Ausgabe 
17.10.1899 Zweites Blatt
 
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Dienstag den 17. October

Amts- unb Anreigeblatt für den Ureis Gieren.

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als auf die gewählte Zeit zum Segen seiner Gemeinden thätig zu sein. .

4- Grünberg, 15. Oktober. Mit Beginn dieser Woche teht unsere Sladt unter dem Zeichen des Gallus- marktes, der nächsten Mittwoch und Donnerstag hier tatlfindet. Altem Brauche zufolge wird der Markt, der mehr den Charakter eines Volksfestes trägt, von den Be­wohnern der Gegend, selbst aus dem höheren Vogelberg, in der Regel sehr zahlreich besucht, da die Feldarbeiten bis dahin in der Hauptsache beendigt sind. Leider mußte die Abhaltung des für den ersten Gallusmarkttag vorgesehenen Liehmarktes wegen der in vielen Gemarkungen der Gegend herrschenden Maul-und Klauenseuche verboten werden. Für die hiesigen Geschäftsleute bedeutet dies einen erheblichen Ausfall Aber auch den Landwirten der Gegend, die auf dem Galludmarkt Ferkel oder Rindvieh gut zu verkaufen hofften, kommt dies Verbot sehr unerwünscht, zumal schon seit Wochen überhaupt keine Viehmärkte abgehalten werden durften. Bleibt das Wetter günstig, so dürfte auch dies­mal wieder starker Zuzug zu erwarten sein. Gegenwärtig werden die Ortschaften der Gegend wieder stark von Zigeuner­horden heimgesucht und die Bewohner von dem zudringlichen Gesindel sehr belästigt. Nicht feilen sieht man auch einzelne Mitglieder einer solchen Bande, mit Säcken ausgerüstet angeblich nach Igeln suchend durch Gärten und Felder streifen. Manche in den letzten Wochen vorgekommene Feld­diebstühle dürften ohne Zweifel den Zigeunern zuzu­schreiben sein. c

-f- Nidda, 15. Oktober. Unter der hiesigen Jugend, namentlich bei Kindern von 5-7 Jahren, herrscht seit mehreren Tagen der Mumps in epidemischer Welse. So fehlten in einer Schulklasse an demselben Tage 12 von der im allgemeinen günstig verlaufenden Krankheit befallene Kinder. In dem benachbarten Michelnau mußte ein an Mumps leidender Junge operiert werden, weil infolge zu früher Unterlassung der Heilmaßregeln die Krankheit sich verschlimmerte.

Aus dem Großherzogtum Hessen, 15. Oktober. Bei der unlängst zu Gießen abgehaltenen Wanderversamm­lung der hessischen Irrenärzte berichtete Herr Dr. med. Dannemann Gießen über einen sensationellen Fall von Selbstbeschädigung bei einer Hysterischen durch Bei­bringung von Nadeln. Das 23jährige, nicht belastete und aus mittleren Verhältnissen stammende Mädchen war bis zu seinem 16. Lebensjahre vollständig gesund. Seit 1896 führte es sich Nadeln ins Unterhautzellengewebe ein; auch will es Nadeln verschluckt haben. Als Motiv bezeichnet die Patientin Selbstmordversuch. Durch Verletzung edler Teile wollte sie ihr Ziel erreichen, ohne daß ihre Umgebung über die Todes­ursache ins klare komme. Sie befürchtete nämlich, durch offenkundigen Selbstmord ihre Familie zu blamieren. Es wurde indessen bald konstatiert, daß ein anderes, vor der Oeffentlichkeit nicht näher zu erörterndes Motiv zu dieser angeblich zwangsmäßig ausgeführten Handlung vorherrschte. Seitdem die Kranke Ende 1897 in ärztliche Behandlung kam, wurden etwa 70 Nadeln meistens aus Brust, Bauch- qeqend und den Schenkeln aus einer Tiefe von mehreren Zentimetern auf blutigem Wege entfernt. Verlegung in die

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Ht. 244 Zweites Blatt

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Aus Oberhesien, 15. Oktober. Der Leitartikel im 1. Blatt der Nr. 242 Ihres geschätzten Blattes ist jedem Menschen, der noch Sinn hat für Recht und Gerechtigkeit, insbesondere jedem Christen, aus dem Herzen geschrieben. Es liegt klar zu Tage: nur der nackte Ego ismus, bemäntelt mit allgemeinen Phrasen, half den frenetischen Kampf heraufbeschwören. Dessen ist sich nicht nur das Volk jeden zivilisierten Staates, ohne Rücksicht auf bte Partei, außer England, dessen sind sich auch manche Kreise des englischen Volkes selbst bewußt. Viel trauriger sieht sich aber die Sache an, wenn man erwägt, was die Eng­länder bezüglich des Christentums für sich in Anspruch nehmen, und seither auch mit Recht in Anspruch nehmen konnten. England ist das Land der Bibelgesellschaften, eine Million hat es schon gegeben zur Verbreitung des Gotteswortes durch den Druck der Bibel und deren Heber» setzung in alle Sprachen der Welt. Millionen giebt es aus für die Mission; die Sonntagsruhe wird geradezu rigoros gehandhabt und was der Kern der Religion und des Gotteswortes ist, die Liebe gegen den Mit- Menschen, gegen den Christen, der auf demselben Be­kenntnisboden steht, sie wird hier geradezu mit Füßen ge­treten. Englische Staatsmänner geben hier den Ton an, bte große Menge klatscht Beifall, bie speziell beteiligten Gelb­männer reiben sich hoffnungsfreudig die Hände. Fürwahr, ein trauriges, fagen wir es offen, ein ekelerregendes Schau­spiel traurig, daß solches überhaupt, daß solches bei einem christlich sein wollenden Volke möglich ist. Die Eng­länder waren nie bei anderen Völkern, was manbeliebt nennt, eben wegen ihres Krämer- und Schachergeistes, ob wir an ihr Verhalten im Kriege 1870/71 denken, oder an die Vorgänge der letzten Jahre gerade im Transvaalgebiete. Trauriger ist eben noch, daß von keiner anderen Seite ernst­lich Einspruch gegen den Gewaltakt, wenn auch nur auf dem Papier, erhoben wird. Wahrlich, wenn man bedenkt, daß das 19. Jahrhundert unter solchen Vorgängen scheidet, wie der ungestraften Armeniergräuel vor einigen Jahren, der Dreyfusaffaire dieses Jahres, und nun die Buren­vergewaltigung, dann mag es uns bange werden, was das 20. Jahrhundert bringen werde einem Christen kann es nur die Schamröte auf die Wangen treiben, unb es sollte nicht tounber nehmen, wenn bie Schwarzen in Afrika unb die Muhamedaner in Jnbien sich ein Beispiel baran nehmen sollten und, weil Christen sich solches, erlauben auch für sich das Recht in Anspruch nehmen sollten, in gleicher Weise ihre Interessen unbekümmert um Treue und Recht auf blutige Weise zu verfolgen. Das Eine hält hier nur auf­recht: der feste Glaube an den endlichen Sieg des Rechts und der guten Sache, wie ihn die Ge­schichte schon so oft kundgethan hat. Spanien hat trotz seiner einstigen Macht, trotz seinerunüberwindlichen" Ar­mada im Lause der Zeit feinen Richter und sein Gericht gesunden; England, das sich an seine Stelle auf der See gestellt hat, wird, wenn es so weiter fährt, trotz der ver­gönntenDum-Dum-Geschosse", auch seinen Richter finden. (Wir geben vorstehendem Artikel um so lieber Raum, als

begrüßen. Scherzend fragt ihn der Vater einst: .Sag' mal Hänschen, warum muß man das denn so machen? Weil man sie lieber hat!" war die schiagserttge ritterliche Entgegnung. x

Der Ursprung der Tonsur. Im Altertum galt etu kahler Schädel für bas ehrenbe Abzeichen der Priesterkaste. Die ersten Bekenner bes Christentums trugen kurz geschnittene Haare, um sich von ben heidnischen Priestern zu unterscheiden, deren Kopf ganz kahl geschoren war. Die Büßer ließen sich zum Zeichen ihrer Demut ben Kopf vollstänbig rasieren, unb bie Mönche ahmten biefe Sitte bis zum 6. Jahrhunbert nach. Erst um biefe Zeit ließen sich bie christlichen Priester die Haare am Hinterkopfe kreisförmig ausrasieren. Ma» unterschied lange Zeit zweierlei Tonsuren: die eine, nach dem heiligen Paulus benannt, ging von einem Ohre zum anderen am Vorderkopfe, und war in der griechischen Kirche und in der Bretagne und in Irland im Gebrauch; die andere, nach dem heiligen Petrus benannt, nur halbkreis­förmig, war in der römischen Kirche im Gebrauch. Erst das Kirchenkonzil in Toledo im Jahre 633 machte bie Tonsur in ber Form einer kreisförmigen Platte, als charakteristisches Abzeichen ihres Staubes, für alle Priester obligatorisch.

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er sich mit unseren Ansichten über ben Transvaal-Krieg vollständig deckt. D. Red.

W. Friedberg, 15. Oktober. Die kürzlich durch einige Blätter gegangene Notiz überErrichtung eines größeren Elektrizitätswerks bei Gießen muß dahin berichtigt werden, daß dieAktiengesellschaft Elektrizitätswerke (vor­mals O. L. Kummer & Co.)" in Niedersedlitz bei Dresden plant, das genannte Werk auf einer der größeren Kohlen­gruben Oberhessens zu errichten. Wahrscheinlich wird es in der Nähe von Melbach gebaut, wo ein staatliches Berg­werk mit mächtigen Braunkohlenflötzen ist. Die Verhand­lungen mit Großh. Ministerium sind soweit vorgeschritten, daß die Erbauung voraussichtlich schon im nächsten Jahr vorgenommen werden kann. Es ist zunächst projektiert, allen Orten im Umkreis von 25 Kilometer, soweit sie es wünschen, Strom für Licht- und Kraftzwecke abzugeben. Die genannte Gesellschaft beabsichtigt ferner eine elektrische Bahn von Friedberg nach Nauheim und von hier nach Ufingen, sowie eine Drahtseilbahn auf den Johannisberg zu bauen. Auch bewirbt sie sich eben um ben Bau der Bahn von Ranstadt durch das mittlere Niddathal, die ebenfalls elektrisch betrieben werden soll. Sie will diese statt in Assenheim in Friedberg endigen lassen. Den einzelnen beteiligten Gemeinden wäre das lieber, weil einmal bann Ossenheim angeschlossen werben kann unb Assenheim fern Entgegenkommen Heigt, während Friedberg große materielle Unterstützung in Aussicht gestellt hat, wenn bie Bahn bort endigt. Ein Ingenieur wird nächste Woche die Strecke be­reisen und dem Komitee Bericht erstatten.

n Bannerod (Kreis Lauterbach), 14. Oktober. Gestern fand hier Bürgermeisterwahl der hiesigen Bürger­meisterei, bestehend aus den Orten Bannerod, Nösberts, Vaitshain und Weid-Moos statt. Gewählt wurde unser seitheriger Bürgermeister Schmalbach, zum zweiten Male auf 9 Jahre, einstimmig mit 69 Stimmen, welche nur von 80 Wahlberechtigten abgegeben wurden. Nach der Wahl sand dann ein gemeinsames kleines Fest für die Wähler statt, wobei es an dem nötigen Essen und Trinken nicht mangelte. Herr Lehrer Engel hier veranstalte einen Fackelzug durch die Ortsstraßen, hielt bann eine kurze An­sprache an die Wähler, worin er unter anderem betonte, daß die Wähler es verstanden haben, nur wiederholt den richtigen Mann gewählt zu haben, welcher schon seit 9 Jahren unsere Bürgermeisterei zum Wohl und Segen sämtlicher Ortsbewohner geführt hat. Möge es ihm vergönnt fein, noch lange Jahre dieses Amt so weiter zu führen zu Nutz unb Frommen ber genannten vier Orte, in gewissen­hafter Pflichterfüllung sowohl nach unten als nach oben. Bürgermeister Schmalbach erwiderte diese Rede mit einem herzlichen Dank. Der hiesige Gesangverein, unter Leitung seines Dirigenten, Herrn Lehrer Engel, trug bann einige patriotische Lieder vor. Bei gemütlichem Beisammensein verweilte man dann noch bis nachts gegen 2 Uhr. Wie diese Wahl so ruhig unb srieblich herging, bürfte heutzutage wohl selten vorkommen. Auch sinb bie Gememben mit bem Gewählten sehr zufrieden. Heute wurde der hier übliche Mai gesteckt. Möge cd ihm vergönnt fein, auch noch langer

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Feuilleton.

Aus bet Hochwildjagd. Di- .Grazer Tagespost" erzählt folgendes Geschichichen: Bei einer vor ein paar Tagen in Obersteiermark abgehaltenen, durch die Unbilden der Witte­rung leider sehr beeinträchtigten Hochwildjagd war unter anderen Jabgästen auch ber Prinz von Orleans an- wesenb, ber in fremden Zonen schon unterschiedliches Wud, sogar Elefanten, erlegt, aber noch nie Gelegenheit gehabt hatte, in ben Alpen einen Hirsch zu erlegen. Natürlich wenbete sich bas allgemeine Interesse bem fremden Jagdgast zu, und die WortePrinz" . . .Prinz von Orleans" gingen von Mund zu Mund. Nach einigem Zögern wendete sich ein obersteierischer Jäger, mit der bekannten gemütlichen Zutraulichkeit auf den fremden Jagdgast zutretend, mit der Frage an ihn:Nix für ungut, Euer Gnaden! San So vielleicht« Sohn von der Jungfrau von Orleans?"

Die Wanduhren schlagen ans! Wie die Deutsche Uhrmacher Zeitung berichtet, sahen sich die Wanduhrenfabriken Deutschlands infolge der stark gestiegenen Malerialpreise vor die Alternative gestellt, entweder geringere Quali­täten zu liefern ober ihre Preise um zehn Pro­

zent zu erhöhen. Sie beschlossen bas letztere. Man kommt ja auch nicht allzu oft in bie Lage, eine neue Uhr zu kaufen, obaß es nicht viel verschlägt, wenn man bte kleine Preis­erhöhung bewilligt, bafür aber bie Gewähr hat, auch ferner­hin bie guten Qualitäten zu erhalten, bie Deutschland.au bem Gebiete ber Uhrenindustrte einen Weltruf verschafft ^abCtl» Der kleine Philosoph. Hänschen wurde einmal so errnblt der .Tägl. Rundschau" eine Leserin als Vier­jähriger mit auf Reisen genommen. Seine Mutter zieht ihn morgens an, wobei der Kleine beim Anblick des katten Waschwassers recht ungeberdig wird und mit seinem Ge- sckrei das Haus erfüllt.Warte, wenn Du nicht gleich ruhig bist, dann schicke ich Dich noch FrankfuN zuLo"e (dem Kindermädchen), dann kann tch Dich mch behalten und Dich nicht anziehen!" Da bncht es in leidenschaft­lichem Schluchzen aus dem kleinen Mündchen hervor.Das darfst Du nicht, Mami! Du darfst mich nicht fortgeben; ba*u hat der Klapperstorch mich Dir nicht gebracht; der hat gewollt, daß Du mich immer behältst, auch wenn ich ganz unartig bin!" Wie drollig richtig ist ber 93egnff der Mutterpflichten bei bem kleinen Manne! Hänschen ist angewiesen, immer erst bie Damen, bann bte Herren zu

2-3 nachmittags.

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