♦ Labori auf dem Brettl. Die amerikanische Unternehmungslust, die vor nichts zurückschreckt, wenn es sich um ein erträgliches Geschäft handelt, beabsichtigte, sich auch des Kapitäns Dreyfus, für den Fall, daß er freigesprochen werden sollte, zu bemächtigen. Donnerstag kam in London der Spezialagent eines amerikanischen Syndikats zur Veranstaltung öffentlicher Vorträge an. Der Zweck seines Aufenthaltes in Europa war die Anbahnung von Unterhandlungen mit Dreyfus, der sich eventuell sofort nach Beendigung des Prozesses zu einer Vortragstournse nach Amerika verpflichten sollte. Der Agent war ermächtigt, Dreyfus eine sehr große Summe anzubieten. Sollte Dreyfus verurteilt werden, welcher Fall ja nun leider eingetreten ist, so beabsichtigte der Agent, unverzüglich Labori ein ähnliches Anerbieten zu machen. Aber Labori sollte nach der Behauptung des unternehmenden Agenten erst in zweiter Linie in Betracht kommen. Nun werden die Ainerikaner freilich mit diesem fürlieb nehmen müssen — das heißt, wenn sie ihn kriegen!
• Es 'ändert sich die Zeit! Die „Berliner Volksztg." teilt eine Begebenheit mit, aus der als Lehre hervorgeht, daß man sich das Recht nicht nehmen lassen soll, an der Schwelle einer großen Entwickelung auch einmal in die fernere Zukunft zu schauen. Aus Anlaß irgend einer kleinen Verbesserung auf dem Gebiete des Telegraphenwesens in den 50er Jahren hatte ihr damaliger Redakteur A. Bernstein eine Betrachtung darüber angestellt, wie weit wir noch mit der Telegraphie kommen würden. Dabei erlaubte er sich die „phantastische" Bemerkung, daß man dermaleinst mit Hilfe des elektrischen Funkens eine Verständigung zwischen Amerika und Europa werde ermöglichen können. Da schrieb ihm ein Mann, der damals in der Verbannung lebte, der als Dichter sogar ein Recht hatte, selber phantastisch zu sein, und dec ganz gewiß kein Philister war, einen sehr strengen
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Nv. 219 Drittes Blatt._______Sonntag den 17. September
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Gießener Anzeiger
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Die landw. Winterschule zu Alsfeld betr.
Die landw. Winterschule zu Alsfeld beginnt ihren 28. Winterkursus Montag den 6. November d. Js., vormittags 11 Uhr.
Indem wir zum Besuche der Schule einladen, bemerken wir, daß die Schule das Ziel verfolgt, jungen Landwirten diejenigen Fachkenntnisse, welche heute zur rationellen Bewirtschaftung bäuerlicher Güter notwendig sind, in zwei fünfmonatlichen Winterkursen zu vermitteln. Zur Erreichung dieses Zieles lehren an der Schule 2 Landwirtschaftslehrer und 4 Hilfslehrer. Die Schule ist mit einer reichen Lehrmittelsammlung zweckentsprechend -ausgerüstet.
Ausgenommen werden junge Leute im Alter von 14 bis 20 Jahren, welche das Unterrichtsziel der Volksschule erreicht haben; in den oberen Kursus nur solche, welche schon den unteren Kursus mit Erfolg besucht haben, oder welche nachweisen, daß sie die Kenntnisse, welche der untere Kursus vermitteln soll, bereits besitzen. Aeltere Landwirte können als Hospitanten ausgenommen werden.
Die jungen Leute stehen während ihres Hierseins unter Aufsicht der Lehrer und müssen sich der Schulordnung unbedingt unterwerfen. Sie nehmen Wohnung in bürgerlichen Familien, und können Wohnungen zu 30 bis 40 Mk. pro Monat von dem Vorsteher der Schule, Herrn Oekonomie- rat Leithiger, nachgewiesen werden. Das Schulgeld beträgt für das Wintersemester 25 Mk.
Anmeldungen sind an den Aussichtsrat, oder an Herrn Oekonomierat Leithiger zu richten, welcher auch bereit ist, speziellere Anfragen zu beantworten.
Alsfeld, den 8. September 1899.
Der Aufsichtsrat der landw. Winterschule Alsfeld.
Dr. Melior.
Eine neue Art der Frachtenberechnung.
Von Alfred Lebeltng.
(Nachdruck verboten.)
Wenn in diesem Jahre am 1. Oktober die neuen Winterfahrpläne auf allen Strecken unserer Eisenbahnen in Kraft treten und seitens der Verwaltungen in weitestem Maße für die Winterszeit den Verkehrsinteressen Rechnung getragen ist, dann wird auch für den Güterverkehr eine Neuerung zur Einführung gelangen, deren Wichtigkeit wohl von keiner Seite unterschätzt werden dürfte. Diese Neuerung betrifft die Frachtenberechnung.
Wer sich mit der Art unserer bisherigen Frachtenberechnung und der ihr dienenden Litteratur vertraut ge
macht hat, der wird oft von Unbehagen erfaßt worden sein beim Anblick all' der dickleibigen Folianten mit den endlosen Zahlenreihen, den verwickelten Begriffen von Uebergangs- stationen, Anstoßstationen und Bayerischen Knotenstationen; und diese mühsame Zusammentragung eines komplizierten Zahlenmaterials diente dann — um ein Beispiel herauszugreifen — am guten Ende nur dem Zwecke, um in Erfahrung zu bringen, welcher Frachtsatz für fünf Zentner Gipsabgüsse von Stargard i. P. nach Bayreuth in Ansatz zu bringen sei.
Diesen Riesen-Hilfsbüchern zur Berechnung der Frachten von und nach jeder Station Deutschlands hat nun ein kecker David im Reiche der Reise-Litteratur den Krieg erklärt, ein David auch im Preise gegenüber jenen teuren Kolossen, denn schon für 50 Pfennig wird dieses nützliche Büchlein allen Interessenten die Geheimnisse der Frachtenberechnung auf das eingehendste offenbaren.
Und worin besteht nun diese neue Art der Frachtenberechnung? Dieselbe ist einfach genug. Wie bekannt, geben unsere Kursbücher bei den einzelnen Stationsnamen der Fahrpläne die Entfernungen von einer Station zur andern in Kilometern an.
Diese Kilometer-Zahlen waren bisher für die Berechnung der Frachten unbrauchbar, weil dieselben wohl die Entfernungen richtig angeben, nicht aber jene Kilometeranzahl, die für die Frachtenberechnung in Betracht kommt. Das ist jetzt geändert worden und zwar in „Storms Kursbuch fürs Reich", welches die Fahrpläne des ganzen Deutschland enthält und somit auch die Berechnung der Frachten durch ganz Deutschland zuläßt. In jenem Buche werden an den Winterfahrplänen dieses Jahres neben den Streckenkilometern zum ersten Male die „Tarif"-Kilometer, d. h. jene Kilometer, welche für die Berechnung von Gütern maßgebend sind, vermerkt sein, während an anderer Stelle des Buches die Kilometer-Tariftabellen der unter preußischer und süddeutscher Verwaltung stehenden Bahnen angebracht sind, so daß nach Kenntnisnahme der Anzahl von Tarifkilometern die Frachtkosten einfach abgelesen werden können, ohne daß es eines anderen Hilfsmittels bedarf, wie jenes handlichen Kursbuches. Es ist z. B. die Fracht für eine Sendung von Leipzig nach Gleiwitz anzugeben. Seite 66 von „Storms Kursbuch fürs Reich" enthält die Strecke Leipzig-Breslau mit 354 Tarifkilometern, die Seite 21 Breslau Gleiwitz mit 153 Tarifkilomeiern, im ganzen 507 Tarifkilometer, worauf ein Blick in die Tarifkilometer- Tabelle die Kosten mit 4.69 Mk. (abgerundet 4.70 Mk.) für 100 Kgr. angiebt. Die Idee der Frachtenberechnung an Hand der Bahnstrecken (Tarifkilometer) ist bisher in
keinem Lande eingeführt. Der Verlag von „Storms Kursbuch fürs Reich" in Leipzig hat sich die Einrichtung der neuen Frachtenberechnung patentamtlich schützen lassen.
Die Vorteile der neuen Art der Berechnung für den Kaufmann und Fabrikanten, den Landwirt u. s. w. liegen nach vielen Seiten hin klar vor Augen. Ist der Verkäufer z. B. auf der Reise, so genügt ein Blick in das Büchelchen, das er immer in bequemster Weise bei sich führen kann, um die Frachtkosten für seine Waren, die er den Kunden anzubieten gedenkt, zu ersehen; er kann mit diesen Kosten bei seiner Offerte operieren. Das nur als ein Beispiel für viele. Aber auch nach anderer Seite hin bietet die neue Art der Berechnung angenehmes. Bisher mußte der Versender von Waren die Angabe, die Strecke von da nach dort, vielleicht von einem Teile Deutschlands zum andern, beträgt so und so viele Tarif-Kilometer in Treu und Glauben hinnehmen und danach den Frachtsatz erlegen. Jetzt sieht jedermann diese Kosten gleichsam entstehen, denn die Steigerung der Tarif-Kilometerzahl von Station zu Station, von einer Strecke zur andern wird ihm klar vor Augen geführt. Da die Frachtenberechnung stets nach der kürzesten Strecke, welche zwei Orte verbindet, zu erfolgen hat, ganz gleich, welche Wege die Bahnverwaltung die Frachten leitet, so ist nur die kürzeste Verbindung zwischen den beiden Orten nach den Tarifkilometern in „Storms Kursbuch fürs Reich" •) resp. der dazu gehörigen Karte festzustellen, um die Frachtsumme zu ersehen.
*) Die Winter-Ausgabe von „Storms Kursbuch fürs Reich" enthält auch die Namhaftmachung derjenigen Züge, welche Briefe befördern. Das Buch erscheint Ende dieses Monats und ist für 50 Pfennig in jeder Buch- und Papierhandlung zn bestellen.
Schiffsnachrichten.
Norddeutscher Lloyd, in Gießen vertreten durch die Agenten C«rl LooS und I. M. Schulhof.
Bremen, 14. Septbr. (Per transatlantischen Telegraph.^ Der Schnellpostdampfer Trave, Esptlän C. Pohle, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist gestern 8 Uhr abends wohlbehalten in Newyork angekommen.
Stiemen , 14. Septbr. (Per transatlantischen Telegraph^ Der Doppelschrauben-Poftdmnpfer Bremen, Eapt. R. Nierich, vom Norddeutsche,, Lloyd in Bremen, ist gestern 12 Uhr mittags wohlbehalten in Newyork angekommm
* Taxierung. Frau: „Der neue Kunde hat den Anzug sofort bar bezahlt!" — Schneider (geringschätzend): „So? ... ich dachte Wunder, was das für 'n feiner Kerl gewesen wäre'!"
Feuilleton.
* Ein ergötzliches Reise-Erlebnis aus der Provence wird von einer Engländerin in der Nummer des „Blackwood Magazine" erzählt. Die Dame hatte vor ihrer Abreise von Nimes kurz vor Abgang des Zuges ihr Billet verloren und dem Stationschef ihres Ausgangsortes — einem gutmütigen Provenzalen — von ihrem Verluste Mitteilung gemacht. Es wurde ihr bedeutet, daß sie kein neues Billet lösen müsse; ihr Signalement würde nur an alle Stationen telegraphiert werden. Heber ihr weiteres Schicksal erzählt sie: „Auf jeder Station, so klein sie auch sein mochte, ging ein Beamter mit kritischem Blick von Wagen zu Wagen mit der stereotypen Frage „Oü est la dame signalee?“ Ich bin eine außerordentlich schüchterne junge Dame und war durchaus nicht von der öffentlichen Aufmerksamkeit, die man mir überall zuwandte, entzückt. Aber es war nichts anderes zu thun, als mich mit dem lieblichsten Ausdrucke im Gesicht, über den ich verfüge, dem inspizierenden Beamten vorzustellen und die Fragen, die ich bald auswendig wußte, zu beantworten. Bei Tage ging das noch, aber bei Nacht wurde die Sache zur Marter. Ich war sicher, jede Viertelstunde durch jemanden, der nach der „signalisierten Dame" fahndete, aus meinen Träumen aufgeschreckt zu werden. Und dann kamen die schrecklichen Fragen: „Sie sind die signalisierte Dame? Wie alt sind Sie? Wie heißen Sie? Wo wohnen Sie? Wo kauften Sie ihr Billet? Wer hat es Ihnen bezahlt? Wie viel mußten Sie dafür zahlen? Wo haben Sie es verloren? Wohin fahren Sie? Haben Sie einen Vater? Eine Mutter? Eine Schwester? Einen Bruder?" Es gibt nichts in meinem Privatleben worüber die proventzalischen Beamten nicht vollständige Aufklärung haben wollten. Diese schrecklichen 24 Stunden
von Nimes nach Paris mit mindestens 50 Haltestellen, an denen die unglücklichen Beamten ruhelos nach der „signalisierten Dame" forschten, werden mir immer in Erinnerung bleiben. In Lyon teilte mir der Stationschef übrigens mit, daß ich das Billet trotz alledem zahlen müsse. Ein aus Nimes eben eingetroffenes Telegramm stelle fest, daß trotz langen Nachforschens kein Billet auf der Station gefunden worden sei. Erst lange, lange Zeit nach meiner Reise erhielt ich zu meiner Überraschung aus Nimes eine Postanweisung, die auf den Betrag des Billets lautete, mit der lakonischen Bemerkung, daß „die neuesten Forschungen" auf der Station Nimes zur Entdeckung meines Billets geführt hätten; es sei unter einer Eisenbahnschiene gefunden worden."
* Sonntagsruhe am Weihnachts-Heiligabend. Eine Reihe von Zeitungen durchlief jüngst die Nachricht, von Seiten einer Handelskammer sei die Verlängerung der Verkaufszeit am heurigen Weihnachtsabend, der in diesem Jahre bekanntlich auf einen Sonntag fällt, bis abends 10 Uhr befürwortet worden. Hiergegen ist der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband zu Hamburg beim preußischen Ministerium des Innern sowie bei sämtlichen Regierungspräsidenten vorstellig geworden. Die Eingabe betont, daß die selbständigen sowohl als die abhängigen Kaufleute nur alle 7 Jahre einmal in die Lage kommen, einen völlig geschäftsfreien Heiligabend in ihren Familien zu verleben. Man solle deshalb von der geplanten Ausdehnung der Ladenzeit um so mehr Ab stand nehmen, als an den späten Abendstunden ein lohnender Verkauf nicht zu erwarten sei. Das bessergestellte Publikum pflegt seine Besorgungen nicht auf den letzten Augenblick aufzuschieben, und der Arbeiter, der seinen Wochenlohn bereits am Samstag empfängt, dürfte gleichfalls seine Einkäufe im Laufe des Tages decken, um am Abend rechtzeitig mit der Festbescherung beginnen zu können.


