenfalls an die Finanzdeputation überwiesen.

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Feuilleton.

I>er Kaiser im Atelier des Bildhauers Magnussen.

Am Bahnhof Tiergarten im Siegmundshof hat der Bildhauer Harro Magnussen sein Atelier. Er hatte es würdig hergerichtet, mit frischem Grün geschmückt, orienta-

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fische Teppiche gelegt und seine Werke geschmackvoll ohne ^glichen Zwang aufgestellt. Ich fuhr an einem Regentage rt zu ihm hinaus. Die Bäume im Tiergarten stehen kahl und

dürr da, die Regentropfen fielen auf die menschenleere Straße nieder. Aber drinnen im Atelier umfing einen sofort eine wohlige Luft. Es war so recht gemütlich. Ich hatte Gelegenheit, mit dem Künstler, den ich allein traf, längere Zeit zu plaudern. Er war so liebenswürdig, selbst den Cicerone zu spielen und mir über seine Werke Auskunft zu .;i>. «y.. geben. Friedrich der Große und Bismarck sind, wie es 8/f U Tflh seine Lieblinge. Aber nicht deralte Fritz", wie

4 bei tr dem Volke in zahllosen Illustrationen vor Augen steht,

nicht der eiserne Kanzler, dem ein Denkmal nach dem '''cÄl v " °ndern errichtet wird. In der Mitte des Ateliers steht ein 0.Oe'A (Wil.* sorgsam ausgeführtes Werk:Der Philosoph von , tt; b'Äy Sanssouci in seinen letzten Lebenstagen". Der große I ?<nfer' der es sich im Lehnstuhl bequem gemacht hat, reckt 9 foi^Jbeni: J M noch einmal auf, ehe ihn der Allbezwinger für immer niebertoirft. Die Windspiele zu seinen Füßen sind sanft ^geschlummert. Daneben erregte ein Bismarckkopf, den wagnussen in Friedrichsruh modelliert hat, das Haupt-

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interesse. Es ist der Bismarckin seinen letzten Lebens­tagen", der Philosoph von Friedrichsruh. Der Bismarck wird nie im Volke weiterleben, das ist etwas für Kenner. Das Volk liebt es, seine Heroen in ihrer ganzen geistigen Größe dargestellt zu sehen, und das mit Recht. Der Bismarck, wie ihn Magnussen in Friedrichsruh gesehen hat, mußte der Zeit seinen Tribut zahlen, das war nur noch eine Ruine, allerdings eine gewaltige Ruine, die den Be­schauer trotzdem die ganze Bedeutung des eisernen Kanzlers ahnen läßt. Im Hintergrund stand eine Kolossalstatue von Bismarck, die der Künstler für ein Denkmal in Kiel ent­worfen hat. Er erzählte mir dann in liebenswerter Weise, daß er sein Bestes nur dann geben könne, wenn er frei schaffen dürfe. (Welchem wahren Künstler erginge es anders?) Wenn er einen Auftrag erhalte, fühle er sich immer beengt. Man mache dann alle möglichen Einwände, er habe auf so vieles Rücksicht zu nehmen, was bei freiem Schaffen weg­fällt. Dann sprachen wir noch über die Ergänzung, die die tanzende Mänade" von seiner Hand gefunden hat. Magnussen, der den Torso eigenartig ergänzt hat, meinte, er habe mit seiner Auffassung wohl das Richtige getroffen, obwohl ihm von allerhöchster Seite nicht der gewünschte Erfolg zu teil wurde. Er setzte mir auseinander, daß er mit Begas nicht übereinstimmen könne. Begas hat nämlich die rechte Hand vor das Gesicht gelegt, was Magnussens Ansicht nach einem antiken Künstler widerstrebt hätte. Gleichwohl ist Begas der Preis zuerkannt worden. Er bekannte freimütig genug, daß bei solchen Preisausschreib­ungen nicht so sehr der Preis den Künstler locke, als viel­

mehr die Hoffnung, der Persönlichkeit unseres Kaisers näher zu kommen.

Was er damals sehnlichst wünschte, ist zwei Tage da­rauf in Erfüllung gegangen. Der Kaiser und die Kaiserin haben den Künstler in seinem Atelier besucht, und der Kaiser, von Menzel darauf aufmerksam gemacht, hat denPhilosoph von Sanssouci" für das Sterbezimmer im Schloß angekauft. Das war eine sehr glückliche Idee des Monarchen, und die geistvolle Arbeit des Künstlers verdient diese Auszeichnung. Sehr treffend bemerkte der Kaiser, dem Menzel viel Gutes darüber gesagt hatte;Das Ueberwiegen des Geistes über den Körper, der auseinanderfällt, ist frappant; er sieht aus, als ob er sich noch einmal gerade aufrichten und sprechen wollte." Beim Abschied stellte der Kaiser dem Künstler einen Auftrag für die Ausschmückung der Siegesallee in Aussicht, und fügte scherzend hinzu:Ich werde eine Arbeit mit sehr vielen Schwierigkeiten für Sie auswählen, denn ich sehe. Sie können Schwierigkeiten leicht überwinden."

So hat sich über Nacht verwirklicht, was der Künstler lange erträumt und erstrebt hat. Ein Wort vorn großen Menzel genügte, um des Monarchen lebhaftestes Interesse wachzurufen. Bei der regen Anteilnahme die der Kaiser dem Schaffen der Berliner Bildhauer zollt, ist anzunehmen, daß er Magnussens Persönlichkeit im Auge behalten wird. Seine Wahl ist auf einen Würdigen gefallen, der seme Kunst in den Dienst des Fürsten stellen darf. Er ist Künstler genug, um auch hier eigene Wege zu wandeln.

So verwirklichte sich über Nacht der Traum vonKünst­lers Erdenwallen."