1899
Sonntag den 19. März
icßenev Anzeiger
E-eneral-T^nzeiger
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fähigkeit erhoben worden sind; mit Kohlen wird dabei frei* lich nicht sparsam umgegangen. .
Während man früher ein Schiff anstaunte, welches 14 bis 16 Seemeilen zu je 1609 Meter, also etwa 22 bis 26 Kilometer, in einer Stunde zurücklegte, verdienen heute den Namen Schnelldampfer nur noch Schiffe, die mindestens 20 Seemeilen, also 32 Kilometer, in der Stunde fahren, und gerade Deutschland, das auf dem Gebiete des Schiffsbaues die erstaunlichsten Fortschritte gemacht hat und zu Kriegs- wie zu Handelszwecken die auf einheimischen Werften erbauten eisernen Kolosse nach allen Teilen der Welt ver. kauft, kann sich rühmen, für seinen Handelsverkehr mit Amerika, Australien und Ostasien eine Schnelldampferflotte teils zu besitzen, teils aber im Bau zu haben, wie sie au Leistungsfähigkeit und Geschwindigkeit kein Land der Welt, nicht einmal das seegewaltige Albion besitzt. Dem „Fürsten Bismarck", der im Jahre 1890 in Fahrt gesetzt wurde, folgten die Dampfer des Norddeutschen Lloyds: Havel, Spree, Kaiser Wilhelm der Große und Kaiser Friedrich III, während bei der Hamburg-Amerika-Linie Normannia, Columbia und Auguste Viktoria gleich hohe Leistungen erreichen. Kaiser Wilhelm der Große, welcher bei einer Länge von 198 Meter, einer Breite von 20 Meter, einer Raumtiefe von 12 Meter und einer Geschwindigkeit von 23 Seemeilen und einem Bruttogehalt von 13500 Registertonnen seit 1897 den unbestrittenen Ruhm genoß, das größte und schnellste Schiff der Erde zu sein, wird in beiden Hinsichten bald übertroffen werden von dem vor kurzem bet Hartano und Wolf in Belfast vom Stapel gelaufenen Ozeamc^
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Ein dringlicher Antrag der Regierung auf Ankauf des „Hessischen Hauses" für den Betrag von 140 000 Mk. zur Vergrößerung der Mtnisterial-Rcssorts im Staatsministerium wird dem Hause noch zur Kenntnis gebracht, und hierauf die Sitzung um 1 Uhr geschlossen.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblatter, Der sesiische Landwirt Mütter für hessische Volkskunde.____________
und von jeder Seite sei triel behauptet und viel bewiesen worden. Bei der ganzen Sache fei es einem ganz wein- steuerlich zu Mute geworden. Die Behauptung des Abg. Brunner, daß durch den Zollkredit jährlich 7 Millionen Mark Zinsgewinn verloren gehen, fei nicht richtig. Nach einer Erklärung des Reichsministers betrage der Zmsverlust 1 Million Mark für das Reich. Der Verlust für Hessen betrage nach den Feststellungen des Landwirtschaftsrats 11000 Mk., während die Handelskammer zu Mainz denselben auf 5500 Mk. beziffert. Nach genauen statistischen Berechnungen betrug im Jahre 1897 im Großherzogtum der Zinsverlust 7776 Mk., eine Summe, welche im Vergleich zu dem stattgehabtem Umsatz an Getreide weder eine Preisbildung noch eine Preisschwankung herbeizuführen imstande ist. Würde man beispielsweise die Transitlager für Getreide in Hessen aufheben, so werde der hessische Getreidehandel schwer geschädigt und der ganze Handel nach Baden und Preußen resp. nach Mannheim und Frankfurt verlegt. Er bitte deshalb, den Ausschußantrag abzulehnen. — Abgg. Erk und Brauer beleuchten diese ganze Frage von der Seite der Klein-Müllerei, welche infolge der hohen Transitzölle fast gänzlich zu Grunde gehe. — Abg. David bemerkt, wenn die Reichsregierung dem stürmischen Verlangen der Agrarier auf Aufhebung der Zollkredite bis jetzt noch nicht nachgekommen sei, so müßten doch gewichtige Gründe hierfür vorliegen. Die Ansicht des Abg. Brunner, daß man das Getreide, wenn es im Westen nicht zu beziehen sei, aus dem Osten holen könne, sei doch nicht richtig, weil die Transportkosten u. s. w. hier besonders in Betracht zu ziehen seien. Durch eine rationelle Technik sei es möglich, auch eine rationelle Ernährung des Volkes herbeizuführen, und deshalb sei auch in diesem Falle durch Einführung von Staffeltarifen den Beteiligten unter die Arme zu greifen. — Abg. Schönberger widerspricht den Ausführungen Davids hinsichtlich der Staffeltarife, von denen er nichts erwarte. — Ministerialrat v. Krug hebt hervor, daß die Behandlung der ganzen Frage eigentlich in den Reichstag gehöre. Die Regierung habe aber nicht engherzig sein wollen, und fei der Sache näher getreten. Die von den Antragstellern auf- gestellte Behauptung, als sei hierdurch ein Ausnahmezustand für die Landwirtschaft geschaffen worden, sei nicht richtig, denn die Zollkredite seien für alle Waren eingeführt, und sie zugunsten der Landwirtschaft zu beseitigen, werde erst recht einen Ausnahmezustand herbeiführen. — Abg. Bähr und Köhler-Langsdorf stellen fest, daß durch die jetzige rationelle Landwirtschaft der Bau der Körnerfrucht für den Bauern infolge der Konkurrenz außerordentlich schwierig sei, deshalb müßte man Erleichterungen schaffen, wo es nur m^Nach'der nunmehr erfolgten Abstimmung wird der Ausschußantrag auf Aufhebung der Zollkredite für emgefuhrtes Getreide mit allen gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen.
£rf<$eiut täflfidl Bin AuSnahmc des MoniagS.
Dir Gießener >emtne»6f6tttr btrben dem Anzeiger viermal beigelegt.
Kr. 67 Drittes Blatt
Eilfahrt, welche einen neuen Schnelligkeitsrekord für die Nährt Newyork-Enropa aufstellt, wird in allen großen und kleinen Zeitungen gemeldet, aber der Triumph einer seefahrenden Nation oder einer großen Rhederei, das größte und schnellste Dampfschiff der Welt zu besitzen ist meist nur von kurzer Dauer, denn während die Probefahrten von der üblichen sechstägigen Frist kaum die Meisterschaft dieses Champion unter den Rennern des Ozeans erwiesen haben, ist anderwärts schon längst der Kiel zu neuen Schiffen gelegt, welche die bisherigen Glanzleistungen noch in den Schatten stellen sollen. .
In den Kinderzeiten der Dampfschifffahrt, nämlich in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts, benutzte man den Dampf als Fortbewegungsmittel eigentlich fast nur zur Unterstützung und als zeitweisen Ersatz der Segellage bei konträrem Winde oder bei Windstille, und selbst noch vor 30 Wen war die Technik des Schiffsmaschinenbaues noch nickt soweit gediehen, daß man sich für eine transozeanische ftaürt mit Sicherheit auf die Maschinen verlassen konnte. Fast sämtliche Dampfer führten damals noch d,e Takelage für Quer- und Gaffelsegel, denn man nahm bei günstigem Winde die dabei erzielte Erhöhung der Geschwindigkeit gern mit und freute sich der ersparten Kohlen, welche manchmal ja ein kleines Vermögen ausmachten. Heute dienen die kahlen, eisernen Masten nur noch 8» Signalzwecken, und die treibende Kraft des Schiffes ist ausschließlich die Maschine, die durch die Erfindung der Oberflächenkondensation, der Kompoundmaschinen und der dreifachen Expansion und Ausnutzung des Dampfes <xf einen hohen Grad von LeistungS-
Feuilleton.
Wie Hienner des Ozeans.
Von Rudolf CurtiuS.
(Nachdruck verboten.)
Dasselbe rastlose Vorwärtshasten, welches auf den Schienenwegen des Landes stattfindet, hat seit langem auch in der überseeischen Dampfschifffahrt platzgegriffen. Der käsende, der den Atlantischen Ozean zwischen Europa und Jloirbamerita durchquert, ist immerhin zwischen sechs und jüöölf Tagen, je nach der Geschwindigkeit des Dampfers, 1N Bord gebannt, und wenn auch das Verdeck eines fernen Riesenschiffes genügend Platz zu ausgiebigen Sp.iziergängen bietet, so empfindet doch der Paffagier, der Mrenb des ganzen Tages nichts sieht als die öde, selten loiu einem Segel oder der Rauchsäule eines in der Ferne überziehenden Dampfers belebte Wasserfläche, dem seine Mahnten Zeitungen mit den neuesten Nachrichten fehlen, die Nperrung von der Welt als eine Unannehmlichkeit, und sthnit das Ende der Fahrt herbei.
In dem begreiflichen Bestreben, den Strom der Wagiere auf ihre Linien zu leiten, suchen die kontierenden Dampfschifffahrts - Gesellschaften Deutschlands Mit! Englands — Frankreich ist auf diesem Gebiete weit Miilckgeblieben und kommt kaum in Betracht — sich nicht mci im Komfort, sondern namentlich auch in der Schnellig- Irilit chrer Schiffe gegenseitig zu überbieten. Jede solche
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BZW
Deutsches
Darmstadt, 17. März. Seine Königliche Hoheit der Großherzog sind gestern abend nach Italien abgereist. Im Gefolge befinden sich Oberstallmeister Riedesel Frhr. zu Eisenbach und Major ä la suite Frhr. v. Hehl.
Berlin, 17. März. Das Abgeordnetenhaus hofft die Beratungen des Etats in den nächsten Tagen zu Ende führen zu können. Alsdann wird der Etat sofort dem Herrenhaufe zugehen. Die erste Lesung der Kanalbau- Vorlage dürfte im Abgeordnetenhause erst nach den Osterferien stattfinden.
Berlin, 17. März. Das Abgeordnetenhaus begann heute die dritte Lesung des Etats. Der Justiz- Etat, der Etat der Central-Genossenschaftskasse, der Etat der direkten Steuern, der Etat der Berg-, Hütten- und Salinen-Verwaltung, der Eisenbahn-Etat, der Etat des Abgeordnetenhauses, derjenige des Finanzministeriums und ferner derjenige der landwirtschaftlichen Verwaltung wurden erledigt. Bei der Debatte über den Kultus-Etat vertagte das Haus die Weiterberatung auf morgen.
— Eine Ehrung Wallots. Nachdem bereits der Dresdener Architektenverein dem Schöpfer des deutschen Reichshauses anläßlich der im Reichstag über sein Werk und seine Thätigkeit gefallenen Aeußerungen seine Verehrung ausgesprochen, veranstalteten am 16. März abends die Studierenden der königlichen Kunstakademie zu Ehren Wallots einen großartigen Fackelzug, woran alle Künstler Dresdens und zahlreiche Verehrer des Meisters teilnahmen. Nach dem Eintreffen des Zuges an der von Wallot bewohnten Villa in der Hähnelstraße begab sich eine Abordnung in die WohnungEwo Architekt Menzel eine zündende Rede hielt, die in den Ruf ausklang: „Meister Wallot lebe hoch!" Als hierauf Wallot auf den Balkon hinaustrat, begrüßten ihn brausende Hochrufe der ganzen Festversammlung, die dann „Deutschland, Deutschland über alles" an- stimmte. Später fand ein Festkommers unter Teilnahme Wallots statt, der vom Professor Treu in einer Rede gefeiert wurde. In seinem Dank für die Ehrung sagte Wallot, sie freue ihn deshalb ganz besonders, weil er in ihr einen Protest gegen die Mißachtung erblicke, die im Reichstag einigen hervorragenden Künstlern und ihm selbst widerfahren fei.
— Gegen den Postzeitungstarif, gehen unausgesetzt Petitionen beim Reichstage ein, nicht nur von Zeitungsverlegern, sondern auch von Handelskammern, von
Hessischer Landtag.
Zweite Kammer der Stände.
nn. Darmstadt, 17. März 1899.
Die Sitzung wird um 9 Uhr eröffnet.
Zur Tagesordnung übergehend gelangt zur Beratung, tii Antrag des Abg. Köhler-Langsdorf, die Holz- berkchtigung der Gemeinde Gleimenheim betr. Die Regierung Hal s. Z. die Verpflichtung eingegangen, den Bürgern der ßemeinbe Gleimenheim gutes Scheitholz zu liefern. Nach unb nach wurde von feiten Großh. Regierung dieses Recht beschnitten und minderwertiges Holz zur Verteilung gebracht. In idem s. Z. abgeschloffenen Vertrag war nur von hartem die Rede, während die Regierung der Ansicht ist, die Vertragserfüllung habe jederzeit stattgefunden. Der Ausschuß beantragt, die Negierung zu veranlassen, daß der Fvchtbehörde aufgegeben wird, nur bestes Scheitholz zu liefrrn und nicht nur forstfiskalische Interessen zu fördern, damit der Gemeinde das von ihr erworbene Recht gesichert »erbe. Der Regierungs-Vertreter Oberforstrat Wilbr and wannt vor Annahme dieses Antrages, da hier eine privat- icchttliche Streitfrage vorliege, die nur durch einen Rechts- spri'ch zu erledigen sei. Die Regierung beabsichtige in keiner röche die Rechte der Gemeinde Gleimenheim zu schmälern. Die Abg. Brunner, Backes und Weidner treten für dm Ausschußantrag und die Rechtsforderung der Gemeinde Sleiimenheim ein, während Abg. von Brentano dagegen ist. Der Ausschußantrag wird hierauf gegen 1 Stimme nigrnommen.
Ein Antrag des Abg. Brunner uno Genossen, die llußhebung der Zollkredite für eingeführtes Getreide bett., ruft eine lebhafte Debatte hervor. Die Antragsteller wünschen, daß die Staatsregierung die hessischen Bundes- lMMitglieder dahin inftruieren soll, für die Aufhebung der Mkredite im Bundesrat einzutreten. Abg. Brunner ist der Meinung, daß durch die Aufhebung der Zollkredite eine wirtschaftliche Besserstellung der kleinen Mühlenbesitzer herb eigeführt werde. Ministerialrat Braun weist an han.d statistischen Materials dem Hause nach, daß es kiitotn Zweifel unterliege, daß ein bedeutendes Deficit in «Getreide in Hessen vorhanden sei, und daß es Pflicht kr Reichsregierung fei, für die Bevölkerung als auch im rililärfiskalischen Interesse stets eine große Menge Getreide |tei fbar zu haben. Schon aus diesen Gründen sei es kaum kullbar, daß die Reichsregierung die Transitlager aufgebe, int) daher sei es auch unmöglich, die Zollkredite aufzuheben, «iich das Ausland habe bedeutende Getreidelager, und wolle mm unsere deutsche Landwirtschaft konkurrenzfähig erhalten, |o müsse man auch bei uns für Anlegung von Transitlager- jäulfern eintreten. Die Aufhebung der Zollkredite habe joivohl die landwirtschaftlichen wie auch die Handelskreise u lebhaftem Maße beschäftigt, mehr wie eigentlich notwendig,
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