-rr 165 Drittes Blatt. Tonntag den 16 Juli
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Unsere Universitäten.
Eine Rede über die gefährdete Stellung unserer deutschen Universitäten, die der Professor der Geschichte Ernst Bernheim in Greifswald zum Antritt des Rektorats am 15. Mai d. I. gehalten hat, ist soeben veröffentlicht worden (Greifswald, Verlag von Julius Abel) und erscheint uns so beachtenswert, daß wir ihren Inhalt hier auszugsweise wiedergeben wollen:
Bernheim geht davon aus, daß die Universitäten ursprünglich geistliche Korporationen mit dem internationalen Charakter der mittelalterlichen Bildung, mit eigener, fast unabhängiger Verwaltung waren. Je mehr aber seit dem Ausgang des Mittelalters der landesherrliche und bureau- kratische Staat sich entwickelte, um so mehr wurden diese Korporationen Staatsanstalten, Landesuniversitäten. Es ist das wesentliche Verdienst der preußischen Regierung gewesen, daß sie zu Anfang dieses Jahrhunderts voranging, die Reste korporativer Selbstverwaltung soweit thunlich zu erhalten oder vielmehr modernisiert wiederherzustellen. Seit einiger Zeit aber ist eine rückläufige Bewegung eingetreten. Die unvergleichliche Entwickelung der Wissenschaften mit ihren großen finanziellen Erfordernissen, gleichzeitig die veränderten politischen Verhältnisse nötigen die Staatsregierungen überall, die Verwaltung der Universitäten immer mehr in die eigene Hand zu nehmen. Die alte korporative Macht der Universitäten ist schwerlich wieder zu beleben, aber eine andere Form des Zusammenwirkens, die im modernen Leben eine so große Rolle spielt, die freiwillige Vereinigung zum Verfolg gemeinsamer Interessen, dürfte auch bei den Universitäten möglich sein. Das Mittel hierfür wäre eine regelmäßige Vereinigung von Vertretern unserer Universitäten. Es wäre doch ein seltsamer Kontrast: zur Zeit, als Deutschland politisch uneins war, hätten die Universitäten den Einheitsgedanken lebendig gehalten, und jetzt, da wir ein Reich haben, sollten sie in ihren eigenen Angelegenheiten nicht zusammenstehen! Durch eine solche Einrichtung würde auch einer Folge der neueren politischen Zentralisierung entgegengewirkt werden, die an das Verhältnis von Paris zu dem geistigen Leben der Provinzen gemahnt: das übermächtige Schwergewicht - der großen Universitäten gegenüber den kleineren.
Feuilleton.
Weisebriefe für den „Hießener Anzeiger".
(Nachdruck verboten.) V.
Die Köuigsschlöffer einst und jetzt.
Als sie bald nach dem Tode des Königs Ludwig II. für den öffentlichen Besuch freigegeben wurden, die drei Schlösser: Neu-Schwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof, von deren phantastischer Märchenpracht die fabelhaftesten Gerüchte ins Publikum gedrungen waren, da erfolgte zu ihnen eine wahre Pilgerfahrt. Wer sich nicht durch eigenen Augenschein ein Urteil zu bilden vermochte, versäumte wenigstens nicht die Gelegenheit, sich durch die Panoramen, welche die Serie „Königsschlösser" stets als eine besondere Zugnummer ankündigten, einen flüchtigen Einblick in die glänzenden Jnnenräume geben zu lassen.
Heute hat sich das Interesse bedeutend abgekühlt. Man streitet auch nicht mehr darüber, welchem unter den Königsschlössern der Preis zuzuerkennen sei. Man beruhigt sich bei der einfachen Thalsache, daß das burgartig gebaute „Neuschwanstein" das starke und gesunde Verhältnis des verstorbenen Bayernfürsten zur deutschen Sage widerspiegele, während „Herrenchiemsee" die Nachbildung von „Versailles", und „Linderhof" wiederum die Miniaturausgabe von letzterem sei.
Die, welche das Gedächtnis des Königs in liebender Verehrung festhalten, suchen sein Bild auch lieber aus dem einfachen „Schloß Berg" und dem älteren „Hohenschwangau", das im ersten Stock noch die Wohnräume der Königin- Mutter birgt, herauszulesen.
Für die Pracht von „Herrenchiemsee" und „Linderhof" ist der Blick mit der Zeit nüchterner, aber dafür auch klarer geworden. Er wittert nicht hinter jedem Wandpfeiler seltene, außergewöhnliche Geheimnisse, und das Wort vermeidet die Hyperbel, nach oben wie nach unten. Man sucht z. B. in „Schloß Linderhof" weder ein „zur Erde gestiegenes Feenmärchen", noch die „Ausgeburt eines kranken Hirns", sondern, wenn man ehrlich sein will, den wechselnden
Die wichtigste Beziehung des Staates zu den Universitäten liegt nun aber in Der Aufgabe der letzteren, brauchbare Staatsbeamte heranzubilden. Zwar sind die Staatsregierungen weit entfernt, die Aufgabe der Universitäten, welche in der Erziehung eines Nachwuchses von Forschern und Gelehrten besteht, zu unterschätzen. Aber die Anforderungen an die Ausbildung der Beamten sind mit der Zeit ungemein gestiegen, und daher ist die Sorge des Staates hierfür immer eingreifender geworden. Die Staatsprüfungen bestimmen schon viel wesentlicher den gesamten Studiengang als die Universitätsprüfungen. Die Gefährdung für das freie wissenschaftliche Studium, die darin liegt, ist nicht zu verkennen; aber diese Aufgabe ist unabweisbar, der Staat kann und muß sie fordern, und es giebt doch auch an üch kaum eine erfreulichere, als dem Vaterlande seine höchsten Beamten, dem Volke seine höheren Lehrer, seine Prediger, Aerzte, Juristen zu bilden. Nur ist dafür zu sorgen, daß die rein wissenschaftliche Aufgabe nicht dabei beeinträchtigt werde; auch diese fordert der Staat laut allen Universitätsstatuten; er thut viel, außerordentlich viel zur Unterstützung derselben. Beide gleich dringende Aufgaben mit einander zu vereinen und auszugleichen, ist das pädagogische Problem der modernen Universität. Wie hat sie sich düzu gestellt?
Eine fundamentale schöpferische That hat die deutsche Universität dieser Doppelaufgabe entgegengebracht, gewissermaßen ihre Morgengabe an unser Jahrhundert: es ist die Schöpfung der Seminare und praktischen Hebungen. Das Prinzip der alten Universitäten war vorwiegend; Mitteilung des fertigen Wissensstoffes; dieses unentbehrliche Moment ist auch jetzt noch in den Vorlesungen vom Katheder herab vertreten; aber demgegenüber ist von immer größerer Bedeutung das neue Prinzip des Seminars geworden, das ist „selbstthütig arbeiten zu lehren", es ist die treibende Kraft des Studiums zu nennen, und seine Anwendung ist es vor allem, welche im Auslande auf allen Hochschulen nachgeahmt wird. Die deutsche Universität hat hierin das wesentliche Mittel gefunden, ihre pädagogische Doppelaufgabe zu erfüllen. Aber in der Anpassung dieses Mittels zu seinem Zwecke ist noch Manches zu thun; insbesondere müssen die Seminare durchweg früher, womöglich schon im ersten Semester, beginnen und in organischem Stufen
Geschmack eines Mannes, dem zur Realisierung seiner ästhetischen Bedürfnisse große Mittel zu Gebote stehen, und der sich heute aus dem tiefen Born deutscher Mythen- und Heldendichtung labt, um sich morgen an dem spielerischen Formenschatz des Rokoko zu begeistern, der ebenso künstlich ist, wie jene natürlich.
In die erhabene Bergwelt der bayerischen Höhenzüge, von welchen einzelne Gipfel im Lichte der Nachmittagssonne aufblitzen, wie die gelben, zackigen Spitzen der Dolomiten, hat sifi der verstorbene König ein Stück achtzehntes Jahrhundert hineingepflanzt, mit der ganzen Kunst eines Gärtners, der nicht müde wird, seine Zierbeete anzulegen und die Taxushecken fein säuberlich zu beschneiden. Der Unterschied zwischen „Natur" und „Kunst" findet im „Linderhof" keinen harmonischen Ausgleich. Solche Rokokoschlößchen nehmen sich allerliebst aus in der Ebene, und bekanntlich legten die Fürsten, die getreuen Nachahmer der Herrlichkeiten von Versailles, ihre Lustschlösser meist in flachen, hügelarmen Gegenden an, als ob die mächtige Sprache der freien, unbeschränkten Natur nicht das niedliche Spielzeug der menschlichen Laune überstimmen sollte! Und noch eins scheint unzertrennlich von diesen „Solituden" und „Eremitagen" : eine elegante, leichtlebige Gesellschaft, die mit ihrem Gelächter, ihren Koketterien und Jntriguen die seiden- gefütterten Gemächer, die Blumen- und Spiegelsäle erfüllt, und überall die Lebenslust aufflammen läßt.
Aber die ganze Pracht von „Lin der Hof" ist für einen einsamen Mann geschaffen, der sich selbst genügte, und keinen ebenbürtigen Gesellschafter auf die Länge brauchte, noch vertrug.
Diese Kaskaden und Brunnen rauschten nur für sein Ohr, nur für fein Auge brannten die hundertundacht Kerzen des Kronleuchters im Speisesaal.
Die Marmorstatue der Bildhauerin Elisabeth Ney, von Professor Ochs in Marmor ausgeführt, welche gerade über dem Palais steht, zeigt uns im reichen Königsschmuck den jugendlichen Ludwig, der noch nicht wußte, daß ihm einmal in späteren Jahren der Gedanke kommen könnte, dem kalten und unechten Glanze eines Ludwig XIV., der selbst bei den Zeitgenossen nicht mehr der roi soleil blieb, einen
gang unter sich und zum Teil auch mit den Vorlesungen verbunden werden.
Die komplizierte Gestalt des akademischen Unterrichts macht auch eine gemeinsame konzentrierte Arbeit der Dozenten dazu erforderlich. Wie viel geschieht an solcher Arbeit auf allen anderen Unterrichtsgebieten durch Konferenzen aller Art! Nur den Universitäten fehlt eine solche gemeinsame Vertretung, ebenso wie ein wirksamer Resonanzboden für die litterarische Aussprache. Auch die Geschichte des Universitätsunterrichts ist ein fast unbekanntes Feld. Und doch ist schon das von Wert, sich zu vergegenwärtigen, wie unsere Universitäten die größten Wandlungen durchgemacht haben, ohne ihrem Wesen untreu zu werden und zu erkennen, daß wir vor Neuerungen nicht allzu ängstlich zu fein brauchen. Welche gründlichere Umwälzung konnte man sich z. B. denken, als die Einführung der deutschen Sprache statt der lateinischen in allen Vorlesungen es war, und wie falsch erschienen die Befürchtungen, die man zuerst damit verband!
Unsere Universitäten haben ferner kein Organ zum Studium der auswärtigen Zustände. Hierbei handelt es sich aber um ganz wichtige Interessen.
Die Regierung hat vor kurzem einen Hallenser Professor nach Amerika gesandt, um die dortigen Universitätseinrichtungen speziell mit Hinblick auf gewisse finanzielle Fragen zu studieren. Der Bericht zirkulierte im vorigen Jahre als Manuskript an allen preußischen Universitäten zur Kenntnißnahme; er enthielt trotz der unzureichenden Dauer und Ausdehnung der Inspektionsreise und trotz des vorherrschenden finanztechnischen Gesichtspunktes manche Winke, die zu vorteilhaftem Nachdenken anregen konnten. Und außerdem: man nehme doch nur einmal einen Band der feit 1880 bestehenden „Revue internationale de Fen- seignement“ zur Hand und überzeuge sich, mit welcher Sorgfalt bis in die Details der einzelnen Fächer unser deutscher Universitäts-Unterricht dort verfolgt wird.
Neben den Universitäten ist im Laufe der Zeit eine immer mannigfaltigere Reihe von Bildungsanstalten erwachsen: Berg- und Forstakademien, Kriegsakademien, Landwirtschafts- und Handelsschulen, Polytechniken oder Technische Hochschulen. Aber noch mehr: gegen die Pforten der Universität drängt, ungestüm oder zarter, eine bunte
Ehrentempel zu bauen, ihm, und dem noch unwürdigeren Ludwig XV.
Wenn wir in den Gobelinzimmern, dem Silbergemach, dem blauen, dem lila oder einem anderen Raume diesen unzähligen, in Dekoration, Plastik und Pastell ausgedrückten Reminiszenzen an die beiden französischen Könige begegnen — und es käme jemand und erzählte uns: der Erbauer dieses Fürstensitzes sei ein leidenschaftlicher Bewunderer französischer Konversations- und Prunkopern, und ein abgesagter Feind der deutschen Richtung in jer Tonkunst gewesen, so würde uns das sehr einleuchten. Denn die Vorliebe, diese markiert zur Schau getragene Vorliebe für Watteau'sche Schäferidyllen, vereint sich schwer mit dem Verständnis Wagner'scher Musik. In dem allen sollten wir uns auch hüten, so etwas wie „Weltanschauung" zu entdecken. Es ist ein anmutiges Spiel mit den verschiedensten und ungleichartigsten Formen, wie wir es oft bei ganzen Epochen, warum also auch nicht bei einzelnen Menschen finden!
Derselbe Geschmack, der dies Schloß ins Leben rief mit seiner Häufung von Ziergliedern und Zierraten, baute dicht daneben einen Kiosk im Stil einer „arabischen Moschee", eine „künstliche Grotte", auf deren See der Lohengrinnachen schaukelte, und in der eine Stunde davon gelegenen „Hundings Hütte" das primitivste Wohnhaus der alten Germanen!
Jetzt, wo in den „Linderhof" umgebenden und im französischen Geschmack angelegten Gärten noch des Königs Lieblingsblume, Jasmin, blüht, entfällt von rem Fremdenstrom wieder ein gut Teil auf „Linderhof", dessen Besuch mehr als der der anderen Schlösser von der Beschaffenheit des Wetters abhängt.
Von 9 Uhr vormittags bis 4 Uhr nachmittags, mit einer anderthalbstündigen Mittagspause, findet der Rundgang statt. Das Entree ist noch immer auf 3 Mk. festgesetzt, von welcher Taxe auch schwerlich abgegangen werden dürfte. Bei der Anwesenheit von 12 Personen findet bengalische Erleuchtung der Grotte statt, deren Besichtigung bei geringerer Beteiligung nicht ins Programm faßt.


