Ausgabe 
19.10.1899 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

'* Mmtf

®sVien

?;r Ora"d. 73u ?rpeWanderl< Uer Freischütz S3h-Mki) 8'nd d» C? Zum 28 Oktober ;one'?6g ihrer MiteliZ ^hrMt^ lüstAlillsbkrakl rn.

3* November,

>' Aestaittauon Feidel

rjug

Stenographie in.

* Untmichtes entgegen

Mark.

und Debattenschrif/kurse» t. 7464

IN WM.

ttobtr, abends 8 Uhr, iw t Theater und Taut. ;r Kasse. 7478

WM

9 Ml

aWolpch-

ni, M München m»

(Jen' md ,M An,''

jrtreg ittr W M

* M.

*W

etn zugänglich- mitt,

Giebt allen Ragouts, ayonnaisen, SaW ««» Saucen eine besonders pikante Würze.

lUn derW

uJhrAncbe. "4dU

beu­lt

Nr. 246 Zweites Blatt Donnerstag den 19 October L8NS

t»en<6 bt<

Wt ^tzrnrr Mch«ee»w«»t4t1er wwVtx krw Ingfiyr »s-chrLttkh viermal fcnykgt

Hießener Anzeiger

nrrrtCldbrildi

2 Mark 20 'if'i monalitch 75t'r

tu Briilgerik^r

Bei Poftb./ »

2 Mark 50 1<-2 öicrteliöiiihi

Saae^Mt Sn,etgen zu Wer uachminaßS ftr Wte frtyatm Lag tr^ttnenbra Nummer Hl um. 16 Uhr

Heneral-Anzeiger

88< Anzvtzen-treru^ttUtNHvkeUiv brt ^n- uae aa«l«»Wt

ehmer. Unztt^rrt für den flßiejenrr e»i^4

Amts- und Anzeigebleett fiir den Ttvers Gietzen.

Ärbaftien, Expedition und Druckerei:

Kchalßratze Mr. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Zer hegifthe Landwirt, Kälter für' hessische Uslksimude.

Adresse für Devcschen: A«»«i-ee Htctze». Fernsprecher Nc. öl.

......iw...... ..........

Die Lehren des Spielerprozeffes.

AuS Beamtenkreisen schreibt man einem Leipziger Blatt:

Die drei Männer im Berliner Spielerprozeß sind aus dem feurigen Ofen einer achtmonatlichen Untersuchungshaft gerettet worden, und das zu erwartende freisprechende Urteil entspricht nicht nur dem Buchstaben des Gesetzes denn der § 284 R.-Str.G.-B. bestraft nur das gewerbsmäßige, nicht aber das gewohnheitsmäßige Spiel, sondern es entspricht auch der Gerechtigkeit, denn die drei Angeklagten haben nichts anderes und nichts schlimmeres gethan, als was Hunderte ihrer Standesgenossen gethan haben und noch thun und wohl auch, wenn die vorgesetzten Behörden nicht eingreifen, in alle Ewigkeit thun werden.

Für denjenigen, der die Verhältnisse in diesen Kreisen kennt, hat ja der Prozeß durchaus nichts neues ergeben. Er hat wieder einmal gezeigt, daß jungeLebemänner", Offiziere und Beamte, insonderheit der Verwaltungscarriöre, es durchaus nicht als ein Unrecht betrachten, stundenlang dem Spiele zu fröhnen und Zeit und Geld, Nerven und Gesundheit leichtfertig zu verschleudern, den guten Ruf aber, auf den diese Kreise doch besonders achten sollten, zu ge­fährden. Denn wenn jemand, der nicht gewerbsmäßig, aber gewohnheitsmäßig spielt, auch nicht nach dem Gesetze belangt werden kann, so gilt er doch in der öffentlichen Meinung als ein Spieler, was weder seinem Ansehen, noch dem seines ganzen Standes förderlich sein kann. Und dieses Ansehen wird noch obendrein dadurch gefährdet, daß die Spielenden Gefahr laufen, mit anrüchigen Personen in Berührung zu kommen. In diesem Falle war es der flüchtige Falschspieler Wolff, vor sechs Jahren waren es derolle ehrliche See­mann" und Konsorten. Es ist ohne weiteres zu glauben, daß die Spielenden die schlimme Qualität solcher Personen nicht kennen, aber die Thatsache bleibt darum doch bestehen, daß sie mit solchen Personen in engere Berührung ge­kommen sind.

Das SprichwortWer sich in Gefahr begiebt, kommt darin um" trifft hier zu. Würden die Herren v. Kayser, v. Kröcher rc. nicht hazardiert haben, so wären sie wohl kaum jemals mit Herrn Wolff es scheinen übrigens außer diesem Herrn noch einige anderefeine Nummern" dabei gewesen zu sein in Berührung gekommen sein. Es ist überhaupt eine bekannte Thalsache, daß auch die exklusivsten Kreise beim Spiel ihre Exklusivität einbüßen und sich mit Personen an einen Tisch setzen, von denen am anderen Tage gegrüßt zu werden ihnen sehr peinlich ist.

Den jungenLebemännern", die, wenn man so sagen

darf, als Rentiers geboren werden und deren Lebensberuf dadurch ausgefüllt wird, das von ihren Vätern angesammelte Geld mit mehr oder weniger Grazie auszugeben, kann der Staat nichts anhaben. Es ist im Grunde genommen auch nicht von großer Bedeutung, in welcher Weise derartige Drohnen der menschlichen Gesellschaft ihr durchaus über­flüssiges Leben totschlagen.

Ganz anders aber ist es mit Beamten und zwar ganz besonders Verwaltungsbeamten und Offizieren. Diese Berufe sollen den bestehenden Staat stützen, sie sollen es sogar in erster Reihe thun. Denn es hieße Vogel- Strauß-Politik treiben, wollte man die Thatsache leugnen wir leben in Deutschland nun einmal noch in gewisser Weise in einem Kastenstaate, und das Offizierkorps und die höhere Verwaltungskarriöre stellen die beiden obersten Kasten dar. Das daß Ansehen dieser Beamtenkategorien durch das Grassieren des Spielteufels leidet, haben wir bereits er­wähnt. Wir möchten aber noch hinzufügen, daß auch die persönliche Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit der Beamten leiden muß, wenn sie einer Leidenschaft fröhnen, die die Nerven mehr strapaziert, als irgend eine andere Passion. Wenn ein Offizier die Nacht hindurch gejeut hat und hie und da geht das Tag für Tag oder vielmehr Nacht für Nacht so fort dann kann er im Dienste nicht leisten, was er leisten soll. Er wird vor allen Dingen des gleich­mäßigen Temperaments ermangeln, durch das der Offizier nicht blos die Disziplin der ihm unterstehenden Mann­schaften erhalten, sondern deren Vertrauen und Zuneigung erwerben soll. Er wird heute nachsichtig gegen die Mann- schäft sein, morgen, wenn er übermüdet ist, und obendrein noch viel verloren hat, mißmutig und ungerecht. Wenn die spielenden Offiziere auf Blücher oder Goeben Hinweisen wollen, die stark spielten und doch große Feldherren waren, so sei ihnen gesagt, daß der Durchschnittsleutnant noch kein Blücher oder Goeben ist, und daß er sich jedenfalls viel eher zu deren Feldherrenqualitäten entwickeln wird, wenn er mit dem Kriegsspiel vertrauter ist, als mit den Whist­karten, mit denen er beiläufig nicht das sehr geistvolle Spiel, nach dem die Karten benannt sind, betreibt, sondern das ödeste und geisttötendste Hazardspiel. Und schließlich, ist es nicht ein wahres Fressen für die Sozialdemokratie, wenn sie den Arbeitern zurufen kann: Da seht Ihr die Leute, die Euch führen sollen, wenn Ihr den bunten Nock anhabt, oder deren Anordnungen Ihr gehorchen sollt, wenn sie Landräte oder Polizeidirektoren werden; da seht Ihr sie, wie sie sich mit Leuten zusammensetzen, die ein ehrlicher Arbeiter aus seiner Stube hinauswirft; wie sie, statt sich wie Ihr, vor neuer Arbeit rechtschaffen durch Gottes wert­

volles Geschenk, den Schlaf, zu erholen, die Nacht zum Tage machen. Da seht Ihr sie, wie sie in einer' Nacht zehntausend Mark verlieren, eine Summe, für die Ihr acht oder zehn Jahre hindurch Tag für Tag in Mühsal und Gefahr arbeiten müßt!

Graf Caprivi hat einmal gesagt, er prüfe jede Maß­regel hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Sozialdemokratie. In seiner Allgemeinheit ist der Satz falsch, aber hier trifft er zu. An der Negierung ist es, eine eingreifende Maß­regel zu treffen, die die Sozialdemokratie hindert, die vor­nehmsten Berufe verächtlich zu machen. Die Maßregel ist sehr einfach: Jeder Offizier werde, bevor er sein Patent erhält, jeder Referendar, bevor er den Diensteid leistet, durch Handschlag an. Eidesstatt verpflichtet, niemals, so lange sie im Dienste sind, an solchen Spielen sich zu beteiligen, die das Gesetz als Hazardspiel ansieht. Gerade die An­gehörigen der bevorzugten Stände haben so viel Gelegenheit zu anderen und edleren Vergnügungen viel mehr Ge­legenheit, als die Angehörigen sonstiger Berufe daß sie wahrlich nichts verlieren, wenn sie dem Hazard entsagen müssen.

Was darf man als Drucksache versenden?

Bei den mancherlei wichtigen Anschauungen des Pub­likums über diese f^rage und den falschen Mitteilungen, die darüber gerade in jüngster Zeit durch die Presse gegangen sind, dürfte die folgende sachkundige Unterrichtung zeitgemäß sein: Als Drucksache versenden darf man alle durch ein mechanisches Druckverfahren hergestellten Schriftstücke und Gegenstände, seien sie durch Buchdruck oder Kupferstich, Stahlstich, Holzschnitt, Lithographie, Autographie, Metallo­graphie, auch Kollographie oder den Typographen, Photo­graphie, Hektographie, Papyrographie, Chromographie oder ein ähnliches mechanisches Verfahren vervielfältigt, ferner Lichtpausen, durch Prägedruck auf Kartonpapier hergestellte Zeichenvorbilder, die mit erhabenen Punkten versehenen Papiere für Blinde, unentwertete und entwertete Postfrei­marken (diese aber nur im inneren deutschen Verkehr, nicht nach dem Ausland) gebundene, gefalzte und geheftete Bücher, Einbanddecken, wenn sie von dem ganzen dazu gehörigen Druckwerke begleitet sind, Albums mit Photographien. Die Sendungen müssen in einem offenen Umschläge oder einfach zusammengefaltet, so daß ihr Inhalt leicht zu prüfen ist, eingeliefert werden; auch sind Drucksachen auf offenen Karten zulässig. Nicht als Drucksachen versenden darf man: die mittels Druck und Kopierpresse oder der Schreibmaschine hergestellten Schriftstücke, ferner bedruckte Papierstückchen oder Papierbogen, die lediglich als Muster des Papiers zn

Feuiiletsn.

* Wiener Heiratsgeschichten. Das Häuflein Menschen, welches an schönen Nachmittagen auf der linken Seite der Ringstraße promeniert, beim Aufleuchten der Bogenlampen in die Kärntner Straße drängt, das Burgtheater besucht und in den Restaurants und Kaffeehäusern der innern Stadt speist und die Zeit totschlägt, dieses Häuflein, das die Zahl dreihundert nicht erreicht, ist wieder in Wien eingetroffen, und der Klatsch treibt-seine Blüten. Zuerst hatten sie den Thronerben in der Arbeit. Erzherzog Franz Ferdi­nand von Oesterreich Este, so wird ganz ernsthaft erzählt, trägt sich endlich mit Heiratsgedanken bei einem 37- jährigen Thronfolger eigentlich die höchste Zeit. Man denkt bei dieser Nachricht sofort an eine liebliche, junge Prin­zessin, und man überfliegt rasch in Gedanken den genealo­gischen Kalender der regierenden Häuser, um die richtige zu erraten. Nichts steht aber den Gedanken des Thronfolgers ferner, als die Vermählung mit einer Prinzessin. Es ist eine alte Liebe, die er freien will, eine Dame, der er schon vor vielen Jahren sein Herz geschenkt, die Gräfin Zdenka Thotek, welche viele Jahre hindurch Hofdame der Kron­prinzessin-Witwe war, aber diese Stellung eben wegen ihrer Beziehungen zum Thronfolger verlassen hat. Sie ist zwei Jahre älter als der Erzherzog, sehr schön, sehr gescheit und sehr liebenswürdig. Man will wissen, daß der Erz­herzog vor etwa einem Monat vor den Kaiser getreten ist, um die Einwilligung zur Heirat mit der Gräfin zu er­bitten. Der Monarch, der durch des Erzherzogs wieder­holte Weigerung, eine standesgemäße Verbindung einzugehen, duf dieses Ersuchen vorbereitet war und schon seinen Ent­schluß gefaßt haben mochte, soll erwidert haben, er bedauere, Laß der Erzherzog zu einem solchen Entschlüsse gekommen fei; da er ihn aber nicht für übereilt halten könne, müsse

er ihn wohl billigen; es würden eben dann des Erzherzogs Bruder Otto und seine Söhne in die Rechte der Thron­erbschaft treten, welcher Erzherzog Franz Ferdinand bei der Vermählung mit der Gräfin Chotek feierlich enrsagen müsse. Da soll aber der Erzherzog gesagt haben, das sei durchaus nicht seine Absicht, und er gedenke keinesfalls auf seine Rechte zu verzichten.Dann kannst Du eben die Gräfin nicht heiraten", soll der Kaiser gesagt haben. Der Erz­herzog aber, heißt es, habe etwas von veränderten Zeiten gesagt und sich keineswegs mit der ihm gestellten Alter­native zufrieden gegeben, sei enttäuscht vom Kaiser geschieden, und so stünden die Dinge auch heute noch. Vielleicht ist an der Sache nichts wahres, als daß der Thronfolger mit 37 Jahren unvermählt bleibt, und daß die Gräfin den Dienst bei der Kronprinzessin aufgegeben hat. Ich kann aber nicht um­hin, eines Gespräches mit der Stiefmutter des Erzherzogs, der Erzherzogin Marie Therese, zu gedenken, das jetzt vor sieben Jahren stattfand. Die Erzherzogin beschrieb der Reihe nach alle ihreKinder", die, sagte sie, mit voller Liebe an ihr hingen und eins fürs andere eine geradezu schwärmerische Anhänglichkeit hätten. Vom ältesten Sohn sagte sie:Er macht mir in einer Beziehung Sorge. Er hat so romantische Ansichten, die gar nicht in die wirkliche Welt passen. Wie oft hat er uns schon aufs feierlichste versichert, er wird, was auch kommen mag, niemals eine andere als eine Liebesheirat eingehen." Bis jetzt haben die Ereignisse die Worte der Erzherzogin bestätigt die Zeit muß zeigen, ob sie ganz recht gehabt hat. Noch viel mehr als mit dem Thronfolger beschäftigt sich die Klatschsucht mit der Kronprinzessin-Witwe, und es gilt, wenigstens in Ungarn, als ausgemacht, daß sie den Grafen Elemer Lonyay, den Neffen des einstigen ungarischen Ministerpräsidenten, heiratet, einen Mann, der neun Jahre jünger ist als sie und der seinen Grafentitel erst seit 1896 besitzt. Man

will wissen, daß die Heirat schon fest abgemacht ist, und daß der Kaiser seine Einwilligung unter der Bedingung gegeben hat, daß die Kronprinzessin alle Titel und Rechte ab­legt, auf alle Bezüge verzichtet und im Auslande lebt. So unwahrscheinlich dies alles ist, so fest glaubt man daran. Die Kronprinzessin würde doch als butter, wenn sie wirklich solche Absichten hätte, die paar Jahre warten, bis ihre Tochter, welche jetzt 16 Jahre alt ist, gut verheiratet wäre. Man sagt: Die Prinzessin von Koburg, ihre Schwester, hat auch nicht gewartet. Zu was wird der Kaiser noch Ja und Amen sagen müssen! Die Enkelin zieht als Offiziers­frau, als simple Baronin Stillfried von einer Garnison- stadt in die andere, der Thronerbe will eine Gräfin hei­raten, die verwitwete Schwiegertochter einen neugebackene» Grafen. Und er verabscheut nichts so sehr wie den Skandal. Um die leidige Koburgaffaire in befriedigender Weise ab­zuschaffen, sandte er seinen zweiten Obersthofmeister nach Brüssel zum Könige der Belgier. Die falschen Wechsel int Betrage von fünf Millionen müßten doch eingelöst werde». Er sei bereit, die Hälfte zu zahlen, der König solle die andere Hälfte übernehmen. Aber Fürst Montenuovo be­kam nur eine sehr lakonische Antwort:Für mich ist meine Tochter tot!" Als er mit dieser Antwort zum Kaiser kam, soll derselbe ausgerufen haben:Warum haben Sie ihm nicht erwidert:Man zahlt doch auch die Schulde» toter Kinder!"

Humoristisches.

* Aktualität. Hl.:Mit Früulem Alma iS es die reine Dreyfus-Affaire.'

.Wieso?'

X.:6ie sagt, sis sei unschuldig, die Offnere sagen nein."

(Jugend.)