Ausgabe 
17.12.1899 Viertes Blatt
 
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bestritten, und daS Dunkel, welches über seine Person schwebte, nie gelichtet worden.

* Die Hände im Winter. Nächst den Füßen haben die Hände am meisten von der Winterkälte zu leiden. Nur zu ost färbt diese sie rot. Nun sind von der natürlichen Schminke des Winters gefärbte Backen wohl ein gesundes Zeichen der Frische, aber von Kälte gerötete Hände be­dürfen der Beachtung. Gegen die Hände wird im Winter viel gesündigt, und nur zu oft werden sie allzu rücksichtslos behandelt. Kommt man mit eiskalten Händen nach Hause, so ist eS das Gewöhnliche, daß man sie direkt an den heißen Ofen hält. Das ist nicht richtig. Am schlimmsten wird den Händen mitgespielt, wenn man sie, noch feucht, plötzlich der großen Wärme aussetzt. Schneller Wechsel ist den Händen, wie überhaupt der Haut, sehr schädlich. Er ruinirt die Nerven. Kranke, äußerst empfindliche Glied­maßen für die spätere Lebenszeit ist die Folge. Erstens schütze man die Hände möglichst durch warme, bequeme, nicht zu enge Handschuhe. Die aber, welche nicht in Hand schuhen arbeiten können, und die Hände im Kalten gebrauchen müssen, und die, bei denen das Hantieren im kalten Wasser unvermeidlich ist, sollen wissen, daß kalte und feuchte Hände nur allmählich erwärmt werden dürfen, und nicht durch direkte Ofenwärme, sondern durch warme Umhüllung. Bleibend gesunde Hände sind mehr wert als momentaner Zeitgewinn.

** Neue Frachtbriefformulare. DasReichsgesetzblatt­veröffentlicht eine mit dem 1. Januar in Kraft tretende neue Eisenbahnverkehrsordnung, die auch neue, gegen die seitherigen abweichende Frachtbriefformulare vor­schreibt. Indessen dürfen, wie bereits mitgeteilt, die gegen­wärtig noch gütigen Frachtbriefformulare noch bis zum 31. Dezember 1900 einschließlich verwendet werden.

** Muffen Oefeu rc. besonders versichert werden? Ver­schiedene an uns gelangte Anfragen lassen vermuten, daß Zweifel darüber bestehen, ob Oefen, Herde rc. in die Ge­bäudeversicherung mit eingeschlossen oder besonders zu ver­sichern find. Wir verweisen darauf auf das Gesetz vom 30. Oktober 1860, in dem eine auch in das später ab­geänderte Gesetz übernommene Bestimmung über in die Gebäudeversicherung eiuzuschließende Mobiliargegenstände Oefen, eingemauerte Kessel, Turm-Uhren rc. als ohne weiteres in die Gebäudeversicherung eingeschlossen be­zeichnet. Danach ist eine Sonderversicherung dieser Gegen­stände nicht notwendig.

** Zur Jahrhundertwende. (Eingesandt.) Nur mehr eine kurze Spanne Zeit trennt uns von dem denkwürdigen Momente, da ein Jahrhundert scheidet und die Menschheit in ein neues, daS Zwanzigste christlicher Zeitrechnung, ein­tritt. Kaffer und Papst bereiten Säkular Kundgebungen vor, die deutsche Postverwaltung beabsichtigt die Heraus­gabe von Säkularpoftkarten, aus einer Reihe von Städten bringt die Presse Mitteilungen über projektierte Sylvester­feiern. So verlautete insbesondere aus Nürnberg, daß dort die Gemeinde-Kollegien mit Rücksicht auf die Jahrhundert­wende die Veranstaltung einer allgemeinen Feier in der Sylvesternacht beschlossen haben, wozu die Sänger vom Rathause weg nach dem festlich beleuchteten Marktplatze ziehen werden. Der Moment der Jahrhundertwende ist in der That für die Menschheit ein so hochernster, hochfeier­licher, daß er nirgends ohne ein ernstes, würdevolles Ge­denken vorübergehen sollte. Ob auch in Gießen bereits eine solche Kundgabe geplant ist, darüber hat, bis jetzt wenigstens, in der Oeffentlichkeit nichts verlautet. Wenn aber nicht, dann mögen diese Zeilen vielleicht einen Anstoß zu einem solchen Weihe-Akte geben, der sicherlich die Sym- pathieen der gesamten Bevölkerung finden wird.

** Nach dem Amtsblatt des Reichspostamts wird es schon vom 20. Dezember ab gestattet sein, im innerdeutschen Ver­kehr Postkarten mit Bilderschmuck und Aufklebungen auf der Rückseite zu versehen, soweit dies nicht die Eigen­schaft der Sendung als Postkarte beeinträchtigt.

§ Ruppertenrod, 15. Dezember. Gestern abend gegen V29 Uhr erschallten plötzlich Feuerruse durch die Orts- straßen. Ein Heller Feuerschein am nächtlichen Himmel zeigte bald, daß es im Orte selbst brenne. Die Hofraite dec Karussellbesitzerin, Frau Herbst Witwe, stand in des Wortes voller Bedeutung in hellen Flammen. Kaum, daß man des Brandes gewahr wurde, bildeten auch schon Scheuer und Stallung eine einzige Flammensäule. Nur mit knapper Not rettete man die zwei Pferde, die Ziege nnd zwei Schweine. Eine Anzahl Hühner und ein Hund verbrannte. Durch thatkräftiges Eingreifen der Feuerwehr gelang es, die brennenden Gebäude zusammenzureißen und das dicht an die brennende Scheuer schließende Wohnhaus zu retten. Ein Glück war es, daß die Nacht windstill war, andernfalls wäre ein großes Feuer unvermeidlich gewesen. Die Brandstätte liegt an einem für Feuer sehr gefährlichen Platze, wo die Hofraiten dicht aneinander schließen. Die Löscharbeiten wurden durch die grimmige Kälte ( 12 Grad Reaumur) ungemein erschwert. Jeder Waffertropfen, der nicht in die Glut fiel, fror sofort zu Eis, und die Lösch Mannschaften, die benetzt wurden, staken zuletzt in zu Eis gefrorenen Oberkleidern. Der Brandschaden trifft die Ab­gebrannten sehr empfindlich, da ihre Sachen nicht versichert sind. Eine größere Hochzeit, die man am Orte feierte, erlitt durch den Brand eine unliebsame Unterbrechung.

§§ Aus dem Ohmthal, 15. Dezember. Die geplante Ohmthalbahn ist wieder einen bemerkenswerten Schritt weiter ihrer Vollendung entgegengeführt worden. Der Hauptpunkt, worum es sich noch drehte, war die freiwillige Geländestellung durch bic Gemeinden. Zu dieser freien Hergabe haben sich nun die Gemeinden bereit erklärt. Nur eine kleine Gemeinde steht noch mit ihrer Erklärung auS, dürfte sie aber sicher auch im bejahenden Sinn abgeben.

In voriger Woche befand sich ein staatlicher Techniker im oberen Ohmthal, der die Gefteinarten ob ihrer Beschaffen­heit prüfte, namentlich den Basalt auf seine Festigkeit.

Caffel, 14. Dezember. Se. Maj. der König haben ge­ruht, den Präsidenten des hiesigen Königl. Landgerichts, Herrn Geh. Oberjustizrat vr. von Stockhausen, auf sein Nachsuchen nach Maßgabe des Gesetzes vom 23. Juli 1899 in den einstweiligen Ruhestand zu versetzen. Das seit Jahren mit Beginn des Monats Dezember in Cassel stattfindende Festmahl der Althessischen Ritter- schäft hat am vorigen Samstag im Gasthof zumKönig von Preußen" stattgefunden. Es nahmen daran etwa 150 Damen und Herren aus allen Gegenden des Regierungs­bezirks teil, auch Ihre Durchlauchten Prinz und Prinzessin Carl von Hanau, ferner Se. Exzellenz Graf v. Berlepsch, der frühere Handelsminister, und der Herr Regierungs­präsident Baron von Trott zu Solz beteiligten sich an dem Mahle, welches die Vertreter und Mitglieder der meisten althessischen Adelsfamilien vereinigte.

Uermischtes.

* Berlin, 14. Dezember. Nach Transvaal 'aus­gewandert ist, wie jetzt bekannt wird, der seit Ende September d. I. aus Deutschland spurlos verschwundene, in Berlin wohlbekannte Redakteur Sedlacek. Als dann die Kriegswirren eintraten, ließ sich Sedlacek in die Reihen der Buren einstellen, um an den Kämpfen gegen die Engländer teilzunehmen; er wurde jedoch in der Schlacht bei Glencoe durch ein feindliches Geschoß an den Beinen so schwer verwundet, daß er nach dem Kriegsspital zu Prä- toria transportiert werden mußte. Dort liegt er auf den Tod darnieder und dürfte nach einer kürzlich in seiner schlesischen Heimat eingetroffenen Mitteilung kaum mit dem Leben davonkommen. Die verstümmelten Büsten in der Siegesallee sollen erneuert werden. Die Bild­hauer Profeffor Unger und Johannes Böse, die Schöpfer der s. Zt. am ärgsten verstümmelten Büsten in der Sieges­allee, haben die Nachricht erhalten, daß auf Allerhöchsten Befehl die Büsten nicht ergänzt, sondern erneuert werden sollen.

Halle, 15. Dezember. Zwei Soldaten des hier garnisomerenden 36. Infanterieregiments entfernten sich vor einigen Tagen von hier, indem sie sich in Frauenkleider hüllten. Von Weißenfels ans schickten sie ihre Uniformen nach hier zurück, sie wurden aber durch die Packele, welche keinen Absender aufwiesen und von einem Knaben zur Post gebracht waren, verdächtig und festgenommen.

* Werscheh, 14. Dezember. Um einen Kuß! Der Gutsbesitzer Michael Szabo jagte mit seinem Freunde Johann Maßlag. Nach der Jagd lud Szabo den Maßlag zum Abendeffen ein. Maßlag traf im Hause Szabos früher ein. Vor der Thüre wartete die Gattin Szabos. Maßlag ver­langte zur Begrüßung scherzweise einen Kuß. Die Frau weigerte sich, worauf Maßlag sie um die Taille faßte. In diesem Moment kam Szabo an. Er glaubte, daß ein fremder Mann seine Frau umarme, schoß sein Gewehr ab und die Kugel traf Maßlag in den Kopf. Maßlag starb sofort. Szabo stellte sich selbst der Gendarmerie.

* Genua, 14. Dezember. Wie wir bereits meldeten, stießen in einem Tunnel der Rivierabahn zwei Schnell­züge zusammen. Jetzt wird ausführlich darüber berichtet: Das Unglück ereignete sich zwischen den Stationen Vado und Spotorno, etwa 50 Kilometer von Genua entfernt. Hier ragt das Vorgebirge von Bergeggi weit ins Meer hinaus und erhebt sich nach jähem Absturz in die Brandung noch einmal als die kleine Insel von Bergeggi aus der azur­blauen Meerflut. Durch das Vorgebirge führt ein Tunnel. Er ist 3 Kilometer lang und wird von den Schnellzügen in 34 Minuten durchfahren. Der von Westen, aus Nizza und Monte Carlo kommende Zug hatte bei der Zollrevision in Ventimiggia 25 Minuten Verspätung und suchte sie durch beschleunigte Fahrt einzuholen, um in Genua noch den An­schluß an den Gotthardzug zu erreichen. Durch die Nach­lässigkeit des Bahnwärters am Westende des Tunnels war der Tunnel als frei gemeldet, während in Wahrheit schon der aus Genua kommende Schnellzug von der Ostseite her in den Tunnel eingefahren war. Die ganze Rivierabahn ist auf italienischem Gebiet eingleisig. Als die beiden Lokomotivführer in der Dunkelheit des eine starke Kurve beschreibenden Tunnels das heraunahende Unglück erkannten, gaben sie wohl Gegendampf und setzten die Bremsen in Funktion, aber es war zu spät. Die beiden Züge rannten mit furchtbarer Gewalt aufeinander und verstopften den Tunnel so vollständig, daß es selbst heute noch nicht mög­lich ist, von dem einen Zug zu dem anderen zu gelangen. Die eigentliche Unglücksstelle, wo Tote und Schwerver­wundete zwischen den zertrümmerten Lokomotiven und Personenwagen eingekeilt waren, blieb vier Stunden lang unzugänglich. In dem Tunnel spielten sich entsetzliche Szenen ab. Das Licht war in allen Wagenabteilen er­loschen. Die Paffagiere stürzten sich aus den Wagen und flohen unter Rufen wahnsinnigen Schreckens durch den finsteren, rauchgefüllten Tunnel nach den beiden Ausgängen hin, wo sie halb tot vor Entsetzen und halb erstickt vom Rauch sich niederwarfen. Nur wenige waren im stände, bis nach Spornoto oder Vado zu gehen und dort Hilfe zu suchen. 24 Passagiere waren bei dem Zusammenstoß derart zu Schaden gekommen, daß es ihnen unmöglich war, sich ins Freie zu retten. Sie verbrachten in der Finsternis unter dem Stöhnen und Gewimmer ihrer Leidensgenoffen vier qualvolle Stunden. Als endlich Hilfe herbeikam, waren vier der Unglücklichen schon tot und fünf andere lagen im Sterben. Auch die Lokomotivführer und Feuermänner der beiden Züge waren tot. DaS entsetzliche Unglück hat an der Riviera niederschmetternden Eindruck gemacht. Man hofft, daß die Regierung nun endlich Mittel und Wege finden werde, nm die wichtige Rivierabahn zweigleisig auszubaueu.

Kunst Md Wissenschaft.

Thesaurus lingnae latlnae. Von de« groß« Thesaurus linguae latinae, den Mehrere deutsche Akademien btt Wtssinichaflen in gemeinsamer Thättgkeit Herausgeber!, wird der Rationalztg." berichtet, daß vor einigen Wochrn die Inventur deS gesamten, j tzt in Münch,n vcretriaten Z tteimateiialß seitens der Kommission ftattgefunben hat. Diese im Münchener Akademieaebäude verwahrten Kästen des Thesaurus er tha ten rund vier und eine halbe Million Zettel, welche nach den ex;e vierten Autoren aus­gestellt und alphabetisch geordnet sind. Die Kommission, die auS den Profefforen DtelS (Berlin), Bücheler (Bonn), Leo (Göt tngev), o Woeiffltn (München), Gomperz (W-en) besteht, überzeugte-sich, daß die Auszüge aus den zu bearbeitenden lateinischen Schriftstellern bis auf geringe Reste vollendet und abgeschlossen geordnet vorltegen. Zur lcxikograpdischen und sprachgeschtchtl chen Bembeiiung dieieS un­geheuren Zctt<lmaterials ist in den Räumen der Münchener Akademie em Bureau eingerichtet worden, in welchem ein jüngerer Gelehrter, Dr. Vollmer, alS Hauptredakteur tdälig »st, neben dem eine Re he weiterer Hilfskräfte als Lek^etäre, Mitarbeiter und Assistenten fungieren. Dcr Arbeitsplan ist bisher dahin festgesetzt, daß die Ausarbeitung detz LxckonS sofort gle chzeitig am erst n und zweiten Band b gönnen wird. Man hofft den Probedruck der ersten vier Bogen zum 1. Januar, den regelmäßig sorischie'tenden Druck am 1. Aprtl 1900 beginne« zu können. Außerdem sollen bis zum Ende des lausenden Jahre« hie nötigen Vorarbeiten an Exzerption der noch restierenden lateinischen Schrrftsteller und Vervollständigung deS Zettelapparats nachgrholt werken. Aus dem Finarzplan ist zu entnehmen, daß für die jetzt beginnende, aus 15 Jahre berechnete Arbetlsperiode fich die E'nnahmen auf 480000 Mk stellen, so d°ß alljährlich 32000 Mk. aufgewendet werden können. Diese Au^gab n setzen sich aus f sten G-Hältcrn, Verwaltungskosten und H no aren (jährlich sind 800 Foltoserten ab- zaltefern) zusammen Als Reserve ,ft her bei der bayerischen Aka­demie niedergelefte Fonds der Woelifltn'schen Stiftung, der jetzt tb. 13700 Mk. beträgt, vo h-nden. Bis jetzt stehen ftch Einnahme« und Ausgaben mit etwa 2? 000 Mk. gleichmäßig gegenüber. Das g-oßarttg angelegte Werk, welches ein monumentales Z ugnts deutscher Gelebrtenarbeii zu werden versor-cht, erscheint in dem bewährten alt- k.assischen V-rlag von B. G. Teubner in Leipzig. Die nächste Kon­ferenz der Kommtsston soll im Oktober 1900 ftflttftnben.

Die Goethe Festschrift der deutschen Studenten in Prag. Die Rede- und Lesehalle der deutschen Studenten in Prag, jene frische, freie akademische Institution, die ihre Hauptaufgabe in der mutigen Hochhaltung und begeisterten Ehrung des deutschen Genius in der Stadt erblickt, in welcher das Deutschtum täglich um sein Ansehen kämpfen muß, hat jetzt als ihr Scherflein zu den Goethe-Feiern eine Goethe Festschrift erscheinen lassen. Gleich der Prolog verrät den Geist der deutschen Studentenschaft in der Haupt­stadt Böhmens; hier heißt es voll Kraft und Schwnng:

Er kommt zu Euch! Goethe, wir huldigen Dir, Ein kleiner Zweig am großen deutschen Stamme, Dankt Dir Dein Volk, so wärmer danken wir, So treuer hüten wir die hellige Flamme! Symbol ist uns Dein Name und Panier, Daß uns kein Haß des neidischen Feinds verdamme, Wir danken Dir, well wir Dich lieben, Goethe, Als einer schöneren Zukunft Morgenröte!

Ihr aber, die Ihr jung und feurig seid, Stud nten, Feinde alles Morschen, Kranken, Ihr seid die Erben seiner großen Zeit Und seiner Lieder, Träume und Gedanken."--

Unsere hervorragendsten Schriftsteller find in dieser Festschrift mit Beiträgen vertreten, die fast durchweg eine Würdigung und Verherrlichung Goethes bilden. Friedrich Spielhagen kanzelt mit treffender Ironie in seinem Ge­dichtGoethe und kein Ende" die Goethe Breittreter ad:

Auf Tag und Stunde rotff en sie zu sagen, Wann er dies Drama, dies Gedicht geschrieben. Das ist ein Wichtigihuen, ein Behagen! Un dabei sind Vandusen sie geblieben!

Wollt Ihr Euch wahrhaft seine Schüler nenne«, Müßt Ihr zu seiner Lehre Euch bekennen; Wie er, aus allen Kräften darnach streben, Im Wahren, Schönen resolut zu leben."

Versicherungswesen.

= Die tzeinsche Lebensversicherung im Jahre 1898. Die deutsche Lebensversicherung hatte auch im Jahre 1698 sehr erfreu­liche Fortschritte zu verzeichnen; einer größeren statistischen Arbeit der Franks. Zeitung" entnehmen wir hierüber folgende Angaben: Die ge­samten Neuaufnahmen der Todesfallversicherung beliefen sich bei den 4$ deutschen Gesellschaften auf 543,5 Millionen Mark. Die größten Zu- ganosziffern weist unter den Gegenseitigkeitsanstalten die Lebensversiche- rungs- und Ersparnis'Bank in Stuttgart, unter den Aktiengesellschaft« die BerlinerVictoria" auf. Der Abgang an Versicherungssummen bo- trug 212,5 Millionen Mark, wovon 73,9 durch Tod, 15,6 durch Ablauf bei Lebzeiten, der Rest vorzeitig durch Aufgabe oder Verfall ausschiede«. Im Durchschnitt machte der vorzeitige Abgang 2 Prozent der versicherten Summe aus, war also erheblich geringer a'ä in der französischen (5 Pro­zent) und österreichischen (7 Prozent) Lebensversicherung. Unter 1 Pro­zent stand er von den größeren Anstalten nur beiStuttgart" (Leb.- Versicherungs- und Ersp.-Bank),Gotha",Leipzig",Karlsruhe", Pr. Beamtenverein"; es sind dies gerade diejenigen Gesellschaften, welche auch die niedrigsten Verwaltungskosten besitzen und bei denen zugleich (mit alleiniger Ausnahme vonLeipzig") das schon oft ge­rügte System der Konventionalstrafen vollständig fehlt. Der Bestand der Todesfallversicherung betrug am Jahresschluß 5777 Millionen Mark; er wird voraussichtlich mit dem Ende des Jahrhunderts, das die An­fänge der deutschen Lebensversicherung sah, die 6. Milliarde überschritten haben. Nicht minder günstig waren die finanziellen Ergebnisse. Die Gesamteinnahme belief sich auf 340,0 Millionen Mark, hiervon blieb nach Abzug sämtlicher Ausgaben ein Ueberschuß von 50,4 Millionen, d. i. 15% der Jahreseinnahme übrig. Mehr als 20% Ueberschuß erzielten (abgesehen von 2 kleineren dem allgemeinen Wettbewerbe fern­stehenden AnstaltenBraunschweig" undArmee und Marine") nur dir 4 großen Gegenseitigkeitsgesellschaften:Gotha",Stuttgart",Leipzig", Karlsruhe"; in zweiter Linie, mit weniger als 20° g, aber noch über Durchschnitt stehenViktoria",Concordia",Pr. Beamtenverein", die übrigen 34 Anstalten stehen unter dem Durchschnitt, 4 Gesellschaften Stuttgarter Allg. Deutscher Vers.-Verein",Vesta",Atlas" und Deutscher Anker" schloffen die Jahresrechnung mit einem Defizit ab Von besonderem Einfluß auf das Jahresergebnis war die günstige Sterblichkeit. 3in ganzen veltcf sich die SterbttLkeilsersparnts der TobeStall- verficherung auf 19,6 M'lllonen Ma k. Mehr «16 2 M lltonm Maik erzielten (Sotbe: 2,39 Mill. (8,8P>oz. der Prämien (gtrHebme), Stuttgart" 2,35 Millionen (120 Proz)Leipzig" 2,03 (S9Pro,.). Von dem Geiamlüberschuß wurden 46,0 Millionen den Bei sichert« zur späteren Verteilung als Dividende überwiesen. Unter den Form« der Gewinnverteilung ist seit einigen Jahr« die steigende Dividende mehr und mehr in Ausnahme gekommen, weniger allerdings infolge der zunehmenden Erleichterung von der Lost der P ämienzahluog, die fie in Aussicht stellt, «iS deS Umstande«, daß sie, mit sehr ge­ringen Beträgen beginnend auch den minder leistungsfähigen Gesell­schaften gebattet, eine Zitlang mit hohen Diotdendenfätzen zu glänzen. Hierdurch ist jahrelang eine Gleichmäßigkeit der L titungs- fählgkeU in der Lebensversicherung vorgetäulcht worden, welche that- lächltch nicht bestand und auch angeficht« der so ungemein groß« Unterschiede in der HSbe der Ve waltungskosten und der Sterblich- kettöttsparutS nicht bestehen kann.