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Dienstag den 15. August
Zweites Blatt
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hält, zur Verlesung. In demselben dementiert Dr. Ramson das von nationalistischen Blättern in Umlauf gesetzte Gerücht, daß er wichtige Aussagen über die Schuld Dreyfus zu machen hätte. Es folgte nun die Vernehmung des Attachees Delaroche-Vernet von der französischen Botschaft in Berlin über das Pannizzardi-Telegramm, welches an das Kriegsministerium gelangt ist. Derselbe weift Palöologue, dem er gegenübergestellt wird, nach, daß das Telegramm vom Auswärtigen Amt richtig übersetzt sei. Die Uebersetzung des Kriegsministeriums sei indessen gefälscht. Durch btefe Aussage wird Dreyfus nicht belastet.
Hierauf begann das Verhör des früheren Präsidenten der Republik Casimir Perier. Derselbe erklärte, es sei unrichtig, daß er irgend etwas neues auszusagen habe, was er nicht bereits vor dem Kassationshofe gesagt habe. General Mercier sei es gewesen, der ihm zuerst mitgeteüt habe, es seien militärische Geheimnisse aus dem Generalstab entwendet worden. Verschiedene Dokumente [feien in einer fremden Gesandtschaft in Paris wiedergefunden worden. Später, nach der Verurteilung Dreyfus, habe ihm General Mercier gesagt, er habe dem Kriegsgericht von dem Schriftstück „Ce canaille de D.“ Mitteilung gemacht: Casimir Perier nahm an, daß dies auf gesetzmäßige Weise geschehen sei. General Mercier habe ihm erst 4 bis 5 Tage nach der Degradation Dreyfus von Geständnissen erzählt, die Dreyfus dem Hauptmann Lebrun-Renault gemacht. Auch über den Besuch des Grafen Münster machte Perier dieselben Aussagen, wie vor dem Kassationshofe. Seine Demission als Präsident der Republick habe mit der Dreyfus- angelegenheit und mit der Unterredung des Grafen Münster nicht in Verbindung gestanden. Des weiteren sagte Zeuge aus, Oberst Piquart habe ihn besucht und ihn darauf aufmerksam gemacht, daß die Aussagen des Schriftsachverständigen Bertillon wertlos seien. Vom geheimen Dossier habe er 14 Tage nach der Verurteilung Dreyfus Kenntnis erhalten, und er habe dasselbe genau studiert. Was die Persönlichkeit Dreyfus anlange, so habe er denselben niemals gekannt und niemals mit einem Mitgliede der Familie Dreyfus eine Unterredung gehabt. Zeuge Pürier schloß seine Aussagen mit den Worten, dieser Ort sei nicht der richtige, um Mitteilungen über die Befugnisse zu machen, welche einem Präsidenten der Republik zustehen. Er befinde sich hier vor dem Militärgericht, und wie immer sei er auch heute der Ansicht, sei es als Oberhaupt des Staates oder als einfacher Bürger, jeder müsse dazu beitragen, daß im Lande die Wahrheit aufgedeckt werde. Damit schloß das Verhör Casimir Püriers, das allgemeine Erregung hervorrief. Nunmehr begann das Verhör des Generals Mercier. Derselbe überreichte dem Präsidenten des Kriegsgerichts einen Brief, den Dreyfus an Casimir Pürier gerichtet, und worin dieser den Präsidenten daran erinnert, daß er ihm versprochen, sein Möglichstes zu thun, damit kein Ausschluß der Oeffentlich- keit stattfinde. Dreyfus bestritt, diesen Brief geschrieben zu haben. Alsdann wiederholte Mercier, der feine Aussagen
nicht die Rede fein von denjenigen, die mit verwegenem Leichtsinn selbstmörderische Aufstiege an Stellen versuchen, die nicht einmal den Hufen der flüchtigen Gemse und des Steinbocks Halt gewähren, oder von jenen, die durch irgend eines der unvermeidlichen Naturereignisse, wie Steinsturz oder Lawinen, ihr Leben verlieren, sondern jene bedauerlichen Unfälle sollen besprochen werden, die im Gebirge jedem zustoßen können, der in Ueberschätzung seiner Kräfte durch seine Willenskraft den Körper zu Leistungen zwingt, welchen derselbe nicht gewachsen ist.
Der „Bergkrankheit", unter welchem Namen man seit einigen Jahren die schwersten Erscheinungsformen der Ueber- anstrengung durch Steigen und Klettern im hohen Gebirge zusammenfaßt, erliegt immerhin in jeder Saison eine ganze Anzahl Menschen. Ungleich größer aber ist die Zahl derjenigen, welche zwar nicht jählings wie eine vom Blitze gefällte Eiche niederstürzen, um nie wieder aufzustehen, aber doch eine bleibende Schädigung im Organismus, namentlich eine Schwächung der Herzkraft, erleiden, und einem frühzeitigen Siechtum verfallen. Wir leben in einer Zelt, welche nicht nur die geistigen Kräfte, sondern auch die körperlichen bis an ihre Elastizitätsgrenze anspannt. Letzteres ist aber namentlich gefährlich für den Stadtmenschen, der nach 11 Monaten relativer körperlicher Ruhe im zwölften Monat, der seine Urlaubs- und Erholungszeit ist, Berg- partieen unternimmt, zu denen zum mindesten eine vorangegangene Hebung und Gewöhnung gehört.
Durch mißverständliche Auffassung der Worte Alexanders v. Humboldt, der gelegentlich der Bereisung Südamerikas
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und Mexikos die hohen Vulkankegel der Anden und Cordilleren bestieg und dabei von der Bergkrankheit heftig ergriffen wurde, ist in die Begriffsbestimmung dieses Zustandes eine heillose Konfusion eingerissen. Man nahm nämlich fast allgemein an, daß die Bergkrankheit erst in Höhen von etwa 5000 Meter und darüber sich geltend mache — und eine Folge der großen Luftverdünnung fei, bei welcher der Körper unter Sauerstoffmangel und Ueberproduktion von Kohlensäure leide, und schließlich zugrunde gehe. Das ist aber nut zum Teil wahr; denn obwohl die große Luft- verdünnung unzweifelhaft ein wirksamer Faktor für das Entstehen der Krankheit ist, sind doch einerseits Hochgebirgstouristen, wie Whymper und Güßfeldt, in neuerer und neuester Zeit im Himalaya, am Aconcagua in Südamerika und am Kilimandscharo in Deutsch-Ostafrika zu viel bedeutenderen Höhen vorgedrungen, und Luftschiffer haben mehrfach auch ohne künstliche Sauerstoffatmung Höhen von 7000 bis 8000 Meter erreicht, ohne an ihrer Gesundheit Schaden zu nehmen, andererseits zeigen viele Personen schon auf viel geringeren Bergen von 1500 bis 2000 Meter Höhe an, welche also wenig oder garnicht über die höchsten Spitzen unserer deutschen Gebirge hinausgehen, alle charakteristischen Symptome der Bergkrankheit. Logischerweise faßt man darum auch alle Schwäche- und Ermüdungszustände ernsterer Natur, welche beim Erklettern beträchtlicher Berge auftreten, so verschiedenartig sie sich auch gestalten mögen, unter dem Namen „Bergkrankheit" zusammen. . ,
Führen wir der Anschaulichkeit wegen einmal einige Beispiele vor.
Die Kaiserrede in Dortmund.
Wir haben immer die Auffassung vertreten, daß, nachdem der Kaiser zugesagt hatte, der Einweihung des Dort- mund-Ems-Kanals in Dortmund beizuwohnen, er auch diese Gelegenheit benutzen werde, um seine Willensmeinung bezüglich der Kanalfrage darznthnn. Bekanntlich nimmt diese Angelegenheit in Preußen gegenwärtig das ganze Interesse in Anspruch, und die Lage ist um so verwickelter, als die sonstigen unbedingten Anhänger der Regierung sich in der Opposition befinden. Die Feier in Dortmund hat am Freitag stattgefunden, und der Kaiser hat gesprochen. Kurz und bündig ist die Rede, dazu unzweideutig. Der Monarch betrachtet den fertiggestellten Kanal als ein Teilwerk; er — der Kaiser — und die Negierung seien fest und unerschütterlich entschlossen, weiterzugehen. Nun wissen es alle Kanalgegner, ein Zurück gibt es für die preußische Regierung nicht mehr, und wenn bei der demnächst im Abgeordnetenhause stattfindenden Abstimmung die Opposition in der Majorität bleiben sollte, dann ist also die Regierung entschlossen, an das Land zu appellieren und das Parlament aufzulösen. Der Beifall ohnegleichen, der den kaiserlichen Worten in Dortmund gezollt wurde, darf der Regierung eine Gewähr dafür sein, daß ihr Bestreben, neue Verkehrswege zu schaffen und immer weitere Gegenden unseres deutschen Vaterlandes dem Verkehre zu erschließen — fei es nun durch Eisenbahnen oder Kanäle — stets auf Zustimmung in den breiten Volksschichten rechnen darf. Wir stehen im Zeichen des Verkehrs , das sollten sich ässe diejenigen gesagt fein lassen, weiche darauf ausgehen, dem Verkehre die Lebensadern zu onierbinden. Viel bemerkt wird in politischen Kreisen, daß Herr v. Miquel an der Feier in Dortmund nicht teilnahm, sondern wegen dringender Geschäfte nach Berlin zurückgekehrt ist. Jedenfalls steht man in Preußen am Vorabend wichtiger Entscheidungen; die bevorstehenden Landtagsverhandlungen dürften von großer Bedeutung werden.
Prozeß Dreyfus.
Rennes, 12. August.
Um 6y2 Uhr heute früh erschien Dreyfus in der gewöhnlichen Begleitung im Sitzungsfaale des Kriegsgerichts. Nach Eröffnung der Sitzung fragte der Präsident den Angeklagten Dreyfus über die Kopie des Bordereaus, welches man in seiner Westentasche gefunden, als er von der Insel Ae nach der Teufelsinsel gebracht wurde. Dreyfus erwiderte, daß er den Wortlaut des Bordereaus, auf Grund dkffen er verurteilt worden fei, besitzen wollte, was der Präsident auch als fein gutes Recht bezeichnet. Hierauf verlas Oberst Carriüre einen Bericht von Dr. Ramson, der dieselbe Angelegenheit betrifft. Weiter gelangte ein Brief desselben Herrn aus Pondichüry, wo er sich zur Zeit auf-
vierteljährlich 2 Mark 20 Pf,, monatlich 75 Pf§. mit Brmgerloh«. .
Bei Postbezug R Mark 50 P,.. ^erleljährlich
Deutsches Keich.
Berlin, 12. August. Der Kaiser hat sich heute früh 8l/z Uhr von der Station Hügel bei Essen nach Rernscheidt
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bei Solingen.
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in Stui M 6 Mark per
Feuilleton.
Der Mensch auf den höchsten Merzen.
Ei» hygienischer Beitrag zur Lommcrtouristik.
Von Dr. med. Kurt Rudolf Kreusner.
(Nachdruck verboten.)
Der Bergsport und die Touristik sind heute ein Gemeinst aller Kreise, sei es Jung oder Alt, Hoch oder Niedrig. Früher war es nicht so. Unsere Vorfahren vor einigen Generationen waren im allgemeinen den körperlichen Anstrengungen ziemlich abhold, auch wo es Berge zu ersteigen galt, und das Hochgebirge gar stellte man sich je nach dem Grade von Bildung und Unbildung als den Hort eingebildeter Gefahren oder finsterer Dämonen vor; denn der Dichter sagt:
„Und willst du die schlafende Löwin mcht wecken,
So wandere still durch die Straße der Schrecken."
Heute aber jauchzt dem Flachländer freudig das Herz in Der Brust, wenn er im Sommer zurzeit des Ferienbeginns und Urlaubs in den Bahnzug steigt, der ihn hinausträgt ins Bergrevier, wo das Wasser in frischem, krystallenem Boine über den Fels zu Thal stürzt, wo der Himmel in tiefiazurnem Blau sich wölbt und wo die Luft reiner und hinter ist.
Ganz ohne Gefahren aber ist das Gebirge doch nicht, nnbo es fordert alljährlich seine Opfer an Menschenleben, »ie: der Minotaurus seinen lebenden Tribut. Es soll hier
sitzend abgab, was du Paty de Clam von den Gesprächen mit Dreyfus berichtete. Alle Berichte lauteten: Dreyfus hoffe, früher oder später rehabilitiert zu werden. Von Geständnissen habe du Paty allerdings nichts berichtet.
Er (Zeuge) habe 1894 dem Kriegsgericht vier Gehemi- akten vorgelegt, von denen selbst Casimir Perier nichts gewußt habe. Die Verantwortung dafür werde er vor der Geschichte Frankreichs tragen, das damals ernstlich von einem Kriege bedroht gewesen sei. Er (Zeuge) sei arm; er habe zu feiner Verteidigung nicht die 37 Millionen, welche Deutschland und England zu Dreyfus' Rettung aufgebracht hätten. (Heiterkeit.) Es tarnen nunmehr verschiedene Briefe zur Verlesung, von denen derjenige des Leichenbestattungsdirektors Ferre, welcher bei einem Leichenbegängnisse ein verdächtiges Gespräch Dreyfus' mit einem anderen Offizier angehört haben will, große Heiterkeit erregte. Nach seiner (Merciers) Ansicht ist das Bordereau von einem professionellen Verräter, also von Dreyfus, geschrieben. Dreyfus erhob sich bei diesen letzten Worten Merciers, und es hatte den Anschein, als ob Dreyfus dem Zeugen in die Rede fallen wollte. Das Schweigen schien Dreyfus schwer zu werden. Er kreuzte die Arme über der Brust und wandte sich gegen Demange, der eine beruhigende Geste machte. Aufsehen erregte, daß Mercier einen Brief des Grafen Münster an den Oberst Schwartzkoppen von 1895 verlesen ließ, worin Graf Münster aus Berlin berichtet, daß man in hohen Kreisen über die Affaire beruhigt sei. Dieser Brief ist ohne Unterschrift. Mit unverkennbarer Absichtlichkeit kommentiert General Mercier diesen Brief, jeden deutschen Namen scharf betonend. Mercier kam dann auf die Vorgänge im Beratungszimmer des Kriegsgerichts von 1894 zurück; er sagte, der Präsident des 1894er Kriegsgerichts habe von ihm nicht den eigentlichen Befehl erhalten, die Geheimakten mitzuteilen, wohl aber die moralische Ermächtigung. Diese Erklärung rief im Saale allgemeine Erregung hervor. Vom Bordereau sprach Mercier relativ wenig, desto mehr von Briefen jener Offiziere, welche Dreyfus kannten. Unter diesen Briefen ist einer der interessantesten der, welcher sich auf das Zeugnis des Obersten Bertol bezieht. Bertol ist vor zwei Monaten gestorben. In diesem Brief wird Dreyfus verdächtigt, von einem Detailplan heimlich gewisse Ziffern abgeschrieben zu haben. Der Schluß der Aussagen Merciers gestaltete sich äußerst dramatisch. Er bezeichnete wiederholt Dreyfus als den zweifellos Schuldigen, worauf dieser laut aufschrie und die geballte Faust Mercier entgegenstreckte. Das Publikum brach in laute Rufe aus. Casimir Perier erhob sich und forderte eine neue Gegenüberstellung. Damit war das Verhör Merciers beendet. Als dieser auf der Straße erschien, empfingen ihn die Antisemiten mit Hochrufen.
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