Sonntag den 19. März
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Zweites Blatt
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der mit richtigem Verständnis die hervorragende Bedeutung des Rudersports für die körperliche Ausbildung erkannte und ein mächtiger Förderer desselben geworden ist, einen Preis, desgleichen ist ein solcher vor wenigen Tagen von Seiner Königl. Hoheit dem Prinzregenten Luitpold von Bayern, dem Förderer alles Edlen und Schönen, hier eingetroffen. Im weiteren ist zu erwähnen, daß auch die hiesige löbl. Stadtverwaltung, der Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs und verschiedene Freunde und Gönner des Klubs Preise in Aussicht gestellt haben, so daß die Regatta mit prächtigen Ehrenpreisen reich dotiert sein wird. — Der musikalische Teil des Festes ist der vollständigen Kapelle des königl. bayer. 5. Infanterie-Regiments (Bamberg) unter der persönlichen Leitung des königl. Musikdirektors Herrn E. Burow übertragen.
* Allgemeine deutsche Sport Ausstellung München 1899. Don den verschiedensten Seiten erfahren die Abteilungen wertvolle Unterstützung. Für „körperliche Hebung" hat das k. b. Kultusministerium Pläne von Turnhallen zugesagt, gleiches Entgegenkommen zeigen andere Behörden, wie das Hygiene-Museum in Berlin, das städtische Bauamt Reutlingen. Der k. b. Obersthofmai schallstab stellt der Abteilung „Reit- und Fahrsport" Prachtstücke von Schlitten und Wagen aus der Zeit König Ludwig II. und aus älterer Zeit zur Verfügung, die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger in Bremen hat versprochen, bei der Abteilung „Wassersport" auszustellen. Die Abteilung „Radfahr- und Automobilsport" ist schon im Besitze eines entzückenden Modells aus der Hand des Herrn Hoftheatermalers Frahm, nach dem ihr Raum dekorativ ausgestaltet werden soll. Es wird ein Panorama dargestellt werden nach Motiven teils aus oberbayerischer Landschaft, teils vom Rhein: reizender hat jedenfalls die Fahrradindustrie, und was dazu gehört, noch nie ausgestellt, als es hier geschehen wird. — Zur Aufklärung von Mißverständnissen sei beigefügt, daß der Abteilung „Sammelsport" eingereiht wurden: Sammlungen von postalischen und fiskalischen Wertzeichen, dann Ansichtspostkarten, Plakaten 2C., dann Liebhaberphotographie und deren Instrumente, Liebhaberkünste und deren Instrumente, sowie Litterarur und Kunst dieser Richtungen. — Wiederholt wird, daß die Anmeldefrist bis zum 1. April verlängert und daß die Verleihung bronzener, silberner und goldener Medaillen beschlossen wurde.
* Die Universität Greifswald mit ihren Ferienkursen ist seit 1894 vorangegangen in dem — jetzt so viel besprochenen — Streben der Hochschulen, sich an weitere Kreise der Gebildeten zu wenden. Die diesjährigen Kurse (VI. Jahrgang) finden vom 10. bis 28. Juli statt. Die Fächer sind folgende: Sprachphysiologie (Geh. R. Prof. Landois); Deutsche Sprache und Litteratur (Prof. Siebs, Privatdozent Bruinier); Englisch (Prof. Konruth, Mr. Quiggin); Französisch (Mr. Brandin); Religion (Konsistorial- rat Prof. Cremer); Pädagogik (Geh. R. Prof. Schuppe); Geschichte (Proff.Seeck, Bernheim, vr.Altmann); Geographie (Prof. Credner); Physik (Prof. Richarz); Botanik (Prof. Schütt). Auch findet, wie in den letzten Jahren, eine Ausstellung bedeutenderer Erscheinungen der neuesten deutschen Litteratur statt. Die Kurse sind in erster Linie für Lehrer und Lehrerinnen eingerichtet, doch nehmen auch stets Damen und Herren teil, die nicht dem Lehrstande angehören, die aber gern die Gelegenheit zur Fortbildung benutzen. Im Sommer 1898 beteiligten sich 450 Herren und Damen (Deutsche, Oesterreicher, Skandinavier, Engländer, Amerikaner usw.). Für billige Unterkunft und Ferien-Erholung wird, wie in früheren Jahren, Sorge getragen werden. Um nähere Auskunft wende man sich an die Adreffe „Ferienkurse. Greifswald."
* Zum Militärdienst untaugliche Athleten. In letzter Zeit ist zu Wiederholtenmalen die Beobachtung gemacht worden, daß junge Leute, die sich durch besondere Leistungen, sei es im Heben von Gewichten, sei es als gute Fußgänger, in Athletenvereinen hervorgethan halten, bei der Aushebung als untauglich befunden wurden. Das merkwürdigste aber ist, daß gerade diejenigen Körperteile, durch die sie sich besonders auszeichneten, als für den Militärdienst zu schwach befunden wurden. So wurde bei der letzten Rekrutierung in Kopenhagen der als Gewichtsstemmer bekannte Vigg» Jensen wegen — zu schwacher Arme der Militärpflicht enthoben. Viggo Jensen ging bekanntlich bei den olympischen Spielen in Athen im Stemmen als Sieger hervor. Ueb- rigens ist auch Petersen, der beste dänische Fußgänger deshalb nicht Soldat geworden, weil er nicht gehen könnte. Näheres über die Begründung dieser Erscheinung zu erfahren, wäre nicht uninteressant.
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Begründung der Militärvorlage ist dieses Moment ausdrücklich hervorgehoben.
Wenn aber die Mittel hierzu — wie es die Anträge Lieber thun — erheblich verringert werden, so sind wir nicht imstande, denjenigen Vorsprung in der Qualität der Infanterie zu erreichen, der notwendig ist, um den sehr erheblichen Unterschied in der Zahl der Bataillone einigermaßen auszugleichen, der sowohl in Frankreich als in Rußland unleugbar besteht und zwar zu unseren Ungunsten.
In Frankreich wurden in den letzten Jahren durchschnittlich 250000 Rekruten eingestellt für Landheer und Marine-Infanterie, in Rußland 300000 Rekruten. In Deutschland nur etwa 227 000 und unter Zurechnung von ca. 9000 Einjährig-Freiwilligen, welche bei uns nicht zur etatsmäßigen Rekrutenziffer zählen, 236000. Selbst unter Zurechnung der 11000 Rekruten nach der Militärvorlage würden wir immer noch hinter dem französischen Rekrutenkontingent zurückbleiben, nach Annahme der Anträge Lieber um 5 — 6000 Mann. Daraus geht auch hervor, daß es eine Täuschung bedeutet, wenn die französische Heeresverwaltung so thut, als ob das stehende Heer Deutschlands stärker sei als das Frankreichs, liebet diesen Punkt entscheidet allein die jährliche Rekruten-Quote, denn nur sie giebt sicheren Anhalt dafür, wieviel ausgebildete Mannschaften für den Kriegsfall vorhanden sind. Darauf kommt es aber an, wenn man die militärische Leistungsfähigkeit der Staaten in Vergleich stellen will. Dieser Vergleich fällt, wie nachgewiesen wurde, nicht einmal zu unseren Gunsten aus. Daran kann alles Rechnen mit brüt und net nichts ändern.
Dabei zählt Frankreich 15 Millionen Menschen weniger als Deutschland. Die allgemeine Wehrpflicht ist dort demnach viel mehr Wirklichkeit geworden als in Deutschland. Trotzdem hört man in Frankreich im Parlament keine Klagen über „Militarismus", dessen „Anwachsen" entgegenzutreten die Erklärung der Zentrumsfraktion für ihre „vornehmste" Pflicht als Volksvertretung erklärt hat. liebet die Gründe dieses Verfahrens wollen wir heute nicht urteilen; aber nur soll man nicht versuchen, speziell die Heeresverhältnisse Frankreichs heranzuziehen bei der Be- gründung des Bestrebens, „die Friedenspräsenzstärks möglichst zu beschränken". Diese Begründung steht mit den Thatsachen, wie nachgewiesen, in Widerspruch.
Ausland.
Paris, 17. März. Der Matin veröffentlich heute die Fortsetzung des Interviews seines englischen Vertreters mit Esterhazy; über den Anschlag Deroulöde's befragt, sagte Esterhazy, die That sei die eines Geisteskranken, es sei denn, daß verschiedene Generale ihm versprochen hätten, ihn zu unterstützen. Diese Gernerale, sagte Esterhazy, seien zu allem fähig. Alle seien ehrgeizig, besonders diejenigen, welche ihre republikanische Gesinnung hervorkehren. Was bleibe heute noch von Frankreich übrig? Die Armee liege besiegt am Boden, die Justiz sei entehrt. Frankreich verende an der Revolution von 1789, welche es nicht verdauen konnte.________________________________________
Vermischtes.
* Schweinfurt, 15. März. Nur wenige Monate noch und auf unserer herrlichen Stromfläche werden sich anläßlich der Zweiten Fränkischen Verbands-Regatta, verbunden mit Internationaler Regatta, zahlreiche Ruder- vereine zusammenfinden, um im heißen Wettkampfe die Siegespalme zu erringen. Unser Ruderklub „Franken", der 'die Ausrüstung des Festes übernommen hat, ist mit der Vorbereitung hierzu bereits eifrig beschäftigt — gilt es doch nicht allein, die zahlreichen Gäste mit jener Gastlichkeit empfangen zu können, wie sie von jeher in der alten Reichsstadt geübt wurde, sondern insbesondere auch, um ebenbürtig mit den fremden Spottgenossen im friedlichen Wettkampfe sich messen zu können. — Der milde Winter gab willkommene Gelegenheit, sich in Hebung zu erhalten, — em Umstand, der gerade beim Rudersport von außerordentlicher Bedeutung ist, denn ,,ohn'Fleiß kein Preis" — und an Fleiß läßt es unser Ruderklub nicht fehlen. In allen Kreisen, bei höchsten Herrschaften macht sich teilnehmendes Interesse für die bevorstehende Regatta bemerkbar. Seme Königl. Hoheit Prinz Ludwig von Bayern, der hohe Protektor des Fränkischen Ruderverbandes, der erhabene Förderer aller Bestrebungen, welche eine Belebung unserer Wasserstraßen verheißen hat bereits eine wertvolle Preisgabe für die Regatta gespendet, ebenso stiftete Seine Majestät Kaiser Wilhelm II.,
Deutsche und französische Heeres- Verhältnisse.
Die „Jenaische Zeitung" schreibt hierüber:
Die Verteidiger der Anträge Lieber zur Militarvotlage glaubten die jüngsten Verhandlungen int französischen Parlament zur Unterstützung ihrer Stellung verwerten zu sollen. Sie berufen sich dabei in erster Linie auf die Steuerungen dk- Kriegsministers Fr eycinet, aus denen hervorgehen ssll, daß Frankreich es endgiltig aufgegeben habe, die Heewsstärke Deutschlands zu übertreffen oder auch nur zu «reichen. .
Herr de Freycinet führt nicht umsonst den Beinamen weiße Maus", und er müßte sehr thöricht sein, angesichts der Verhandlungen über unsere Militärvorlage die Lahr heil zu sagen über die französischen Heeresziffern. M heißt: die volle und ganze Wahrheit. Wenn er sagte, l>aß -er eine „Steeplechase" auf dem Gebiete der Friedens- fiärken für eine Thorheit halte — soweit Frankreich in Lelmcht komme — so giebt er dafür auch gleich den Grund an die Ueberlegenheit Deutschlands in der steigenden «evS-lkernngsziffer. Das ist eine aller Welt offenkundige lha! fache. Es ist aber Frankreich bisher trotzdem garnicht rmgr fallen, in der Verstärkung seiner Armee einzuhallen. 5m Gegenteil, es sind dort für alle Infanterie-Regimenter nette Bataillone eingeführt worden. Natürlich reichten die Wnuten nicht aus, um diese Vermehrung auf einmal durchschreit. Deshalb wurden die vierten Bataillone nach und Ich errichtet. Für das Jahr 1898 waren hierfür 12 693 Mann vorgesehen, die mehr ausgehoben worden find. Für das laufende Jahr und für die nächsten Jahre :,ird in der Neuaufstellung der vierten Bataillone fort- ritiabreit — denn dieselben sind int Prinzip vom Parlament !jmchmigt — und da in Frankreich die gesetzliche Fest- lijpimg der Heerespräsenz in jedem Jahre, in Deutschland .kgeycn nur alle fünf Jahre stattfindet, so unterliegt es gar dtmeim Zweifel, daß nach einigen Jahren die sämtlichen chaiiKösischen Jnfanterieregimenter 4 Bataillone stark sein »erben. In ben durchaus zuverlässigen Löbell'schen Jahres- ltknchten wird sogar angegeben, daß wahrscheinlich schon in B.efern Jahre sämtliche 163 Linien-Regimenter ihren Stand non vier Bataillonen erreichen werden. Dann zählt die ßimj»ösische Infanterie 729 Bataillone gegenüber 624 deut- sstm Bataillonen. Das ist eine Ueberlegenheit von 105 Ba- liilloinen auf französischer Seite. Wohlgemerkt: bereits int Frieden. Das verschweigt aber der französische Knegs- miiijter, und die Herren Lieber und Richter verschweigen Bl auch. ,
Was nun die von Herrn de Freyemet angegebene Sliedensziffer des französischen Heeres angeht, welche er auf 5000 Mann berechnet, so ist hierzu folgendes hmzuzu- lägen. Erstens giebt diese Zahl an sich gar keinen bestimmten Achaltspunkt, da in Frankreich ein Unterschied zwischen „brüt“ ncb „not*" in der Effektivstärke gemacht wird, den wir in 8^ t schlau d nicht kennen. Hinter die Geheimnisse dieses Sffeklivs sind aber bis jetzt nur wenige Rechenmeister g^mnten, auch in Frankreich; jedenfalls kann durch jenen Lierschied die eben erwähnte Thatsache nicht aus der Welt schafft werden, daß Frankreich in absehbarer Zeit Deutsch- iinb an Infanterie-Bataillonen im ^rieben und natürlich Mift recht int Kriege überlegen sein wird. Im Kriege Ml aber die Anzahl der Bataillone, zumal, sie in beiden 'Innieen nahezu gleich stark sind, was die Kopfstärken betrifft, .seitens ist in jener Ziffer des Herrn de Freycinet die Marine-Infanterie außer Ansatz geblieben. Dieselbe Mk aber im Krieg zum. Landheer, und für den Kriegsfall :ii un Frankreich die Aufstellung eines ganzen Armeekorps Muine-Jnfanterie zu zwei Divisionen von je vier Regi- nmltern vorgesehen. Daß diese Marine-Infanterie eine ^gezeichnete Truppe ist, hat der Krieg von 1870/71 be- msiltt, und für den militärischen Effekt ist es ganz gleich- Mig, ob dieselbe auf dem Papier int Frieden nicht zum Hnühee-r zählt. Unsere drei Seebataillone können jedenfalls
Üequivalent hierfür nicht angesehen werden, ganz ab» Men davon, daß sie mit dem Landheere gar nichts zu tjiini haben.
Bei dieser Sachlage, also der großen numerischen Heber» iMheit der Franzosen, was der Zahl der Bataillone angeht, V ber französische Kriegsminister allerdings gut reden, daß 8llll.ckreich jetzt nicht mehr beabsichtige, seine Effektivstärken jtüe'tr mehren, sondern mehr auf innere Festigung der Truppen- kiMnde bedacht zu sein. Das Letztere ist auch bei uns I -kl Leitmotiv für die Regierungsvorschläge gewesen, als sie ühii: Mannschaften für die Infanterie verlangte. In der
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