Ausgabe 
19.8.1899 Zweites Blatt
 
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Samstag den 19. August

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t«n0«t HR Anzeigen zu der nichm'ttaz- für Ha felgenM* Te% erscheinenden Numm« M »em. W Uhr.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde.__________________

In Bezug auf die der Frauenbewegung zugrunde liegenden Ursachen ist hervorzuheben: 1. die in den meisten Staaten noch bis zu einem gewissen Grade bestehende bürgerliche Unselbständigkeit der Frau, welche in vielen Fällen allerdings zu Mißständen geführt hat, und von dem weibli-hen Geschlecht weit drückender empfunden wird als der Mangel politischer Gleichberechtigung; 2. die Bedrängnis, in welche die lediglich für die Ehe vorgebildeten Frauen vielfach geraten, wenn sie entweder dieses Ziel nicht er­reichen, oder Witwen werden, ohne daß sie genügende Unter­haltungsmittel besitzen; 3. die Notwendigkeit für immer qrößere Kreise auch der verheirateten Frauen (besonders der unteren Klassen), den Verdienst des Mannes durch eigene Arbeit vermehren zu Helsen; 4. der allgemeine soziale Zug der Zeit, durch welchen das Gefühl des gleichen Wertes tm Weibe hervorgerufen worden ist, und nach Bethätigung und Anerkennung strebt. In Bezug auf die Ziele der Bewegung unterscheiden wir in der Hauptsache zwei Richtungen, eme gemäßigtere und eine radikalere, die sich im großen Ganzen mit den Beziehungen der bürgerlichen und sozialdemokratischen Frauenbewegung decken. Die radikale Richtung strebt nach Beseitigung der sozialen Unterschiede zwischen Mann und Weib überhaupt, sie fordert politische und staatsbürgerliche Gleichberechtigung in Bezug auf alle Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft. Die gemäßigtere Richtung will nur die Auswüchse und Ungerechtigkeiten des bestehenden Systems beseitigen, die Erwerbsbedingungen für das weib­liche Geschlecht erweitern und günstiger gestalten, die bürger­liche Stellung der Frau und insbesondere ihre Mutterrechte

Abreffe für Depeschen: Anzeiger frUfcCU

Fernsprecher Nr. 51.

Nr. 194 Zweites Blatt

Bon der Arbeit.

Vor einer ganzen Reihe von Jahren, als die Aufstel­lung von neu konstruierten Maschinen immer mehr zunahm, wurden zahlreiche Befürchtungen ausgesprochen, die eiserne Arbeitskraft werde die Arbeitskraft der Menschenhand immer mehr einschränken, schließlich eine große Arbeitslosigkeit herbeiführen. Die Aufstellung von neuen Maschinen ist darum häufig der Gegenstand heftiger Bekämpfung gewesen, sogar Ausschreitungen und Unruhen haben sich mitunter daran geknüpft. Seitdem sind viele Jahre vergangen, immer neue Maschinen von früher kaum möglich gehaltener Leistungsfähigkeit und Genauigkeit sind erfunden, welche das Arbeitsbild in der Industrie wie in der Landwirtschaft sehr wesentlich verändert, freilich auch ganzen Hand-Jndu- strieen den Garaus gemacht haben. Aber trotz dieser enormen Zunahme und ungeachtet der Vielgestaltigkeit der Maschinen ist, wie die Thatsachen beweisen, zum Ausgange unseres Jahrhunderts gerade das Gegenteil von dem eingetreten, was man im Verlaufe des Jahrhunderts befürchtet hatte: nicht nur keine Brodlosigkeit von Tausenden von Arbeitern ist vorhanden, die Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft kann heute vielmehr nicht einmal voll gedeckt werden. Die Bedürfnisse der modernen Zeit, neue Erfindungen, in der Landwirtschaft, intensiverer Landbau haben so viele neue Arten von Beschäftigung hervorgerufen, daß niemand im deutschen Reiche, der arbeiten will, wegen eines genügenden und befriedigenden Lebensunterhaltes für sich und seine Familie in Sorge zu sein braucht.

Die Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft kann heute im deutschen Reiche nicht voll gedeckt werden! Eine ganze Reihe von Veröffentlichungen aus großen und kleinen Städten, aus Jndustriebezirken und aus Kreisen der Land­wirtschaft beweisen das. Von der Landwirtschaft wird nun freilich der Arbeitermangel schon lange empfunden, aber in der Industrie hatte man jedoch zahlreiche Leute zur Ver­fügung. Zurzeit ist es aber anders, in wichtigen deutschen Jndustriebezirken meldet sich auf Nachfrage nach Arbeitern ein nicht unerheblicher Bruchteil weniger, als Leute verlangt wurden. Dadurch sind verschiedentlich ganz merkwürdige, aber durchaus folgerichtige Erscheinungen hervorgerufen worden. Industrielle Etablissements und Anlagen, in wel­chen Arbeitermangel bestand, vermochten nicht allen an sie herantretenden Bestellungen und Aufträgen gerecht zu werden, und durch die Verzögerung in der Ausführung der bestellten Waren ging wiederum den bestellenden Gewerbebetrieben das Arbeitsmaterial aus, so daß sie gezwungen waren, etwas zu pausieren. So ist in diesem Jahre die volks­wirtschaftlich interessante Thatsache zu beobachten gewesen, daß auch bei regstem industriellem Geschäftsgänge und selbst bei vorhandener starker Nachfrage nach Arbeitern doch eine zeitweise Arbeitslosigkeit Platz greifen kann. Wir werden,

vierteyährlich 2 Mark 20 Pf,, monatlich 75 Pf, mit vrmg«t»hn.

Bei Postbezug t Mark 50 P^ '*erk(iiH(i*

Deutsches Reich.

Berlin, 17. August. Das Abgeordnetenhaus hat heute zunächst mit 212 gegen 209 Stimmen den Bau des Dortmund-Rhein-Kanals und die Strecke Dortmund-Bevergern und alsdann die ganze Mittelland-Kanal-Vorlage mit großer Majorität (228 gegen 126 Stimmen) in zweiter Lesung ab gelehnt.

Berlin, 17. August. Bei der Abstimmung über den Mittelland-Kanal im Abgeordnetenhause hatten sich 75 Mitglieder, hauptsächlich vom Centrum, der Stimme enthalten. Die §§ 2 und 5 wurden abgelehnt. § 6 wurde mit 217 gegen 108 Stimmen angenommen. Dadurch ist die dritte Lesung der Vorlage gesichert. § 7 wurde ab­gelehnt, die §§ 8 und 9 angenommen. Darauf vertagte sich das Haus auf morgen. Tagesordnung: Kleinere Vor­lagen. Der Präsident teilt noch mit, daß er die dritte Lesung der Kanal-Vorlage auf die Tagesordnung zu setzen gedenke.

Berlin, 17. August. DerNational-Zettung" zufolge gilt es nunmehr als sicher, daß aus der zweiten Lesung nur ein Torso der Kanal-Vorlage hervorgehen wird, welcher dazu bestimmt ist, eine dritte Lesung zu ermöglichen. Diese wird am Dienstag stattfinden, da das Ansinnen des Centrums, durch Vertagung derselben die Kanal-Vorlage bis über die Gemeinde-Wahlreform zu vertagen, von allen anderen Parteien abgelehnt wird.

Berlin, 17. August. DemBerliner Tageblatt" wird aus Paris gemeldet: Labori hatte heute morgen etwas Fieber. Offenbar regte er sich bei den Gedanken an das was im Sitzungssaale vorgehe, auf. Seine Freunde hoffen gleichwohl, die Besserung werde regelrecht fortschreiten, die Optimisten erklären sogar, er werde am Montag die Ver­teidigung wieder übernehmen. Vom Advokaten Mornard ist in der Nacht eine Depesche eingetroffen. Mornard, der erst die Erlaubnis hat einholen müssen, vor dem Kriegs­gericht zu plaidieren, wird heute abend in Rennes eintreffen und morgen früh Laboris Platz einnehmen. Er wird bis zur Rückkehr Laboris die nötigen Fragen an die Zeugen richten.

' Berlin, 17. August. Wie über die anderen Einzeletats i des Reichshaushalts für 1900 finden jetzt auch kommissarische Beratungen über den Reichsmarineetat statt. Im Flottengesetz sind für Schiffbauten und Armierungen 356,7 Millionen Mark bewilligt. In der ungefähren Höhe von 62 Millionen wird man die Forderungen für 1900 beim ordentlichen Etat der einmaligen Ausgaben der Marine- Verwaltung zu erwarten haben. Was die Einzelheiten be­trifft, so dürfte für Schiffsbauten, deren Inangriffnahme

Industrie nicht von einer fremden rücksichtslos über den Haufen geworfen werden soll?(R. H. V.)

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verbessern, die Berufsvorbildung vertiefen, für eine an­gemessenere Erziehung auch für die Anforderungen des Lebens sorgen, denn bisher ist die Gewerbefreiheit dem weiblichen Geschlecht wenig ober gar nicht zugute gekommen, weil gesell­schaftliche Vorurteile und der Mangel einer besonderen Berufsvorbereitung die Frau an der ausgedehnten Ver­wertung ihrer Arbeitskraft verhinderten. Daher die Zu- sammendrängung des Angebots auf Gebieten, für welche alle die gleichmäßige Befähigung mitbringen, und die da­durch bedingte Herabdrückuug der Löhne. Hand m Hand hiermit geht das Streben nach Erzielung ausreichenden Schutzes der Frau gegen wirtschaftliche und sittliche Aus­beutung. , P£ ,.

Der historische Verlauf der Bewegung knüpft an die französische Revolution an; bekanntlich spielten die Frauen in derselben eine hervorragende Rolle und traten schon da­mals mit der Forderung voller Gleichstellung auf. Der schriftlichen Agitation in Romanen, Gedichten und Abhand­lungen folgte bald die mündliche in Versammlungen und Vereinen. Zuerst nahm die Bewegung in den Vereinigten Staaten eine konkretere Form an, wo sie feit 1840 wir folgen hier den bemerkenswerten Ausführungen des Herrn Professor Pierstorff im Handwörterbuch der Staatswissen­schaften durch die Antisklaverei-Agitation m Fluß gebracht wurde. Bon vornherein trat hier die Frage der politischen Gleichberechtigung stark in den Vordergrund. 1848 tagte der erste Frauenkongreß, 1850 der erste Kongreß zu gunsten des Frauenstimmrechts. 1869 bildeten sich zwei große Ver­eine, die National Woman Suffrage Association und die

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Das 19. Jahrhundert.

Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herausgegeben von Friedrich Thieme.

(Nachdruck oder AuSzug verboten.

XIII.

Frauenbewegung.

wenn die industrielle Entwicklung so weiter geht, diese Erscheinung wohl noch häufiger beobachten können.

Die Frage liegt nahe, ob ein solcher Zustand, das heißt ein fortschreitender Bedarf an menschlichen Arbeits- kräften, der über das Normale hinausgeht, nicht wirtschaft­liche oder soziale Gefahren mit sich bringen kann. Man hört schon die Erörterung streifen, ob Deutschland auf dem Wege ist, mit der Zeit zu amerikanischen Zuständen zu kommen, was eine völlige Umwälzung des landwirtschaft­lichen Betriebes und mindestens eines erheblichen Teiles der einzelnen Industriezweige und Gewerbe bei völlig ver­änderten Lohn- und Preis-Verhältnissen bedeuten würde. Der deutsche Volkscharakter hat einzelne Züge der modernen Zeit nicht ganz abweisen können, aber es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß in uns doch noch so viel deutsch geblieben ist, daß wir uns nach der amerikanischen Geldgier und dem amerikanischen Raubsystem im Wirtschaftsleben, nach der Knechtung des Schwächeren durch rücksichtslose Stärke nicht gerade sehnen. Der Deutsche hat zum Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts seine helle Freude an neuen Geistesschöpfungen und Unternehmungen, und wir stehen in solchen Geistesschöpsnngen und Unternehmungen hinter keiner anderen Nation zurück, aber wir sehen nicht in Bergen von Geld die einzige Triebfeder zu unserer Thätigkeit.

Erfreulich wäre es also gerade nicht, wenn wir sagen müßten: Ja, wir steuern nordamerikanischen Zuständen im Wirtschaftsleben entgegen! Damit würde auch die Banke- rott-Erklärung des deutschen Nationalcharakters, wie wir ihn verstehen, ausgesprochen sein. Aber wenn die Besorgnis auch wohl eine solche Frage aufwerfen lassen kann, es hegt kein Zwang vor, sie zu bejahen. Deutschland ist ein Bundesstaat mit einer Reihe von Monarchen an der Spitze der letzeren, mit dem Reichstage und einer Zahl von Landes­vertretungen, mit einer zum größten Teil noch wirklich deutschen Bevölkerung, die sich nicht blindlings der tollen Leidenschaft der Geldgier und des Eigennutzes überliefern werden. Deutschland ist eben deutsch und nicht amerikanisch. Es stimmt, daß man jenen, die solche Besorgnisse hegen, nicht schwarz auf weiß wird beweisen können, welchen Gang die Entwicklung der Arbeit bei uns nehmen wird, aber die Zukunft wird die Thatsache nicht täuschen, welche uns eine lange Vergangenheit gab, einen ruhigen Ausgleich!

Ebenso mußte man in früheren Jahren, ja fast mit noch größerem Rechte als heute, die Befürchtungen für - angebracht halten, daß die Maschinen Tausende von Ar­beitern brodlos machen würden. Das Gegenteil hat sich, wie die Zahlen beweisen, gezeigt. Warum soll die weitere Entwickelung unseres gesamten Arbeitslebens auf Grund von zu machenden Erfahrungen, vielleicht nicht ohne herbe Lchren für die, welche nicht hören wollen, nicht einmal dahin führen, daß Arbeitgeber und Arbeiter erkennen, tote sie fest zusammenhalten müssen, wenn unsere deutsche

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I« engem Zusammenhänge mit den sozialen Bestrebungen 19. Jahrhunderts steht die Frauenbewegung, welche mehr noch fast als der Sozialismus als Kind unseres Jahr­hunderts anzusehen ist. Angeregt wurde die Frauenfrage allerdings auch schon früher, sogar schon im Altertum von Platon, der in seinem idealen Staate das Weib mit weit­gehenden Rechten ausgestattet wissen wollte. Im vorigen Jahrhundert forderte Marie Wollstonecrofft in ihrem Buche Vindication of the rights of woman für das Weib Teil­nahme am staatsbürgerlichen Leben, das Recht auf Aemter m. s. w. Mehr und mehr erklärten sich nun Schriftsteller und Schriftstellerinnen für das Recht der Frau, indem sich manche der letzteren, wie Lady Morgan, Frau v. Staol, George Sand u. s. w., selbst emanzipierten. Vor allem wurde mit Recht der Umstand geltend gemacht, daß mit der Zunahme der Frauenrechte diejenige der allgemeinen Kultur- Verhältnisse in gleichem Verhältnis steht; mit der fort­schreitenden Kultur bildet sich die Frau von der Sklavin des Mannes zu seiner gleichberechtigten Gefährtin aus.

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