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17.9.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 219 Zweites Blatt

Sonntag den 17. September

1899

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Der Belgrader AttentatSProzetz.

Die Beweisaufnahme im Belgrader Attentatsprozeß hat bisher Material, das zum Beweis eines Komplottes auSreichen würde, nicht erbracht, lieber den weiteren Ver­lauf der Verhandlungen wird berichtet:

Zeugerrarrssageu über Pafic.

Nachträglich werden noch einige Zeugen über Pasic vernommen. Als erster wird Milosawlj evic vorgerufen, und dieser giebt, wie in der Voruntersuchung, an, Pasic solle sich im Gefängnispark von Pozarevac geäußert haben, es werde bald etwas geben. Der Zeuge ist ein Lehrer, der gegen Pasic in diesem Punkt als Kronzeuge geführt wird. Pasic sagt zu dem Zeugen:Was Du sagst, hast Du Dir von A bis Z erfunden. Armes Serbien, wenn solche Leute deine Jugenderzieher sind! (Zum Gerichtshof:) Nicht ein Wort seiner abenteuerlichen Erzählung ist wahr." Der Zeuge beharrt aber auf seiner Aussage, und nun wird der Zeuge Stankovic vorgeführt. Er kennt Pasic aus Pozarevac und hat gesehen, wie der Angeklagte den Unter­lehrer dort gesehen und gesprochen hat. Er war in beider Nähe und hat das Gespräch gehört, bestätigt aber nur, die Wort gehört zu haben:Die Situation wird bald klar werden". Im Kreuzverhör giebt er an, das Gespräch habe nachmittags stattgefunden, während der Lehrer Milosawljevic den Vormittag als Zeitbestimmung angab. Er behauptet schließlich, nicht alles selbst gehört, sondern meistens vom Lehrer erfahren zu haben, und verlangt 150 Dinar Zeugen­gebühr. Pasic bringt den Zeugen durch einige Fragen in ärgste Verlegenheit. Er fragt ihn:Was für einen Anzug hatte ich an, da Du mich mit dem Lehrer gesehen hast?" Zeuge:Deinen Anzug?" Pasic verlangt vom Präsidenten, die zwei Zeugen gesondert fragen zu dürfen, um ihnen ihre Verlogenheit nachzuweisen. Aber dieser An­trag wird abgelehnt. Zeuge Nikodijevic, vorgerufen, er­klärt, in der Voruntersuchung wie die ersten zwei Zeugen ausgesagt zu haben; dies hätte er aber so thun müssen, weil ihn der Gemeindevorsteher hierzu gezwungen habe; in Wirklichkeit sei alles Fabel und Lüge; denn er war gar nicht dabei, als Pasic mit dem Lehrer gesprochen haben soll, wie er fälschlich in der Voruntersuchung angegeben hat. Bei großer Erregung bestätigt der Lehrer jetzt diese letzten Angaben. Zeuge Savic bestätigt die Aussage des Lehrers, ist aber mit ihm in Widerspruch, da er die Zeit des Ge­spräches zwischen zehn und elf Uhr vormittags angiebt. Pasic steht neben diesen Zeugen, hält die Arme verschränkt und mustert diese erlesene Gesellschaft mit unsäglichem Hohn und in schmerzvoller Bewegung. Man muß sich auch diesen Lehrer Milosawljeviec ansehen: Eine jammervolle und aus­gehungerte Gestalt, zerlumpt und schmutzig, daß man ihm seinen Beruf kaum ansehen kann. Pasic erklärt schließlich: Die inneren Widersprüche, wie die der Zeitangaben und

die zögernden Aussagen dieser Leute sind schon ein Beweis, daß ihre Erzählungen von Anfang bis Ende erfunden sind." Zeuge Stanojevic erklärt, daß die vorigen Zeugen nicht, wie sie angegeben haben, in seinem Geschäfte gewesen sind. Die Zeugen Rajic und Radazko Milosawljevic entlasten ebenfalls Pasic. Es werden nur noch einige belanglose Aussagen verlesen, und schließlich erklärt noch Zeuge Savic, der Lehrer habe ihn zu bewegen gesucht, in seinem Sinne auszusagen und Pasic zu belasten. Pasic verlangt aber­mals, die Zeugen einzeln vernehmen und ausfragen zu dürfen, aber dieser Antrag wird wieder abgelehnt. Pasic erwidert hierauf in längerer Rede und schließt mit der Aufforderung, die früheren Zeugen nochmals zu vernehmen, um dieses Gewirr von Lügen und Widersprüchen zu ent­wirren, seine Unschuld würde sich sodann erweisen.

Der Angeklagte Ttojau Protic

wird nun vor den Richtertisch gerufen. Er war Chef­redakteur eines radikalen, bereits eingegangenen Blattes, dem Odjek. Protic war auch einst Sektionschef im Mini­sterium des Innern. Er giebt an, 43 Jahre alt zu sein, und führt aus, er begreife nicht, wie man eine Sitzung der Radikalen als Hochverrat auffassen kann. Wenn früher diese Partei zusammenkam, kümmerte sich kein Mensch darum. Die Opposition ist im politischen Leben eine Not­wendigkeit. Er verweist auf John Hamdons Werk, auf so manche Akademie und führt aus, eine politische Ueberzeugung könnte nie und nimmer schon Hochverrat sein. Er entwickelt seinen Gedankengang, wie er dazu kam, gegen das Steuer­zahlen aufzutreten, und rechtfertigt dies als eine wirtschaft­liche Idee. Er erweist sich während seiner Rede als großer Volkswirt und genauer Kenner der serbischen Verfassung. Sodann entlastet Protic die übrigen Mitangeklagten und zerfasert die Anklage in lauter Nichtigkeiten und unhaltbare Scheinbeweise. Er wird hierbei fortwährend vom Präsidenten unterbrochen, läßt sich aber nicht irre machen. Er wird mit Kneszevic konfrontiert. Dieser will ihn in der radikalen Druckerei gesehen haben und von ihm als Bote nach Monte­negro gedungen worden sein; es entsteht eine heftige Schimpf­scene zwischen beiden. Der Angeklagte Aza Stanojevic, Leiter der radikalen Druckerei, wird vorgerufen. Er ist 47 Jahre alt. Er sucht zu beweisen, daß die Hochverrats- Anklage gegen ihn haltlos ist, weil sie blos auf der Aussage Kneszevics beruht. Er sei anwesend gewesen, als die Briefe aus Montenegro kamen und die Worte fielen, man werde mit Milan schon fertig werden. Der Angeklagte versichert seine Loyalität damit, daß er von Milan amnestiert worden ist. Er hat Kneszevic in seinem Leben nie gesehen, er kennt diesen hochverehrten Herrn gar nicht und sagt:Knes­zevic belastet mich, ich hätte gewußt, wann das Attentat stattfinden würde. Der Attentäter selbst hat dagegen erklärt, er habe am Abend vorher nicht gewußt, daß er am folgen­

den Tage schon eine wahnwitzige Ruchlosigkeit begehen werde."

Verhör deS Erzpriefters Gjuric.

Laut und pathetisch begann der 57 Jahre alte, weiß­haarige und weißbärtige Mann im Priesterkleide:Seit ich denke und lebe, durchglüht meine Seele heißer Patriotis­mus. Ich danke Gott, daß ich lebe, um mein Vaterland lieben zu können. Meine Treue für die Dynastie, das Land und das Volk sind schon durch das Kleid, das ich trage, bedingt." Er versichert den Gerichtshof seiner Er­gebenheit und Vaterlandstreue. Er führt an, daß er acht Orden erhalten und sich große Verdienste um den König und um Serbien erworben habe. Wie könne man da ihn so hart anklagen! Er kommt schließlich auch auf Kneszevic zu sprechen, der hier alle Welt denunziert, und weist dessen Anklagen mit aller Entschiedenheit zurück.Diesem Menschen ist nichts heilig", sagte er,nicht einmal mein graues Haar und mein geistliches Kleid. Er ist gewiß nur der Spion der bosnischen Regierung ober irgend eines türkischen Paschas." Nun kommen einige Schriftstücke zur Verlesung, darunter ein Brief des Erzpriesters an Pasic, aus denen die Begründung der Anklage hervorgeht. Andererseits er* giebt sich daraus eine scharfe Verurteilung Kneszevics, der sich als einen Agenten des Fürsten von Montenegro aus­gegeben hat. Im Verlaufe der Vernehmung gesteht er ein, Pasic einen etwas scharfen Brief geschrieben zu haben, das habe aber mit seiner Loyalität nichts zu thun, er that dies aus Kränkung, weil Milan einmal erklärt habe, er wolle jedem verzeihen, nur ihm selbst nicht. Der Präsident sagt:Erzpriester, aus Ihren Reden und Briefen liest man heraus, daß Sie mit der Lage unzufrieden sind. Ich ermahne Sie, als Mensch und Priester die Wahrheit zu sagen." Gjuric:Ich spreche die Wahrheit. Ich danke Ihnen für diese Ermahnung, aber bei Gott, ich spreche nur die Wahrheit. Was weiter die Prospekte über das Werk über Karageorgievic betrifft, so habe ich nur fünf Stück davon bekommen. Diese fünf Stück liegen vor Ihnen, wohl der beste Beweis, daß ich sie nicht verbreitet habe." Präsident:Warum haben Sie dann die Prospekte nicht verbrannt?" Gjuric hält hierauf eine lange patriotische Rede, in der er auch leugnet, je gegen die Obrenovic ober für bie Wiebereinsetzung ber Karageorgievic eingetreten zu sein. Er ruft schließlich in großem Pathos aus:Ich stehe hier vor Gericht, vor einem Gottesgericht und rufe als Priester biesen ewigen Gott an, baß ich unschulbig bin, unschulbig wie alle hier mit mir Eingekerkerten, bie wir nur Opfer bieses elenden Kneszevic sind!" Er bittet um das Verhör der von ihm geladenen Zeugen. Hierauf wird er mit Kneszevic konfrontiert, und dieser verharrt, wie gewöhnlich, auf seiner Aussage, beim Erzpriester als Agent des Karageorgievic gewesen zu sein. Gjuric fragt ihn

Femlleüm.

AasLand der tausend Seen".

Reise-Erinnerungen von Erwin Bauer.

VII. Abo einst und jetzt.

Sott Tammersors nach Abo. Erste Eindrücke. Die Umgebung der Stadt. Aus Abos Vergangenheit. Alte fiunländische Gotteshäuser. Die Kirchen von St. Karins und St. Marien. Sonderbare Bauart. Das heutige Abo. Die Domkirche. --- Historische Erinnerungen und Kuustschätze. Segnungen der nationalistischen Einseitigkeit. Auf demZakobstadt" durch den Aurajöki. Seeluft.

Abschied von Suomi-Land.

Die Eisenbahnfahrt von Tarnrnerfors nach Abo führt zunächst eine kurze Strecke nach Süden zurück bis zur Station Toijala, von wo aus ein Zug den Reisenden direkt nach Westen bringt, den Ufern des bottnischen Meerbusens zu. Abo liegt indes nicht direkt am Meere, sondern am Flusse Aura (Aurajöki), der sich bei der Mündung in einen langen Fjord, den Schloßfjord, erweitert und endlich im Meere im Gewirre der zahllos der Küste vorgelagerten Skären verliert. Ich traf am frühen Nachmittage in Abo ein und war erstaunt, welchen zurückgekommenen Eindruck die ehemalige angesehenste Landesstadt Finnlands heute auf

*) Don demselben Verfasser wird demnächst im Verlage von B. Elischer Nachfolger in Leipzig eine Broschüre erscheinen, welche dm Kampf Finnlands um seine Selbständigkeit behandelt, und auf die wir bereits an dieser Stelle aufmerksam machen wollen.

den ersten Blick gewährte. Freilich, Abo ist auch heute noch eine volkreiche und ansehnliche Handelsstadt, und Handel und Verkehr haben begonnen sich wieder zu heben, seit das Eisenbahnnetz- in West-Finnland ausgebaut und vervollständigt worden ist, aber die Stadt, bie sich rühmt, bie älteste Fmnlanbs zu sein, ist doch nicht mehr das, was sie ehemals gewesen ist, als sie noch die anerkannte Haupt­stadt des Landes und, im Besitze einer Universität, auch der geistige Mittelpunkt Finnlands war. Helsiugsors und Hangö, an ber Sübwestecke Finulaubs am Meere gelegen, haben Abo einen großen Teil seines Glanzes geraubt.

Dagegen entzücken ben Besucher in ber Stabt unb be^ sonbers in ber Umgegenb zahlreiche Altertümer, namentlich Kirchen, deren Bau in das 12. Jahrhundert zurückverlegt wird und deren primitive Ausstattung und Ausführung sehr wohl auf ein so hohes Alter schließen lassen: ist doch Abo einst im Jahre 1157 der Punkt gewesen, an dem die Schweden und mit ihnen das Christentum im Lande festen Fuß faßten! Vor allem lohnt den Reisenden ein Besuch ber Kirchen von St. Karins unb St. Marien, zumal bie Fahrt zu denselben in einer Droschke durch eine anmutige Gegend führt und wenig Zeit in Anspruch nimmt. Ich besuchte diese Kirchen, die sich an dem linken und rechten Ufer des Aurajöki fast gegenüber liegen, am Nachmittage und war namentlich durch den Anblick der St. Marienkirche überrascht.

Man darf sich unter diesen alten finnischen Gottes­häusern durchaus nicht Kirchen in dem Sinne und in dem Stile vorstellen, wie wir sie bei uns in Deutschland von

den ältesten Zeiten her besitzen, prächtige Dome, hohe, ragende Gebäude mit gewaltigen Spitz- oder Rundbogen, mit Emporen, Chören und Schiffen, mit gewaltigen, kunst­voll gearbeiteten Fenstern und überragt von stolzen Türmen. Die finnländischen Kirchen sind natürlich nur diejenigen, deren Bau aus dem 12., 13 ober 14. Jahrhunbert batiert unb bie fast nur noch auf bem Laube anzutreffen sinb, währenb sich in ben Flecken unb «Stabten allenthalben ähn* liche Prachtbauten in gotischem ober byzantinischem Stile erheben, wie wir sie bet uns haben einfache Bethäuser mit nichtigen Seitenwänben unb riesigen, spitz wie Nabeln nach oben zulattfenben Giebeln. Meist haben sie vier gleich hohe Giebel, beten Firste in ber Mitte zusammenstoßen, so baß ber gesamte Dachfirst ein balb mehr, balb minber regelmäßiges Kreuz bilbet; hin unb toieber sitzt im Mittel­punkte bieses Kreuzes ein kurzer, plumper, viereckiger Turm mit einer nichtigen Kapuze; manchmal befinbet sich hicser Turm auch über einem ber vier Giebel unb verunstaltet so ben ganzen Bau. Als Portal bient eine nichtige Sogen» thür, bie meist so unregelmäßig in bie Wanb hineingebrochen ist, baß sie vollkommen schief liegt unb man nur erraten kann, ob sic einen Spitzbogen ober einen Runbhogcn haben soll. Die Fenster sinb meist klein unb von ganz vcrschiebener Form, Höhe unb Breite, so baß man in einer Gicbelwand oft 35 von cinanbet gänzlich vcrschicbcnc Fenster hat; bei Bauten aus bem 14. Jahrhunbert trifft man inbes schon eine größere Regelmäßigkeit unb Symmetrie, ja eine gewisse Stilreinheit an, unb in ihnen sinb selbst Fenster mit hohen schlanken Bogen unb Glasmosaiken nicht selten.