Ausgabe 
19.2.1899 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Sonntag den 19. Februar

»t. 43 Drittes Blatt.

1890

»ms

Flügel

°u Mk. %0.- n U|nent«n in.

Baarrabatt aferung.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.

ZZezugspreis vierteljährlich 2 Mark 20 Psg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn.

Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den Jelyniai Lag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr.

ANe Auzeigen-Bermittlungsstellen deS In- und AuSlandeS nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.

ßrfchelnl täglich HM Ausnahme des Montags.

Di« Gießener

Aamikienvlätter »erden dem Anzeiger »ichentlich viermal beigelegt.

Mk. 60.- an. iethen, IMk.

,B Wetkiiillt

Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren.

Ardaktion, Expedition und Druckerei:

Schnlstrahe Ar. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger chießen.

Fernsprecher Nr. '!.

*nf Einzelbestelluii liessen, eltersweg 91.

Halbverdecke, >stö' und Jagd, d Breaks ftetfi i

Ganz leichte Lau t und siu. 8flntr m zu billigen WageM

Politische Wochenschau.

Die Erledigung des Präsidentenpostens der französischen Nepablik durch den Tod Felix Faures überragt alle Kreigniffe dieser Woche um ein bedeutendes. Das hat noch zesehlt, um die politischen Wirren in Frankreich vollkommen j» machen und die Krisis auf den Gipfelpunkt zu treiben. Eßtnn diejenigen recht hatten, welche in dieser Zeit be­haupteten, Frankreich gehe der Anarchie entgegen, so muß jetzt diese Ansicht ihre Bestätigung finden, denn das Ableben vjtlir Faures fordert geradezu diejenigen zum handeln 3)<rau8, welche an der Unterminierung der gegenwärtigen . Zustände in Frankreich arbeiten. Man denke nur: das Wnze Land anläßlich der Dreyfus-Affaire in zwei heftig sich Mnipfenbe Parteien geteilt, welche einzig und allein durch dras Staatsoberhaupt zusammengehalten wurden, die Leiden­schaften aufs äußerste angefacht, der Korruption Thür und

Au^'

Feuilleton

0. Aus Oberhefsen, im Februar 1899.

heW neü

)11 ll.

iisU £ocomobil*aW fyiitscblMk- i

bren-J)*nPfkesst'|l inen bester

K alte Wurschensierrtichkeit!

(Nacbdruck verboten.)

Uhoi geöffnet und dabei das Rechtsbewußsein arg geschmälert! »Oabclich eine Situation, gleich derjenigen, in welcher Frank- i^ilh sich unmittelbar vor den großen Revolutionen befunden hat. Was wird nun werden? Wer wird die Erbschaft (tf-Mreg oder gar diejenige der Republik aufnehmen? Der Moment kann nicht günstiger sein, um einen kühnen Koup irgend eines Prätendenten zur Durchführung gelangen zu llZlskn und ein Va danguo-Spiel zu begünstigen. Giebt es feilte in Frankreich einen Mann, welcher mit Aussicht auf j-rztndtvelchen Erfolg die Präsidentschaft übernehmen könnte? rWhec hielt man Brisson für eine geeignete Persönlichkeit, W«lkher ja auch bei der Wahl im Jahre 1895 eine stattliche 3W von Stimmen auf sich vereinigte. Aber seine letzte ^Linisterpräsibentschaft hat ihm viel geschadet und seine Hal­tung in der Dreyfus-Affaire können ihm die chauvinistischen Meonzosen nicht vergessen. Jetzt wäre die Zeit gekommen, wo ri» Orleans oder ein Napoleon in die Bresche treten und Mmkreich retten könnte! Einen Rückblick auf die politische Bedeutung des so Plötzlich verstorbenen Präsidenten Felix Maure behalten wir uns vor. Der Verstorbene war jeden- feM eine imposante Persönlichkeit, an welche man sich halten Idinitf, und daß er Frankreich würdig zu vertreten verstand, b> cr in seinem Verkehr mit dem Zaren bewiesen.

^ehr wahrscheinlich hat sich mancher freundliche Leser Gießener Anzeigers" gefragt:Wie? und Warum? :Dr. Preetorius nach Amerika ausgewandert?!" Gerade

Vom Auslande sind sonstige hervorragende Ereignisse fbei letzten Woche kaum zu verzeichnen. Die Amerika­lt it i haben auf den Philippinen einige bedeutendere Siege üik die Aufständischen errungen, womit aber noch keines- ihre Oberhoheit über die Inselgruppe erwiesen ist. lÄS dürfte ihnen noch ein längerer Guerillakrieg mit den piättwäsche. göcV Pftchpinos bevorsteheu.

/.,; Fn mehreren Artikeln haben wir die über unsere innere r M lilik umlaufenden Krisengerüchte bereits gekennzeichnet, GfW umS unsere Vermutung war richtig: Es wird wieder abge-

i / a 3 1 ^raussenoerg zu

des Monats August 1846, an dem ,.,ij PraT*115, c*nc größere Anzahl anderer Studenten, die sich

1 V "sbhr oder weniger kompromittiert halten, deshalb

1J ^^Amerika gingen und weiter unten namhaft gemacht

/ & 'ollen, sowie sämtliche übrige Studenten: einerlei,

, ..^^ler, Burschenschafter oder Korps, beteiligten.«

Mtßener Studenten-Auszug im August 1846 ist wahr- !

. cA 1^n Nr. 33, erstes Blatt, desGießener Anzeigers" Otto Mittwoch dem 8. Februar ds. Js. brachten Sie die IM'tzncht, daß dem Chefredakteur derWestlichen Post" in S^.homs ^Nordamerika), Herrn Or. Emil Preetorius, Dirn jenten der Universität Gießen das Ehrendiplom et mit Doktors der Rechte durch Herrn Dr. Meier, hc i dtutschen Konsul, überreicht worden ist, und daß 16 ^ angesehensten Aerzte, Juristen und Kaufleute, die ihren D»Wor auf deutschen Universitäten gemacht hatten, der lot-'Ä'^^eichung des Diploms, sowie dem sich daran an- Bankette beiwohnten.

tc L

wiegelt, alles bleibt beim alten. Viel kommentiert im Aus­lande wird die Rede des Staatssekretärs v. Bülow im Reichstage über unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Es waren durchweg würdige Worte, welche der deutsche Staatsmann da äußerte und wir wollen hoffen, daß sie auf einen guten Boden gefallen sind, (xx)

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Februar. Der Kaiser sandte an die Witwe des Präsidenten Faure ein Beileids­telegramm und beauftragte den Botschafter Grafen Münster, der französischen Negierung seine Teilnahme aus- zusprechcn und einen Kranz am Sarge niederzulegen.

Berlin, 17. Februar. Die französische Botschaft hatte heute aus Anlaß des Ablebens des Präsidenten Faure Halbmast geflaggt. Der Staatssekretär v. Bülow stattete dem französischen Botschafter einen längeren Beileids­besuch ab.

Die Bischofswahl in Osnabrück. In einer Zuschrift an dieGerm." aus Osnabrück wird Klage ge­führt, daß sich die Bischofswahl in Osnabrück auffallend lange verzögere. In der Zuschrift heißt es:Bereits am 17. November v. I. hat unser Domkapitel die Kandidaten­liste für die Wahl eines neuen Bischofs eingereicht und ist somit als kirchlicher Faktor pünktlich und korrekt verfahren. Indes hat die Staatsregierung bis jetzt noch nicht sich ver­anlaßt gesehen, diese Angelegenheit auch ihrerseits zur Er­ledigung zu führen. In katholischen Kreisen ist man von dieser Lage der Sache recht wenig erbaut, und man fragt mit Recht nach den Gründen einer solchen unbegreiflichen Verzögerung, an die sich allerlei Umstände knüpfen, welche nur zu sehr geeignet sind, die Mißstimmung noch zu ver­mehren."

Gegen d i e Schädigung der deutschen Papierindustrie durch den neuen Postzeitungstarif richtet sich eine Reihe Eingaben, die dem Reichstag zuge­gangen sind. In einer dieser Petitionen heißt es:Wenn wir annehmen, daß die vom Postzeitungsamt beförderten jährlichen 1085 Millionen Zeitungen durchschnittlich gegen 50 Gramm wiegen, so ergiebt sich ein Gesamtgewicht von etwa 50 Millionen Kilogramm Papier. Es wird den Ver­legern leicht sein, dieses Gewicht um 10 vom Hundert, das heißt um 5 Millionen Kilogramm zu verringern. Mit den durch die Post versandten würden die durch Buchhandel, Streifband und Boten versandten Exemplare auf gleiches Gewicht vermindert, so daß man obige Zahl ungefähr ver­doppeln, das heißt die sofortige Verminderung des Papier­verbrauchs auf 10 Millionen Kilogramm schätzen kann. Die

scheinlich der letzte in Deutschland, vielleicht in der ganzen Welt, gewesen. Da und dort hört man zuweilen noch eine Bemerkung von einem alten Herrn darüber; viele sind nicht mehr am Leben, die den Auszug mitmachten, denn seitdem sind fast 53 Jahre, d. h. mehr als anderthalb Menschen­alter, und über hundert Semester verstrichen. Ergo: kann es nicht schaden, wenn man diesen, nicht blos für die studierende Jugend Gießens, sondern auch für manchen Gießener Philister, der dazumal noch ein junges Bürschlein war, sich aber beim Lesen dieser Zeilen an manches erinnern wird, höchst interessanten Vorgang in möglichster Kürze auf­zufrischen versucht. Und nun zur Sache:

Im sogen. Busch'schen Garten fand Freitag den 31. Juli 1846 ein Kinderball statt, der von den Gießener Honoratioren zahlreich besucht war. Ein nicht gerade in solidem Rufe stehender, etwas angetrunkener Student ver­langte Einlaß in den Ballsaal, wurde jedoch von dem an der Thüre aufgestellten Polizeidiener ziemlich barsch zurück­gewiesen. Darüber entstand zwischen beiden ein Wort­wechsel, der in Thätlichkeiten überging. Sogleich eilte der die Aufsicht führende Sergeant zu Polizeirat Zulehner, der sich im Saale befand. Dieser, ein etwas allzu schneidiger, rücksichtslos vorgehender, wenig beliebter Herr, befahl dem Polizeisergeanten, von der blanken Waffe Gebrauch zu machen. Der Sergeant folgte dem Befehl, und hieb dem Studenten, der sich durchaus nicht beruhigen lassen wollte, über das Gesicht, so daß er blutend, doch nicht lebens­gefährlich verwundet, niederstürzte. Außerdem ließ der Polizeirat die Ballmusikmitten im Walzer" aufhören, wo­durch das Vergnügen jach abgerissen und vollends verdorben wurde.

vom Weltmarkt durch Wettbewerb waldreicher Länder ver­drängte deutsche Zeitungspapierfabrikation verlöre einen Teil ihres heimischen Absatzes, also ihrer Lebensfähigkeit. Viele billige Blätter können die höhere Taxe nicht zahlen und müßten eingehen, neue würden nur in erheblich ver­minderter Menge gegründet." Das Gesuch des Geheimen Kommerzienrats Niethammer in Kriebstein, der in seinen Fabriken täglich tausend Zentner Notationsdruckpapier her­stellt und Vorsitzender des Verbandes deutscher Papier­fabrikanten ist, wurde von uns bereits erwähnt. Auch er führt aus, daß der neue Postzeitungstarif auf das schwerste die ohnehin von Schweden, Norwegen und Amerika ge­fährdete Lebensfähigkeit der deutschen Drnckpapierindustrie bedrohe, und daß die Vorteile, die die Reichspost durch Mehreinnahmen erzielen könnte, in keinem Verhältnis zu den dadurch herbeigeführten wirtschaftlichen Nachteilen stehen.

Deutsch-amerikanisches Kabel. Auf die Mitteilung von der beabsichtigten Herstellung einer direkten Kabelverbindung zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika schreibt derNew York Herald": Der Plan wird auf allgemeine Zustimmung rechnen können. Jede telegraphische Verbindung zwischen fernen Ländern ist ein Beitrag zur Aufrechterhaltung freundlicher Beziehungen. Sie erleichtert und bekräftigt den Handel zwischen den Völ­kern und verbindet sie fester in den Banden wechselseitiger Interessen. Der beschleunigte Verkehr durch ein direktes Kabel vermehrt den Austausch von Nachrichten und Ge­danken, hilft Mißverständnissen vorbeugen und die Völker zu gemeinsamen Gesichtspunkten führen eine Sache von eminentester Bedeutung in kritischen Zeiten, wenn sich der eine mit Sicherheit darauf verlassen kann, wie der andere die Lage ansieht. Es ist nicht zu viel gesagt, daß die Legung eines Ozeankabels die Wohlfahrt der Völker fördert wie ein Friedensschluß. Offiziös wird dazu bemerkt:Wir verzeichnen gerade im gegenwärtigen Moment diese Aeuße- rung des einflußreichen New-Yorker Blattes mit besonderer Genugthuung als einen Beweis, daß in den einsichtigen Kreisen der Vereinigten Staaten dieselben Auffassungen Wurzel schlagen, von welchen die maßgebenden Persönlich­keiten in Deutschland zweifellos erfüllt sind."

Die Polengefahr findet in derFrkf. Ztg." eine eingehende Würdigung, die sich zwar in erster Linie gegen die agrarischen Bestrebungen richtet, dieLeutenot" znr Heranziehung polnischer Arbeiter zu benützen, dabei aber den deutschen Standpunkt in einer bei dem demokratischen Blatte nicht oft bemerkbaren Weise betont.Wir sind gewiß die Letzten," heißt es in dem Artikel,die die Gleich­berechtigung in Frage gestellt sehen möchten, aber man kann sehr liberal sein und doch ein Fortschreiten der Polonisierung

Erst am folgenden Morgen verbreitete sich die Unglücks- nachricht wie ein Lauffeuer; wäre es noch in der Nacht geschehen, so würde unfehlbar der Ruf:Bursch' heraus!" erschollen sein, und ein starker Krawall wäre unvermeidlich gewesen, denn die ganze Studentenschaft hielt fest an ihrer akademischen Ausnahmestellung der Polizei gegenüber, und hätte die Mißhandlung eines akademischen Bürgers scharf zurückgewiesen.

Am folgenden Morgen, 1. August 1846, wurde eine allgemeine Studenten-Versammlung auf den sogenannten Loos'schen Felsenkeller, gegenüber der Anatomie, berufen; unter den Führern der studentischen Korporationen war alsbald die größte Einigkeit hergestellt, die sich auf sämt­liche anwesende Studiosen, etwa 400 an der Zahl, über­trug. Jede Eifersüchtelei schwand, es herrschte allge­meine herzliche Brüderlichkeit. An langen Tischen saßen die jugendlichen Gestalten in blauen, roten, weißen, grünen und schwarzen Farben. Begeistert hörten sie den Aus­führungen der Redner zu, die darlegten, daß die Ehre der Studenten verletzt worden, daß sie gemeinschaftlich ge­sühnt und wieder hergestellt werden, und daß sämtliche akademischen Bürger zu diesem Zwecke eine große Familie bilden müßten. Es wurde unverzüglich eine Beschwerde­schrift an den akademischen Senat entworfen, die sich in kurzer Zeit mit etwa 400 Unterschriften bedeckte. Zum Schluffe kommandierte der Senior der Teutonen, die da­mals den Vorsitz im 8. C. hatten, einen allgemeinen, feier­lichen Salamander, der mit einer unbeschreiblichen Be­geisterung exekutiert wurde.

(Fortsetzung folgt.)