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18.10.1899 Erstes Blatt
 
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91t. 245 Erstes Blatt. Mittwoch den 18. Otlober

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Meßmer Anzeiger

Keneral-Anzeiger

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nn0«ic een Anzeigen zu 6er netynittofl für le» Mt<B6ni t«| erscheinenden Nummer Hl um. 10 Uhr.

Bf «nzeigen-vermtttlun,«stellen k« In- und InlUnke nr|nuD Rnzrigeu für den Gießener Anzeiger entgeß«.

trftetaf ttgNch mit Ausnehme de« Mente,«.

Bi« Gießener »a*Wt»IUUtt »erden dem Anzeiger »öchenNich vtermel deigelegt.

Amts- und 2lnzeigeblntt für den Kreis Gieszcn.

AedekNen, Expedition und Druckerei:

Achmlßrnße Mr. 7.

Gratisbeilagen: Gießener FamilienblüUer, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde.

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Adresse für Depeschen: Anzeiger $<««*.

Fernsprecher Nr. 61.

Amtlicher $til

Bekanntmachung.

Nachdem zur Ausführung einer Entwässerung von Grundstücken in den Fluren XI, XII und XIV der Ge- «narkung Großen-Linden Antrag auf Bildung einer öffent­lichen Wassergenossenschaft gestellt worden ist, die Groß- herzogliche Obere landwirtschaftliche Behörde als fachliche Zentralbehörde das beabsichtigte Unternehmen als zweck­mäßig und zulässig erachtet uud die Einleitung des Ver­fahrens zur Bildung einer öffentlichen Wasscrgenoffcnschast angeordnet hat, wird hiermit zur öffentliche« Kenntnis ge- bracht, daß die Vorarbeiten hierzu vom 9 bis zum 23 Oktober l. IS. auf dem Bureau der Großherzoglichen Bürgermeisterei Großen-Linden zur Einsicht sämtlicher Grund­eigentümer, deren Grundstücke in die zu verbessernde Fläche fallen, offenliegen.

Gleichzeitig werden diese Grundeigentümer zur Ver­handlung und Beschlußfassung, sowie zur Wahl ihrer Ver­treter für daS weitere Verfahren auf.

Mittwoch, den 25. Oktober l. IS., nachmittags 5 Uhr,

in das Gemeindehaus zu Großen-Linden vorgeladen, unter Androhung des RechtSnachteilS, daß die Nichterfcheincnden, sowie die Nichtabstimmenden als dem beantragten Unter- nehmen beistimmend, mit der Wahl der Vertreter einver­standen angesehen und mit ihren Einwendungen gegen die Art der Ausführung später nicht mehr gehört werden.

Diejenigen Grundeigentümer und WasserbenutzungS« bcrechtigtcn, die an dem Unternehmen nicht unmittelbar be­teiligt erscheinen, werden hiermit aufgcfordcrt, etwaige Ein­sprachen gegen daS Unternehmen in der vorerwähnten Tagfahrt geltend zu machen, widrigenfalls die Einsprachen nach Ablauf der Frist nicht mehr berücksichtigt würden und nur noch privatrcchtliche Entschädigungsansprüche gegenüber dem Unter­nehmen geltend gemacht werden könnten.

Gießen, den 27. September 1899.

Großherzogliches KrciSamt Gießen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Am Sonntag, 22. dS. MtS., nachmittags 3 7a Uhr, wird Großh. Direktor I)r. v. Peter aus Fried berg in Ober-Hörgern im Lokal von Düringer einen Vortrag über Molkereiwefeu uud Gründung einer Molkerei halten.

Ich lade hierzu jedermann, der sich dafür interessiert, freundlichst ein. Die Herren Bürgermeister von Ober- Hörgern, Eberstadt, Holzheim, Muschenheim,Dorf Güll wollen für Bekanntmachung im Orte sorgen.

Gießen, den 10. Oktober 1899.

Der Direktor des landw. Bezirksvereins.

v. Bechtold.

* Der englische Imperialismus.

Gießen, den 17. Oktober 1899.

Bei dem gegenwärtigen Stande der TranSvaal- krisis gewinnt daS Urteil eines neutralen Beobachters Be­deutung, das in einem soeben im Verlage von Hobbing u. Büchle in Stuttgart erschienenen, sehr anregenden Werke deS Schweden Gustav F. Steffen,England als Welt macht und Kulturstaat", vorliegt. Schon in zwei früher veröffentlichten Werken hat Steffen tiefgründige und scharf­sinnige Beobachtungen Uber das englische Leben veröffentlicht. In dem neuen Werke untersucht er die wirtschaftlichen und moralischen Grundlagen des gegenwärtigen Großbritannien enb die Voraussetzungen, Mittel und Ziele, der auf den politischen und wirtschaftlichen Zusammenschluß des Mutter- landes und der Kolonien gerichteten Politik, die aus Groß- britannien einGreater Britain zu machen bestrebt ist und «nter dem Namengrößerbritischer Imperialismus" zu­sammengefaßt wird. Manches Schlaglicht fällt dabei auf die deutschen Verhältnisse und die Momente, welche Deutsch land als nächsten Konkurrenten Englands bei jener Politik erscheinen lassen, die auch der innere Grund des ganzen Verhaltens des englischen Kabinetts Transvaal gegen- Aber find.

Die Gesamtzahl der Briten auf der ganzen Erde be­läuft sich auf 50 Millionen, wovon 39,5 in England sitzen. Enorm ist die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten ge-

stiegen. Hand in Hand mit der Vergrößerung des Reichs­gebietes und der Bevölkerungszunahme ging die industrielle und kommerzielle Entwickelung des Mutterlandes. Im Lause de« letzten halben Jahrhunderts hat sich der Wert der Der- schiedenen britischen Hauptindustrien verdreifacht; der Wert- betrag des Handels ist in noch stärkerem Verhältnis ge­wachsen; der Ertrag der britischen Landwirtschaft auf einen Bruchteil seines früheren Umfanges gesunken. So sind die Engländer zu einer Nation von Stadtbewohnern und In­dustriearbeitern, Fabrikanten, Kaufleuten uud Buchhaltern geworden, die exportieren uud verkaufen müssen, um genug zum Leben zu erhalten. Erzeugen, um zu verkaufen, so sagt Steffens weiter, bringt aber mit sich, daß mau bezüglich seiner Arbeit und seines Erwerbes von dem Schwanken in den ökonomischen Verhältnissen anderer abhängig wird. Die Engländer werden zwar, alsNatiou angesehen,dadurch beständig reicher, daß sie daS kommerzielle System ans die Spitze treiben, gleichzeitig aber auch beständig abhängiger von der Kaufkraft und der Kauflust ihrer zahllose» Kunden jenseits des Meeres. Sie müssen für ihren ungeheuren Ueberschuß an Stoffen, Baumwollgarn, Eisen- und Messingware, Steinkohle usw. Abnehmer finden; daS System darf nicht einen einzigen Monat versagen, ohne daß der gerühmte Wohlstand in nationalen Verfall umschlüge, uud das System muß nicht allein stabil sein, muß auch für alle Zukunft noch weiter entwickelt werden können, wenn der darauf be­gründete nationale Fortschritt eine Zukunft haben sott.

Einen endlos anwachsenden Markt für Iuduslriecrzeug nissc zu haben und zu behalteu, vorkommendeu Falles uu- bequeme Konkurrenten von diesem Markte ausschließen zu können, eine Art Bruderbund mit diesem Markte zu schließe«, um aus den unsicheren Verhältnissen, die das Industrie- und Exportregime geschaffen, hcranözukommen, das ist der Gedanke, zu dem Englands ökonomisch politische Entwickelung hingeführt. Es ist dies die aller neueste Lebensidee des modernen England, und nach dieser gestaltet sich auch das soziale und kulturelle Jdeenlebcn deS Laubes. Nicht nur die leitenden Staatsmänner werden von dieser Idee beherrscht, nicht nur Fabrik- und Grubenbesitzer, Exporteure, Schiffs rheder und Foudsmakler. Auch die Lohnarbeiter beginnen, wie Steffens hervorhebt, einzusehen, daß England seine Industrie bis zu einem Grade gesteigert hat, bei dem das Land ohne einen ungeheuren Export, der den Warenüberfluß ableitet und dafür Nahrungsstoffe heranbringt, nicht mehr bestehen kann. Die Kleinbürger, die Handwerker, Laden­inhaber und Handlungsgehilfen, sie kennen recht gut den Unterschied zwischen flottem und flauem Handelsverkehr mit den Kolonien, denn jede bedentendere Schwankung in der Ausfuhr teilt ihre Wirkung dem ganzen englischen Gesell schastskörper mit. Zu dem großenImperium Britannienm" sollen die ungeheuren indischen Vasallenstaaten mit ihren 287 Millionen Einwohnern gehören, die großen Schntzgebiete in Asien, die großen und kleine« Kolonien in Amerika und Australien und die Interessensphäre und Kolonien i« Afrika, und überall hat man «ach dem Grundsätze gehandelt, daß ohne Freibeutertalente keine Kolonisation in großem Stile ge­trieben werden kann. Auf diesem Wege gelangte man von der Iamesouiade zu der nun der Entscheidung harrenden Auseinandersetzung, bei der genau alleVorschriften des Völkerrechts" innegehalten sind.

Die Leitung der deutschen Politik hat diesen Vorgängen gegenüber mit Recht den Standpunkt gewissenhafter Neu­tralität eingenommen; sie wird aber nicht hindern können, daß sich die Nation ein selbständiges Urteil darüber bildet. Ohne sich von an sich begreiflichen Sympathien für den schwächeren und angegriffenen Teil treiben zu lasscu, wird mau in Deutschland die Vorgänge in dem oben geschilderten Zusammenhänge unter Berücksichtigung der kaufmännischen Instinkte der englischen Politik betrachten, die sich gegen jeden Konkurrenten iii voller Unverträglichkeit äußern. In einem besonderen Kapitel weist Stessens darauf hin, wie sehr sich dieseUnverträglichkeit" gegen den deutschen Gewerbefleiß richtet, der lange Jahre wegen seiner Rückständigkeit über die Achsel angesehen wurde. Jetzt wird er dem Engländer unbequem, weil er auf den Gebieten der Industrie, des Handels und des Kolvnial- wefens in die Welt hinausdrängt, und feine Fabrikation-- Methode und Erzeugnisse oft besser und billiger als die eng- ischen sind. Halten wir ihn also auf politischem Wege in Schach, sagt der englische KaufmannSverftand, der recht wohl versteht, wie Truppen und Kriegsschiffe, Magazingewehre und 40 TonSkanonen für dietief friedlichen" Interessen )eS Weltgroßhändlers zu benutzen sind. Auf demselben Boden ist die lärmende Preßagitation gewachsen, die, so­

bald in Deutschland Zeichen erneuerter Bestrebungen aus kolonialpolitischem Gebiet austaucheu, ein Bündnis zwischen England und Frankreich verlangt, oder, wenn die Ereignisse deS Tages den kommerziellen uud kolonialen Wettstreit mit Frankreich und Rußland beleuchten, sich in moralisch- religiösen Sentimentalitäten ergeht »Iber die herrlichen Vorteile fürMenschlichkeit, Wahrheit und Recht", die ein angel- sächsischer Bruderbund, d. h. ein Bündnis mit bei» Ver- einigten Staaten, mit sich bringen müßte.

Auf diese Stimmungen uud Vorgänge wirft der Zwist mit Transvaal ein hell leuchtendes Schlaglicht. Mag daher die deutsche Politik mit gute« Gründe« neutral »mb frei Don Sentimentalität bleiben, so wird sie doch die Dinge scharf im Auge halten müssen, mit kühler Abwägung der Umstände, die eine weitere Etappe des englischen Imperialis- muS bedeuten. Höchst wahrscheinlich würde mit dem Falle Transvaals daS bcjlc Stück des bisherigen zollpolitifchen UuabhättgigkeitSgefühlS der Kapkolonie zusammenbrecheu und die englisch kanadische Zollannäherung, die England zur Kündigung des HaudelSabkommenS mit Deutschland geführt hat, eine Erweiterung durch den Auschluß von Südafrika erfahren. Au daS englisch.kanadische Abkommen zollpolitisch die Kapkvlonie zu schließen, ist Englands erstes Interesse in Südafrika und noch immer schweben, ohne daß vo« Aussichten auf einen befriedigenden Abschluß in absehbarer Zeit zn hören wäre, die von England so lange hingezogeneu Verhandlungen über einen neuen deut sch-britischen Zoll- vertrag.

* Bom 5lricgsschtNtPlah.

London, 16. Oktober. Seit gestern sind die Meldungen aus Kapstadt vollständig auSgebliebeu infolge der energischen Een für, welche über alle südafrikanischen Telc- gram nie verhängt ist.

London, 16. Oktober. Nach Meldungen aus Kapstadt ist Kimberley von den Buren vollständig ein- geschlossen. Masekiug soll bereits von denselben er­obert sein.

London, 16. Oktober. DieCentral New«" melden: Die letzten Nachrichten aus Maseking über Kimberley, ehe der Draht zerschnitte»» worden, lauten: Die Stadt wird von den Buren unaufhörlich mit Bomben beworfen. Es geht da« Gerücht von der Kapitn- lat ion, doch ist nicht« sicheres bekannt.

London, 16. Oktober. DieTimes" veröffentliche« in ihrer heutige« Abendausgabe ein Telegramm au« Kap­stadt, wonach die Afrikander in der Kap Kolonie beschlossen haben, mit den Buren gemeinsame Sache zu machen. Diese Meldung wird in den Londoner Transvaal- kreise»» bestätigt.

London, 16. Oktober. Nach den neuesten Meldungen aus Natal sind 1 6000 Buren mit 12 Geschützen von Osten ausgebrvcheu und stehen 1 5) Meilen von Dundee. Ebenso sind bic Muren beiLadysrnith irn Vormarsch begriffen. Mau erwartet einen großen Angriff auf beibe Plätze.

London, 16. Oktober. Der Berichlerstallcr derTime«" in Südafrika meldet, daß BOO Gepäckwagen der Buren nach Lad»)fmi1h unterwegv sind, während über 6000 Bure»» sich auf ellglischem Gebiet befinden. General Joubert hat dem Eorrespoudeteu dcrTimeS" untersagt, die Truppenbewegungen der Buren zu verfolgen. Zwei Kompagnie« befinde« sich als Vorposten der Buren-Armee bei Ne»v-6astle.

London, 16. Oktober. Bei Dundee wurden einige Schüsse zwischen einer englischen Patrouille uud einer Ab teiluug Bure«, welche de« Bufsallo überschritte«, gewechselt, aber oh«e Verluste. Ladymith ist vorzüglich befestigt. Geueral White hat 9000 Mann dort und 4000 bei Dundee. Er kann also den Angriff ruhig a(warten. (So berichten nämlich englische Zeitungen.)

London, 16. Oktober. An« Kapstadt wird offiziös bestätigt, daß starke Truppen . A bteilungc« an« Transvaal und dem Oranje Freistaat in Natal ein- fletroffen sind. Der englische General White hat zwei Regimenter fiepen die Buren abgesandt mit dem Befehl, die- selben auzugrelsen. In Port Natal ist gestern ei« au« Ilidien kommende« TranSportschlff mit 700 Mann englischen Truppen anfiefommen.

London, 16. Oktober. Die morgige Thronrede wird ich ausschließlich mit der Transvaal-Angelegenheit beschäf. igen. Lord Salisbury hat telegraphisch die übrigen Minister Ur heute nachmittag 1 Uhr zu einer Beratung in« Au«- wärtige Amt zusammenberufen.