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Zweites Blatt
Mittwoch den 18 October
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Fernsprecher Nr. 51.
* Bermittelungspolitik und Fürst Bismarck.
Gießen, 17. Oktober.
Der große Stillstand, der in der Transvaal-KrisiS am Ende der vergangenen und am Anfänge der laufenden Woche eingetreten war, hatte natürlich neue Anregung gegeben, «och durch Vermittelungsversuche den Frieden zu erhallen. Nicht nur in der ausländischen Presse, sondern auch in Deutschland selbst fehlte es nicht an Leuten, die der deutschen Regierung zumuteten, in erster Reihe England zu zwingen, Frieden zu halten. Diese Leute riefen dann wohl wehmütig aus: „Ja, wenn Fürst Bismarck noch lebte . . . .!"
Dieser Wunsch gehört nicht zu den sogenannten frommen, d. h. unerfüllbaren Wünschen, ^.rst Bismarck lebt noch. Ein Mann wie er ist nicht tot, wenn das Herz zu schlagen aufhört, und wie er im gegebenen Falle gehandelt hätte, können wir aus seinen Werken, seinen Schriften und seinen Reden entnehmen.
Die Zumutung, einer anderen Macht in einer nicht ganz unmittelbar die deutschen Interessen betreffenden Frage den Frieden aufzuzwingen, hat Fürst Bismarck, als es sich um den russisch-türkischen Konflikt vor 20 Jahren handelte, mit größter Schärfe zurückgewiesen. Er sagte: „Die Freundschaft, die uns glücklicherweise mit mehreren europäischen Staaten verbindet, deshalb aufs Spiel zu setzen mit dem einen Freunde, um einen anderen in Fragen, an welchen wir Deutsche ein direktes Interesse nicht haben, gefällig zu sein, ... das kann ich wohl, wo ich nichts als meine Person in die Schanze schlage, ich kann es aber nicht, wenn ich die Politik eines großen, mitten in Europa gelegenen Reiches von 40 Millionen Seiner Majestät dem Kaiser gegenüber zu beraten habe, und deshalb erlaube ich mir, hier allen diesen Stimmen und Zumutungen eine offene Absage zu erklären, daß ich mich darauf unter keinen Umständen einlassen würde."
Fürst Bismarck hat sich denn auch damals vor und «ach dem Kriege und während desselben sehr reserviert verhalten. Daß er Konferenzen zur Verhütung eines Krieges keinen großen Wert beimaß, hat er offen erklärt. Damals hatte der russische Kaiser nämlich vor dem Beginne des Krieges eine Konferenz der europäischen Mächte angeregt. Dazu sagte Fürst Bismarck: „In der augenblicklichen Sachlage liegt die Möglichkeit sehr nahe, daß trotz der Ueber- einstimmung diese Konferenz resultatlos verläuft, und es ist nach den Erklärungen der russischen Regierung für diesen
Fall die Wahrscheinlichleit sehr nahe gelegt, daß Rußland auf eigene Hand vorgehen würde, um der Pforte mit den Waffen abzukämpfen, was sie freiwillig nicht bewilligen will."
Wohl gemerkt, Fürst Bismarck verhielt sich selbst einer von einer der streitenden Parteien angeregten Konferenz gegenüber mißtrauisch. Vollends lehnte er es ab, selbst zwischen die streitenden Parteien zu treten. Da sagte er, gewiß habe Deutschland die Macht gehabt, den Krieg zu verhindern. „Es wäre das aber eine sehr große Thor- heit, um mich nicht eines stärkeren und geläufigeren Ausdruckes zu bedienen, wenn wir das gethan hätten. Es sind ja dergleichen Versuche in der neuesten Geschichte mehrere gewesen. Sie sind nie demjenigen, der auf diese Weise einen Krieg anderer verhindert, der mit einem quos ego den Frieden geboten hat, sie sind ihm niemals gedankt worden."
Fürst Bismarck erinnerte dann an das Verhalten des Kaisers Nikolaus bei den Verhandlungen von Olmütz. Der russische Kaiser habe damals den Krieg zwischen Preußen und Oesterreich verhindern wollen und auch verhindert. Sei ihm dies gedankt worden? Von Oesterreich nicht, das habe der Krimkrieg bewiesen. „Bei uns in Preußen ganz gewiß nicht. Die edlen Absichten dieses Herrn wurden verkannt gegenüber der Empfindlichkeit, die das nationale Gefühl einer großen Nation berührt, wenn eine andere Macht ihr gebietet ooer verbietet, was sie in einer Frage des eigenen Interesses, die sie glaubt selbst zu verstehen, thun oder lassen soll."
Dieser Satz über die nationale Empfindlichkeit, die durch die Intervention einer anderen Macht berührt wird, trifft auf die gegenwärtige Situation so zu, als wenn Bismarck den gegenwärtigen Zustand vorausgeahnt hätte. Denn wenn man auch gewiß der Ansicht ist, daß England sich im Unrechte befinde, so wird doch niemand bestreiten wollen, daß es sich um englische Interessen handelt, und zwar um Interessen, die die Engländer selbst zu verstehen glauben. Bei den Verhandlungen von Olmütz wird es sicherlich nicht an Dritten gefehlt haben, die, je nach ihrem Standpunkte, Preußen bezw. Oesterreich als im Unrechte befindlich ansahen. Aber diese Ueberzeugung giebt eben nach des großen Staatsmannes Ansicht kein Recht zur Intervention. Ob ein Volk im Rechte oder Unrechte ist: seine nationale Empfindlichkeit wird verletzt, wenn eine andere Macht, wie Fürst Bismarck sich ausdrückt, „ihr gebietet oder verbietet, was sie in einer Frage des eigenen Interesses thun oder lassen soll."
Fürst Bismarck war sogar so vorsichtig, daß er ganz
und gar nicht den Wunsch Hegte, daß der Kongreß, der nach dem russisch-türkischen Kriege abgehalten wurde, i» Berlin stattfände. Er erklärte vor dem Kongreffe ausdrücklich, er wäre ebenso mit Wien, Brüssel, einem Orte in der Schweiz oder irgend welchem anderen Orten einverstanden. Fürst Bismarck wußte eben, daß, wenn der Kongreß in Deutschland stattfände, Deutschland das Präsidium übernehmen und dann naturgemäß eine besonderhervorragende Rolle als Vermittler der Gegensätze spiele» müßte. Die Voraussetzung Bismarcks traf ein. Da der Kongreß in Berlin stattfand, mußte Bismarck eine hervorragende Rolle als „ehrlicher Makler" spielen. Er verfuhr dabei auf das Gewissenhafteste, er vernichtete bei der aufreibenden Thätigkeit seine angegriffene Gesundheit vollends, und was war der Dank? Eine langjährige Verstimmung mit Rußland, über die er sich bekanntlich in seiner große» Rede vom 6. Mai 1888 mit der halb humoristischen, halb bitteren Bemerkung äußerte, er hätte gedacht, wenn er nicht schon den höchsten russischen Orden gehabt hätte, müßte er ihn für seine Thätigkeit auf dem Kongreffe erhalten, statt dessen seien nur Angriffe seine Belohnung gewesen.
Die hier erwähnten Reden des Fürsten Bismarck falle» mit Ausnahme der letzterwähnten Aeußerung sämtlich in die Zeit vor dem Berliner Kongresse. Wenn er schon damals eine sehr energische Abneigung gegen Interventionen empfand, so konnten die bitteren Erfahrungen nach dem Berliner Kongreffe ihn nur in der Anschauung bestärken, sich um fremde Angelegenheiten so wenig wie möglich zu kümmern.
„Eine sehr große Thorheit, um mich nicht eines stärkere» Ausdrucks zu bedienen", hat Fürst Bismarck das Verlange» genannt, sich zwischen zwei kampfbereite Gegner zu stellen. Wer also behauptet, die Auffassungen Bismarck'scher Politik als richtig und für die eigenen Grundanschauungen maßgebend anzusehen, handelt doch eigentlich recht unhöflich, wenn er dem gegenwärtigen Leiter der auswärtigen Politik zumutet, etwas zu thun, was Fürst Bismarck mit so derben Worten charakterisiert hat.
Nun ist es ja nicht unmöglich, daß durch,den Verlauf des Transvaalkrieges deutsche Interessen nicht nur mittelbar, sondern unmittelbar bedroht werden. Wenn aber dieser Fall eintritt, so befinden wir uns einer ganz anderen Lage gegenüber. Der bloße Ausbruch des Krieges schädigt unsere Interessen nicht. Wenn später eine Schädigung z« besorgen ist, so wird es Zeit sein, sich die Frage vorzulegen, was zur Abwendung dieser Gefahr zu thun sei. Und bann wird uns auch der Bismarck, der in seinen Werken fortlebt, nicht im Stiche laffen.
Feuitletsn.
• Ohm Paul. Von einem Deutschen, der nach sieben- ;ährigem Aufenthalt in Transvaal nach Berlin zurückgekehrt ist, erhält der „Hann. Cour." eine Schilderung des Präsidenten Krüger: „Es ist heutzutage eine seltene Erscheinung, daß ein Mann, der mit steifer Hand nur bte Buchstaben seines Namens malen kann, int Staube ist, seit Jahren schon bte Welt in Spannung zu halten, unb mit den gewiegtesten Diplomaten Englanbs fertig zu werden: einen Shepstone um die Früchte seiner Erfolge zu bringen, einen Kimberley und Loch nach Hause zu schicken und einem Lharnberlain empfindliche Schlappen beizubringen. Dazu genügte nicht die angeborene Bauernschlauheit, es gehörte ein Leben voll politischer Kämpfe und eine so intime Kenntnis von den Traditionen der englischen Politik dazu, wie sie der Patriarch von Prätoria im Verlauf von fünf Dezennien erworben hat, um sie zum Vorteil seines Vaterlandes zu verwerten .... Jetzt schwört jeder Bur, mit Ohm Paul zu stehen und zu fallen. Jetzt sind sie auch für sein Leben besorgt, und der Volksraad hat ihm einen Wagen zur Verfügung gestellt, in dem er, von Polizisten begleitet, seine Ausfahrten macht. Sonst aber ist er durchaus primus inter pares, und er hütet sich wohl, durch irgend welchen Aufwand Unwillen zu erregen. So bewohnt er, obwohl er ein reicher Mann ist, eine bescheidene Cottage, die nur aus Parterreräumen besteht. Hier hat jeder Bur das Recht, ihn zu besuchen, und auszufragen und eine mächtige Taffe Kaffee zu trinken. Dafür bekommt der Präsident jährlich 500 Pfund Kaffeegeld. Außerdem gehört es zu den demokratischen Pflichten des Präsidenten, in bestimmten Zwischenräumen durch das Land zu reisen und den Bürgern Rede unb Antwort zu stehen. Da fährt er zu Wagen von Dorf 4» Dorf. Zur angekündigten Stunde kommen die Buren
herbeigeritten. Der Präsident sitzt gewöhnlich unter einem Baume, denn größere Säle giebt es im Lande nicht, und nun beginnt das Verhör. Alle nur denkbaren Fragen über die innere und äußere Politik werden an ihn gerichtet, und der Dümmste hat gewöhnlich auch die meisten Fragen. In dieser Lage muß man nur einmal Ohm Paul sehen, um zu verstehen, wie er seine Leute zu meistern weiß. Wenn ihm verständige Fragen vorgelegt werden, denkt er einen Augenblick nach und giebt dann kurze, kluge Antworten. Sind ihm die Fragen aber unbequem, so weiß er sich aalglatt zu entwinden. Er treibt den Frager in sokratischer Weise durch eine Reihe von Gegenfragen in die Enge ober antwortet in Parabeln und Gleichnissen, und wenn er gar zu hartnäckig bedrängt wird, so macht er einen derben Scherz, durch den er die Lacher auf feine Seite bringt. Oft war ich Zeuge, wie er unbequeme Frager unter allgemeiner Heiterkeit abgeführt hat. Einmal hörte ich, wie ein vorlauter Bur ihn fragte, weshalb die große Summe von 30000 Pfund für den geheimen Fonds in den Etat eingestellt worden sei. Da blinzelte er mit den Augen und antwortete unter schallendem Gelächter: „Wenn ich Dir das sagen würde, Neffe, wäre es doch kein geheimer Fonds mehr." Von anderer Art ist Krügers Beredsamkeit im Volksraad. Wenn er sich hier schwerfällig vom Sitze erhebt, kommt in seine kleinen Augen Leben und Feuer. In gebückter Haltung, mit vorgebeugtem Kopfe spricht et unter lebhaften Gesten und mit lauter etwas krächzender Stimme und mit einer Ueberzeugungskraft, die fortreißt. Auch hier bedient er sich häufig biblischer Gleichnisse, wie er es überhaupt liebt, Gitate aus der Bibel heranzuziehen. Man hat ihm in dieser Beziehung häufig den Vorwurf der Heuchelei gemacht, aber wer den Mann kennt, weiß, daß in ihm eine wirklich kindliche Frömmigkeit und ein seltenes Gottvertrauen lebt, und daß er auch in seinem Privatleben streng biblische
Grundsätze verfolgt. Er steht daher in unbezweifelter Integrität da, und selbst die englisch südafrikanische Presse hat seine Unbestechlichkeit nie angetastet. Man kann sage», daß sich in ihm die schätzbaren Tugenden der Buren vereinigen : die zähe Beharrlichkeit, die simple Frömmigkeit, die natürliche Schlauheit. Im beständigen Ringen um die Freiheit seines Volkes hat er sich zu einem diplomatische» Talent ersten Ranges entwickelt, das den Engländern noch manche Schwierigkeit machen wird."
• ein schwarzer Rekrut befindet sich unter dem für da- Leib-Grenadier-Regiment König Friedrich Wilhelm III. Nr. 8. in Frankfurt a. O. bestimmten Ersatz. Der junge Mann, Namens Kongo, der in Afrika geboren ist, aber von seinem fünften Lebensjahre an in Deutschland lebt, war bis vor kurzem Diener iu einer adeligen Familie, die ihn seinerzeit als Kind in Tunis auf dem Sklavenmarkt gekauft und mit hierher gebracht hat. Der Schwarze, welcher große Neigung zum Soldatenstande zeigt, hat sich freiwillig bei dem achten Regiment gemeldet und wird von seiner früheren Herrschaft während feiner Dienstzeit unter- stützt werden.
• DaS Burenlied. Wie weit in Deutschland die Begeisterung für die stammverwandten Buren geht, zeigt am deutlichsten die Tatsache, daß unter den neuesten Kompositionen sich ein Burenlied von Dr. G. Leonhardt in Dessau (Verlag Osterwitz) befindet. Eine kernige Melodie zu einem freiheitsbegeisterten Texte, von dessen in deutscher und holländischer Sprache beigedrucktem Inhalte man sich einen Begriff aus dem Schluffe
„Eine feste Burg in jeder Not Ist meine Büchse unb mein Gott." machen kann. Es ist nicht zu bezweifeln, daß da- Sieb t» vielen deutschen Herzen widerhallen und a»S viele» deutsche» Kehlen erklingen wird.


