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Nr. 269 Zweites Blatt
Btittwoch den 15. November
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Gießener Anzeiger
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Lokales und VrovinMes.
Gießen, den 14. November 1899.
** Der Fortschritt hat wieder einmal einen Triumph zu verzeichnen — im Eisenbahnwesen. Wie die „Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen" berichtet, will die preußische Verwaltung Thür griffe imJnnern des Waggons anbringen. Diese „zeitgemäße" Maßregel wird damit begründet, daß auf der Berliner Stadtbahn und auf den Vorortbahnen die Einrichtung nur günstige Resultate gezeitigt hat. Die Versuche mit Anbringung von Thür- griffen im Innern der Wagen hat sich auf einzelnen Fernzügen ebenfalls bewährt. DaS Aussteigen der Reisenden wird erheblich erleichtert und die Abfertigung der Züge wesentlich beschleunigt, ohne daß Unfälle infolge voreiligen OeffnenS zu verzeichnen waren. Auf den preußischen und hessischen Staatsbahnen werden daher schon seit einiger Zeit alle neuen Personenwagen mit inneren Thürgriffen versehen.
•• Von hessischen Behörden werden steckbrieflich verfolgt: Lackierer Philipp Baumann aus Frankfurt a. M. wegen Diebstahls, Dienstknecht Leonhard Düll aus Würzburg wegen Betrugs, Dienstknecht Johann Hör es aus Darmstadt wegen Körperverletzung, Dienstknecht Jakob Kaut aus Endbach wegen Diebstahls, Friedrich Reichard aus Tann wegen Diebstahls, Arbeiter Karl Paul Ruppelt aus Ar- noldSmühle wegen Diebstahls, Russensteinmacher Hermann Schiefelbein aus Mokoritz wegen Körperverletzung und Taglöhner Max Wonschikofski aus Kolaczkowo wegen Diebstahls, sämtlich von Großh. Staatsanwaltschaft Gießen; Zimmermann Friedrich Beensen aus Seelze, nennt sich auch Heizer Leonhard Barth aus Nordheim, wegen Diebstahls, Schmied Leonhard Heß aus Groß Rohrheim wegen Unterschlagung und Dienstknecht Johann Ludwig Hofmann aus Bullau, sämtlich vom Großh. Amtsanwalt zu Zwingenberg; Eisendreher Heinrich Denzer aus Pfeddersheim wegen Bedrohung und Hausfriedensbruchs und Arbeiter Wilhelm Steeb aus Calbach wegen Diebstahls, beide vom Großh. Amtsanwalt zu Alzey; Kutscher Jakob Heigert aus Heidesheim wegen Unterschlagung von der Polizei- oerwaltung Worms; G. H. Lange aus Berthelsdorf, zuletzt in Vilbel, wegen Betrugs von Großh. Staatsanwaltschaft Darmstadt; Arbeiter Karl Otto Schneider aus Leipzig wegen Diebstahls von Großh. Staatsanwaltschaft Mainz; Dienstmagd Katharina Sprengel aus Wald- Michelbach und Schlosser Karl Grät er aus Biebrich, beide wegen Diebstahls vom Polizeiamt Mainz; Russenmacher Karl Stenger aus Krombach wegen Körperverletzung vom Großh. Amtsanwalt zu Offenbach; Unbekannter mit falschem Namen Michael Hofmann aus Drommersheim wegen Betrugs vom Großh. Amtsanwalt zu Alzey; Unbekannter, angeblich August Braun aus Pforzheim, wegen Betrugs von Großh. Staatsanwaltschaft Mainz; Fuhrmann Valentin
Wahl aus Worms wegen Unterschlagung von Großh. Staatsanwaltschaft Mainz; Dreher Alfred G r ö n s u n d aus Pinneberg wegen Unterschlagung vom Großh. Amtsanwalt I zu Darmstadt; Schlossergeselle Peter Naumann aus Schiffweiler wegen Betrugs, Fuhrknecht Adalbert Seifert aus Gersfeld wegen Unterschlagung, Anton Maienfeld aus Erfurt, angeblich auch Jakob Krein er aus Erfurt wegen Unterschlagung, sämtlich vom Großh. Amtsanwalt zu Bingen; Kellner Paul Stein aus Staßfurt wegen Unterschlagung vom Großh. Amtsanwalt I zu Darmstadt ; Fuhrknecht Lorenz ANendorf aus Winkel, Bäcker Xaver Ederer aus Stadtamhof, Schmied Friedrich Robert Hugo Busch aus Schönau und Kellnerin Martha Nettel aus Laufenselten, sämtlich wegen Strafvollstreckung vom Großh. Amtsgericht Mainz; Schmied Ludwig Donauer aus Homburg wegen Diebstahls, Taglöhner Leonhard B ü ch i aus Baden wegen Diebstahls, Kellnerin Anna Metternich aus Marburg wegen Diebstahls, Reisender Johann Martin Kränke! aus Rastatt wegen Betrugs, Kellner Otto Müller ans Beatenwalde wegen Unterschlagung, Metzger Robert Julius Jakob Adler aus Düren wegen Widerstands usw., Werkmeister Paul Wagenzink aus Waldheim wegen Unterschlagung, Schlosser Karl Wilhelm Last aus Warschow wegen Körperverletzung, Kaufmann Karl Hermann Wilhelm Lehmann aus Nordhausen wegen Betrugs und Hausierer Martin Sans aus Nackenheim wegen Unterschlagung, sämtlich vom Großh. Amtsanwalt zu Mainz.
** Ju Amerika verstorbene Heffen. Cincinnati, O., M. Guthardt, 70 Jahre alt. St. Louis, Mo., Georg M. Voll mar, 74 Jahre alt, aus Wetter Hessen Nassau. McKees Nocks bei Pittsburg, Pa., Wilhelm Benjamin Landsfeld, 64 Jahre alt, aus Oberkaufungen Kurhessen. New-York, Johann Peter Herlich, 80 Jahre alt, aus Sehlen Kurhessen. Pittsburg, Pa., Jakob Krumm, 72 Jahre alt, aus Wiesbaden. Tamaqua, Pa., Frau Juliana Haber, 79 Jahre alt, aus Reichensachsen Hessen-Naffau. Chicago, Jll., Witwe Katharina Stückler, geb. Seibel, 76 Jahre alt, aus Oberfeld Hessen Nassau. Town Rhine, Sheboygan County, Wis., Heldwig Feldmann, 79 Jahre alt, aus Griesheim. Dayton, O., Frau Maria Louise Johnson, 55 Jahre alt, aus Gießen. Colony, Allen County, Kans., Frau Katharina Knüppel, geb. Noll, 71 Jahre alt, aus Roda. Syracuse, N. Y., Abraham Passet, 65 Jahre alt, aus Neu-Isenburg. Albany, N. Y., Johannes Etling, 82 Jahre alt, aus Schlitz. Long Island City, L. I., Frau Elisabeth Fried, geb. Schilling, 46 Jahre alt, aus Mainz. Quincy, Jll., Joseph August De La Rue, 74 Jahre alt, aus Bensheim. Belleville, Jll., Frau Elisabeth Nold, geb. Schickedanz, 76 Jahre alt, aus Hessen-Darmstadt. Washington, Jll., Philipp Wohlgemuth, 72 Jahre alt, aus Niederaula, Kurhessen. Mount Vernon, Jnd.,
Wilhelm Zimmermann, 74 Jahre alt, aus Bornheim.
Detroit, Mich., Conrad Pfeiffer, 49 Jahre alt, aus Grebenhagen.
Steinberg, 13. November. Im Saale des Herrn Gastwirt Faber fand gestern dahier eine landwirtschaftliche Versammlung statt, in welcher auf Veranlaffung des landw. Bezirksvereins Gießen Herr Oekonomierat Leit Higer aus Alsfeld einen Vortrag über Viehzucht und die Fütterung des Rindviehes im Winter hielt. Die Versammlung wurde von Herrn Provinzialdirektor von Bechtold geleitet und war recht zahlreich besucht. Im Anschluß an den Vortrag fand eine lebhafte Besprechung über eine Anzahl der im Vortrag berührten Punkte statt, an welcher sich der Vorsitzende und viele Anwesende beteiligten. Um die geplanten Bestrebungen des Provinzialvereins zwecks Hebung der Vindviehzucht auch hier in die Wege zu leiten, soll beim Provinzialverein beantragt werden, daß demnächst hier em Körtermin abgehalten werden möchte, damit den Landwirten Gelegenheit geboten wird, ihre Tiere in das Herdbuch aufnehmen lassen zu wollen.
A Aus dem Schlitzerlande, 13. November. Die Weberei, welche in unserer Gegend mit Vorliebe betrieben wird, soll nunmehr durch Abhaltung besonderer Weberkurse wesentlich gefördert werden. Es soll insbesondere den zahlreichen Webern in den zum Kreise Lauterbach gehörenden Gemeinde» Bernshausen, Nieder-Stoll und Uetzhausen Gelegenheit geboten werden, sich sowohl die erforderlichen theoretischen Kenntnisse anzueignen, als auch mit den neueren Webarten sich vertraut zu machen. Der Unterrichtskursus umsaßt 4 bis 5 Monate. Die Unterweisungen erfolgen indessen nur an den Sonntag Nachmittagen und zwar durch den dafür gewonnenen Weblehrer Pfündel aus Lauterbach. Der diesmalige Kursus, zu dem bereits zahlreiche Anmeldungen vorliegen, wird in Bernshausen abgehalten.
nn. Darmstadt, 13. November. In Anwesenheit der Lehrer und Mitgliedern des Aufsichtsrates fand heute morgen um 8 Uhr die Eröffnung der Wintertagesklassen an der hiesigen Gewerbeschule durch den Direktor der Anstalt, Herrn Dr. Meisel statt. Der Lehrplan der Schule umfaßt eine untere und obere Klasse für Bauhandwerker sowie eine Klasse für Metallarbeiter, und wird der Unterricht während des Winters täglich von morgens 8 bis 12 Uhr und von 2 bis 6 Uhr abends stattfinden und von 8 Lehrern erteilt werden. 45 Schüler haben sich bis heute zum Besuch der Anstalt gemeldet. Nach einer kurzen Ansprache des Direktors an die Schüler, in welcher derselbe zur Zucht und Ordnung aufforderte und den Wert der heutigen technischen Ausbildung hervorhob, wurde sofort mit dem Unterricht begonnen. — Die Studierenden der Technischen Hochschule werden den Geburtstag Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs und der Großherzogin am 28. November
Feuilleton.
Mora oder ein Muppenheim.
(Schauspiel in 3 Aufzügen von Henrik Ibsen.)
Ueber die Künstlerin, welche am nächsten Donnerstag im Theaterverein die Nora darstellen wird, haben wir bereits aus geschätzter Feder einen orientierenden Artikel unseren Lesern geboten. Heute lassen wir für diejenigen unserer Leser, welche mit der Handlung in Ibsens be- deutenstem Werk, nicht vertraut sind, einige erläuternde Worte über den Inhalt folgen:
Der Advokat Helmer hat mit seiner Gattin Nora acht Jahre glücklichster Ehe, die mit drei reizenden Kindern gesegnet ist, durchlebt. Er trägt sein Singvögelchen, seine Lerche, wie er sie schmeichelnd nennt, auf Händen; sie ist frie Puppe, mit der er stets fröhliches Spiel treibt, das schöne junge Weib, „in das verliebt zu sein, ihm ein Vergnügen ist" — aber weiter ist sie ihm auch nichts; zu einem edleren Eheverhältnis, zu einem Zusammenleben der Seelen vermag sein ebenso sinnlich wie weltlich ausgebildeter Alltagsgeist sich nicht zu erheben. Und Frau Nora hat ihm den Gefallen gethan, stets seine fröhliche Lerche zu sein, aber ein naiver und zugleich groß denkender Sinn paart sich damit.
Als Helmer, tötlich krank, nach Italien geschickt werden muß, und der Geldfrage hülflos gegenübersteht, weiß sie die Summe heimlich herbeizuschaffen. Sie that es zwar in der unbesonnenen Art einer geschäftsunkundigen Frau, die
hier sogar den Stempel strafbaren Leichtsinns trägt; denn sie entlieh die Summe einem in der Geschäftswelt nicht unbescholtenen Manne, Heinrich Günther; sie that noch Schlimmeres, indem sie die Handschrift ihres Vaters, dessen Sterbelager sie nicht mit einem Schuldscheine zu entweihen wagte, fälschte; aber Liebe hatte sie dazu getrieben, und jetzt noch nach Jahren hat sie keine Ahnung, welches Vergehens sie sich durch die Fälschung schuldig gemacht hat. Im Gegenteil: sie arbeitet „für ihr Geheimnis, das ihre Freude und ihr Stolz ist" mit fröhlichem Eifer. Noch erhöht wird die Lebensfreude des Ehepaares durch die Ernennung Helmers zum Direktor einer Aktienbank, und wie Frohsinn immer anzieht, so findet man auch am Herde dieser Familie liebesuchende Freunde, Dr. Rank, einen ebenso unglücklichen wie edlen Mann, „dessen armes Rückgrat für seines Vaters lustige Leutenantstage büßen muß" und der an der Sonne Frau Noras sich seine letzten, trüben Tage vergoldet, und Frau Linden, eine Brod und Liebe suchende Witwe. Helmer, in seinem neuen Glück, schafft ihr an seiner Bank eine Stellung und verjagt dadurch den ihm als Mitarbeiter unangenehmen Günther. Durch diesen Zwischenfall scheint die Katastrophe über die Glücklichen hereinzubrechen.
Günther, dem seine Stellung „die erste Stufe zu den bürgerlich Geachteten" war, verlangt von Nora, als der Gattin des Direktors, seinen Platz zurück, mit der Drohung, andernfalls ihrem Manne Mitteilung von dem gefälschten Schuldscheine zu geben.
Jetzt erst kommt Nora zum Bewußtsein, welch schwarzen
Fleck ihr schönes Geheimnis birgt. Ihr Einfluß auf Helmer erstreckt sich nicht so weit, daß ihre Bitten Günther- Forderung befriedigen könnten, und eine echt weibliche Verzagtheit hindert sie wiederum, ihrem Manne selbst die Wahrheit zu gestehen. Seit ihrer Kindheit schon hat sie immer auf etwas Wunderbares, das ihr einst herrlich aufgehen sollte, gewartet; jetzt sieht sie es fast in der Lösung dieses Knotens.
Dennoch zittert Tage hindurch jeder Nerv in ihr vor dieser Lösung, und sie hält Helmer durch jedes Mittel „31 Stunden" von dem ihr furchtbares Geheimnis verratende» Briefe Günthers fern. Erst als er in froher Aufwallung den Wunsch ausspricht, einmal für sein Weib das Lebe» aufs Spiel setzen zu können, läßt sie ihn frei zu dem Briefe.
Aber das Wunderbare der Lösung, der Mut ihre- Gatten, der dem Angeklagten zurufen würde: „Machen Sie die Sache der ganzen Welt bekannt" tritt nicht ein, nicht einmal Verständnis oder Entschuldigung für ihre That findet sie. Sein hausbackener, an der Welt hängender Sinn vermag sich nur in Schmähungen und Jammern über seine verlorene Ehre Luft zu machen, und jetzt wird Nora die Nnwürdigkeit ihres gegenseitigen Verhältnisses klar. Obgleich Dank der Vereinigung Günthers mit seiner Rivalin der Schuldschein »un vernichtet werden kann, und Helmer angesichts seiner nun scheinbar wiedergewonnenc» Ehre sie mehr denn je zu lieben verspricht, verläßt sie ihn, „da sie ihn und die bestehende Gesellschaft nicht mehr versteht."


