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Amts- und Auzeigeblatt für den Ureis Giefzen
Feuilleton
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Donnerstag den 20 Juli
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Kch.kstr.te Ar. 7.
zu mehren, ihre sittliche und moralische Emporhebung zu fördern, ihnen in allen Lebensnöten Schutz und Hilfe zu gewähren."
So trat die Organisation der Gewerkvereine 1868 ins Leben, und blühte derart auf, daß 1893 bereits 62,000 Mitglieder in 1350 Ortsvereinen und 16 Gewerkvereinen vereinigt waren. Diese Vereine boten ihren Mitgliedern Unterstützung in Krankheits- und Sterbefällen, Rechtsschutz, Schutz gegen Arbeitslosigkeit, Arbeitsnachweis u. s. w. Volksund Arbeiterbildungsvereine, sowie Konsumvereine kamen hinzu, sodaß die Thätigkeit der Gewerkvereine und die damit zusammenhängenden oder doch geistig verwandten Einrichtungen als eine in hohem Grade segensreiche bezeichnet werden darf. Bis 1893 wurden von den Gewerkvereinen allein mehr als 12 Millionen Mark an Unterstützungen an die Mitglieder ausgezahlt. eine gewiß enorme Summe, wenn sie auch gegen die Leistungen der englischen Trades Unions nicht aufkommen kann, welche nach dem 1893 von 677 Gewerkvereinen erstatteten Berichte insgesamt 2,232,290 Pfund Sterling (etwa 45 Millionen Mark) für Arbeitslosen-Unterstützung, Streik-, Kranken-, Unfall- und Jnvaliden-Unterstützung, Begräbnisgeld u. s. w. ausgaben. Dabei darf man allerdings nicht übersehen, daß die-Zahl der Mitglieder der englischen Gewerkvereine 1,270,789 betrug, und daß in Deutschland die größte Zahl der Arbeiter den sozialdemokratischen Gewerkschaften angehören. Im ganzen waren in Deutschland 1895 etwa ^00^00 Arbeiter in Jnteressenvereinen organisiert, in Frankreich (1894) ungefähr die gleiche Zahl, in den Bereinigten Staaten über 900.000. In Frankreich wurden sogen. Arbeitsbörsen, in Italien Arbeitskammern errichtet.
Neben den sozialdemokratischen und rein beruflichen Gewerkvereinen der Arbeiter gehen auch soziale Bestrebungen religiöser Grundfärbung her. Stöcker errichtete 1878 die christlich-soziale Partei zur Pflege eines auf christlicher Grundlage ruhenden Sozialismus, während 1882 von dem Bergmann Fischer und dem Lehrer Bischof die Evangelischen
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falls sollte dabei auch etwas für ihn abfallen; er wollte zugleich Stimmung für sich machen, daher dieser eigentümliche Weg des Rats und der Hilfe. Und dann: es bestand, wie ein norddeutsches Blatt sich ausdrückt, zwischen dem Gießener Schul-Monarchen eine Spannung, die jetzt zur „Entladung" gekommeu ist (Dtsche. Ztg.). Der Anfang dieser Spannung datiert von jener Zeit her, da er „vor 11 Jahren (1888) nach ^jähriger Thätigkeit seine Entlassung aus der Schulabteilung des Ministeriums forderte", weil „zwischen ihm und den Herrn von Knorr und Soldan kein Vertrauensverhältnis bestand" und auch „keines möglich war".
Wer sich noch daran erinnert, ein wie jähes Ende die Thätigkeit des damals erst vor neun Monaten zum Ober- schulrat ernannten Herrn Schiller in dieser seiner Eigenschaft fand, der wird es auch begreiflich finden, daß seit dieser Zeit eine „Spannung" bestand. Der Herr Oberschulrat wollte oder „sollte" sämtliche Gymnasien des Landes besichtigen; aber es kam nur zu zwei Besichtigungen, Darmstadt und Bensheim. Bei diesen beiden Anstalten hat Herr Schiller auch wirklich „in alle Winkel hineingeleuchtet". Die anderen Gymnasien sahen dieser „Hineinleuchtung" mit gemischten Gefühlen entgegen — da plötzlich ward dem vielversprechenden Beginnen ein Ende gemacht, Herr Schiller wurde kalt gestellt. Man suchte ihn nach dieser Zeit noch ab und zu auf, wenn seine Sachkenntnis und Arbeitskraft nötig war, so sagt er selbst; das geschah aber nicht oft. Man mißtraute ihm und gab diesem Mißtrauen einen für Herrn Schiller unangenehmen Ausdruck, deshalb schrieb er „cum ira et studio“. So beschreibt Herr Schiller selbst die Spannung und die darauf folgende Entladung. Gewöhnlich wird dieser Ausspruch des Tacitus in seiner ursprünglichen Gestalt zitiert: sine ira et studio („ohne Zorn und Vorliebe"), Herr Sch. verwandelt ihn absichtlich ins Gegenteil: „mit Zorn und Vorliebe" schreibt er. Da der Verfasser dies selber sagt, so müssen auch Die drei Aufsätze danach beurteilt werden. Die ira zeigt sich deutlich und'häufig genug; das Studium aber, in dem von Tacitus an jener Stelle gebrauchten Sinne, nur spärlich. Einer der wenigen, die mit Liebe vom Verfasser genannt werden, ist der „verdienstvolle Herr Oberstudienrat Wagner, der sachkundigste aller dieser vortragenden Räte"; desgleichen „Curtmann, dessen Name weit über Hessen Klang hat und noch hat". Sonst aber wird die Schale
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Der „neue Fall" in Hessen.
Die „Neuen Hessischen Volksblätter" schreiben:
Gewaltiges Aufsehen erregten die in voriger Woche in der „Frankfurter Zeitung" erschienenen drei Artikel, überschrieben: „Der Fall Soldan, ein schulpolitisches Vermächtnis". Weit über die Grenzen Hessen hinaus, namentlich unter Schulmännern, aber auch in weiteren Kreisen des Publikums wurde dieses Aufsehen hervorgerufen, denn der Name des Verfassers, der als namhafter Pädagog und Historiker weithin bekannt ist, trug schon an und für sich zur größeren Verbreitung bei, und dann — der Gegenstand selbst! Vom „Fall Soldan" war ja in jüngster Zeit so viel geschrieben, gedruckt und geredet worden, daß eine weitere Mitteilung darüber, und zwar so ausführlich, in dieser (!) Zeitung, schon Aufsehen erregen mußte, noch ehe jemand eine Zeile gelesen hatte.
Und nun die Ausführungen selbst! Wir wollen an dieser Stelle keine Inhaltsangaben derselben bringen; wir können die Artikel wohl als bekannt bei unsern Lesern voraussetzen. Nur einige Hinweise mögen uns gestattet sein.
Der Verfasser will „Schäden" aufdecken, welche durch die Thätigkeit des Ministerialrats Soldan dem Lande Hessen verursacht worden seien. Auch Excellenz v. Knorr wird damit in Verbindung gebracht, weil er beinahe 25 Jahre Vorsitzender der Schulabteilung gewesen ist; beider Thätigkeit wird dann als „System" bekämpft. Es wird gesagt, „der Wissende" habe die Pflicht, „nach bestem Wissen und Gewissen zu raten und zu helfen". Der Wissende, darunter versteht Herr Schiller jedenfalls nur sich selbst — viel Bescheidenheit bekundet der Ausdruck gerade nicht. Mit dem „Raten und Helfen" meint der Verfasser sicherlich auch nur das Veröffentlichen der besagten Artikel in der „Frankfurter Zeitung". Konnte da kein anderes Mittel zum „Raten und Helfen" gefunden werden? Wenn einer seinem Nachbar, den er auf falschem Wege glaubt, helfen will, ist es da das beste Mittel, sich auf die Straße zu stellen und alle Fehler und Irrungen des Mannes in die Welt hinaus zu schreien? Wenn es dem „wissenden" Herrn Verfasser Ernst war, was zu sagen, wars da gleich nötig, zur „Frankfurter Zeitung" seine Zuflucht zu nehmen ? Ja, es macht den Eindruck, als seis Herrn Schiller mit dem „Raten und Helfen" nicht allein Ernst gewesen, jeden-
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des „Zornes" reichlich ausgegossen, besonders über Exzellenz Knorr und Soldan.
Die Artikel sind mit Bosheiten, satirischen Bemerkungen, scheinbar wohlgemeinten Ausfällen durchsetzt und damit „gepfeffert" (s. Dtsch. Ztg.); so z. B. wenn gesagt wird, die Lehrer seien „zur Unwahrhaftigkeit geradezu systematisch erzogen" worden, oder wenn es heißt, mit der „geläufigen (!) Unwahrhaftigkeit" sei erklärt worden, der „Wille" des Vorsitzenden der Schulabteilung sei mißverstanden worden, oder wenn dem Regiment von Knorr- Soldan „Mangel an Wahrheitsliebe" vorgeworfen wird u. bergt m. ,
Warum dies alles? Der Artikelschreiber sagt, er wolle damit dem „Lande Hessen (!) einen Dienst leisten", er wolle „zur Klärung der Lage und dadurch zur allein dauernden Beruhigung" beitragen. Also deshalb schreibt der Verfasser cum (!) ira („mit Zorn") und schickt seine Aufsätze in die „Frankfurter Zeitung", die besonders in der jüngsten Vergangenheit eine Ablagerungsstätte aller Anfeindungen gegen die hessische Regierung und gegen das Land Hessen überhaupt gewesen ist. Wir überlassen dem denkenden Leser selbst die Beurteilung dieses Vorgehens und begnügen uns mit diesen Hinweisen.
Indessen muß doch anerkannt werden, daß besonders die beiden letzten Artikel sachlicher und weniger „satirischboshaft" gehalten sind. Wenn der Verfasser von der Nichtbesetzung etatsmäßiger Stellen und der dadurch herbeigeführten Schädigung einer größeren Zahl von Lehrern spricht, so muß zugegeben werden, daß dies den Thatsachen entspricht. Auch über die hohe Zahl der provisorischen Stellen, die zögernde Besetzung erledigter Stellen und das verspätete Aufrücken der Lehrer und Lehramtsassessoren im Gehalt, wurde von den akademisch gebildeten Lehrern öfters Beschwerde geführt. Auch der Landesverein akademisch gebildeter Lehrer war häufig genötigt, im Interesse seiner Mitglieder mit Besoldungs-, Rang- und Titel-Fragen der Regierung gegenüber vorstellig zu werden; dies ist allgemein bekannt.
In seinem Schlußartikel vom Donnerstag, 13. Juli, bespricht der Herr Verfasser die Mängel des Volksschulwesens, die Schullehrer-Seminarien und deren Direktoren, welche letzteren besonders ungünstig beurteilt werden. Von den Hochschulen wird nur im Vorübergehen gesprochen, dann wird die „Leidensgeschichte der
Arbeitervereine ins Leben gerufen wurden, die es bereits vor einigen Jahren auf zirka 80,000 Mitglieder gebracht hatten. Das Programm fordert die Ausgestaltung der Arbeiter-Versicherung und Arbeiterschutz-Gesetzgebung, Einführung obligatorischer Fachgenossenschaften, Sicherung des Koalitionsrechts und die Einführung von Arbeitervertretungen in den einzelnen Fabriken. Alljährlich tagt ein Evangelisch- sozialer Kongreß, mit welchem die Gesamtverbandssitzungen in der Regel verbunden werden. Auch die vom Pfarrer Naumann vor einigen Jahren gegründete National-soziale Partei stützt sich zum großen Teil auf die Evangelischen Arbeitervereine; dieselbe erstrebt bekanntlich die Einführung durchgreifender Sozialreformen, steht aber im Gegensatz zur Sozialdemokratie auf nationalem und christlichem Boden. Die katholische Kirche beteiligte sich ebenfalls an der sozialen Bewegung, indem nicht nur Papst Leo XIII. bereits 1891 in einer Encyklika die Arbeiterfrage behandelte, sondern auch eine große Zahl katholischer Vereine ihre Anteilnahme an der sozialen Bewegung vom katholischen Standpunkte aus beschlossen. Außerdem drang die Ueberzeugung von der Notwendigkeit sozialer Reformen in immer weitere Kreise, wenn sich auch das Wie und Was in den verschiedenen Köpfen total verschieden spiegelte. Soziale Romane und Abhandlungen überschwemmten den litterarischen Markt (am meisten Aufsehen erregten Bellamys „Rückblick aus dem Jahre 2000", Hertzkas „Freiland" und Dr. Edmund Bois- ailbem „Cäsars Säule"), zahlreiche Professoren Haupt- sächlich Vertreter der nationalökonomischen Wissenschaft, die sogen. Kathedersozialisten, betonten das Bedürfnis einer staatlichen Sozialpolitik, und gründeten 1872 den ^Verein für Sozialpolitik", dem sich in der Folge weitere Organisationen mit ähnlichen Zielen (u. a. die sozialwissenschaft- lichen Studentenvereine) anreihten. Auch die wichtige Agrarfrage gehört hierher, die wir aber in einem spateren Artikel in Verbindung mit der Entwickelung der Landwirtschaft besonders behandeln müssen.
(Fortsetzung folgt.)
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Momllzs.
Di« G'rhtNkr »«»HitamtUr »erben b'm Anzeiger Wöchentlich viermal beigekgt
Das 19. Jahrhundert.
Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herausgegeben von Friedrich Thieme.
(Nachdruck oder Auszug verboten.) XII.
Die bürgerliche soziale Bewegung. Staats- sozialismus. Sozialrcform. — Anarchismus.
Die deutsche Arbeiterbewegung beschränkte sich nicht aus die Anhänger der sozialdemokratischen Richtung, wenn diele auch in der Zahl die anderen Bewegungen ähnlicher Art weit überflügelten. Die Wirksamkeit des Begründers der deutschen Erwerbs- und Wirtschafts-Genossenschaften, Schulze-Delitzsch (1808-1883), galt wohl in erster Linie der Hebung des durch die Konkurrenz der Großindustrie bedrängten Kleingewerbes (siehe den später folgenden Artikel „Handel und Gewerbe"), doch hat er sich durch seine Mitwirkung an der Stiftung von Arbeitervereinen and seinen Einfluß auf die Konfumvereinsbewegung auch um die arbeitenden Klaffen hochverdient gemacht. In aus - geprägter Weise wandt- sich das Interesse eines politischen Gesinnungsgenossen Schulze's, de« Dr. Max Hirsch (ge- boten 1832), der Lage der arbeitenden Klassen zu. Aus einer Studienreise nach England lernte er die dortigen Gewerkvereine kennen, die ihren Mitgliedern gegen alle skährnisse des Arbeitslebens Schutz und Schirm boten. Seine sozialen Bries-, worin er über die englischen Gewerk- vereine berichtete, erregten Aussehen, und Di. Hirsch, nach Deutschland zurückgekehrt, setzte sich mit Schulze-Delitzsch und Franz Duncker in Verbindung, um wirkliche Beruss- Gewerkvereine nach englischem Muster zu gründen, deren Ziel es sein sollte, „auf friedlichem Wege die Verhältnisse der Arbeiter zu sichern, Bildung und Wohlfahrt unter ihnen
Meßmer Anzeiger
Mneral-Anzeiger


