Sonntag den 17 December
1S99
Nr. T97 Viertes SBtatt
Wehener Anzeiger
Heneral-Anzeiger
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* Hohe Politik.
Siehe», 16. Dezember 1899.
Es giebt nur wenige Reichstagssitzungen, die sich so iitcreflant gestalteten wie diejenigen der letzten Tage, und «ai yat Ursache, mit großer Spannung der Weiterentwickelung der innerpolitischen Situation entgegenzusehen. Aus der einen Seite Herr v. Miquel, welcher gegen die Angriffe des Zentrums und der übrigen Oppositionsparteien inktmpft, auf der anderen Seite Fürst Hohenlohe, welcher gezwungen ist, seine Politik gegenüber den Anfeindungen der Konservativen zu verteidigen. Was wird dabei heraus- Kommen? Das ist die Frage, welche heute von jedem objektiv Denkenden aufgeworfen wird und hoffentlich nicht zu lange ungelöst bleibt. Der jetzige Zustand ist kein normaler und gesunder, er muß klaren Verhältnissen Platz machen, die keine Zwiedeutung zulasten.
Man mag über Herrn v. Miquel denken, wie man will, aber die Verdienste, welche er sich um die Finanzen Preußens erworben hat, kann ihm niemand streitig machen. Es gehörte eben das Genie Miquels dazu, die Finanz- »erhältniste Preußens in so günstige Bahnen zu lenken, wie es durch ihn geschehen ist, und der „Mann des Kaisers" hat sich vollauf bewährt. Vielleicht hätte Herr v. Miquel «n eigenen Interesse bester daran gethan, seine Thätigkeit ganz auf die Finanzverwaltung zu beschränken, aber als ein so vielseitiger Mann wurde er bald die „Seele" des Ministeriums und last not least auch der Reichsverwaltung. In dieser exponierten Stellung hat sich Herr v. Miquel viele Feinde erworben, was sich leicht daraus erklärt, daß tt fast überall in die Bresche treten mußte. Man warf ihm oft vor, nicht immer die Regierungspolitik vertreten zu haben, aber darüber hat auch die letzte Auseinandersetzung mit Dr. Lieber keine Aufklärung gebracht.
Auch der Reichskanzler Fürst Hohenlohe hat es für notwendig gefunden, sich in der Presse gegen Anfeindungen zu wehren. Trotzdem der Fürst ein Mann mit „viel Ar und Halm" ist, so hat er es den Agrariern nie recht machen können. Hauptsächlich ist es aber sein persönlicher, alle Provokation mei ender Charakter, welcher bei den Parteien der Rechten Anstoß erregt. Man sähe dort lieber einen rücksichtslosen, hart zugreifenden Kanzler, der mit gepanzerter Faust die Sozialdemokratie und alles drum und dran niederschmetterte. Daß er nach ihrer Ansicht nicht genug für die Landwirtschaft durchsetzt, ist nur ein Grund mehr, den Fürsten Hohenlohe nicht zur Ausfüllung seines Amts geeignet zu halten.
Feuilleton.
Berliner Brief.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)
(Nachdruck verboten.)
Deutschland ein Wintermarchen. — Der Streik der „Elektrischen". — Allerlei Jugendsreuden. — General „Mattacke" und die Königin Viktoria.
Der ziemlich unmanierlich hereingeschneite Winter hat eine fabelhaft schnelle Verwandlung des Landschaflsbildes von Berlins Umgegend zu stände gebracht. Die märkischen Föhrenwälder wirken fast noch schöner, aber auch melancholischer in ihrem weißen Schneegewande als zur Sommerzeit. Es sieht fast aus, als habe der Winter eine kleine Ovation in Szene setzen wollen zu Gunsten des vielgepriesenen nnd vielgeschmühten Dichters, dessen hundertjährigen Geburtstag die Gemeinde seiner Verehrer am 13. Dezember gefeiert hat: Deutschland ein Wintermärchen, die satyrischeu Strophen Heines aus dem Jahre 1844 fallen einem ein, wenn man in die Welt hinaus sieht, die der Winter wie ein Titelblatt dazu zurechtgemacht hat. Ein großer Lob- redner Berlins ist der berühmte Spötter nie gewesen; die ästhetischen Gesellschaften seiner Berliner Tage mit ihrem dünnen Thee und noch dünneren Butterbroten, die der liebe Deutsche, der seit Jahrzehnten mit dem Sprachreinigungsbesen herumwirtschaftet, zur Abwechslung jetzt „Sandwiches" nennt, hat er verschiedentlich gegeißelt und die preußischen „Leutnants und die Fähndrichs", die steifleinenen Berliner Hckftäte nicht zu vergessen, sind auch nicht gerade schmeich^- Haft von ihm bedacht worden; aber das schöne Geschlecht
ES ist nicht unmöglich, daß die nächsten Tage wichtige Entscheidungen in unserer inneren Politik bringen, denn die Situation ist so gespannt, daß der Bogen nicht straffer gezogen werden kann. Eine Klärung ist notwendig, und — wir wiederholen es noch einmal — je eher dieselbe erfolgt, desto mehr wird den Reichs- und Staatsintereffen gedient.
lieber die
Taktik des Burenführers Cronje gegenüber Lord Methuen macht die Transvaalgesandtschaft die folgenden Angaben: „Lord Methuen, der unter Verschwendung von Blut und Munition tollkühn auf Kimberley losgeht, ohne viel in Sorge zu sein um die Sicherung seiner Rückszuglinie, wird von Cronje nicht mit aller Macht an einem etwaigen Entsatz von Kimberley gehindert werden, wie man etwa daraus zu schließen geneigt ist, daß unsere Truppen sich bei Spyfontein eine starke Stellung geschaffen haben. Wir wären ja thöricht, wenn wir dort einen entscheidenden Schlag führen wollten oder gegen und ausfahren ließen. Die Republiken könnten im höchsten Falle 70000 Mann ins Feld stellen; selbst mit dem erwarteten Zuzug aus der Kapkolonie werden es nicht viel über 75000 werden, und für Abgang haben wir keinen Ersatz, während die Engländer in der Lage sind, immer noch Truppen nachschieben zu können. Unsere Führer wissen, daß mit der Aufstellung von 100000 bis 110000 Mann in Südafrika England noch nicht am Ende seiner Kräfte angelangt ist; wir wissen, daß es die größten Anstrengungen machen, daß es auch neue 50000 Mann nach Südafrika werfen wird, wenn die dort jetzt befindliche Macht verringert und die Gefahr dringend wird, daß England sich mit Unehren aus der Affaire ziehen müßte. Und weil unsere Führer das wissen und von Anfang damit gerechnet haben, deshalb sind sie so eifrig bemüht, die Kräfte zu schonen, wie der Engländer damit leichtsinnig umgeht. Sich selber wenig aussetzen, es auf keine opfervollen Schlachten ankommen lassen, dem Gegner dagegen die größtmöglichen Verluste zu zufügen, das ist die Taktik, welche uns von unserer Selbsterhaltungspflicht diktiert wird; deshalb ging Joubert vor Buller zurück, deshalb wird auch General Cronje selbst bei Spyfontein keinen entscheidenden Kampf aufnehmen. Nach allem, was wir hören, sitzt Lord Methuen zwischen Oranje- und Modderfluß in einer fürchterlichen Klemme; sein übereiltes Vorgehen beginnt sich schwer zu rächen. Viel Vorrat an Lebensmitteln und Munition hat er auf seinem Gewaltmarsche nicht mitgeführt, seine Verbindung nach rück-
des damaligen Berlin hat sicher schon seine Würdigung gefunden. Eine Geheimeratstochter freilich scheint eS nicht gewesen zu sein, an die er die Strophe gerichtet:
„Blamier" mick nicht, mein schönes Kind, Und grüß' mich nicht „Unter den Linden". Wenn vir nachher zu Hause sind. Wird sich schon alles finden! —
Könnte der unglückliche Sänger der Loreley und so mancher anderen im Herzen des Volkes lebenden Lieder heute aus seiner Montmartre-Gruft heraufsteigen und sich unser Berlin ansehen, das auf dem besten Wege ist, sein geliebtes Paris zu überflügeln: er würde wahrscheinlich weniger zu witzeln und mehr zu rühmen finden. Aber aus diesem letzten Exil kann ihn kein Menschenwort zurückrufen. Sei ihm die Erde des „munteren Frankreich" leicht!
So ganz auf der Höhe der Situation ist übrigens unser Spree-Athen, wie die Weltkinder, oder Spree- Babel, wie die Eiferer sagen, noch immer nicht: das hat uns die große elektrische Straßenbahn, auf die der Berliner so stolz ist, wenn er gerade Zeit dazu hat, während der Schneetage bewiesen. Ueberall, wo Accumnlatoren-Betrieb war, das häßliche Drahtnetz über den Wagen also fehlte, überall da stockte der Verkehr und zwar in einer ganz kläglichen Weise. In der Leipziger ftraße standen zu Zeiten an fünfzig der großen, unbeholfenen Wagen zum Leidwesen aller derer, die ihre Nickel los waren und nun doch nicht vorwärts kamen. Auf den feuerroten Gesichtern unserer Droschkenkutscher aber konnte man 'mal wieder den alten Satz bewahrheitet finden, daß die reinste und tiefste aller Freuden doch immer und ewig die Schadenfreude ist! Jedenfalls lehrt das Beispiel dieser doch nicht gerade argen und zahlreichen Schneetage allen Provinzstädten, die sich elektrische Bahnen anlegen lassen wollen, soviel, daß das überall hart befehdete Drahtnetz der Oberleitungen doch
wärts ist aufgehoben. Was soll er nun thun, wenn der Nachschub ausbleibt, wenn das Eintreffen von Lebensrnitteln und Munition auch nur um 2—3 Tage von den Unseren, die in seinem Rücken stehen, verzögert werden kann, während er sich gerade in der höchsten Not befindet?
Lord Methuen kann dann nicht anders, er muß nach Kimberley um jeden Preis, und da General Cronje da« weiß, wird er die entscheidende Schlacht nicht annehmen, die bei der Verzweiflung der Engländer auch für uns höchst blutig verlaufen müßte. Man wird den Feind schädigen, ihn dezimieren, vor dem verzweifelten Sturme aber wird Cronje zurUckgehen.
Wenn Lord Methuen zum Angriff schreitet, das ist ganz seine Sache; darum können unsere Leute ganz unbekümmert sein. Die Truppen Cronjes leiden keinen Mangel, sie haben den Vieh- und getreidereichen Oranjestaat hinter sich, und das Verpflegungswesen ist aufs beste geregelt. Es ist Unsinn, wenn berichtet wird, daß unsere Truppen irgendwo Hunger litten.
So kann General Cronje in Ruhe den Zeitpunkt ab- warten, wenn der Hunger den Fuchs aus dem Bau treibt, und der Preis für Lord Methuens Vordringen nach Kimberley wird ein hoher sein, dafür wird Kommandant Cronje schon sorgen. Es wird ein „Sieg" werden, nach dem Lord Methuen die weitere Lust zum „Siegen" vergehen soll; allem Anschein nach wird er bestenfalls in Kimberley in die Lage des Generals White geraten. So hätten wir dann auch unser Sedan und Metz wie die Deutschen 1870, und wie trotz dieser beiden belagerten Armeen die Deutschen bei Krieg weiterführten, so werden auch wir dazu in der Lage sein.
Wie lange sich Lord Methuen in Kimberley würde halten können, das ist schwer zu sagen; aber ob die Vorräte dort bei neuen hohen Anforderungen lange reichen? Wir glauben, es bezweifeln zu dürfen."
Diese Ausführungen von Seiten der Vertretung Transvaals sind sehr bedeutsam; die Beurteilung der Lage auf dem westlichen Kriegsschauplatz wird dadurch wesentlich modifiziert.
Lokales und ProvinsieUes.
Gießen, 16. Dezember 1899.
** GeschichtSkaltvder. (Nachdruck verboten.) Vor 66 Jahren, am 17. Dezember 1833, fiatb zu AnSbacd infolae einer von Un- httann'cn beigebrachten Perw'pduna der rätselhafte FtndlinA Kaepar Hauser, der am 26 Mai 1828 in Nürnberg aufaegrlff.n wo den war. Seine vermeintliche Herkunft als badischer Ptinz ist
auch seine großen Vorzüge hat; denn auf diesen Strecken arbeitete der Strom tadellos.
In den Restaurationsgärten ?c. sind natürlich jetzt überall Eisbahnen angelegt und die vergnügte Jugend tummelt darauf mit einem Eifer herum, als ob das abscheuliche Institut der Weihnachts Zensuren abgeschafft wäre. Der Sekundaner zieht seine Figuren auf dem glatten Boden mit größter Eleganz und wirft einen unsicheren Blick nach dem Schwarm der höheren Töchter, ob sie auch die genügende Bewunderung dafür haben. Sie stoßen sich an und kichern und flitzen dann weg. Ihm aber schwillt das Herz. Am Rande freilich steht manch ein Bübchen, dem der Vater keine Schlittschuhe leisten kann, und der Magistrat verteilt wohl Freikarten für den Besuch der großen Eisbahnen, aber Schlittschuhe kann er nicht auch noch obendrein geben. In alten Bodenkammern jedoch hängen oft zu klein gewordene oder solche, die dem jungen Herrn nicht mehr elegant genug daran, vollständig zwecklos herum. Wer revidiert einmal im Interesse der armen Burschen, die es nicht blos an der Spree giebt?
Das Kriegspielen hat durch die Munitionslieferung des Himmels bei unseren abenteuerlustigen Jungens natürlich sehr an Reiz gewonnen. Draußen vor Schöneberg konnte ich als Schlachtenbummler einem Treffen zwischen den Engländern und den Buren beiwohnen, das der Erstürmung von Stormberg sehr ähnlich sah. Die Dumdum- Geschosse flogen nur so. Der General Gatacre, den die Buren hier spöttisch „Mattacke" nannten, bekam heillos was auf den Pelz und als er flüchtete und zugleich eine alte Frau aus einem der letzten Häuser Schönebergs nach dem armen Opferlamm rief, da schrieen die nichtsnutzige« Sieger: „Hurrah, die Königin Viktoria hat ihn abberufen !* Was soll einer borbi dauhn? sagt Fritz Reuter ... A. R-


