Ausgabe 
20.7.1899 Erstes Blatt
 
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kam der dritte Redner des Tages, Herr Privatdozent Dr. Collin aus Gießen, zum Wort. Mit gespannter Auf­merksamkeit folgte die Versammlung den geistvollen Aus­führungen des Redners, der sich das dankbare Thema: Göthe in Wetzlar" zum Vorwurf gewählt hatte. Erst in später Nachtstunde trennten sich die Teilnehmer des in jeder Hinsicht genußreich und befriedigend verlaufenen Ausflugs.

*Z. Der gärtnerische Teil der Südaulage zwischen Plock- straße und Goethestraße hat in den letzten Monaten eine vollständige Umgestaltung erfahren, welche sich jetzt nach ihrer Fertigstellung als eine bedeutende Verschönerung des Straßenteils darstellt. Mag auch vielleicht mancher alte Gießener Bedauern darüber empfunden haben, daß wieder ein ihm lieb gewesenes Stück der altenvier Schooren" damit gefallen ist, so wird er sicher doch bald mit der Neuerung sich befreunden und über die Schönheit des Ge­schaffenen seine ehrliche Freude empfinden. Den ersten Anstoß zu den Arbeiten gab wohl der Platzmangel in der Umgebung des Wetterhäuschens, welcher sich namentlich bei den so beliebten und stark besuchten Mittwochs-Promenade- Konzerten fühlbar machte, und die Vergrößerung dieses Platzes wird nun der Kapelle wie dem Publikum in gleich angenehmer Weise zu statten kommen. Der Verbindungs­weg von dem Wetterhäuschen nach der Plockstraße ist ver­breitert, bezw. gerade gelegt und von dem Schoorgraben weiter abgerückt worden, und dasTempelchen" hat seinen seitherigen anspruchsvollen Platz im Mittelpunkt mit einem bescheideneren weiter rückwärts nach der Plockstraße gelegenen vertauschen müssen; die neue muldenförmige Rasenfläche ist von schön gewundenen Spazierwegen durchbrochen und mit edlen, zum Teil blühenden Ziersträuchern und Bäumen in geschmackvoller Anordnung bepflanzt. Sie wird in harmonischster Weise von den alten Baumriesen nach Osten abgeschlossen. Die Leitung der städtischen Gärtnerei hat sich mit dieser Schöpfung ein neues Verdienst um unsere Stadt erworben, welche dadurch vollends erst nach fertiggestelltem Aus­bau der Plock- und Johannesstraße um ein wirklich vor­nehmes Straßenbild bereichert wird.

** Vorbereitungen für den höheren Staatsdienst im Finanzfach. Durch Großh. Verordnung vom 17. Juli ds. Jahres sind die bestehenden Vorschriften über die Vor­bereitung für den höheren Staatsdienst im Finanzfach, ins­besondere die Verordnungen vom 30. Juni 1879 und 4. August 1888, soweit sie diesen Gegenstand betreffen, ferner die Verordnung vom 29. März 1899 aufgehoben und durch die über die Vorbereitung für den Staatsdienst im Justiz- und Verwaltungsdienst bestehenden Bestimmungen ersetzt worden. Die in § 1 der Verordnung vom 4. August 1888 genannten Stellen des Finanzfachs sollen jedoch bis auf weiteres mit solchen Anwärtern besetzt werden, die bereits die allgemeine Staatsprüfung im Finanzfach bestanden haben oder dieselbe bis zu einer von dem Ministerium der Finanzen festzusetzenden Frist bestehen werden.

Aus der Untersuchungshaft entlasten wurde gestern gegen Hinterlegung von 3000 Mk. der ehemalige Schlacht­hausverwalter Julius Möhl.

** Polizeibericht. In der Nacht vom 18. auf 19. d. M. zwischen 1 und 2 Uhr früh haben leider wieder einmal Corpsstudenten die öffentliche Ordnung gestört und die schuldige Achtung vor dem Gesetz hintangesetzt. Als den Herren in der Restauration zumPerkeo" am Seltersweg von einer Schutzmann-Patrouille Feierabend geboten, wurden die Beamten von einem der Zechbrüder durch allerhand Redensarten belästigt und an dieselbe zuletzt die Frage ge­stellt, wie lange er noch sitzen bleiben dürfe, worauf ihm zum Ueberfluß in anständiger Weise auch ein Zeitpunkt (*/< Stunde) genannt wurde. Hiermit nicht zufrieden, lief der Student den Schutzleuten bis auf die Straße nach, schrie und skandalierte derartig, daß die Beamten genötigt waren, ihn zur Strafanzeige zu notieren und, weil er sich weigerte, sowohl seine Legitimationskarte vorzuzeigen als auch seinen Namen zu nennen, wurde er zur Wache ver­bracht, wogegen er sich anfangs ebenfalls sträubte. Wäh­rend dieser Szene waren auch seine Komilitonen aus der Restauration auf die Straße gekommen, und ging nun der Skandal erst recht los, indem dieselben zur Wache folgten, die Beamten unterwegs teilweise angriffen und sich den­selben in den Weg stellten, um den Arretierten dadurch zu befreien, wobei sie einen derartigen Höllenlärm verur­sachten, daß die Bewohner ganzer Straßen aus dem Schlafe geweckt wurden, und viele derselben sich am anderen Morgen nach der Ursache dieser außergewöhnlichen Ruhestörung erkundigten. Auf der Wache trieben die Bachanten ihre üblichen Allotria und weigerten sich zuletzt, das Wachtlokal zu verlassen, sodaß ihrer einige sich wegen Hausfriedensbruches zu verantworten haben werden. Als gestern abend ein 13 Jahre altes Mädchen seinen Vater (einen Bahnbeamten) auf dem Bahn­steig der Oberhess. Eisenbahn erwartete, gesellte sich ein hiesiger Studierender zu dem Kinde, belästigte es in un­schicklicher Weise, und stellte schließlich das Verlangen an dasselbe, mit ihm zu gehen, wodurch das Mädchen geängstigt wurde und weinend davon lief.

4- Ober-Lais bei Nidda, 17. Juli. Bei schönstem Wetter wurde gestern in Verbindung mit unserer Kirchweihe der hiesige neue Schulhausbau eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben. Um 3 Uhr bewegte sich ein hübscher Festzug unter Musik durch den geschmückten Ort nach den neuen Schulräumen, woselbst Herr Pfarrer Scheid die Festrede hielt, und weißgekleidete Kinder unter sinniger Widmung die Schlüssel Übergaben. Unter den zahlreichen Festteilnehmern bemerkten wir auch Vertreter der Kreisschul- und Baubehörde. Heute nachmittag zog ein von Hagel­schlag begleitetes schweres Gewitter über unsere Gegend, ohne jedoch nennenswerten Schaden anzurichten.

T. Salzhausen» 18. Juli. Damit auch die tanzlustige Jugend zu ihrem Rechte gelangen kann, findet Samstag, den 29. Juli eine Reunion mit Tanz im hiesigen Kur­saale statt, wozu zahlreiche Einladungen ergangen sind.

H. Aus dem Horloffthale, 18. Juli. Gebrannte Kinder scheuen das Feuer! sagten vor acht Tagen einige Landwirte, die Hagelschaden erlitten, aus der Versicherung ausgeschieden waren, aber sogleich wieder eintreten wollten. Wir kommen diesen Sommer vielleicht noch einmal, meinte die Schaden­abschätzungs-Kommission, denn es hagelt nicht selten zweimal in derselben Gegend. Der Ausspruch hat sich thatsächlich bewahrheitet, denn gestern gegen 6 Uhr abends stießen drei Gewitter, aus West, Nord und Südost kommend in unserer Gegend: Bisses, Echzell, Reichelsheim und Blofeld zusammen, wodurch ein heftiger Aufruhr in den Elementen: wolken­bruchartiger Regen und Hagelschlag verursacht wurde. Be­sonders interessant ist hierbei, daß der Hagel, der stellen­weise so dicht lag, daß man ihn zusammenraffen konnte wie Schnee und worunter Körner von der Stärke eines Klickers waren, nach einer geraden Richtung zog und nur eine ver­hältnismäßig schmale Fläche traf. Der Schaden auf dieser Fläche erreicht aber auch die Höhe von 60 Prozent. Der Blitz schlug in Bäume, ohne diese schwer zu schädigen.

W. Friedberg, 18. Juli. Die hiesigeEv. Vereinigung" und die ganze evangelische Gemeinde dürfen mit Freude und Stolz auf das Landesfest des HessischenEvang. Bundes" am 16. Juli, welches in allen seinen Teilen gut und harmonisch verlaufen ist, zurückblicken. Ein 11/4ftiinbiger Gottesdienst mit sorgfältig gewählter und sachentsprechend gestalteter Liturgie (Prof. Schöler), einer mit reichem kirchen- geschichtlichem Material glücklich ausgestalteten lebendigen, packenden und erbaulich-warmen Predigt über Römer 11, 22 (Ernst und Freundlichkeit Gottes) von Pfarrer Rein­hardt, einer von Herrn Gymnasiallehrer Müller tüchtig gespielten Fuge von R. Schumann und 2 schönen Choral­gesängen des Seminaristenchors unter Herrn Schmidt's bewährter Leitung gaben dem Festtag die rechte Weihe. Um 8/45 wurde durch den Vorsitzenden (und zugleich Sekretär) des HessischenEvang. Bundes", Herrn Hofprediger Ehr­hardt von Darmstadt, die General- oder Hauptversammlung im großen Saal derDrei Schwerter" eröffnet, und nach einer warmen Begrüßung zunächst der Jahresbericht verlesen, an den sich eine Diskussion anschloß. In derselben wurde auch die seit kurzem durch die eifrigen Bemühungen einer Prostestantin" ins Werk gesetzte Einführung von nicht weniger als 6 katholischen Pflegeschwestern in dem (fast ganz evangelischen) benachbarten Bad-Nauheim erwähnt, aktenmäßig genaue Mitteilung von kompetenter Seite darüber gegeben, und die Befürchtung, daß bei einer nicht blos für die Kurzeit, sondern etwa als dauernd beabsichtigten An­siedelung dieser sechs Schwestern (bei 400500 katholischen Einwohnern!) eine Störung des konfessionellen Friedens stattfinden müsse, unumwunden ausgesprochen. Hierauf erfolgte die Rechnungs - Ablage durch Herrn Rummel- Darmstadt, dem Decharge und Dank zu Teil wurde. Bezüglich der Bundes-Krankenpflege wurde beschlossen, noch ein und zum letzten Male mit dem Kuratorium des DiakonissenhausesElisabethenstift" in Darmstadt zu verhandeln und eine Vereinbarung zu erstreben. Ein vom Vorstand des Landesvereins vorgelegtes neues Statut, das u. a. die Einrichtung einer jährlichen Delegierten-Ver- sammlung vorsieht, wird auf Antrag von Dekan Meyer en bloc angenommen. Hierauf erstattete Direktor Weiffenbach ein mit lebhafter Zustimmung aufgenommenes Referat über den dermaligen Stand der Frage der religiösen Erziehung der Kinder in Hessen und legte eine entsprechende Resolution vor. Die sehr gut besuchte Abend-Versammlung unter dem Vorsitz von Direktor D. Weiffenbach verlief programmmäßig und war sehr anregend und interessant. Die beiden An­sprachen von Pfarrer Dr. Weitbrecht über die Jubiläums- Bulle Leos XIII (vom 11. Mai 1899), derenCurial-Styl" er denLuther-Styl" gegenüberstellte, und von Realgymnasial- Lehrer Waitz, der in anregender Weise über das Bildungs- Ideal des Ultramontanismus sprach, fanden reichen Beifall. Ebenso wurden die von dem persönlich erschienenen Ober- konsistorialpräsidenten Geh. Rat Buchner verlesene Be­grüßungsansprache der obersten Kirchenbehörde, die längere Ansprache von Prälat D. Habicht Namens desälteren Bruders des Bundes" des Gustav Adolf-Vereins, diejenige von Dekan Meyer im Namen des hiesigen evangelischen

Kirchenvorstandes und der Kirchengcmeinde, sowie von Pfarrer Komtzler aus Zell in der Pfalz im Auftrag des Pfälzer Hauptvereins und des Komitees der Speyerer Protestations­kirche, sowie das Schlußwort des Hospredigers Ehrhardt (Vorsitzender des Landesvereins) sehr beifällig ausgenommen. Einen Glanzpunkt des Abends bildeten die herrlichen Gesänge des VereinsLiederkranz" und im besonderen der meister­hafte Vortrag der altniederländischen Volkslieder (wobei Verein und Dirigent, Solisten Mörschardt und Trapp, Text- Sprecher, Pfarrer Haacke und Begleiter, Gatzert, trefflich zusammen wirkten).

Aus der Zett für die Zett.

Vor 20 Jahren, am 20. Juli 1879, gelangte auf der Umschiffung der Nordküste Sibiriens der schwedische Polar­forscher Nordenskjöld bis zur Beringstraße und bewerk­stelligte somit die nordöstliche Durchfahrt. Auf dieser ge­fahrvollen Seereise saß der DampferVega" 10 Monate im Eise fest und es wurden mehrere Expeditionen ausge­sandt, von denen die amerikanische, dieJeanette", ein trauriges Schicksal hatte. Das Schiff sank und von der Besatzung reiteten sich nur wenige nach entsetzlichen Leiden.

Temperatur der Lahn und Luft

nach Reaumur gemessen am 19. Juli, zwischen 11 u. 12 Uhr mittags: Wasser 17°, Lust 18°.

Rübsamen'sche Badeanstalt.

Neueste Meldungen.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 19. Juli. Wie aus Berchtesgaden ge­meldetwird, hat sich die Kaiserin gestern bei einem Aus­fluge in die Berge bei Bartholomae am Königssee eine Fußverstauchuug zugezogen.

Elberfeld, 19. Jnli. Nach der gestrigen Stadtrats- Sitzung ist das Projekt einer Bereinigung Elberfelds und Barmens aussichtslos. Die endgiltige Beschluß­fassung erfolgt nach dem Eingang des Vereinigungs-Ent­wurfes des Regierungspräsidenten.

Wien, 19. Juli. Aus Belgrad wird berichtet: Den Verhafteten wurde gestattet, mit ihren Familien schriftlich zu verkehren. Die Voruntersuchung des Attentats ist be­endet. Alle Verhafteten wurden dem Untersuchungsgefäng­nis des Landgerichts übergeben. Stojan Ribarac, der Führer der liberalen Opposition, hatte beim König Alexander und bei Milan Audienz.

Budapest, 19. Juli. Peinliches Aufsehen erregt in militärischen Kreisen die Abweisung eines Baugesuches des Kommandos der Radetzki-Kaserne durch den Gemeinderat, weil das Gesuch in deutscher Sprache abgefaßt war.

Brüfsel, 19. Juli. Der König der Belgier be­absichtigt, im Falle der Ergebnislosigkeit der Verhandlungen des Wahlreform - Ausschusses ein liberales Geschäfts­ministerium unter dem Vorsitz des Finanzmiuisters Baron Lambermont zu berufen, welches die Kammer auflösen und Neuwahlen ausschreiben soll.

Antwerpen, 19. Juli. Die Vlamen organisieren eine große Petition an die englische Regierung, um gegen die Möglichkeit einer Kriegserklärung gegen ihre hol­ländischen Brüder, die Buren von Transvaal, zu protestieren.

Paris, 19. Juli. Es verlautet, der ehemalige Kriegs­minister Billot werde bald erklären, er könne sein Mi­nisterwort, daß Dreyfus verdientermaßen und regelrecht abgeurteilt worden sei, nicht mehr aufrecht erhalten.

Bordeaux, 19. Juli. Die französische Regierung hat den Marquis Cerralbo, dem Vertreter Don Carlos in Frankreich mitgeteilt, daß er binnen 24 Stunden die fran­zösisch-spanische Grenze zu verlassen und fortan seinen Wohnsitz in einer Stadt Nord-Frankreichs zu nehmen habe. Falls er dieser Aufforderung nicht nachkomme, werde er sofort des Landes verwiesen.

London, 19. Juli. Unter dem Vorsitz Salisburys sand gestern ein Kabinettsrat über die Transvaal-Angelegen­heit statt. Wie verlautet, wurde dieser Kabinettsrat auf Anraten Chamberlains einberufen, um über den im Volks- raad angenommenen Vorschlag zu beschließen. Salisbury sprach sich energisch für die Wahrung des Friedens aus. Eine gütliche Beilegung des Konfliktes ist zuversichtlich zu erwarten. Salisbury reiste nach dem Kabinettsrat nach Windsor zum Besuch der Königin.

London, 19. Juli.Morning Post" meldet aus Samoa, daß neue Unruhen dort ausgebrochen seien, daß die Ruhe aber bald wieder hergestellt werden dürfte.

Bukarest, 19. Juli. Die im Auslande verbreiteten Meldungen vom Ausbruch einer Sch Warzen-Pocken- Epidemie in Sinaia wird als unbegründet bezeichnet.

Prätoria, 19. Juli. Der Volksraad nahm gestern mit 22 gegen 5 Stimmen den Antrag an, nach welchem allen Uitländern, die am Tage der Veröffentlichung des Gesetzes sich seit 7 Jahren in Transvaal aufhalten, das allgemeine Wahlrecht zugebilligt wird.

Kelranntmachung.

Donnerstag den 20. d. M., nach­mittags 3 Uhr, sollen im Bieker'schen Saale Neustadt dahier: Hausgeräte aller Art, sowie ein Kafsenschrank, ein großer Posten Sckuhwaren, mehrere Warenschränke und mehrere Dutzend Filz- Hüte zwangsweise gegen Barzahlung ver- stelgert werden.

L418 Seipel, Gerichtsvollzieher Neue Vollheringe wieder eingetroffen. 5423

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