1899
Dienstag den 17. Januar
Nr. 14 Erstes Blatt.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener
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Zlints- und Anzeigeblatt fiw den Aveis Gieren.
I *
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Amtttche^Wl.
Gießen, den 14. Januar 1899. Betreffend: Festschrift zum 25. November 1898.
Die
Großh. Kreis-Schulcommission Gießen
au die Schulvorstände des Kreises.
Das nachstehende Ausschreiben teilen wir Ihnen unter der Empfehlung mit, die angegebene Festschrift für die in Ihren Gemeinden bestehende oder in Aussicht genommene Jugendbibliothek anzuschasfen.
v. Bechtold.
Zu Nr. M. d. I. S. 30657.
Darmstadt, den 20. Dezember 1898. Betreffend: Wie oben.
Das Grotzh. Ministerium des Innern (Abteilung für Schulangelegenheilen) an die Großh. Kreisämter.
Gelegentlich der Feier der Enthüllung des Denkmals Seiner Königlichen Hoheit des Großherzögs Ludwig IV. am 25. November 1898 ist im Staatsverlag eine Broschüre, verfaßt von Hauptmann ä In suite Zernin, erschienen, die in kurzen Zügen ein Lebensbild Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Ludwig IV. giebt.
Wir erachten das kleine Werk für geeignet zur Anschaffung für Volks-, Gemeinde- und Schulbibliotheken, und geben Ihnen anheim, das geeignet Erscheinende in dieser Hinsicht zu veranlassen.
Der Preis betrügt pro Exemplar 40 Pf.g, und sind Bestellungen direkt an die Buchhandlung des Staatsverlags in Darmstadt zu richten. Auf je 10 Exemplare wird ein Freiexemplar gewährt.
S o l d a n.
________________________________v. Werner.
Gießen, am 15. Jannar 1899.
Betreff end: Das Ersatzgeschäft pro 1899.
Der Zivilvorfitzende der Grotzh. Ersatz- Kommisfion Gießen
au die Grosth. Bürgermeistereien des Kreises.
Mit Rücksicht auf den frühen Beginn des diesjährigen Ersatzgeschäftes wollen Sie alsbald mit Aufstellnng der neuen Stammrollen beginnen und solche mit denjenigen pro 1897 und 1898 ungesäumt einsenden.
Etwaige Zugänge sind besonders in Vorlage zu bringen. __________________Boeckma n n.
Ein Gesetzentwurf zur Besteuerung der Warenhäuser.
In den Großstädten nicht allein, sondern auch in den Mittelstädten schreitet die Errichtung von großen Waren
häusern rüstig vorwärts. Für das Publikum bieten diese Großlager ja immerhin manche Annehmlichkeiten, weil in denselben so ziemlich alles zu haben ist, was die Phantasie sich nur ausdenken kann: Eisenwaren, Schuhwaren, Kon- fektions- und Manufaktur-, Papierwaren, Möbel aller Art, Konserven und Kolonialwaren. Die Sache wäre also ganz schön, wenn nicht der Kleinhandel und das Kleingewerbe Gefahr liefen, durch die großen Warenhäuser vollständig ruiniert und unterdrückt zu werden. Denn scheinbar sind in den letzteren die Preise so niedrig gestellt, daß kein gewissenhafter Handwerker oder Händler damit konkurrieren kann. Nach unseren Erfahrungen sind aber die Preise in den Bazaren nur scheinbar so niedrig. Man kann in dieser Hinsicht die Warenhäuser mit dem „billigen Mann" vergleichen, der früher auf jedem Jahrmarkt zu finden war und feine Waren unter lautem Schreien anpries. Ein Artikel war vielleicht thatsächlich billig, aber dieser bildete nur die Lockspeise für den Absatz der übrigen Artikel, welche man nicht teurer in jedem soliden Geschäfte kaufen konnte. Jeder mag sich vergegenwärtigen, daß auch die großen Warenhäuser nichts verschenken können, daß sie vielmehr viel verdienen müssen, da die Spesen ungleich hoch sind. Alle bessere Ware ist ebenso teuer wie in den Kleingeschäften; billig kauft man nur Minderwertiges, welches in großes Massen geramscht worden ist.
Die Zeit, wo Handwerk noch einen goldenen Boden hatte, ist längst vorüber; aber Handwerk und Kleinhandel bilden neben der Landwirtschaft noch heute die Grundfeste des Staats und müssen daher geschützt werden. Das soll nun in Preußen durch eine hohe Besteuerung der Warenhäuser geschehen. Bisher war den Kommunen in dieser Hinsicht freie Hand gelassen, da ihnen vom Staate die Gewerbesteuer überwiesen worden war. Weil aber die Kommunen im allgemeinen den großen Warenhäusern gegenüber nicht im Sinne der Negierung vorgegangcn sind, so ist ein besonderer Gesetzentwurf in der Ausarbeitung begriffen, welcher eine gerechten Steuerlasten-Verteilung anstreben soll.
Wir haben schon früher einmal ausgeführt, daß keineswegs die Rede davon fein kann, die großen Warenhäuser vollständig zu unterdrücken. Das würde den bestehenden Gesetzen widersprechen und auch nicht mit den geltenden Rechtsanschauungen in Einklang zu bringen sein. Es darf sich nur darum handeln, das Kleingewerbe und den Kleinhandel angesichts der Schädigungen, welche ihnen durch die Großbazare entstehen, durch Herabsetzung der Gewerbesteuer zu unterstützen und den Ausfall den großen Warenhäusern aufzuerlegen. Auf den Inhalt des Gesetzentwurfs und auf dessen Wirkung darf man umsomehr gespannt sein, als er vielleicht von einzelnen Bundesstaaten angenommen werden wird. (xx)
Deutsches Deich.
Berlin, 14. Januar. Der Kaiser hat den Historienmaler Pape beauftragt, das Fest des Schwarzen Adlerordens im Bilde festzuhalten. Aus diesem Grunde wird auch der jüngste Ritter, Professor Menzel, der unter den Rittern erscheint, verewigt werden.
Berlin, 14. Januar. Das Kaiserpaar hat am heutigen Todestage des Vaters der Kaiserin, des Herzogs Friedrich von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg einen kostbaren Kranz auf dem Sarge des in Primkenau beigesetzten Herzogs niederlegeu lassen.
Berlin, 14. Januar. Das Staatsministerium trat heute Nachmittag um 2 Uhr unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe in seinem Dienstgebäude zu einer Sitzung zusammen.
Berlin, 14. Januar. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Verleihung des Kronenordens 2. Klasse an den Oberst v. S ch w a r tz k o p p e n.
Berlin, 14. Januar. Rittmeister v. Rüdgisch von den 1. Dragonern in Tilsit tritt in türkische Dienste, um bei der Reorganisation der türkischen Kavallerie thätig zu sein.
Berlin, 14. Januar. Der im Reichsamt des Innern ausgearbeitete Gesetzentwurf betreffend den Schutz der Angestellten im Handelsgewerbe wird sicherem Vernehmen nach in den nächsten Tagen bcm Bundesrate zugehen. In demselben ist eine Minimal-Ruhezcit vorgesehen, und auch die Frage des Ladenschlusses in gewissem Umfange berührt.
Berlin, 14. Januar. Der 'nationalliberale Landtagsund frühere Reichstags - Abgeordnete Amtsgerichtsrat Dr. Piefchel ist in der letzten Nacht gestorben.
Berlin, 15. Januar. Zu der heute Vormittag statt- gefundcuen Feier des Krön rings- und Ordens fest es hatten sich die hier anwesenden Personen, denen der Kaiser heute Ordens- und Ehrenzeichen verlieh, im Königlichen Schloß versammelt, uni von der Ordens-Kommission die für sie bestimmten Dekorationen in Empfang zu nehmen. Hierauf begaben sich die Dekorierten in die Schloßkapelle, um daselbst das Kaiserpaar, die Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses zu erwarten. Nachdem das Kaiserpaar beim Eintritt in die Kapelle von der Geistlichkeit empfangen worden war und feine Plätze eingenommen hatte, begann der Gottesdienst. Nach Beendigung desselben fand im Weißen Saale, in der Bildergallerie und den angrenzenden Gemächern Tafel statt, bei welcher der Kaiser einen Toast auf das Wohl der neuen und der älteren Ritter ausbrachte. Nach Aushebung der Tafel begab sich das Kaiferpaar in den Rittersaal, wo es viele der eingeladenen Personen durch Ansprachen auszeichncte. Es erhielten u. A.: Das Groß- kreuz des Roten Adlerordens mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe der kommandierende General des 3. Armeekorps General v. Lignitz, der Generalinspekteur der Kavallerie, General Edler von der Planitz. Das Großkreuz des Roten Adlerordcns mit Eichenlaub: der Jnspecteur der Feldartillerie, General v. Hoffbauer, der Gencral-Quartier- meister Oberhoffer. Den Roten Adlerorden 1. Klasse mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe: der kommandierende General des 4. Armeekorps v. Klitzing. Den Roten Adlerorden 1. Klasse mit Eichenlaub: der Generalinspekteur des Militär-Erziehungs- und Bildungswesens, General Freiherr v. Funck, der Chef der Marinestation der Nordsee, Vizeadmiral Karcher, der kommandierende General des 2. Armee-
Feuilleton.
Heryarl Kauptmanns „Möerpelz".
(Originalberichf.)
. zweiten Male hat sich Gerhart Hauptmann den Grillparzer-Preis errungen, zuerst für fein viel bekämpftes und noch mehr gelobtes „Hannele", und jetzt wieder für den „Fuhrmann Henschel", gegen dessen Bedeutung sich noch keine ernsthafte Stimme erhoben hat. Aber selbst diejenigen, die in einseitiger Kunstauffassung und in blindem Wüten gegen den Naturalismus dessen erfolgreichsten Jünger in Deutschland mit allen ihnen zu Gebote stehenden Waffen on.gbg^lffen haben, mußten die glänzende Satire in des Dichters Diebskomödie: „Der Biberpelz", anerkennen. Die Gattung der literarischen Satiren ist bei uns nicht allzureich vertreten; erst in allerjüngster Zeit hat man sich ihrer Pflege wieder energischer gewidmet. Nach dem „Biberpelz" haben sich auf diesem Gebiete der Münchener Joseph Ruderer mit seiner „Fahnenweihe" und der Wiener Max "Bürgermeisterwahl" versucht und be- ayrt. „Der Biberpelz" ist jedoch noch immer der Gipfel
gef b *n ^ristophanes ihren genialsten Meister
Kunst kommt von können, aber wer etwas kann, braucht deshalb noch kein Künstler zu sein. Erst das durch die Idee zum Ausdruck gebrachte und geläuterte Können erhebt den Schaffenden zum Künstler. Die geschickteste Laubsägearbeit hat mit der Kunst so wenig zu thun, wie die Thätigkeit des Anstreichers; sie stellt im günstigsten Falle der Geschicklichkeit des Ausführenden ein gutes Zeugnis aus. Nun hat man behauptet, der Naturalismus strebe nichts weiter an, als eine möglichst getreue Wiedergabe des Lebens, und je treuer diese Kopie ausfalle, um so naturalistischer sei sie. Damit hat man den Naturalismus ungefähr auf die Stufe der Photographie gestellt. Wer einmal versucht hat, den einfachsten Vorgang darzustellen, wird gefunden haben, daß cs schlechterdings unmöglich ist, dies bis in alle Einzelheiten der Natur nachzubilden, und sein Versuch wird ihn sehr bald belehren, wie schwer es ist, auch nur einigermaßen der Wirklichkeit nahezukommen. Genug von dieser unhaltbaren Theorie, die in sich selbst zusammenfÄlt.
Was wir an dem „Biberpelz" v.wundern, das ist die geniale Treffsicherheit, mit der Hauptmann die einzelnen Personen und in ihnen Vertreter gewisser Stände charakterisiert hat. Seiner Kunst liegt alles Typische fern. Der Amtsvorsteher Wehrhahn ist bis in jede Faser seines Strebertums und seines Bureaukratismus hinein individuell ge
zeichnet, und doch stellt der Dichter damit zugleich einen Typus des modernen Strebers und Burcankraten auf die Beine. Wie er nach oben hin kriecht, wie er alles, was ihm verdächtig erscheint, freiere Ansichten zu hegen, vom Wurme der Sozialdemokratie angefreffen wähnt, das find außerordentlich bezeichnende Züge. Bei der Anlage des Stückes hat Hauptmann offenbar Kleists „Zerbrochener Krug" vorgefchwebt. So wie sich bei Kleist der Richter Adam nach langem Prozeß als schuldig entpuppt, steht auch bei Hauptmann der die Untersuchung leitende Amtsvorsteher am Schluß als der Gefoppte, der Geprellte da, und die Waschfrau Wölfin, der das Stibitzen gleichsam zur zweiten Natur geworden ist, lacht sich ins Fäustchen, als er ihr zuletzt mit dem Brustton der Ueberzeugung erklärt, sie sei eine ehrliche Frau. Wenn man es wagen darf, an diesem Meisterwerk etwas auszusetzcn, so ist es höchstens das, daß das Gerichtsverfahren zu sehr in die Länge gezogen wird, wodurch bei schlechter Darstellung leicht eine gewisse Ermüdung entsteht. Auch drängt sich die Tendenz im vierten Aufzug etwas zu stark vor; wenn sie weniger handgreiflich wäre, wirkte sie vielleicht eindringlicher. Aber eine literarische Satire ohne Tendenz? Das ist wie eine Cigarre ohne Nikotin.
Wir könnten stolz darauf sein, wenn wir viele solcher prächtigen Satiren besäßen.


