Sonntag den 20. August
Erstes Blatt.
M. 195
Meßener Anzeiger
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Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Der Ortsvorstand der Stadt Büdingen beabsichtigt mit dem am 28. Februar 1900 daselbst stattfindenden sog. Petrimarkt eine Verlosung von Vieh und landwirtschaftlichen Geräten zu verbinden, um die Mittel zur Prämiierung von Vieh zu gewinnen.
Großherzogliches Ministerium des Innern hat btc nachgesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Bedingung erteilt, daß nicht mehr als 7000 Lose, zu 50 Pfg. das Stück, ausgegeben werden dürfen, und mindestens 60 Prozent des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Zugleich ist der Vertrieb der Lose in der Provinz Ober- chessen gestattet worden. Sä
Gießen, 18. August 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betreffend:'Maul- und Klauenseuche zu Lollar.
Nachdem in einer Schafherde in Lollar die Maul- und Klauenseuche festgestellt worden ist, wird hiermit die Sperre der Weide dieser Herde (auf den Wiesen „im Schmeu") ungeordnet.
Gießen, den 19. August 1899.
Großherzoglichcs Kreisamt Gießen.
I. V.: Frhr. Schenck.________________
Bekanntmachung.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß in Wetzlar in zwei Gehöften die Maul- und Klauenseuche aus- gebrochen ist.
Gießen, den 18. August 1899.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
_________Muhl.__________________
Gefunden: 2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Ring, 1 gold. Kettchen, 1 Brosche, 1 Schirmgriff, 2 Spazierstöcke, 1 Brille, 1 Handtäschchen, 1 Schere, 1 Taschenmesser,
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1 Tabakspfeife, 1 Maßstab, 1 Badehaube, 1 Sack Weizen, 1 Pferdeteppich und eine Peitsche.
Gießen, den 19. August 1899.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. _________________Muhl.
Die Verwaltung der Kapkolonie.
Wie ein Telegramm aus Prätoria meldet, find seitens der Transvaal-Regierung öffentliche Gebete für die Erhaltung des Friedens angeordnet worden. Daraus geht entweder hervor, daß man an maßgebender Stelle glaubt, auf die englischen Forderungen nicht eingehen zu können, oder aber daß die Ansicht vorherrscht, auch im Falle unbedingter Nachgiebigkeit der Transvaalregierung werde England das Land mit Krieg überziehen. Die letztere Eventualität hat viel Berechtigtes für sich, und auch wir haben mehrfach unserer Anschauung dahin Ausdruck gegeben, daß Mr. Chamberlain nicht ruhen werde, ehe er nicht die ihm verhaßten Boeren gänzlich unterjocht habe. Bei dem kritischen Stande der Dinge ist es angebracht, einen Blick zu werfen auf die Verhältnisse in der Kapkolonie, von wo aus die Kriegsoperationen gegen Transvaal geführt werden dürften.
Die Kapkolonie gehört zu denjenigen englischen Kolonien, welche ein konstitutionelles Staatswesen bilden, in dem das Ministerium dem Parlamente verantwortlich ist, und in welchem ein Gouverneur die Krone vertritt. Kapland wurde im Jahre 1806 von England in Besitz genommen, und zuerst von einem Gouverneur mit unbeschränkter Machtbefugnis beherrscht, später aber erhielt es eine Verfassung und Selbstverwaltung, wie sie heute in gewissem Maße alle englischen Kolonien haben. Die Bevölkerung des Kap- landes ist mit den Boeren der Transvaalrepublik vielfach verschwägert und verwandt, aus diesem Grunde sympathisieren beide miteinander, trotzdem die Negierung der Kapkolonie der südafrikanischen Republik fortgesetzt ein Bein zu stellen suchte. Früher war der bekannte Cecil Rhodes Premierminister der Kapkolonie, und unter seinem Regimente erfolgte der Einfall Jamesons und Genossen in Transvaal. Heute ist Schreiner Premierminister, der der Nachbarrepublik günstig gesinnt ist. Aber Gouverneur Milner hat zu wenig Energie, um den Einflüsterungen Chamberlains Widerstand entgegensetzen zu können, und so müssen denn auch Negierung und Parlament sich bequemen, wenn cs gilt, eine feindselige Haltung gegen die Boeren einzunehmen.
Wir haben im Laufe der Jahre an dieser Stelle dar- gethan, wie Präsident Krüger die Wünsche Englands in weitestem Sinne zu erfüllen gesucht hat; vielfach grenzte
diese Nachgiebigkeit und Selbstverleugnung an Schwäche und Mangel an Selbstbewußtsein. Aber Mr. Chamberlain war niemals zufrieden zu stellen; seine Begehrlichkeit wurde immer größer.
Auch in den jetzt noch bestehenden Differenzen wird Ohm Krüger bis zum äußersten nachzugeben bereit sein, aber seine und seines Landes Selbstachtung wird er doch unter allen Umständen wahren wollen. Und das ist Waffer auf Chamberlains Mühle, der die Boeren zu seinen Füßen liegend sehen will. Sollte es wirklich zum Kriege kommen, so darf das kleine Transvaal der Sympathien aller recht und billig Denkenden sicher sein, freilich ist ihm damit wenig gedient, und materielle Hilfe wäre ihm schon lieber. Hoffentlich kommt es nicht zum Losschlagen angesichts dessen, daß die Vertreter der civilisierten Welt eben erst den Staub vom Haag von ihren Füßen geschüttelt haben, wo sie den Krieg zum überwundenen Standpunkt erklären wollten.
(xx)
Deutsches Reich.
Berlin, 18. August. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt offiziös: Die Ergebnisse der Abstimmung der gestrigen zweiten Lesung der Kanal-Vorlage sind sehr betrübender Art. Die konservative Partei, nicht minder der größte Teil der freikonservativen Partei stimmten nur mit wenigen Ausnahmen nicht blos gegen den Mittelland- Kanal, sondern auch gegen die Verbindung des Dortmund- Ems-Kanals mit dem Rhein und brachten,* da auch ein Teil der kanalfreundlichen Partei wegen provinzieller vermeintlicher Interessen gespalten war, und das Zentrum aus taktischen Gründen bei der Haupt-Abstimmung sich derselben im wesentlichen enthielt, die Vorlage in beiden Abstimmungen zu Fall, den Dortmund-Rhein-Kanal allerdings nur mit einer Mehrheit von zwei Stimmen. Wenn diese Haltung der konservativen Partei wider Erwarten in der morgigen dritten Lesung fortdauert, so liegt die Befürchtung sehr nahe, daß die bisherige Stellung der konservativen Partei zur Staats- Regierung und selbst zur Krone infolge dessen eine erhebliche Erschütterung erleiden würde. Die Minister haben schon darauf hingewiesen, daß diese Frage nicht vereinzelt werden könnte, und daß die Partei alle Veranlassung habe, in ihrem eigenen Interesse dies im Zusammenhang mit der gesamten politischen und wirtschaftlichen Lage des Landes zu betrachten. Wir können daher nur die dringende Hoffnung und Mahnung aussprechen, daß die konservative Partei noch im letzten Augenblick auch von diesem Standpunkte
Die 13. Ulanen unterwegs.
Von Wolf von Metzsch-Schilback-
Zwei Extrazüge haben in Butzbach, zwei in Gießen je eine Hälfte des Hannoverschen Königs-Ulanen-Negiments an die Ausgangspunkte zu ihrem weiten Marschziele gebracht. Ohne nur irgend nennenswerten Unfall ist die 18- bis 20stündige Bahnfahrt trotz der herrschenden großen Hitze überstanden worden. Zwischen Va6 und etwa 10 Uhr erfolgten getrennt auf beiden Stationen die Auswaggonierungen, und bereits gegen Vs2 Uhr befand sich das ganze Regiment in der Umgebung von Nauheim, sowie im Bade selbst in seinen ersten Marschquartieren. Das Ziel des zweiten Marschtages ist nun Frankfurt a. M., doch wird zunächst die Mainstadt noch nicht erreicht werden, sondern in und nächst Butzbuch, 2—9 Kilometer vor Frankfurt sind Quartiere in Aussicht genommen. Da die beiden sonst in Bocken- heim garnisonierenden Husaren Eskadrons sich zurzeit ebenfalls auf einem sommerlichen Ausfluge in Mainz befinden, wird ein Teil des 13. Ulanen-Regiments sich's für 24 Stunden in dem leerstehenden Neste bequem machen. Am Samstag reitet alsdann — 'so hat wenigstens Major v. Heyden-Linden sich vor der Abreise in Hannover ausgesprochen — das Regiment geschlossen durch Frankfurt. Auf etwa halbem Wege gegen Darmstadt hin dürfte alsdann das dritte Quartier am Samstag Abend bezogen und der Sonntag in diesem Quartier als Rasttag verbracht werden. Voraussichtlich also im Laufe des Montag, so etwa gegen Mittag hin, wird Darmstadt erreicht werden.
Die Leser kennen bereits in großen Zügen den weiteren Verlauf des Rittes seiner ganzen Anlage nach. Es erübrigt vielleicht, festzustellen, was auch Ihrem Berichterstatter gegen- über der Führer der 13. Ulanen betonte, daß ein absolutes Novum in dem an ein sehr entfernt gelegenes Regiment
ergehenden Befehl, au den Kaisermanövern teilzunehmen, mit diesem Ritt der 13. Ulanen schließlich doch nicht geschaffen sei. Herr v. Heyden-Linden wies auf einen ähnlichen Ritt von Trier aus nach Thüringen hin, und ein Herr aus Gutach im Amt Wolfach schreibt uns, daß das 21. Dragoner-Regiment in Bruchsal 1897 die ganze Strecke von Bruchsal bis zum Schießplatz Senne bei Paderborn zurücklegte, dort die großen Kavallerieübungen mitmachte, an der Kaiserparade bei Homburg v. d. H. und an den folgenden Kaisermanövern beim 11. Korps teilnahm, um schließlich nach Schluß der Ucbungen wieder mittels Fußmarsches in die Garnison zurückzukehren. Es sei an dieser Stelle ausdrücklich bemerkt, daß, soweit wir in der Lage waren, die Berichte über die Homburger Parade nachzulesen, einstimmig die Haltung dieses Regiments als eine ganz ausgezeichnete hervorgehoben wird.
Immerhin stehen derartige große Märsche eines Regiments , wo wir doch nun auf eine fast dreißigjährige Friedensübungsperiode zurückblicken, recht sehr vereinzelt da. Was aber diesen Ritt der 13. Ulanen in ganz besonderer Weise hervortreten läßt, sind die Anzeichen, welche darauf hindeuten, daß fernerab überhaupt derartigen kavalleristischen Hebungen mehr Aufmerksamkeit zugewendet werden soll, daß ein wenig hannoversche Militärpolitik mit in diese Befehle an die 13. Ulanen hineinspielt, und daß der Ritt schließlich — selbst der passionierteste Kavallerieoffizier will nicht immer nur den Weg, den er zurücklegt, unter den Gesichtspunkten der ihm günstigen oder ungünstigen Steilungs- und Fallverhältnisse betrachten — durch so wunderschöne Gauen Deutschlands führt.
„Die Ereignisse folgen einander", sagt em ganz besonders zitatenfreudiger Leitartikelschreiber der „Vossischen Zeitung" mit Vorliebe, aber sie gleichen einander nicht. Dieses weisheitsschwere Wort ist ein förmliches Mädchen
für alles, vom frühmorgentlichen Aufstehen bis zum spätnachmitternächtlichen Heimkommcn könnte man dies Zitat, genau betrachtet, stündlich an den Mann bringen. Hier wollen wir es in Bezug auf die Kaisermanöver anwenden. Auch sie spielen sich nicht mehr wie vordem nach einem gewissen Schema F ab. Der Kaiser besitzt in ganz hervorragendem Maße die Kunst des — Regissierens, er weiß, im besten Sinne ist dies gesagt, — was bühnenwirksam ist und er erzielt damit, daß Deutschland auf der großen Weltbühne eine wirkliche Rolle spielt. Recht oft war dies speziell in jüngster Zeit eine leitende Rolle, mit der Deutschland sehr wohl zufrieden sein konnte.
Bei der Jnscenierung der bevorstehenden Kaisermanöver dürfte der neue Tric der sein, daß den Vorgängen hinter den Coulissen der operierenden Armeeabteilungen ein ganz besonders scharfes Augenmerk zugewendet werden wird. Darauf deutet in erster Linie die ihrer Bedeutung nach gar nicht genügend gewürdigte Kaiserliche Verordnung, das Manöverfuhrwesen betr., hin. Im wirklichen Kriegsfälle gehen großen Schlachten oder Gefechten in der Regel weitausgreifende Versammlungs- zuweilen Umgehungsmärsche voraus, int friedlichen Kriegswiderspiel müssen solche An- und Aufmärsche im großen Stil naturgemäß unterbleiben, sie kosten viel Zeit und vor allem heidenmäßig viel Geld. Darum werden denn auch stets im Frieden zwei oder mehr freundnachbarliche Armeekorps gegen einander ins Feld gestellt, so int Vorjahre Hannoveraner und Württemberger, diesmal Badenser und Württemberger. Die Anmärsche aber werden in der Generalidee nut angedeutet in der „Annahme", daß die T Armee von da, die A-Armee von dort kommt, beide mit mehr oder weniger blutdürstigen und eroberungssüchtigen Absichten natürlich Diese Annahmen aber ersetzen naturgemäß nicht im geringsten die wirkliche Hebung und Ausübung. In den fünf Tagen,


