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Sonntag den 14, Mai
1S99
Itt. 112 Zweites Blatt
Weßener Anzeiger
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Der arbeitsfreudige Reichstage
Es ist nicht etwa Ironie, wenn wir der deutschen WtSvertretung die Bezeichnung „arbeitsfreudig" beilegen. Thai fachen beweisen bekanntlich, und wir brauchen nur die Aufmerksamkeit unserer Leser auf die Miltwochs-Sitzung bis Reichstags hinzulenken, um für unsere Behauptung rincii vollgiltigen Beleg zu haben. Freilich fehlte noch sanih teures Haupt, aber die Beschlußfähigkeit war vorhanden, und das will schon immer etwas heißen. In den letzten Sitzungen hatte es öde genug ausgesehen in dem KichLtagSgebäude, umsomehr stach die „Fülle" am Mittwoch -ab. Sonst pflegen die Parteiführer ihre „Mannen" zu be- fimberö großen Tagen herbeizurufen, wenn es gilt, für ■bet wider einen bedeutsamen Gesetzentwurf Stellung zu »khmM; zu der in Frage stehenden Sitzung aber waren Mr deshalb so viele Abgeordnete nach Berlin geeilt, um :5en Sozialdemokraten die Freude nicht zu gönnen, dem *Nffirium ihren Willen aufzudringen. Es stand bekanntlich Lie zweite Lesung der Jnvaliden-Bersicherungs-Novelle auf Ler Tagesordnung, welche das Präsidium noch vor Pfingsten etlebiycn wollte.
Dagegen hatten die Sozialdemokraten aber protestiert, md »»gekündigt, sie würden die Absetzung der Vorlage und tzMvisschiebung der Beratung beantragen. Wäre das Haus «m wicht beschlußfähig gewesen, so hätte man die Aus- AlhKmg beantragt, und dadurch die Lesung unmöglich Macht.
Wir halten es natürlich für ganz erfreulich, daß die ßleichstagsmajorität einer solchen Obstruktionspolitik, wie sie eilens der Sozialdemokraten geplant war, energisch ent- । j'tflent ritt. Aber noch erfreulicher wäre es gewesen, wenn brr besonderen Kraftanstrengungen gar nicht bedurft 1 hätte, wenn die Beschlußfähigkeit im Reichstage als Regel «iigesihen werden könnte. Man sollte meinen, das Pflicht- zfkfühl müßte doch mindestens die Hälfte der Abgeordneten iittanlafsen, den Sitzungen beizuwohnen. Die Wahlen zum Zlöiichstage finden ja nicht zu dem Zwecke statt, daß die Ge- *vHltrn nur bei besonderen Gelegenheiten ihres SfiiteS warten sollen, nein, die Fälle, in denen dies nicht j jsschehen kann, sollen zu den selteneren Ausnahmen gehören. 2 Vie letzte Mitwochsitzung des deutschen Reichstages ist lehr- r teid), denn sie hat gezeigt, daß es den Parteiführern möglich i jfl, auch bei minder wichtigen Anlässen, ihre Mitglieder zum ßknfcheiinen zu bewegen. Sollte das nicht ein Ansporn fein, t a Versuch zu machen, diese Einwirkung dauernd aus- gi AÄÖbfnt ? Es herrscht doch ein ziemlich stark ausgeprägter bMiwnsgeist in unseren Parlamenten; sollte da nicht die
Feuilleton.
Schute und Aussprache.
In einer vielfach überholten, aber immer noch durch dike: Fülle feiner Beobachtungen lehrreichen „Kunst des Vor- trtajtf" erzählt der einst gefeierte Rezitator Emil Palleske cm:Anekdötchen aus seiner Schulzeit: „Als ich von Rügen- wicke nach Stettin auf das dortige Gymnasium gekommen wiE cinttoortete ich auf die Frage nach den sieben Kur- füstajiu mit einem sehr dünnen „Kenig von Nehmen". Pro- läfflir Giesebrecht gab mir sofort einen lauten, volltönenden KNiig von Böhmen zurück, der mir noch heute in den Ohren fllmv1 O, daß es doch alle Lehrer dem wackeren Giesebrecht gW thäten; leider sind sie aber in dieser Beziehung vM-Izu. nachsichtig und taffen manche Unart des Dialekts rvG Ihingehen.
Man kann den Sprachforschern darin Recht geben, daß di« Menge der Dialekte eine gedeihliche Weiterentwickelung deii- Sprache verbürgt. Der Dialekt bewahrt alte Formen, dulden Schriftsprache längst verloren gegangen, dem Philo- loM e in wahres Ergötzen sind. Der Dialekt erschließt M»iS mut mancher veralteten Redewendung Gebräuche, die »«öh ia» Volke gäng und gäbe sind. Die Dialekte gleichen klaiim Gebirgsbächen, die dem Hauptstrom der Schrift- spnach ununterbrochen neues Wasser zuführen. Aber bei aW:i Achtung vor ihrer Bedeutung braucht man nicht alle Di^Ii'le gleichmäßig schön zu finden. Die meisten Menschen hwillen wohl die Mundart ihrer Heimat für die schönste; da/ ijt bei der angeborenen Liebe, die man für seine DMtchcodt hegt, durchaus begreiflich. Die Liebe zu der GMrWstadt ist ebenso selbstverständlich, wie die Liebe zum BcMnIamde. Der Dialekt ist die Umgangssprache, das
Fraktion den Antrieb geben können, daß ihre Genosien den Sitzungen möglichst regelmäßig beiwohnen? Das Ansehen des deutschen Reichstages würde nur gewinnen, wenn ihm dauernd die Bezeichnung „arbeitsfreudig" beigelegt werden könnte. (xx)
Deutsches Deich.
Köln, 12. Mai. Oberlandesgerichts-Präsident, Wirkl. Geh. Justizrat Dr. Struckmann ist in der vergangenen Nacht infolge eines Schlaganfalles gestorben. Derselbe erreichte ein Alter von 70 Jahren.
Karlsruhe, 12. Mai. Der Landtag wurde heute unter großem Zeremoniell vom Großherzog persönlich geschlossen. In der Thronrede heißt es: Wie viele Meinungsverschiedenheiten auch in den Vorschlägen zu eingreifenden Veränderungen unserer von mir treu behüteten Verfassung im Zusammenhänge zu stehen schienen, es war doch ein fruchtbares Zusammenarbeiten zwischen meiner Regierung und der Volksvertreter. Wie der Verlauf des Landtages zeigt, haben sich indessen jene gegensätzlichen Erscheinungen der Erledigung der den Ständen gestellten Aufgaben nicht hinderlich erwiesen. Ich erblicke darin eine Bethätigung des einsichtigen und unter den heutigen schwierigen Verhältnissen der Volksvertretung erfolgreichen Handelns, die, ohne die starken Gegensätze hervorzukehren, mit der durch mein Vertrauen berufenen Regierung zusammen für das Wohl des Landes arbeitet. Nur auf diesem Wege wird bei gegenseitiger Achtung und Pflichthafter Ueberzeugung es möglich fein, Bestrebungen, die Grundfesten des Staates zu erschüttern, mit Erfolg entgegenzutreten, und unserem Lande eine fortschreitende, aber maßvolle und besonnene Entwickelung zu sichern. Die mühevolle Arbeit, die der Landtag während seiner langen Tagung zur Bewältigung zahlreicher und schwieriger Aufgaben auf sich nahm, erkenne ich dankbar an. — Die Thronrede zählt dann die hervorragenden Beschlüsse des Landtages auf. Bezüglich des bürgerlichen Gesetzbuches heißt es dann weiter: In hervorragendem Maße war Ihre Mitwirkung für die Beratung der zahlreichen auf fast allen Gebieten der Gesetzgebung erforderlichen Aenderungen geboten. Die mit der Einführung des bürgerlichen Gesetzbuches im Zusammenhang stehende durch den Fleiß und die Sorgfalt Ihrer Kommissionen und das einträchtige Zusammenwirken der beiden Kammern unter sich und mit der Regierung, hoch- bedeutsamen Aufgaben konnten zu einem gedeihlichen Ende geführt werden. Besonders erfüllt es mich mit Genug
tuung, daß die dem Landrechte vorbehaltenen Fragen der Organisation der freiwilligen Gerichtsbarkeit und namentlich des Grundbuchwesens eine, den bestehenden heimischen Rechtszuständen sich thunlichst anschließende Lösung gefunden habe. Unser engeres Vaterland ist damit bereit, in die Rechtsgemeinschaft mit dem gesamten deutschen Reiche einzutreten, und mit freudiger Genugtuung dürfen Sie, meine Herren, die großnationalen Errungenschaften begrüßen. Die Thronrede schließt mit den Worten: Nach so langer Tagung begleiten Sie meine besten Wünsche für Sie und für Ihre heimatlichen Kreise Wohlergehen. Möge Gottes Segen stets über unserem Vaterlande walten. — Die Sozialdemokraten waren bei diesem Akte nicht zugegen.
Sitzung der Stadtverordneten
am 12. Mai 1899.
Anwesend die Herren Oberbürgermeister Gnauth, Beigeordneten Georgi,Grüneberg und Wolff,von feiten der Stadtverordneten die Herren Brück, Emmelius, Euler, Faber, Flett, Dr. Gutfleisch, Hanau, Haubach, Helfrich, Huhn, Jughardt, Keller, Kirch, Krumm, Leib, Löber, Loos, Orbig, Dr. Schäfer, Scheel, Schmal! und Wall enfels.— Entschuldigt die Herren Dr. Fuhr, Dr. Gaffky, Grünewald, Heichelheim, Heyligenstaedt und Schiele.
Herr Oberbürgermeister Gnauth bringt vor Eintritt in die Tagesordnung eine Anzahl Dankschreiben zur Kenntnis, welche die städtischen Beamten, die Lehrer und Lehrerinnen der Volksschule, die Lehrerinnen der höheren und erweiterten Mädchenschule, das Polizeipersonal und die Schlachthofbeamten aus Anlaß der ihnen vor kurzem gewährten Gehaltserhöhungen an die Stadtverordneten-Versammlung gerichtet haben.
Eine weitere Mitteilung betrifft die letzte Stadtverordnetenwahl, welche Herr Krumm bezüglich seiner Person deshalb angefochten hatte, weil 117 Stimmzettel, die seinen Namen trugen, für ungiftig erklärt wurden. Der Kreisausschuß hat dem Krumm'schen Einspruch stattgegeben, was zur Folge hat, daß Herr Krumm für die Dauer von sechs Jahren, Herr Huhn nur für die Dauer von drei Jahren als gewählt zu betrachten ist.
Der Allgemeine Verein für Armen- und Krankenpflege hat an die Versammlung eine Einladung zur Einweihung des neuen Schwesternhauses gerichtet, welcher entsprochen werden soll.
Herrn Ph. Strack soll die Erlaubnis zur Errichtung
Idiom, das die Menschen im täglichen Verkehr miteinander, auf Markt und Straßen benutzen. Aber wenn sie Sonntags in die Kirche gehen, fingen sie die Kirchenlieder in einer wesentlich davon verschiedenen Sprache, und die Predigt des Pfarrers von der Kanzel herab tönt ihnen auch in einer anderen Sprache entgegen, oder sie sollte es doch wenigstens thun.
Nicht jede Mundart ist gleichmäßig dazu geeignet, poetische Gefühle darin zum Ausdruck zu bringen, oder aber: es ist ihr noch nicht der Dichter erstanden, der ihre Brauchbarkeit erwiesen hätte. Gewöhnlich dienen die Dialekte als Gefäße für humoristische Dichtungen. Erst in allerjüngster Zeit hat sich der Dialekt auch die Bühne erobert; ob zum Segen der dramatischen Kunst, das kann hier nicht erörtert werden. Die Berliner Posse hat an Beliebtheit eingebüßt; das Wiener Volksstück scheint an ihre Stelle zu treten. Ganz besonders aber ist der schlesische Dialekt durch die Kraft, mit der ihn Hauptmann zu benutzen verstanden hat, zur Vorherrschaft gelangt. Wer eine Mundart vollständig beherrscht und sie zu meistem weiß, der wird auch poetische Funken aus ihr herausschlagen können, der wird sie auch für lyrische Stimmungsbilder geeignet finden. Ob man deshalb jeder Landschaft ihren Klaus Groth wünschen soll?
So wie man die Rechtschreibung für ganz Deutschland festgesetzt hat, ist man auch bemüht, der Aussprache eine Norm zu verschaffen, obwohl dieser Versuch natürlich mit viel größeren Schwierigkeiten verbunden ist. Immerhin ist er nicht unausführbar, und vor kurzem haben sich berühmte Professoren, Fachgelehrte ersten Ranges zusammengethan, um die Bühnenaussprache zu regeln. Es ist nicht leicht, in jedem einzelnen Falle zu entscheiden, welche Aussprache den Vorzug verdient. Im allgemeinen überwiegt z. B. die Aussprache hinweg — hinwech, aber Schillers „Taucher" fordert des Reimes wegen ein „hinweck":
„Und ein Edelknecht, sanft und keck. Tritt aus der Knappen zagendem Chor Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg."
Oder, um noch ein Beispiel anzuführen, wer in Wien nach, der „Burch" fragt, wird kaum Bescheid bekommen, er thäte besser, sich nach der „Burk" zu erkundigen. (-Burg, wobei aber das k keineswegs so lautet wie im Anlaut.) Dieses Streben nach einer Fixierung der Aussprache ist also wohl berechtigt.
Der Pastor auf der Kanzel, der Schauspieler auf dem Theater, der Sänger im Konzertsaal, sie alle befleißigen sich einer möglichst reinen Aussprache. Es wäre gut, wenn man den Professor und den Lehrer noch hinzufügen dürfte, aber es entspräche nicht den Thatsachen. Besonders der Lehrer sollte mit aller Energie nach einer dialektfreien Aussprache trachten, weil sich dann das Ohr der Schüler frühe an die Mängel der eigenen Aussprache gewöhnte. Es gibt keinen Landstrich in Deutschland, der nicht seine Eigenarten in der Aussprache hätte; aber im allgemeinen wird in vielen Gegenden Norddeutschlands durchgängig richtiger gesprochen als in Süddeutschland. Der Sachse scheint wirklich an einer „partiellen Taubstummheit" in Bezug auf Anfangs-L und P, D und T zu leiden. Der Frankfurter verschluckt beharrlich das End-n zur Bildung von Infinitiven. Und so wie jeder Dialekt seine formalen Eigentümlichkeiten hat, ist ihm auch eine besondere Satzmelodie eigen, die oft die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gegend verrät. In den Rheinlanden z. B. ist ein Singtvn stark ausgebildet, die Leute sprechen dort mit ausgeprägter Melodie.
Es würde zu weit führen, hier die Differenzierungen der einzelnen Mundarten aufzuzählen. Im folgenden soll noch eine Unart des hessischen Dialekts zur Sprache kommen, die sich weit nach Süddeutschland erstreckt und die, eine Pein für jedes geschultere Ohr, früh gerügt werden sollte.


