Ausgabe 
15.2.1899 Zweites Blatt
 
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neue Herr",Die Quitzows",König Heinrich" u. s. w.). Arthur Fitgers Dramen tragen schon mehr soziale Züge, während der talentvolle Bauerndramatiker Ludwig Anzen­gruber (geboren 1839, gestorben 1889) eigenartige Kultur­bilder freiheitlicher Tendenz lieferte. Unter den Dramatikern des neuen Reiches treten noch u. a. Wilbrandt, Paul Lindau, Blumenthal, Lubliner, Richard Voß, Moser, L'Arronge, Schönthan hervor, als Lyriker glänzt der harmlos-fröhliche Rudolf Baumbach, die Novellen- und Romandichtung reprä­sentieren Wilhelm Jensen, Felix Dahn, Georg Ebers, Ernst Eckstein, K. F. Meyer, den sozialen Roman Max Kretzer, K. E. Franzos, Hans Hopfen und zahlreiche andere zum Teil sehr talentvolle Schriftsteller, deren Aufzählung im engen Nahmen unserer Darstellung unmöglich ist.*)

Mit dem Beginn der 80er Jahre fand unter dem Einflüsse ausländischer Autoren, vor allem Zolas und Ibsens, die naturalistische Richtung Eingang in Deutschland und entfachte einen erbitterten Kampf zwischenAlten und Jungen", der bis heute noch unentschieden geblieben ist. Die neue Richtung weist bedeutsame Namen auf, von denen hier nur einige, wie M. G. Conrad, Carl Bleibtreu, Arno Holz, Gerhard Hauptmann, Hermann Sudermann, Max- Halbe genannt werden können. Mögen beide Richtungen, die alte und neue, in der Hitze des Kampfes oft über das Ziel hinausschießen und vergessen, daß Wesen der Kunst in der künstlerischen Individualität Hegt und nicht in noch

*) Mit der Entwickelung der ßitteratui in der zweiten Hälfte

unseres SäkulumS im engen Zusammenbana steht auch die Ent­stehung zahlreicher Journale Zeitungen, Fachzeitschriften und litte rarischer BIldung?anstalten und G-setze; diesen Materien werden wir in den Artikeln Volksbildung, Buchhandel u. s. ro. näbertreten, wie mit auch die wissenschaftliche Litteratur des Jahrhunderts in den betreffenden Spez «lartikeln besonders würdigen werden.

so schönen Grundsätzen und Formen, so ist doch von jeder litterarischen Strömung, sofern sie nur lebhaft und ernst genug ist, ein dauernder Gewinn für unsere Litteratur zu erwarten; bringt sie keine erhabenen, in sich abgeschlossenen Kunstwerke von dauernder Bedeutung hervor, so wirkt sie doch (wie die Romantik) befruchtend und anregend, zeigt neue Wege und gebiert neue Ideen. Mag also, wie einige meinen, der neuen Richtung ein baldiges Ableben beschieden sein, mag sie erst, wie andere sagen, der Blüte ihrer Ent­wickelung entgegengehen sie wird für Zeit und Zukunft nicht verloren sein und ihren Teil beitragen zur Lösung der gigantischen Aufgaben, welche das neue Jahrhundert auf seinem Programm vorfindet. Auswüchse zeitigt jede Richtung je nach ihrer Eigenart. Jeder von uns Menschen, gleich­viel in welcher Stellung und Lebenslage, der nur nach bester Ueberzeugung seine Pflicht erfüllt, ist ja ein Stein im Bau des menschlichen Fortschritts, ja, wer selbst das Böse will, schafft das Gute; tröste sich also jeder denn irren ist menschlich! mit seinem ehrlichen Willen, seinem Fleiß, seinem Streben, es wird auch ohne sichtbaren äußeren Er­folg nicht verloren sein. Unter diesem Gesichtspunkte er­scheint uns die litterarische Arbeit des 19. Jahrhunderts als reich und bedeutungsvoll, wenn sie auch nicht wieder den Höhepunkt der klassischen Periode zu erreichen ver­mochte. Der Klärung geht die Gährung, der Frucht die Blüte, der Blüte die Knospe voraus. Nur Stillstand ist Rückschritt, solange noch gestrebt und geschaffen wird, kann niemals von einem Verfall die Rede sein; wir alle, wollend oder nicht, sind ja wirksame Faktoren des gigantischen Pro­zesses der Entwickelung:

Wir schaffen am sausenden Webstuhl der Zeit Und wirken der Gottheit lebendiges Kleid!"

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Str. 39 Zweites Blatt Mittwoch den 15. Februar

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SiebenerAnzeiger

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Deutsches Deich.

Berlin, 13, Februar. Der Senioren-Konvent des Reichstages beschloß heute, die Osterferien des Reichstages mit Rücksicht auf den vor Sonntag Palmarum fallenden katholischen Feiertag schon am 22. März beginnen zu lassen.

Berlin, 13. Februar. In der heutigen Sitzung des -b.jeordnetenhauses nahm der Abg. Or. Langerhans tritt Uten Anlaß zu einer Anfrage bei dem Minister des ßnniern betreffs der noch nicht erfolgten Bestätigung des Obt rbürgermeisters Dr. Kirschner. Der Minister erwiderte kurz, daß er seine Ausführungen über diese Frage bei der kistt n Beratung nicht zu ergänzen habe. Er werde die volle Verantwortung für die Folgen dafür tragen, daß die Angelegen- jtit über seinen Kopf hinweg verzögert werde.

Berlin, 13. Februar. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Der PariserGaulois" wußte vor einigen Tagen von Lielldungen aus Algier zu erzählen, wonach Offiziere und Ltaunschaften des SchulschiffesCharlotte" während eines Lesiuches an Land zu Ruhestörungen in den Straßen 6on Algier Anlaß gegeben haben sollen. Wir können fest- fiellk-n, daß es sich' bei diesen bereits von algerischen Blistern zurückgewiesenen Berichten um grundlose Erfindung handelt.

Zur Thronfolge in Sachseu-Coburg-Gotha wird der Deutschen Warte von geschätzter Seite ge­schrieben :

Daß der Enkelsohn des englischen Thronfolgers, des Prinzen von Wales, der erst dreijährige Prinz Albert, zweiter kchn des Herzogs von Uork, nunmehr als Thronfolger in Sachsen Koburg ausersehey sei wie solches der Erbfolge- Melung vom Jahre 1852 entsprechen würde bestätigt sich trotzdem nicht, da, wie richtig bemerkt, der Prinz von Wales im Jahre 1863 nach dem Tode seines Vaters für sich und seine Nachkommen, also auch für sämtliche Nachkommen skiiies nunmehr einzigen Sohnes, des Herzogs von Dort, auf die Thronfolge in Sachsen-Koburg ausdrücklich verzichtet siit. König Leopold I. von Belgien, der Vater des jetzigen limigs Leopold II. bekanntlich auch aus dem Hause Cachsen-Koburg-Gctha stammend, nahm seiner Zeit den laicht des Prinzen von Wales im Interesse seiner damals Itbemden Brüder als deren Vormund an. Hiernach ist Lisa zweifelsohne jetzt der jüngere Bruder des Herzogs von knchsen-Koburg, Prinz Arthur, Herzog von Conn a ugh t, .»sicher im 49. Lebensjahre steht, zur Nachfolge in Kobnrg- Kotiha berufen. Der Herzog von Connaught ist bekannt- lidi mit der preußischen Prinzessin Luise Margarethe kmiählt, der durch besondere Anmut hervorragenden Tochter

des verstorbenen Reiterprinzen Friedrich Karl. Aus dieser Ehe sind zwei Töchter und ein Sohn entsprossen, der jetzt 16jährige Prinz Arthur. Der dritte Bruder des Prinzen von Wales, Prinz Leopold ^ach seinem späteren Vor­munde, dem König von Belgien, so genannt, ist 1884 gestorben mit Hinterlassung einer Tochter und eines Soh­nes, des im fünfzehnten Lebensjahre stehenden Prinzen Leopold, Herzogs von Albany. Es leben also zur Zeit drei englische Prinzen, welche in Koburg-Gotha succes- sionsberechtigt sind, nämlich der Herzog von Connaught, dessen Sohn und dessen Neffe, der letztgenannte Herzog von Albany. Wenn, wie es heißt, auch der Herzog von Con­naught für sich und seine Nachkommen $uf die Nachfolge in Koburg Verzicht leisten sollte, so bliebe der junge Her­zog von Albany der einzige englische Thronkandidat. Als weitere erbberechtigte Linien des Koburger Hauses kämen in Betracht: 1. Die Königsfamilie von Portugal, 2. die von Belgien, die aber ausfalleu muß, dahier die Thron­folge im Lande selbst nur noch durch einen einzigen jungen Prinzen, den Grafen Albert von Flandern, sicher ge­stellt ist, 3. das Haus Koburg-Kohary, darunter in jüngster Linie die Nachkommenschaft des Fürsten Ferdinand von Bulgarien.

Die Koburger Thronfolgefrage wird sich unter Agnaten und Landesvertretung in aller Ruhe regeln lassen, denn Herzog Alfred steht im besten Mannesalter, ist dabei ge­sund und kräftig. Die Frage ist daher nichts weniger als brennend".

Ausland.

Budapest, 13. Februar. An informierter Stelle wird die Anschauung vertreten, daß die Krisis ihren Höhe­punkt erreicht hat und die Entscheidung nicht mehr ver­zögert werden kann. Es sei nunmehr außer Zweifel gestellt, daß die Verhandlungen mit der Opposition zu einem Resultat nicht führen werden.

Zürich, 13. Februar. Die Nachrichten aus Airolo lauten immer alarmierender. Der Eingang des Gotthard- tunnels sowie die ganze Ortschaft Airolo sind fortgesetzt von Bergrutschungen bedroht.

Petersburg, 13. Februar. Der bekannte Philantrop Graf Anton Arpiyn, ein vielfacher Millionär, ist ge­storben. In seinem Testament machte er die Armen von Petersburg zu seinen Erben.

Madrid, 13. Februar. Infolge der Wiederherstellung der konstitutionellen Garantien stellten die Kriegsgerichte ihre Funktionen ein und werden nunmehr alle Häftlinge vor das Civilgericht gestellt.

Lokales und Prsvilyielles.

Gießen, den 14. Februar 1899.

** Die diesjährigen Kaisermauöver finden wieder in Süddeutschland statt; das 13. württembergische, das 14. badische und 15. elsässische Armeekorps sind dafür bestimmt. Eine besondere Beteiligung der Kavallerie daran ist auch diesmal in Aussicht genommen. Bei dem württem- bergischen und badischen Armeekorps wird je eine Kavallerie- Division aufgestellt werden, die besondere Kavallerie-Uebungen abhalten und dann an den Kaisermanövern teilnehmen sollen. Dem württembergischen 13. Armeekorps soll die 25. Groß­herzoglich hessische Kavallerie-Brigade für die ganze Dauer seiner Manöver zugeteilt und deren Regimenter als Divisionskavallerie verwendet werden. Dem 13. und 14. Korps wird außerdem je eine Luftschiffer-Abteilung zu- geteilt. Weiter ist für größere Truppenübungen im laufenden Jahre bestimmt, daß bei dem 17. westpreußischen Armeekorps eine Kavallerie-Division aufgestellt wird, um besondere Uebnngen abzuhalten; daß bei dem 1., 2., 3., 5., 6., 8., 14. und 16. Armeekorps Kavallerie-Uebungsreiseu stattfinden sollen und größere Pionierübungen an der Spree und Oder zwischen Fürstenwalde und Fürstenberg, am Rhein zwischen Worms und Oppenheim, am Main zwischen Flörsheim und Höchst und in Schleswig am Alsen- sund, an der Flensburger Föhrde und an der Schley ab­gehalten werden. Ausdrücklich angeordnet ist noch, daß die Fußtruppen bis zum 30. September 1899 dem spätesten Entlassungstage in ihre Standorte zurückgekehrt sein müssen.

** Militärisches. Heber das künftige Achtzehnte Armeekorps in Frankfurt a. M. kann dieF. Z." folgende zuverlässige Angaben machen: Hinsichtlich der In­fanterie der beiden Divisionen (21. und 25,) tritt nur die Veränderung ein, daß die 83. Infanterie-Brigade (Hanau) beim 11. Armeekorps verbleibt, indeß in-anderer Zusammen­setzung. Bei der Kavallerie tritt keine andere Aenderung ein, als daß das Husaren-Regiment Nr. 13, voraussichtlich zum Herbst, in Mainz vereinigt wird. Die Aenderungen inbezug auf die Feldartillerie hängen mit der beabsichtigten Umformung dieser Waffe zusammen. In Frankfurt als dem Stabsquartier der 21. Division wird als neue Be­hörde eine 21. Feldartillerie-Brigade errichtet; ihr unter­steht das Feld-Artillerie-Regiment Nr. 27 in Wiesbaden und Nr. 63 in Frankfurt, jedes zwei fahrende Abteilungen zählend; beide Regimenter entstehen durch Teilung des Nassauischen Feldartillerie-Regiments Nr. 27. Darmstadt als Standort der 25. Division erhält die neue 25. Feld­artillerie-Brigade; sie zählt die Regimenter Nr. 25 in

Feuilleton.

Aas 19. Iaßrßundert.

Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herausgegeben von Friedrich Thieme.

(Nachdruck oder Auszug verboten.

IV.

Die deutsche Litteratur.

(Schluß.)

Der Traum ward endlich zur Wahrheit: die deutsche «ich!cit ward hergestellt aus den Schlachtfeldern Frankreichs. AWamerweise hat dieses langersehnte, gewaltige Ereignis m nuferer Litteratur nicht die Eindrücke hinterlassen, die men davon hätte erwarten dürfen. Kriegs- und Sieges- l-itdeu erblickten zwar genug das Licht der Welt, aber sie Gcsjchreiten mit wenigen Ausnahmen die Grenzen der Änt.clmäßigkeit nicht. Nur einige Gedichte von Freiligrath chr:rah, Germania!), Geibel (Nun laßt die Glocken von Ilm zu Turm), Rittershaus, Sturm und Ernst Dohm sind ioon bleibendem poetischen Werth. In der Folge ent- WteHte sich jedoch eine umfangreiche nationale Litteratur, »lch«cr eine ebenso mannigfache soziale zur Seite geht. Die i'tyabt Frage trat mehr und mehr in den Vordergrund des Fliesses, soziale Romane und Dramen schossen wie Pilze M der Erde. Das nationale Drama pflegten Ernst D Wildenbruch (geb. 1845), Bulthaupt, Heinrich

Hans Herrig und andere. An der Spitze steht Wdsmbruch, ein Dramatiker von großem Pathos und ge- fyftiitr Technik (Die Karolinger",Der Menonit",Der