Ausgabe 
19.2.1899 Zweites Blatt
 
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Marburg eine alljährliche Gebühr eingeführt gleich 1% desGebäudesteuer - Nutzungswert s". Das ist der abgeschätzte Mietwert eines Hauses, 1% hiervon bringen uns jährlich 12 500 Mk. Kanalgebühren ein, womit wir thatsächlich die Betriebskosten decken können. Außerdem hat die Stadt von den Hausbesitzern einen einmaligen Bei­trag zu den Baukosten erhoben von 10 Mk. pro laufen­den Meter Grund stück s-Fronte, hierbei jedoch eine obere und eine untere Grenze in der Weise festgesetzt, daß der Maximalbetrag 25% und der Miuimalbetrag 10% des Gebäudesteuer - Nutzungswerts nicht überschreiten darf.

Diese einmaligen Gebühren haben rund 140000 Mk. eingebracht.

Die Kosten der Gesamtanlage der Kanalisation für Marburg berechneen sich auf 1075000 Mk. ohne rund 60000 Mk. Bauzinsen."

Erfolge d-er Kanalisation.Wir haben für Marburg auch bereits einen statistisch nachweisbaren er­freulichen Erfolg zu verzeichnen, die Sterblichkeit hat sich auf 1000 Einwohner pro Jahr gegenüber früheren Jahren um 2%0 verringert. Die geringste Sterblichkeitsziffer, ^welche unsere deutschen Städte seither ergaben, ist 10,7 pro 1000 Einwohner und Jahr; in Marburg haben wir zur Zeit die geringste Sterblichkeitsziffer unter den deutschen Städten mit 10,2%0."

Der Herr Redner bemerkte zum Schlüsse, daß sich die freundliche und gewerbereiche Stadl Gießen nicht auf die Dauer der Kanalisierung entziehen könne, und glaubt, daß es wohl bald zu deren Ausführung kommen werde. Er wünsche dann, daß die großen finanziellen Opfer, welche eine solche Anlage erfordert, der Stadt zum dauernden Segen gereichen möchten!

Hiermit schloß der Herr Vortragende seinen sehr zeit­gemäßen und dankenswerten Vortrag unter lebhaftem Beifall aller Zuhörer. Nachdem der Vorsitzende des National­liberalen Vereins, Herr Professor vr. Wimm en au er, dem Redner auch seitens des Vorstandes gedankt, eröffnete er die Diskussion, an welcher sich mehrere Herren durch Fragen von besonderem Interesse beteiligten, welche alle eine ein­gehende sachkundige Beantwortung durch den Herrn Redner fanden. Bei dieser Diskussion berührt Herr Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Gaffky die Fülle interessanter Aufgaben, welche das Kanalisationsfach den Architekten und Technikern noch auf die Seele lege, kennzeichnet besondere Eigentümlichkeiten des kombinierten und des Trennsystems, wie insbesondere die bei letzterem eintretende Erleichterung

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Die Marburger Kläranlagen betr., bemerkte Redner etwa Folgendes:Das Kanalwasser Passiert zunächst einen großen Filter, wo alles was unrechtmäßig in den Kanal gekommen ist, als Scheuerbürsten, Holzstücke ?c- erst abgefangen wird, bevor das Wasser in den Niensch'schen Rechen gelangt, der es durch Gitterrosten von 15 mm Spalt­weite, dann von 6 mm Abstand, zwischen diesen einen Sand­fang und zuletzt noch ein Feinsieb von 1% mm Maschen- rveite, passieren läßt. Der Riensch'sche Rechen bringt jährlich etwa 120 cbm Dungstoff, 150 cbm Rückstände ergibt der Sandfang und das Sedimentär-Becken etwa 600 cbm Schlamm, zusammen, 850900 cbm Rückstände jährlich. Untersuchungen haben ergeben, daß thatsächlich 75% der im Schmutzwasser suspendierten Massen gefangen werden.

Die Landwirtschaft behauptet zwar, durch die unvoll­kommenen Kläranlagen der deutschen Städte gingen dem deutschen Volk jährlich etwa 90 Millionen Mark verloren, diese müßten erhalten bleiben, es ist aber sehr schwer, diese Stickstoff-Verbindungen im Wasser zu fangen, das kostet auch eine unerschwingliche Menge Geld.

Solche chemischen Klärverfahren belasten das Budget der Stadt im Durchschnitt mit 1 Mk. bis 1.50 Mk. pro Kopf und Jahr, während die mechanische Reinigung, welche in Marburg zur Anwendung gekommen ist, jährlich etwg 15 Pfg. pro Kopf der Bevölkerung ausmacht.

Die Betriebskosten der Klärbecken-Anlage in Marburg betragen 2600 Mk. jährlich, insbesondere für den Wärter und einen Hilfsarbeiter, die Baukosten dieser Anlage betragen etwa 90000 Mk., wovon auf die maschinelle Anlage 160Ö0 Mk., auf die Rohrleitung 6500 Mk. und aus jedes der 2 Sedimeutieruugsbecken 15000 Mk. kommen. Wenn wir aber bei der Ausführung unsere heutige Er­fahrung gehabt, hätten wir Geld sparen können. Hinsichtlich der f i n a n z i e l l e n B e l a st u u g d e r S t a d t ist folgendes von Interesse. Wir haben für die K a n a l b e n u tz u n g in

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des Klärverfahrens, verbunden mit der Möglichkeit des Verzichtes auf die sogen. Notauslässe. Gelegentlich feiner interessanten Ausführungen über Vorbeugungen gegen fektiousgefahr, spendet der berufene Beurteiler sein Lob unserer Gießener Quellwasserleitung, die er als eine ,.i de alk­bezeichnet. *

Zum Schluß erbat sich noch der als Gast anwesendt Herr Oberbürgermeister Gnauth das Wort, um etwa folgen des auszuführen:

Nach Anhörung des so interessanten Vortrags empfabt er dem Herrn Berichterstatter gegenüber vor allem da; Gefühl der Beschämung, zunächst darüber, daß unsere Nach barstadt Marburg in einer so wichtigen Frage uns überhol, habe; einigermaßen tröstlich sei dabei nur das Bewußtste daß Gießen es nicht zu bereuen habe, wenn sich die 2öfun, dieser Aufgabe noch einige Jahre verzögert habe, denn gerat, in den letzten zwei Jahren seien Fragen namentlich out imDeutschen Verein für öffentliche Gesundheitspflege" - zur Erörterung gekommen, welche die Sache wesentlich gf klärt haben. So habe auch unsere städtische Verwaltung die Eigentümlichkeiten des kombinierten, wie des Trennung Meins auf Grund vorliegender von den Hauptvertr^ der betreffenden Systeme verfaßter Projekte einem eiiM deren Vergleich unterzogen. Wenn dessenungeachtet ... anwesenden Mitglieder der städtischen Verwaltung uiib tretung davon absehen müßten, sich dem Herrn Referenlo gegenüber zu revanchieren und ihm zu erzählen, ioi- wir es voraussichtlich machen werden^ so finde wohl ferne Entschuldigung in dem Umstand, daß er gernii augenblicklich eine größere Ausarbeitung in der Feder hab welche den verbindenden Text bilden solle zu dem uoi liegenden aktenmäßtgen Material, insbesondere zu den beibtr abschließenden Gutachten des Herrn Stadtbaumeisters und de Stadtverordneten, Herrn Geheimen Medizinalrat Prosessci vr. Gaffky. Die Rücksicht auf die StadtverordnttewVci sammlung gebiete darum zur Zeit noch eine gewisse ZurüL Haltung. Er fühle sich aber ganz besonders verpflicht dem Vorstand des Nationalliberalen Vereins zu banta für die Veranstaltung dieses zeit- und sachgemäßen Vortrag-, vor allem aber dem Referenten, Herrn Stadtrat Sardemam für die überaus glückliche und lehrreiche Art und Weist in welcher er seine Aufgabe gelöst.

Diesem Dank schlossen sich alle Anwesenden, die dem Vortrag mit Aufmerksamkeit gefolgt waren, gerne an. -n.

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