Ausgabe 
15.10.1899 Erstes Blatt
 
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gestern bei der Kladderadatschgeschichte förmlich grimmig angeblickt. Was sollen die ollen Kamellen? Privatgespräche zu verwerten, ist nicht fair. Ich werde mit ihm sehr, sehr vorsichtig sein. (Stürmischer Beifall. Wir auch, wir auch!) Auer selbst spottete privatim mir gegenüber über Marx und Engels als Parteipäpste. (Unruhe.) Mit dem Kladderadatsch habe ich mich geirrt; aber wer konnte solche unerhörte Pro­sperität ahnen. Die Krise und die Ueberproduktion aber wird in noch schlimmerer Form alsbald hinterherkommen. Ich glaube nicht an Davids soziale Dreieinigkeit. Ich schwöre allerdings nicht, daß das so bleibt; vielleicht kommt auch für mich ein Tag von Damaskus. (David: Aha!) Die Landtagswahldebatte hängt mir zum Halse hinaus. Bleibt Liebknecht bei seinem Verlangen für nächstes Jahr, dann wird er eine eklatante Niederlage erleiden. Ich bin des trockenen Tones satt. Die schmählichen Disziplin­widrigkeiten wie in Sachsen müssen aufhören. Es heißt parieren. Bernstein soll sich nicht unterstehen, von neuem zu rebellieren. Die freie Forschung darf die Grundlagen nicht antasten.- Auer wendet sich gegen Bebel. Er, Auer, habe lediglich in Abwehr der wider ihn gerichteten Denun­ziationen gehandelt. Monate lang hätten seine Angreifer das große Maul; auf den Tag seien sie gekniffen. (Beifall.) Die Resolution Bebels wird angenommen.

Ausland.

Wien, 13. Oktober. Die Antisemiten beriefen auf den 23. Oktober eine Volksversammlung nach Her­nals ein, mit der Tagesordnung: Stellungnahme zur Be­leidigung der Katholiken gegen die Juden in der Protest- Versammlung der jüdischen Kultusgemeinde.

Wien, 13. Oktober. Heute vormittag wurde der Mi­nisterpräsident Gras Clary vom Kaiser in längerer Au­dienz empfangen.

Brüssel, 13. Oktober. Das belgische Königspaar erhielt bisher keine offizielle Anzeige von der Absicht der Erzherzogin Stephanie, den Grafen Lonyay zu ehelichen. Damit ist aber nicht gesagt, daß diese Absicht nicht dennoch wahr sein kann. Das belgische Königspaar nämlich steht schon seit Jahren allen Plänen einer Wiedervermählung der Tochter feindlich gegenüber. Auch verzeihen ihr die Eltern nicht die lebhafte Parteinahme für ihre Schwester Luise von Coburg. Das ist der Grund, weshalb Erzherzogin Stephanie seit endlos langer Zeit jeden Verkehr mit den Eltern mied, und als sie diesen Sommer auf der Durchreise nach England hier einen kurzen Besuch machte, trat der König eine Reise an, um eine Begegnung zu vermeiden. Auf diese Weise lernte die Tochter der Erz­herzogin Stephanie, Erzherzogin Elisabeth, ihre Großeltern erst kennen, als sie dreizehn Jahre zählte; aber sie hat noch nie das Brüsseler Palais betreten.

Paris, 13. Oktober. Die Budget-Kommission beschloß die Abschaffung der Gehälter von 35 Bischöfen sowie die von General-Vikaren und zirka 700 Vikaren.

Paris, 13. Oktober. Infolge des Zwischenfalles in Montelimar veröffentlicht das Amtsblatt eine Verfügung, wonach die Offiziere nicht mehr inZivilausgehen dürfen.

Paris, 13. Oktober. Der Jntransigeant berichtet, man habe gestern im Orient-Expreßzug einen an der Hüfte verwundeten Herrn gefunden, welcher von den Mit­reisenden als der Oberst Schneider erkannt wurde. Der frühere österreichisch-ungarische Militär-Attache soll in einem Duell, welches in der Dreyfus-Angelegen- heit seinen Ursprung haben soll, verwundet worden sein.

Petersburg, 13. Oktober. Der Appell-Senat verurteilte den Pastor von Holst-Andern zu dreijähriger Amtsentsetzung wegen Konfirmation von Kin­dern aus Mischehen. Der Prokurator hatte gegen das freisprechende Urteil des Rigaer Bezirksgerichtes Berufung eingelegt.

Petersburg, 13. Oktober. Gutem Vernehmen nach wird in der nächsten Zeit ein russisches Konsulat in Köln errichtet werden.

London, 13. Oktober. Der heute vormittag zusammen­getretene KabinettSrat sollte die Thronrede feststellen.

Konstantinopel, 13. Oktober. Bei Hofe erregte es einiges Aufsehen, daß der Sultan die älteste kaiserliche Prinzessin beauftragt hat, einen Condolenzbesuch im Harem des Großveziers zu machen; jedenfalls ein seltenes Ereignis.

ZickKles «nd Provinzielles.

Gießen, den 14. Oktober 1899.

** Geschichtstalender. (Nachdruck verboten.) Vor 47 Jahren, am 15. Oktober 1852, starb zu Freiburg a. d. U. Friedrich Ludw«g Jahn, der deutsche Turnvater, der während des Friedens bauptiächl'ch durch Betreibung des TurnwcsenS für Kräftigung der Jugend und Wtedererhebung des Vaterlandes thätig war. Wie damals so viele, so unterlag auch er argen Verfolgungen, weil er *vie höchst gefährliche Lehre von der Einheit Deutschlands auf­

gebracht." Jahn wurde am 11. August 1778 zu Lanz bei Lenzen geboren.

** Erntedankfest. Mit Dank gegen Gott, den Geber alles Guten, tritt am heutigen Festtage die Gemeinde in Stadt und Land vor das Angesicht ihres Vaters im Himmel. Jst's doch trotz vielfacher Schäden und Verwüstungen durch der Elemente Gewalt im großen und ganzen ein gesegnetes Erntejahr gewesen, auf dessen Ertrag in Scheune und Keller der fleißige Landmann nun zurückblicken darf. Und nicht nur er, nein jeder in seinem Handwerk, Geschäft, Beruf streut Samen ans auf Hoffnung des Gedeihens und Ge­lingens. Darum sollen auch diejenigen heute mitfeiern, die an ihrem Teil Gottes Hilfe und Segen erfahren haben und doch auch in ihrem Lebenskreise es fühlbar genug empfinden, ob Mißwuchs oder Fülle, Teuerung oder Ueberfluß gewesen ist auf dem Felde. Zu dem freudigen Dank aber müsse treten der Geist der Demut, Genügsamkeit und Sparsamkeit, welcher den empfangenen und erfahrenen Segen nicht als einen Raub hinnimmt oder mutwillig verschleudert, sondern sich als Haushalter des ewigen Gottes weiß, dem er einst Rechen­schaft über sein Thun und Lassen, Arbeiten und Genießen geben wird. Vor allem aber soll der Christ dessen einge­denk bleiben, daß der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern ewige Güter und eine jenseitige Welt kennt, die köstlicher sind als alle Reichtümer und Freuden dieses ir­dischen Lebens. Wer kein verfehltes Leben einst beklagen will, das nur Sünde, Seufzen und Sorgen, im besten Falle Mühe und Arbeit aufzuweisen hat, soll sich durch das Ernte­dankfest des Heilandes Wort in Seele und Gewissen prägen lassen:Ich habe euch gesetzt, daß ihr hingehet und Frucht bringet und eure Frucht bleibe!" Solche Frucht aber ist: Gottvertraaen, Nächstenliebe, Ewigkeitssinn. Möchte sie unsres evangelischen, deutschen Volkes Ruhm und Ehre sein!

* *

** Ernennung. Seine Königliche Hoheit der Groß­herzog haben Allergnädigst geruht, am 30. September den Ministerialrat Freiherrn von Biegeleben, mit Wirkung vom 1. Oktober ds. Js. an, zum Mitgliede der Prüfungs-Kommission für das Finanz- und technische Fach zu ernennen.

Feierabend stunde bei Wahlen. Verschiedene Kreis­ämter bringen zur öffentlichen Kenntnis, daß die Polizei­stunden bei Wahlversammlungen für Reichstag und Landtag vom Tage der Ausschreibung der Wahl bis nach vollständig beendeter Wahl in dem betreffenden Wahlbezirk nicht zur Anwendung kommen.

* Kuustverein. Die Gemälde-Ausstellung im Turmhaus am Brand ist geöffnet täglich von 111 (nicht, wie gestern irrtümlich gemeldet, von 14), mit Ausnahme Samstags, Mittwoch auch nachmittags von 35, Sonntag ununterbrochen von 113 Uhr.

Aus dem Theaterbureau. Morgen (Sonntag) ge­langt, wie schon bekannt, das VolksstückHopfenraths Erben" zur Aufführung, welches vor so vielen anderen Possen den Vorzug hat, neben heiteren, komischen Szenen auch einen gediegenen, lebenswahren Inhalt zu besitzen. Komik und Ernst wechseln mit heiteren Kouplets, und ent­rollen vor dem Zuschauer ein Bild großstädtischen Lebens mit seinen Licht- und Schattenseiten. Die Bierbrauers- witwe Hopfenrath spielt Frau Direktor Helm. Die Soubrettenrolle liegt wiederum in Händen des Fräulein Eichenwald, welche sich am vergangenen Sonntag beim Gießener Theaterpublikum auf das vorteilhafteste einführte.

* Polizeibericht. Drei von hier gebürtige berüchtigte Taugenichtse, welche schon einige Zeit ihren Unfug in hie­siger Stadt treiben, wurden gestern abend 11 Uhr in der Schulstraße verhaftet. Dieselben belästigten in der Sonnenstraße die Ablösung eines Militärpostens; von einem Schutzmanne verwarnt, verübten sie einen derartigen Lärm und vergingen sich nach Eingreifen der Schutzleute gegen diese, sodaß sie alle drei wegen Ruhestörung, Widerstand, Bedrohung und teilweise wegen Gefangenenbefreiung sich zu verantworten haben.

Darmstadt, 14. Oktober. Einer Petersburger Meldung derPolit. Korrespondenz" zufolge ist die Abreise des russischen Kaiserpaares nach der Heimat für die letzte Oktoberwoche in Aussicht genommen. Der Aufenthalt in Skierniewice wird ungefähr acht Tage dauern. Ueber Ort und Zeit der Zusammenkunft mit Kaiser Wilhelm ist noch nichts Genaues bekannt.

Darmstadt, 13. Oktober. Die Unschuld vomLande. Ein hier bedienstetes Mädchen aus Ober-Ramstadt sollte vorgestern nachmittag mit einem zehnjährigen und einem einjährigen Mädchen ihrer Dienstherrschaft in den Anlagen spazieren gehen. Statt dieses zu thun, ging das Mädchen mit den Kindern nach Ober-Ramstadt und blieb dortselbst über Nacht. Die geängstigten Eltern suchten die ganze Nacht in der Umgebung der Stadt, natürlich vergeblich, nach dem Verbleib ihrer Kinder. Gestern früh wurden dann die Kinder in Ober-Ramstadt abgeholt.

Eronberg, 13. Oktober. Kaiserin Friedrich ver» läßt am 19. d. M. nach sechsmonatigem Aufenthalt Schloß FriedrichShof und begiebt sich zunächst auf drei Tage nach Rumpenheim und dann zum Winteraufenthalt nach Süd- tyrol. Nach Berlin wird die Kaiserin in diesem Winter nicht kommen, da sie auf Anraten der Aerzte den Winter im Süden verbringen will.

Hanau, 12. Oktober. Die Stadtverordneten be- schlossen heute die Annahme eines der Stadt von der im August d. I. verstorbenen Witwe Auguste Jung zugefallenen Vermächtnisses von 150,000 Mk., deren Revenuen hauptsächlich zu Unterrichtszwecken verwendet werden sollen. Außerdem hat die Verstorbene letztwillig verfügt, daß nach dem Ableben ihrer Tochter der Stadt auch ihre Villa mit Park zufällt; der Park soll als öffentliche Anlage und die Villa ebenfalls einem gemeinnützigen Zwecke, wie etwa für Kunst und Wissenschaft, dienen.

Kirchliche Nachrichten.

Evangelische Gemeinde.

Montag den 16. Oktober, abends 6 Uhr: Gottesdienst jur Eröffnung des Konfirmandenunterrichts für die Kinder aus der Johannesgemeinde. Die Angehörigen der Konfirmanden, sowie dir Gemeinde werden zu diesem Gottesdienst herzlichst eingeladen.

Pfarrer Dr. Naumann.

Handel und Verkehr. Volkswirtschaft.

Gieße», 14. Oktober. Marktbericht. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter per Pfd. X 0.901.10, Hühnereier per St. 78 4fr, 2 St. 1415 H, Enteneier 1 St. 00 4, Gänse- eiet per St. 600 4s, Käse 2 St. 58 4s, Käsematte 2 St. 5-6 4s, Erbsen per Lüer 18 Linsen per Liter 29 Tauben per Paar X 0.700.80, Hühner per St. X 1.001.10, Hahnen per Stück X 0.601.00, Enten per St. X 1.802.00, Gänse per Pfund X 0.500.60, Ochsenfleisch per Pfd. 6874 4s, Kuh- und Rindfleisch per Pfd. 6264 4s, Schweinefleisch per Pfd. 6674 4s, Schweine­fleisch, gesalzen, per Pfd. 78 .3», Kalbfleisch per Pfd. 6466 4s, Hammelfleisch per Pfd. 5070 4s, Kartoffeln per 100 Kilo 3.80 biS 4.80 X, Weißkraut per St. 0000, Zwiebeln per Etr. X 5.006.00, Milch per Liter 16 4s, Zwetschen per Ctr. 8,0010 00._____________

Ans dem Geschäftsleöen.

Görlitz (Schlesien) verdankt seine Berühmtheit den dort bestehen­den, bewährten Tuchfabriken. Besonders wird dort das TuchversandhauS von Boefig & Co. empfohlen, welches vermöge seiner großen Kund­schaft gut und billig verkaufen kann. Die größte Auswahl in Herren- und Damenstoffen steht hier zu Gebot, die Preise selbst sind äußerst billig gestellt, die Stoffe zeichnen sich durch große Haltbarkeit und schönes Aussehen aus. Die genannte Firma hat außer ihren eigenen Fabrikaten auch eine hervorragend schöne Auswahl von Neuheiten der gesamten Tuchindustrie Deutschlands zu billigen Preisen und versendet jedes Maß direkt an Private.

Wir machen noch ganz besonders auf die der heutigen Auflage beiliegenden Prospekte genannter Firma aufmerksam. 7382

Ärmste Meldungen.

Depeschen deS Bureau .Herold*.

Budapest, 14. Oktober. Die Vermählung be£ Grafen Lonyay mit der Kronprinzessin-Witwe Stephanie soll schon in allernächster Zeit stattsinden unk demnächst amtlich bekannt gegeben werden.

Paris, 14. Oktober. Gestern wurde das Gerücht ver­breitet, Oberst Schneider sei nach einem Duell mit General Roget, in dem letzterer verwundet worden sei, nach Wien zurückgekehrt. Die hiesige österreichisch-ungarische Botschaft erklärt jedoch das Gerücht für unbegründet.

Paris, 14. Oktober. DasEcho de Paris" gibt an, aus bester Quelle erfahren zu haben, daß eine wichtige Bestellung von Kanonen für Transvaal bei einer französischen Firma gemacht worden ist. Die Bestellung soll über Mozambique nach Transvaal beordert werde». Der französische Minister des Aeußern werde aber die Absendung verhindern lassen.

Paris, 14. Oktober. DerFigaro" berichtet, daß Oberst Schneider in verschiedenen Fällen Frankreich auf Spione aufmerksam gemacht hat. So habe Schneider der französischen Regierung die letzte Spionage-Angelegen­heit von Nancy angezeigt.

Paris, 14. Oktober. In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag wurde in Breslin der Kaserne Porstrein, woselbst das 6. Marine - Infanterie - Regiment liegt, eine Fahne aufgepflanzt mit der Inschrift: Hoch Därouläde, hoch der Herzog von Orleans, nieder mit Loubet. Eine Untersuchung hierüber ist eingeleitet worden.

Barcelona, 14. Oktober. Gestern abend begaben sich zahlreiche Einwohner vor das Rathaus und forderten unter feindlichen Rufen die Demission des ge­samten Gemeinderates. Der Bürgermeister mußte Gendarmerie herbeirufen, um die Municipalräte vor Ge­walttätigkeiten schützen zu können. Die Gendarmerie ging mit blanker Waffe vor. Mehrere Demonstranten wurden verwundet. Alle Läden wurden geschlossen. Die Handels­leute weigern sich, Steuern zu zahlen. Die Kundgeber manifestierten sodann vor der Universität und warfen dort sowie bei verschiedenen Redaktionen die Fenster ein.

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