Mittwoch den 15. Februar
Ar. 39 Erstes Blatt
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
Amtlicher Feil
’SCHES
1L
die
i M
Närrisches Feuilleton
!t 1-
Bei Postbezug
2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.
ASe zrrgs preis vierteljährlich 2 Mark 20 Psg. monatlich 75 Psg. mit Bringerlohn.
Annahme von Anzeigen zu der nachmittag« für den folgenden Lag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Ubr.
Berichtigung des anderen Ressortchefs unbeantwortet gelassen , und sie damit wohl als berechtigt anerkannt hat. Immerhin 1 halten wir es für angebracht, wenn derartige Zwischenfälle vermieden werden, da sie dem Minderunterrichteten die Berechtigung geben, an der Solidarität der Regierung zu zweifeln. Für uns steht es fest, daß das Ministerium in allen großen politischen und wirtschaftlichen Fragen einig dasteht und geschlossen auftritt. Daß in einzelnen Ressortfragen einmal Meinungsverschiedenheiten vorkommen können, geben wir gern zu, aber sie sind durchaus nicht geeignet, die Solidarität der Regierung in Frage zu stellen. (xx)
täglich
«ri Ausnahme des MontagS.
Alle Anzeigen-BermittlungSstelleu des In- und AuSlande« nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.
Dir Gießener -»millenvtätter Verden dem Anzeiger ■Wtdjentüd) viermal bngelegt.
Lohrn ilch leidende, enntlich.
Vkedaktion, Expedition und Druckerei:
Schnlstraße Ar. 7.
Standpunkt zurück: der Starke muß dem Schwachen helfen. Diesem Standpunkt sei aber doch schon ausreichend Rechnung getragen worden durch den Reichsznschuß. Hüten solle man sich, solch einschneidende Bestimmungen gleich für die Dauer zu beschließen; hier dürfe höchstens ein Provisorium geschaffen werden, um die weitere Entwickelung abzuwarten. Redner bemerkt weiter, daß zu dem ungünstigen Vermögens, stände in Preußen lediglich die Altersgruppierung beigetragen habe, sei doch sehr fraglich angesichts einer gewissen Jncon- gruenz in dem Verhältnis der Beiträge und der Renten innerhalb der verschiedenen Klassen. Auffällig sei es auch, daß die Mißstände so groß nur in Ostpreußen seien, während doch in Westpreußen, Posen, Pommern die Verhältnisse im allgemeinen ganz ähnliche seien. Ueberdies fehlten die Ziffern, namentlich auch für Ostpreußen, über die Versicherten und die Rentner nach den einzelnen Lohnklassen. Mit den Ortsrentenstellen müsse mau durchaus einverstanden sein, soweit sie eine Dezentralisation bewirken sollten, aber Bedenken müsse man doch gegen die Form haben. Ob sich im Zusammenhang mit dieser Dezentralisation die gesamte Versicherung zusammenfassen lassen werde, bleibe dahingestellt; aber für möglich und wünschenswert halte er einen gemeinsamen Aufbau wenigstens für Kranken und Invaliditäts-Versicherung.
Abg. Hitze (Centr.) verbreitet sich ausführlich über die Einzelheiten des Jnvaliditätsgesetzes und bemerkt dann, der vorliegende Entwurf enthalte eine Reihe von Verbesserungen, so namentlich dadurch, daß die Invaliditäts- Versicherung in organischen Zusammenhang gebracht werde mit der Krankenversicherung. Mit den örtlichen Rentenstellen sei er einverstanden. Erwünscht wäre eine Erweiterung der sozialen Versicherung auch durch Ausdehnung auf Witwen und Waisen. Diese sei sicher viel wertvoller, als die Herabsetzung des Alters für die Altersrente auf 65 oder 60 Jahre.
Abg. v. Richt Hofen (kons.) meint, eine Witwen- und Waisen-Versicherung würde sich jetzt wohl nicht erreichen lassen, trotzdem sie wünschenswert sei. Redners Freunde wünschten ferner, daß das gesamte Handwerk in die Versicherung einbezogen werde.
Abg. Molkenbuhr (Soz.) glaubt, die Regierung werde sich mit dieser Vorlage zwischen zwei Stühle setzen. Anerkennen müsse er, daß das Gesetz einige Verbefferungen enthalte, und zwar Abkürzung der Karenzzeit, die andere Festsetzung der Renten, die Annäherung an die Krankenversicherung. Die Rentenstellen würden eine vernünftige Einrichtung sein ohne ihre bureaukratische Gestaltung. Die Mogelei, wie sie schon jetzt vorkomme, werde allerdings schwerlich bei Rentenstellen aufhören, zumal,
wenn der GutsvorsteherHuch Vorsteher der Rentenstelle fer. Die Hauptsache aber bleibe das Teilen! Den Sozialdemokraten habe man immer den Vorwurf gemacht, sie wollten „teilen". Das sei der größte Blödsinn! Und nun gehe die Regierung hier selber an das Teilen. (Heiterkeit.)
Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.
Fernsprecher Nr. 51.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Zandwirt, Matter für hessische Volkskunde.
Deutscher Reichstag.
31. Sitzung vom 13. Februar. 1 Uhr.
Das Haus ist ungemein schwach besetzt.
Ohne Debatte wird das Abkommen mit Peru, betreffend
Stellung der beiderseitigen Konsuln in 1. und 2. Lesung
merr aus'm narrige Stadium gar net erauskimmt!
Wollt Ehr rechte Schaute sei,
Dann vernemmt nor die Belahrung: Sterzt Euch in die NarredHei Schon beim Aeschermittwochsharung!
Aints- unb Anzeigeblatt fiw den Ttreis Gieszen.
< _________ _____________________
von alle Hausfraae wer. Dere Ufffassung kennt merr sich schont aaschließe unn merr wolle hiermit die Anregung gerne, daß Edelweiß in Bliedeweiß am Aeschermittwoch umzedaafe.
Die karnevalistische Vereinigunge in unsere Stadt hawe sich mit ehre Vorbereidunge zu eme Fassenachtszug leider e bische verspeed unn de beabsichdigde große Zug wird wie gewehnlich an Greeß ze winsche iwrig lasse. Daß meege sich die Karnevalsvereine merke, Wammer waß Richdiges ze stand bringe will, dann muß merr net acht Dag vor Fasse-
Selderschweg, daß sich ze senke aagefange hott, blos um die allgemein Uffmerksamkeit uff sich ze lenke, unn es hätt sich jedefalls ganz falle lasse, wenn net die noch lang net genug närrische Mensche gleich mit Steuwer bei de Hand gewese wern, sei Dasein zu verlängern. Es werd zwar behaapt, deß Haus hätt sich nor deswege gesenkt, weil die Insasse zu viel Geld unn Werdhbabiern in ehr Kasseschrenk versenkt hätte — awer daß glaabt ja doch niemand. Viel eher wer die Lesart ze glaawe, daß so e recht schwer Hausgeseeß sich e bissi zu fest in's Bett hätt falle lasse oder, wäi's weider gehaaße hott, daß Haus wer voll gewese. — Volle Häuser sinn im allgemeine e-Seldeheid, daß kann unser Theater- derektion mit gutem Gewisse bestedige, unu trotzdem scheint se uff volle Häuser net ze reflekiern, weil neulich beim Ben- unn Malefizium vom Herr Dietzsch die zahlreich erschienene Theaterfreunde eweso zahlreich Widder haam geschickt worde finn. — Daß war demnach e Benefiz, daß sich gewäsche hatt? —
Weil's en Giesse immer viel Wäsch ze wüsche gibbt, so hott sich dann endlich e jemand gefunne, der e Dampfwüsch- aastalt erricht hatt unn zwar aa mit dem poetische Name „Edelweiß". Obgleich deß Institut in unsere^Stadt mit Freude begrießt worde is — gibbt's doch aach Widder närrische Mensche, die gleich waß draa auszesetze hawwe; de meiste gefällt de Name net, se mahne, fer e Wüschaastalt dhed de Name Edelweiß net basse, merr feilt se vielmehr in „Bliedheweiß" umdaafe, weil bliedheweiß Wäsch des Ideal
nacht aafange, sonnern gleich en Dag nach Aeschermittwoch, damit
Kaffenachtsstraich.
Von Carl Geißler.
II.
Die Welt is verrickt'. Daß zeigt sich ewe uffs Klahrschte vm ge in de Nadur, wo Frost unn Schnee die Begleider ooii fe Fassenacht sei sollte, unn statt desse iffes Frihlings- lifl unn Sonneschei. Hie unn da hott dem Prinz Karneval 8! E hre schon en Strauch sein griene Blätterschmuck aage- l (jt uinn die Gänsblimmercher gucke neuschierig aus'm Gras dor um de Eizug von seine närrische Hoheit aazestaune, mn selbst de Himmel hott heut die Aakunft Sr. Narrheit frw Prinz Karneval mit eme langanhaldende, so ere hohe perseenlichkeit wirdige Gedonner begrießt. Wenn die Nadur ü Menschheit mit em so echt närrische Beispiel voraageht, I» bbeibt uns gar nix annerschter iwrig, als uns Hals iwer Ripp in de Strudel der Narrheid ze sterze, unn die sonst Minen ehrn geweifte Weg wannelnd, etz awer e bissi aus'm Ausche gerathe Nadur int Punkt der Narrheid ze iwer-
Wäi aasteckend die Narrheid werkt, Hammer in dikss« in letzder Zeid efdersch ze beowachte Gelegenheid l^abu, unn net not Mensche blos hott se ergriffe, naa — l-ich Häuser unn annere Gegenstend sinn verrickt worde. Dti hott merr sehr deudlich gesehe an dem Hans uff'm
Steckbrief.
Eise, Jakob Joharru, Sergeant der 8. Kompagnie -Jnflinterie-Regiments Nr. 135, geboten den 8. Oktober 1870 zu Sich, Kreis Gießen, Großh. Hessen, evangelisch, 1 Mtr. 12 Ttm., untersetzt, blondes Haar, blonden Schnurrbart, lugen braun, Nase und Mund gewöhnlich, hat am 3. Februar er., Morgens gegen 48/4 Uhr, das Kasernement in Uniform verlassen. Es besteht Verdacht der Fahnenflucht; Dtrft Ibe ist zu verhaften und der nächsten Militärbehörde -«beliefern.
Diedenhofen, den 10. Februar 1899.
Königliches Kommando des Infanterie-Regiments Nr. ' 35.
sehe g mit Pen» 17-10.
W'-'
erledigt.
Es folgt die erste Lesung der Novelle zum Ju- validitäts-Versicherungsgesetz.
Staatssekretär Graf Posadowsky gedenkt zuerst der Bestrebungen, die gesamte Sozialversicherung, Kranken-, Unfall- und Invaliditäts-Versicherung, in eine Organisation zusammenzufassen. Man unterschätze bet diesem idealen Ziel aber wohl die gewaltigen Schwierigkeiten. Zweifellos würde eine solche Zusammenfassung nicht möglich sein ohne Dezentralisierung. Die in dem vorliegenden Gesetzentwurf vor- geschlageuen örtlichen Rentenfestsetzungsstellen seien angezeigt namentlich auch int Interesse der Ermöglichung eines mündlichen Verkehrs gleich in der ersten Instanz, und nicht erst, wie bisher, in der zweiten, dem Schiedsgericht. Die Rentenstellen garantierten zweifellos eine bessere Kassenkontrolle, eine Kontrolle des Karteneinganges, weil sie die Verhältnisse an Ort und Stelle, die Arbeiterzahl, besser übersehen könnten. Je mehr Organe geschafft werden, welche berechtigtermaßen sozialpolitische Aufgaben des Staates vertreten, desto besser werde auch Umsturzbestrebungen entgegengetreten werden können. Ein zweiter wichtiger Punkt in der Vorlage sei der des Vermögensausgleichs. Erfolge dieser nicht, so würden einzelne Anstalten sehr bald die Beiträge verdoppeln, vervierfachen müssen, während andere sie herabsetzen könnten. Das würde der ganzen sozialpolitischen Tendenz der Versicherungsgesetzgebung widersprechen Die Beitragserhebung durch Marken sei beibehalten worden, weil unter den unzähligen anderweiten Vorschlägen kein einziger gewesen sei, der sich als zweckmäßiger erwiesen hätte.
Abg. Schmidt- Elberfeld (frs. Vp.) meint, die gegenwärtige Vorlage enthalte zwar einige unzweifelhafte Verbesserungen, aber den eigentlichen Kern der Vorlage bilde doch der finanzielle Ausgleich. Wenn der hier vorgeschlagene Weg eingeschlagen werde, dann verlasse man den ganzen Versicherungsstandpunkt, wonach ein Recht durch Versicherungsbeiträge erworben werden müsse, und komme auf den
Ägi’GJV
W-
fei
w gS
-
:°lbe bet r beheb ' ” •
ft nuA . **li - ®Mt. fe
Nor. , ®“lu««nb8on,’ *
iS Baskins, btt luid und Lenlniz £• wische DiG Idealist, btt 'unb Julius Gt Bilger, ftimmungc
^ieLolidarität im preußischen Ministerium.
Es kommt nicht oft vor, daß in öffentlicher Landtags» .fipuitg der eine Minister durch den anderen berichtigt wird, int um so größeres Aufsehen macht es, wenn thatsächlich tiefer Fall einmal eintritt. In den letzten Tagen der ver- slosßnen Woche wurde bekanntlich im preußischen Abgeord- icimhause die Interpellation wegen der Leutenot auf bem Lande beraten, und bei dieser Gelegenheit machte der Land Wirtschaftsminister Frhr. v. Hammerstein den Bolks- schullehrern den Vorwurf, daß sie ihrer Erziehungspflicht aidjt in dem erforderlichen Maße nachkämen. Tags darauf 8kg Aultnsminister Dr. Bosse durch seinen Ministerialdirektor trllären, daß die Anschauungen des Landwirtschaftsministers irrig seien, daß die Volksschullehrer ihre Pflicht voll erfüllten.
vielen Kreisen wird nun diesem Zwischenfall eine weiter» Hlhmde Bedeutung beigemessen, und man ist nur zu gern Jtceit, darin wieder einmal den Beweis dafür zu haben, daß * mit der Einigkeit innerhalb des preußischen Ministeriums nicht zum besten bestellt sei.
In frischer Erinnerung ist es noch, daß vor gar nicht Mmger Zeit die Gerüchte von Differenzen unter den Mitgliedern der Regierung mehr und mehr Glauben frben. Insbesondere hielt man es für ausgemacht, daß ir oiiclcn Fällen der Ministerpräsident Fürst Hohenlohe über Mückhiedene politische Fragen anderer Meinung sei als seine Äinisterkollegen, daß er aber von diesen im Kabinett einfach Mrjitimmt würde. Wir haben bisher niemals diesen Meldungen irgend welchen Glauben beigemessen, aber unsere Äfcr werden sich erinnern, daß vor etwa zwei Jahren an ö Mitteilungen über den bevorstehenden Rücktritt des Hürsten Hohenlohe auch allerhand Gerüchte über Uneinig» liteni im Ministerium geknüpft wurden. .Die Thatsachen jiteii jene Gerüchte Lügen gestraft.
Was nun den Zwischenfall Frhr. v. Hammerstein— I):. Bosse anbelangt, so legen wir demselben keine große i Deutung bei, umsomehr als der Landwirtschaftsminister die |


