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15.9.1899 Erstes Blatt
 
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Freitag den 15. September

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Nr. 217 EMsBlatt.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Amtlicher Teil.

Bekanntmachung, betr.: Die zu veranstaltenden Erhebungen für die Jahres­berichte der Gewerbeinspektionen.

Die rubricierten Erhebungen sollen, wie bereits in früheren Jahren, in der Weise bewirkt werden, daß für jeden der Aufsicht unterliegenden Gewerbebetrieb von dem Gewerbeunternehmer selbst ein besonderer Fragebogen auSgefüllt wird. Diese Fragebogen werden in den nächsten Tagen den Gewerbeunternehmern von den Ortspolizei­behörden zur Ausfüllung übermittelt werden. Wir weisen die Gewerbeunternehmer hierdurch darauf hin, daß sie nach § 139b Abs. 5 der Gewerbeordnung verpflichtet sind, die gewünschten statistischen Angaben innerhalb dervorgeschriebenen Frist und in der vorgeschriebenen Form zu machen, widrigen­falls sie im Unterlassungsfall nach § 149 Abs. 1 Nr. 7 der Gewerbeordnung sich strafbar machen würden. Da die OrtSpolizeibeihörden von uns angewiesen sind, bis zum IO. Oktober d. I. die ausgefüllten Fragebogen wieder einzusenden, so wird rechtzeitige Ausfüllung seilens der Unternehmer erwartet.

Soweit Fragebogen für Betriebe auszufüllen sind, welche nur zu gewissen Zeiten des Jahres betrieben werden, sind die für die-Zeit des Betriebes solcher Anlagen im Jahre 1899 gütigen Arbeiterzahlen in dieselben einzutragen. Gewerbeunternehmer, deren Betrieb der Aufsicht des Ge­werbeinspektors unterstellt ist und die keine Fragebogen zu­gestellt erhalten, wollen solche bei der Polizeibehörde reklamieren.

Gießen, den 13. September 1899.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.

Gießen, den 13. September 1899.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Polizeibehörde» uud die Großh. BürgermeiftereieuderLaudgemeiudeudesKreises.

Unter Bezugnahme auf unser heutiges Ihnen besonders zugehendes Amtsblatt ohne Nummer machen wir Sie auf vorstehende Bekanntmachung noch ausdrücklich aufmerksam.

v. Bechtold.

Zur Lage in Frankreich.

Die französische Regierung hat sich im Ministerrat auch mit dem Prozeß Dreyfus beschäftigt. Wie aus Paris gemeldet wird, erstattete Ministerpräsident Waldeck-Rousseau Bericht über die telegraphischen und schriftlichen Meldungen, welche von den Präfekten anläßlich des Urteils im Nenner Prozeß eingelaufen sind. In denselben wird festgestellt, daß überall, sowohl in der Provinz als auch in Paris, vollkommenste Ruhe herrscht. Zur Affaire selbst wird weiter berichtet:

Paris, 13. September. Infolge der bei dem letzten Prozeß an den Tag gekommenen skandalösen Machenschaften des zweiten Nachrichtenbureaus hat der Kriegsminister be­schlossen, daß das zweite Nachrichtenbureau vom 15. d. M. ab um gestalt et wird. Der geheime Polizei- dienst, welcher bisher vom zweiten Bureau ausgeführt wurde, wird fortan dem Polizeisicherheitsdienst übertragen, sodaß die Offiziere nicht mehr nötig haben, falsche Brillen, Bärte und Kleider zu tragen. (!)

Berlin, 13. September. DieBerl. Reuest. Nachr." schreiben zu der von denHamb. Nachr." und auch von anderen deutschen und ausländischen Blättern gebrachten Andeutung, daß Dreyfus militärische Geheimnisse nicht an Deutschland, sondern an Rußland ausgeliefert habe, es sei doch auffallend, daß die gleiche Version an den verschiedensten Stellen zu gleicher Zeit auftauche. Man könne sich deshalb dem Eindruck nicht entziehen, daß noch überraschende Enthüllungen zu erwarten seien. Wo so viel Rauch sei, müsse doch auch Feuer sein. Selbstverständlich würde die Bestätigung obiger Behauptung, die Glauben finden müffe, wenn fie nicht die unzweideutigste Widerlegung erfahre, an der Verurteilung des in Rennes beliebten Verfahrens nicht das Geringste ändern. Dreyfus sei in Rennes wegen Verrats an Deutschland verurteilt worden, ohne daß auch nur der Schatten eines Beweises erbracht worden wäre. Möge es deshalb um jene Behauptungen wie immer stehen, so bliebe das Urteil doch eine Ungeheuerlichkeit, die

noch schandbarer sein würde, wenn die Richter auch nur eine Ahnung von dem wahren Sachverhalt gehabt hätten. Ganz entschiedenen Einspruch erheben dieBerliner Neuesten Nachrichten" gegen den von englischer Seite ge­machten Versuch, den Fall Dreyfus zu einem Verhetzungs­feldzug Deutschlands gegen Frankreich auszubeuten. Deutsch­land sei der englischen Vormundschaft seit 11 Jahrzehnten entwachsen und wisse auch ohne englische Ratschläge, wie es seine Beziehungen zu anderen Mächten zu gestalten habe. Auch diePost" läßt sich zur Dreyfus-Affaire aus, indem sie sagt, das Verbrechen, dessen Dreyfus bezichtigt werde und das im Urteil genannt sei, habe er nicht begangen, aber nach dem Material, das der Prozeß biete, erscheine es doch fraglich, daß Dreyfus ganz reine Hände habe. Und wenn er, wie verschiedene Blätter wissen wollen, an den Zaren Mitteilungen geliefert habe, also an den Bundesgenossen des Reiches, so könne man das wohl kaum als Landesverrat bezeichnen.

Deutsches Reich.

Berlin, 13. September. Wie derReichsbote" von bestunterrichteter Seite erfährt, ist eine Zusammenkunft zwischen dem deutschen und dem russischen Kaiser für die allernächste Zeit in Aussicht genommen. Aus ganz äußerlichen, völlig unpolitischen Gründen sei die­selbe um ein Weniges verschoben worden.

Staatssekretär v. Bülowist heute von Karls­ruhe nach dem Semmering abgereist.

Folgende Personal-Veränderungen in der Avnitr Eden derPost" auf- !?em Manöver-Terrain ge­meldet : Kriegsminister Generalleutnant v. Goßler zum General der Infanterie befördert, Prinz Maximilian von Baden, Rittmeister und Eskadrons-Chef im Garde-Kürassier-Regiment, zum Major befördert. Prinz Joachim Albrecht von Preußen, Rittmeister und Eskadronschef des ersten Garde-Dragoner- Regiments, als Hauptmann und Kompagnie-Chef in das Königin-Augusta-Garde-Grenadier Regiment Nr. 4 versetzt.

Der neue Minister des Innern, Freiherr v. Rheinbaben, verabschiedet sich von seinem bis­herigen Regierungsbezirk Düsseldorf durch folgende Bekannt­mach u n g im Amtsblatt:Durch die Gnade Sr. Majestät des Kaisers und Königs zum Staatsminister und Minister des Innern ernannt, scheide ich vom Regierungsbezirk Düssel­dorf, der mir in dreiundeinhalbjähriger Zusammengehörigkeit so fest an das Herz gewachsen ist. Für das reiche Maß von Vertrauen, das mir allerseilen entgegengebracht worden, und die Unterstützung, die ich in meinem Wirken überall gefunden, danke ich aufrichtig und bitte, meiner auch ferner in Treuen zu gedenken. Meine innigsten Wünsche werden stets den Regierungsbezirk Düsseldorf und seine Einwohner begleiten."

Wie diePost" erfährt, ist an unterrichteter Stelle von einer Beteiligung deutscher Offiziere an der Reorganisation des griechischen Heeres nichts bekannt. Es dürfte sich daher bei der diesbezüglichen Meldung der AthenerAkropolis" lediglich um eine Auf­wärmung jener alten und schon längst dementierten Nach­richt handeln, daß General v. d. Goltz und andere deutsche Offiziere nach Athen gehen werden, um die Neuformation des griechischen Heeres zu leiten. Wo und wann eine Zusammenkunft des Königs Georg mit dem deutschen Kaiser stattfinden wird, darüber läßt sich, wie diePost" weiter meldet, zurzeit von hier aus nichts be­stimmtes feststellen.

Das Gesetz, betreffend den Karfreitag, das zu so vielen parlamentarischen Kämpfen Veranlassung gegeben hat, wird jetzt, wie wir gestern bereits mitteilten, in der vorn Herrenhause beschlossenen Gestalt amtlich ver­öffentlicht. Der einzige Paragraph des Gesetzes lautet wie folgt: Der Karfreitag hat die Geltung eines bürgerlichen allgemeinen Feiertages. In Gemeinden mit überwiegend katholischer Bevölkerung soll die bestehende herkömmliche Werktagsthätigkeit (auch die gewerbliche Thätigkeit § 105a ff. der Reichs-Gewerbeordnung) am Karfreitage nicht ver­boten werden; es sei denn, daß es sich um öffentlich bemerk­bare ober geräuschvolle Arbeiten in der Nähe von dem Gottesdienst gewidmeten Gebäuden handelt.

Karlsruhe, 13. September. Der Kaiser richtete aus Anlaß der Manöver an den Großherzog von Baden ein Handschreiben, in welchem er seine Freude über den Verlauf der Manöver und seine hohe Befriedigung über die freundliche Aufnahme, die er in Baden gefunden, aus- drückt.

Ausland.

Rom, 13 September. Im Vatikan wird jede Auskunft Über das Befinden des Papstes ver­weigert. Dr. Lapponi ist seit gestern im Vatikan.

Paris, 13. September. Der Thürhü ter des Hauses in der Rue Chabrol, von dem aus Lebens­rnittel zu Gusrin gelangten, ist verhaftet worden.

Paris, 13. September. Man schreibt derPol. Korr." aus Paris: An die von der gesamten Regierung gutgeheißene Entschließung des Kriegsministers General Gallifet, die großen Manöver in diesem Jahre ausfallen zu lassen, die unter der Leitung des Generals Giovaninelli demnächst hätten stattfinden sollen, sind mancherlei Kom­mentare geknüpft worden. Diese Manöver haben früher alljährlich im September stattgefunden, und die Revue nach deren Beendigung wurde stets in Gegenwart des Präsidenten der Republick abgehalten. Es war auch traditionell, daß die auswärtigen Militär-Attaches den großen Manövern beiwohnen. In gewissen Kreisen glaubte man nun zu wissen, die Regierung habe es infolge gewisser Zwischenfälle im Prozesse in Rennes für opportun erachtet, die Manöver nicht abhalten zu lassen, um wenigstens für dieses Jahr den üblichen Austausch von Toasten zwischen dem Präsidenten der Republik und dem Doyen der fremden Offiziere zu vermeiden. Nach einer anderen Version sei die Regierung darüber unterrichtet gewesen, daß die Manöver einen Vor­wand für nationalistische Kundgebungen bieten sollten, wes­halb sie militärische Hebungen von geringerer Bedeutung habe an deren Stelle treten lassen, um auf diese Art allen Kundgebungen ^orzubeugen. Wie auf Grund verläßlicher Mitteilungen versichert werden kann, sind alle diese Kom­mentare unzutreffend. Die Regierung hatte keinen Anlaß, in Bezug auf die Höflichkeitserweisungeu, die nach altem Brauche zwischen dem Präsidenten der Republik und den auswärtigen Militär-Attachoes ausgetauscht zu werden pflegen, Zwischenfälle zu besorgen. Ebenso unrichtig ist es, daß man irgend welche aufrührerischen Kundgebungen be­fürchtet hätte. In der Provinz zeigt sich keine Spur von Aufregung. Ueberdics hat ja die Regierung die wahren Beweggründe ihrer Entschließung zur allgemeinen Kenntnis gebracht, und diese sind hygienische Rücksichten und sanitäre Vorbeugung. Tatsächlich wird von einer ernsten Epidemie berichtet, welche in den Gebieten herrscht, wo die Manöver hätten stattfinden sollen, wie andererseits eine große Zahl von Soldaten unter der übergroßen Hitze enorm zu leiden hatte. Auf Grund dieser Thatsachen hat General Gallifet dem Ministerrat die Entschließung anempfohlen, die dann einstimmig angenommen worden ist.

Madrid, 13. September. In Burgos hat ein Katholikentag stattgefunden, über den die spanische Regierung mit Fug und Recht wenig erbaut ist. Der Kongreß ist zumeist von Geistlichen besucht gewesen, und hat sich viel mehr mit Politik, als mit religiösen Fragen befaßt. Eine Madrider Korrespondenz läßt sich darüber folgendermaßen aus: Wenn jemals ein Zweifel darüber bestanden haben sollte, daß der spanische Klerus und die katholischen Fanatiker Gegner der gegenwärtigen Dynastie und der seit 1876 bestehenden Verfassung sind, so hat der Katholikenkongreß von Burgos, welcher am 3. September geschlossen wurde, eine genaue Auskunft über diese für viele Leute, besonders für die gegenwärtige Re­gierung angeblich zweifelhafte Frage gegeben: Der spanische Klerus, vom Erzbischof von Sevilla bis zum geringsten Dorfgeistlichen, und die gesamten katholischen Fanatiker, vom Marquis de Comillas, bis zum letzten Kirchenbettler, sind ausgesprochene Feinde der gegenwärtigen Dynastie und der liberalen Verfassung, und darum Anhänger des Prätendenten Don Carlos und des politischen Ab­solutismus. Eine rühmliche Ausnahme bildet nur der Kardinal-Erzbischof von Toledo, Sancha, welcher vor etlichen Monaten einen Hirtenbrief an die Geistlichen und Gläubigen seines Sprengels richtete und sie aufforderte, der gegen­wärtigen Dynastie und der Verfassung treu zu sein und den Verführungen der Karlisten und Jntegristen zu wider­stehen. Daß seine Meinung aber nur den geringeren An­hang unter den Katholiken Spaniens findet, bewies der jüngste Kongreß aufs deutlichste. Das Begrüßungsschreiben an den Kongreß, welches Kardinal Sancha von Vichy aus nach Burgos richtete, wurde von den Kongreßmitgliedern, welche in der Kathedrale versammelt waren, ausgepfiffen und ausgezischt. Diese offene feindselige Kundgebung der Fanatiker gegen den höchsten Geistlichen Spaniens, dem der Papst erst vor einigen Tagen ein eigenhändig geschriebenes