dieses Eingreifen wäre die Schlacht bei Vionville trotz allen Heldenmutes des dritten Armeekorps verloren und der Sieg des 18. August sehr fraglich gewesen. Demnächstige Veröffentlichungen werden diesen entscheidenden Anteil des damaligen Chefs des Generalstabes des zehnten Armeekorps an den Ereignissen des 16. August 1870 aktenmäßig feststellen, auch nach der Richtung hin, daß er in erster Linie im Gegensätze zu sämtlichen Kommandostellen die Kriegslage an jenem Tage richtig beurteilt hat. Als einer der kritischsten Tage für die Deutschen weist sich weiterhin die Schlacht bei Beaune-la-Rolande (28. Nov. 1870) aus; auch hier hat Oberstleutnant Caprivi durch seinen sachgemäßen Rat in einem entscheidenden Augenblick der Schlacht, die sich anscheinend durchaus ungünstig entwickelt hatte, für das zehnte Armeekorps unvergängliche Verdienste erworben. Der gewaltigen französischen Uebermacht gegenüber hatte General v. Voigts-Rhetz auf die Nachricht hin, die sich allerdings später nicht bestätigte, daß Beaune-de-Rolande von den Franzosen genommen sei, Caprivi die Weisung ertheilt, die nötigen Rückzugsbefehle auszufertigen. Caprivi antwortete hierauf: „Exzellenz, um Gotteswillen nur kein Rückzugsbefehl, bevor wir den Stand der Dinge auf unserem rechten Flügel genau kennen." Auf den Einwurf des kommandierenden Generals: „Ja, was soll aber geschehen?", erbat sich der Chef des Stabes die Erlaubnis, „etwas zur Seite gehen zu dürfen, um mit sich allein zu sein." Caprivi ritt nunmehr etwa hundert Schritte von der spannend erregten Gruppe des Stabes hinweg, prüfte gleichmütig die Karte und kehrte zum kommandierenden General mit den Worten zurück: „Exzellenz, wir dürfen nicht zurückgehen, die 38. Infanterie-Brigade in Beaune-la-Rolaude muß sich bis aufs äußerste halten. Hier in der Front ist außerdem keine Gefahr. Auch muß das dritte Armeekorps um Marsch- beschleuuigung ersucht werden." So geschah es. Als dann später die Meldung einging, daß die Sechzehner Beaune- la-Rolande sich in unvergleichlicher Tapferkeit nicht hätten entreißen lassen, reichte General v. Voigts-Rhetz seinem Generalstabschef die Hand mit den Worten: „Nun, dann behalten Sie doch recht!" Wäre der Rückzugsbefehl, wie zuerst beabsichtigt, gegeben worden, so würden die Franzosen am 28. November 1870 einen Sieg errungen haben, dessen empfindliche Rückwirkung auf die gesamten deutschen Operationen nicht ausbleiben konnte. Nach dem Krieg wurde Caprivi als Abteilungschef ins Kriegsministerium versetzt.
Er stand hier an der Spitze der „Sammelsurium-Abteilung", wie er sich später ausdrückte, jedenfalls nicht an dem Platz, der seinen großen Fähigkeiten zukam. Als Brigade- Kommandeur, ebenso als Divisions-Kommandeur, ganz besonders aber an der Spitze des zehnten Armeekorps, wirkte er überall anregend, belehrend, hochverehrt von den Untergebenen wegen seines leutseligen, allem äußeren Schein abholden, echt soldatischen Wesens. Als Truppenführer war er hervorragend wegen der Schärfe der Auffassung, der Sicherheit des Urteils und der Bestimmtheit der Befehlsgebung. Rechnet man dazu die lautere Vornehmheit seines Charakters und das unbedingte Vertrauen, mit welchem der höchste Offizier wie der gemeine Mann zu ihm emporsahen, so erscheint das Urteil, welches s. Z. Fürst Bismarck nach dem Kanzlerwechsel über Caprivi fällte: „Einer unserer besten Generäle, vielleicht der beste," durchaus gerechtfertigt. Seine Verdienste um die Marine sowie seine umfassende militär-politische Thätigkeit als Reichskanzler sind auch von den politischen Gegnern anerkannt worden. Sein tragisches Geschick war es, daß er dem Vaterland nicht vor allem an den Stellen mit den großen Gaben seines Geistes dienen durfte, wozu er wie kein anderer befähigt war, an der Spitze der Heeresverwaltung oder an der Spitze des Generalstabs der Armee.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 15. Februar. Das Großherzogspaar hat seine geplante Reise nach Egypten aufgegeben und wird demnächst von Koburg hierher zurückkehren
Berlin, 15. Februar. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt, ist durch eine kaiserliche Kabinettsordre vom 27. Januar d. I. den Konsuln und Dragomanen des Reichs an Stelle der bisherigen Uniformen eine neue Dienstkleidung nach dem Schnitt der Uniform der übrigen Reichsbeamten verliehen worden. Auch ist den genannten Beamten in den Tropen und anderen heißen Gegenden das Anlegen einer besonderen, dem Klima angepaßten Tropen-Uniform gestattet worden.
Berlin, 15. Februar. Das Bernsteingesetz. Der im Abgeordnetenhaus eingegangene Gesetzentwurf wegen Ankaufs der Bernsteinwerke der Firma Stantien & Becker in Königsberg i. P. enthält im Wesentlichen folgende Bestimmungen: Die Staatsregierung wird ermächtigt, zum
Marmorpulver, abstumpft. Das Verfahren bezweckt nur eine Verbesserung des Weines, aber keine Vermehrung, und ist überdies unschädlich.
Im höchsten Grade verwerflich sind aber die zahllosen Fälschungen, bei welchen aus ganz fremden Stoffen ein mixtum compositum zusammengebraut wird, für welches nur die Worte aus Richard Wagners „Tristan und Isolde" angemessen sind: „Furchtbarer Trank! Verflucht, wer dich gebraut."
Die analytische Chemie von heute ist weit genug vorgeschritten, um die Bestandteile eines guten Weines mit ziemlicher Genauigkeit festzustellen. Da nun die chemische Industrie die meisten regelmäßig im Wein enthaltenen Substanzen auch auf künstlichem Wege, und zwar weit billiger, fabriziert, ist es nicht schwer, ohne jede Spur von echtem Traubensaft ein Getränk zu erzeugen, bei dem der Nachweis der Fälschung sehr erschwert, ost geradezu unmöglich ist. Solche „aualysenfeste Weine" werden unter der Herrschaft der geltenden Gesetze von den Weinpantschern, den Händlern und Wirten ganz ungeniert angeboten, und entziehen sich der Entlarvung durch den Nahrungsmittelchemiker und der gesetzlichen Ahndung. Unbedingt verwerflich vom gesundheitlichen Standpunkte wären sie ja auch nicht, wenn der Fabrikant sie aus den reinsten und edelsten Rohmaterialien zusammengösse. Man würde dann eben einen feinen, sehr verdünnten und parfümierten Alkohol, um es mit einem Worte auszudrücken, eine Art Spiritusbowle trinken, wie man ja auch die starken Alkohole von künstlicher Zusammensetzung, nämlich die Liköre, ohne Skrupel genießt. Die reinen Rohstoffe sind aber den Fabrikanten viel zu teuer, und wenn man ordinäres Material nimmt, winkt ein ganz ungeheuerlicher Gewinn von mehreren hundert Prozent, der leider nur zu oft moralische Bedenken niederschlägt. Schlecht entfuselter Spiritus, welcher den giftigen Amylalkohol enthält, wenig oder schlechten Zucker, dafür desto mehr Sacharin, dann Glyzerin, ein Quantum Weinsäure, etliche Mineralsalze, ein wenig Farbstoff und zum Schluß ein Fläschchen
des zur Erzeugung des Bouquets notwendigen ätherischen Oeles, geben ein Kunstprodukt, welches höchstens 12 Mk. pro Hektoliter kostet, aber dafür dem nichtsahnenden Konsumenten, der täglich etwa 1 Liter Wein genießt, alle jene nachteiligen Folgen und Gesundheitsstörungen zuzieht, welche er zu gewärtigen hat, wenn er andernfalls durch längere Zeit täglich Vi bis % Liter jenes ordinärsten Trinkbranntweins zu sich nehmen würde, gegen den sich mit Recht eine täglich zunehmende Agitation als gegen den ärgsten Volksverderber richtet.
Man braucht kein Puritaner und Temperenzler zu sein, um einem solchen Getränke den Krieg zu erklären, welches nicht nur eine enorme Schädigung des Geldbeutels ist, sondern am Marke der Nation zehrt.
Der Kampf gegen die Fälschung ist ein um so schwerer, je größer die kauflustige Menge und je kleiner das bei uns produzierte Quantum Naturwein ist. Andere Völker sind da weit beffer daran. Während in Spanien auf den Kopf der Bevölkerung 115 Liter, in Griechenland 109, in Italien 95, in Frankreich 94, in der Schweiz 60, in Rumänien 51 Liter Wein als Konsumquantum entfallen, sinkt dasselbe in Oesterreich-Ungarn auf 22 und in Deutschland auf 6 Liter pro Kopf und Jahr, und man kann sich daraus einen Begriff machen, welche Mengen von Kunstwein in den letztgenannten Ländern alljährlich getrunken werden.
Unter diesen Umständen kann man nur der jetzt in Berlin tagenden Weinkonferenz zu den Beratungen, wie der Fälschung am zweckmäßigsten entgegenzutreten sei, besten Erfolg wünschen, und dem poetisch zwar wenig formvollendeten, aber um so wahreren Stoßseufzer eines Weinliebhabers beistimmen, der einst dichtete:
Wenn auch kein Steinwein — Wenn nur kein Weinstein,
Wenn auch kein Mainwein — Wenn nur der Wein mein.
Wenn auch kein Rheinwein — Wenn nur der Wein rem,
Dann will ich stets mein — Dasein dem Wein weihn.
Nr. 41
Zweites Blatt
ftreitaq den l^Februar
1S99
Gießener Anzeiger
festes
Heneral -Anzeiger
Amts- unb Anzeigeblatt für den Ureis Gieszen
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Feuilleton.
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Die Gießener
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Fernsprecher Nr. 51.
Wein und Weinverfässchnng.
Tin zeitgemäßes Kapitel aus der Nahrungsmittellehre. Bon Dr. Georg Duncker.
(Schluß.)
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licher des Grafen Caprivi
Berbienfte auf militärischem Gebiete bringt die „Köln. Ztg." sslgtnbe vortreffliche Kennzeichnung: „Als Soldat von jeincn Kriegsherrn immer hochgeschätzt" — diese Worte des kaiserlichen Beileidstelegramms sind ehrenvoll für den toten, und der Lebende hat sie während einer glänzenden inlitürischen Laufbahn wohl verdient. Alle, die dem Ge- mal Caprivi dienstlich wie persönlich näher gestanden, haben es stets tief bedauert, daß er in bester Manneskraft (einem militärischen Berufe entzogen wurde, an dem er mit ganzer Seele hing und in dem er in allen Stellungen hervorragendes geleistet hat. Die erste Thätigkeit großen Siile-s konnte er entfalten während des Krieges 1870/71 als Chef des Generalstabes des zehnten Armeekorps. Schon damals kränkelte der kommandierende General dieses Armee- 1orp5, v. Voigts-Rhetz, und jeder in die inneren Verhältnisse Les Generalkommandos Eingeweihte wußte, daß Oberst- 3eutiitint v. Caprivi die Seele aller Entschlüsse und ferner mcht allein die Hand, sondern auch das Auge des komman- biercnben Generals war, wenn es galt, in schwierigen Lagen jii sr Heu, zu urteilen und zu handeln. In einer solchen föiviierigeii und verantwortungsvollen Lage befand sich der Stab des zehnten Armeekorps am 16. August 1870. Es ist inzwischen historisch festgestellt worden, daß sowohl am 15. troie am 16. August das große Hauptquartier und das Mrkommando der zweiten Armee (Prinz Friedrich Karl) üit strategische Lage unzutreffend beurteilten. Man nahm Ätillsicherseits an, daß die französische Rheinarmee im vollen Mzugie nach der Mosel begriffen sei, während sie in Wirk- llilhkeiit noch dicht westlich von Metz weilte. Es führte dies gi einer strategisch falschen Marschrichtung der zweiten Armee für den 16. August, und in erster Linie ist es der genialen Entschlossenheit des Generals v. Alvensleben (drittes Armeekorps) zuzuschreiben, daß die Sache wieder eingerenkt matbie, allerdings unter außerordentlichen Verlusten der Äcutsschen. Das zehnte Armeekorps war am 16. August «anfänglich in der falschen — aber ihm befohlenen — Marsch- wlhorng geblieben. Oberstleutnant Caprivi war für seine PcrsiZn mit Kavallerie den Marschkolonnen weit vorausgeeilt, m zm erkunden. Es ist sein Verdienst, zuerst und durch- ms selbständig die wirkliche Sachlage erraten und die- Wigsn Anordnungen bei dem Generalkommando bewirkt zu tyben, welche schließlich ein rechtzeitiges Eingreifen des ^hntrn Armeekorps in die Schlacht ermöglichten. Ohne
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Die Weinbeeren enthalten eine solche Menge bouquet- y A 1 bül.'enber Stoffe, daß dieselbe für eine bedeutend größere a DCIÖv Wein ausreichen würde, als aus einer bestimmten
' Dinge Trauben durch einfaches Pressen gewonnen werden Auf diese Eigenschaft gründet sich die nach dem •ölmlilllfU 1 Armlosen Pstiot als Erfinder benannte Methode der Wein- vailtngernng, das Petiotisieren, welches viel bedenklicher ist ,,—IW d as Gallisieren, und darin besteht, daß man auf die Verfaß . * ^«'preßten Weinschalen eines sauren Jahrganges, die so- . PPflSII i ^«nten Treber, ein dem ausgepreßten Moste an Menge flig W! • 'Zuckergehalt gleiches Quantum Zuckerwasser aufschüttet,
tr. (liebel 1 erhöhter Temperatur vergähren läßt und endlich 'utc 1 öiit>e:r auspreßt. Diese Methode kann man ein zweites,
i Wie« oder viertes Mal wiederholen, je nachdem der Säure- der ^Trauben war. Dann werden die Resultate en mit dem ersten Moste zusammen- ' jgil*FyullC11 unv unter eventuellem Säurezusatz in der gewöhn-
Weise vergohren. In Frankreich werden ungeheure -Nttig.m Wein, welche man als Trester- oder Treberwein ” c Igtonet, auf diese Weise gewonnen; aber auch der deutsche p(jan «md ö fterreichische Weintrinker erhält sie öfter vorgesetzt, als und wenn solcher Wein bei Verwendung guter «iridw^ ..rikL^ienzien auch nicht als schädlich bezeichnet werden eTD rjyaoer bleibt es doch betrügerisch, dem nichtsahnenden Käufer art60’ irpö ett- enji fyrobutt aufzuhängen, welches nur ein viertel ober ein echten Traubensaft enthält.
gegenwärtig fast nur noch in Frankreich übliche ' • -0 4iwl‘Wt»:infjcren bes Weines besteht barin, baß man bie allzu- 9 Re Säure bes Weines burch kohlensauren Kalk, meistens


