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14.3.1899 Zweites Blatt
 
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Dienstag den 14. März

Zweites Blatt

Nr. 62

1809

Anrts- und Anzeigeblutt für den Ureb Gietzen

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Fernsprecher Nr. 51.

Zur Anwesenheit Cecil Rhodes in Berlin.

Wer hätte es vor einigen Jahren nach dem bekannten Telegramm des Kaisers an den Präsidenten Krüger für wahrscheinlich gehalten, daß der eigentliche Organisator des Iameson'schen Raubzuges nach Transvaal in Berlin von den Spitzen der Reichsbehörden empfangen werden und auch bei Hofe erscheinen würde? Und doch, das Unwahrschein­liche ist zur Thatsache geworden: der frühere Minister­präsident der Kapkolonie und Leiter der Charteret) Company unterhandelt gegenwärtig in der deutschen Reichshauptstadt mit den maßgebenden Persönlichkeiten über große Pläne, die auf die Zukunft ganz Südafrikas von erheblichem Ein­fluß fein werden. Zunächst handelt es sich um einen ge­waltigen Eisenbahnbau, indem eine Linie den schwarzen Erdteil von Süd nach Nord durchqueren soll. Deutschland ist bekanntlich an den Dingen in Afrika in hohem Grade beteiligt und muß, da die Bahn durch unser Gebiet gehen soll, für das Projekt des Cecil Rhodes erst gewonnen werden. Wie die Entscheidung ausfallen wird, läßt sich natürlich nicht sagen; wir haben aber das Vertrauen zu unserer jetzigen Regierung, daß sie sich von dem klugen Geschäfts­mann Rhodes nicht hinters Licht führen läßt, sich uiten genügenden Einfluß auf die Bahn vorbehält und für ctlva notwendig werdende Gebietsabtretungen reichliche Entschädigung sichert. Daß die Bahnlinie auch unserem Schutz­gebiet von großem Vorteil werden kann, indem sie einen Absatz-und Zufuhrweg schafft, .liegt auf der Hand, und aus bitjem Grunde mag die Regierung über die Person Cecil Rhodes hinweggesehen und lediglich sein Projekt ins Auge gefaßt haben.

Dies erscheint ganz gerechtfertigt, wenn es sich be­stätigen sollte, daß Rhodes auch wegen des Baues einer Sfahnlinie durch Deutsch-Südwest-Afrika nach Rhodesia ver­handeln will. Es ist dies ein Plan, der nicht etwa schon von heute auf morgen zur Reife kommen, der vielmehr erst später realisiert werden soll. Die Vorteile des Projekts sind nicht fortzuleugnen; Rhodesia würde einen direkten Zugang vom Atlantischen Ozean erhalten, wodurch der Weg nach England abgekürzt werden würde. Aber auch unserer Kolonie würde eine solche Schienenverbindung sehr zu statten kommen und ihre Entwickelung zu fördern geeignet fein.

Es braucht wohl kaum hervorgehoben zu werden, daß unfere Regierung für weitergehende Sonderpläne Cecil Ahodes nicht zu haben sein wird, und wenn er es wirklich versuchen sollte, hier Stimmung zu machen für eine ehr­geizige angreifende Politik in Südafrika, fo dürfte er bald erfahren, daß sowohl der Kaiser, wie auch die leitenden Personen der Reichsregierung jeder Vergewaltigungstheorie abhold sind, und die kleinen südafrikanischen Staaten als Faktoren betrachten, mit denen gerechnet werden muß. Wir unterhandeln ganz gerne mit Cecil Rhodes über großange­legte Projekte, bei denen Handel und Verkehr profitieren iönnen, aber für Raubzüge nach Art des Jamesonschen sind wir auch heute noch nicht zu haben! xx

denselben gehe hervor, welchen Gefahren die nach Südwest­afrika übersiedelnden Mädchen sich aussetzten.

Abg. Graf Arnim (Rp.) führt aus, Herr Bebel habe zu solchem Mitleid für die armen Mädchen gar keinen Anlaß. Die Unterhaltung der Mädchen sei gesichert durch vollkommen freie Station, und der Lohn sei ortsüblich und nicht zu niedrig. Ueberdies sei den Mädchen für alle Fälle die Rückfahrt garantiert.

Abg. Müller-Sagan (frf. Vp.) meint, hier werde ein Abhängigkeitsverhältnis statuiert, das um so schlimmer sei, als den Mädchen eine sehr lange, den Herrschaften da­gegen nur eine sehr kurze Kündigungsfrist gewährt sei. Der Vertrag schaffe eine Art weißer Sklaverei. Mit unseren deutschen Empfindungen von Menschenwert und Menschen­würde vertrage sich das nicht.

Abg. Bebel (Soz.) ist gleich dem Vorredner der An­sicht, daß der Vertrag der Gerechtigkeit, der Verteilung gleicher Rechte nach beiden Seiten hin ermangele.

Abg. Prinz A r e n b e r g (Zentr.) erklärt, der Gouverneur habe thatsächlich versprochen, sich der Mädchen anzunehmen; er habe ihnen sogar einen besonderen Gerichtsstand ge­schaffen, indem er selbst sich Vorbehalten habe, über Streitig­keiten zwischen den Mädchen und Ansiedlern zu entscheiden. Für dieses Jahr lehne et die Position ab, um zu erwägen, ob nicht noch gewisse Kautelen nötig seien. Von einer weißen Sklaverei könne keine Rede sein.

Direktor v. Buchka giebt zu, daß der Vertrag ver­schiedene Härten enthalte. Aber andererseits gewähre der­selbe dem Gouverneur die weitestgehenden Rechte. Die Tendenz des Vertrages sei jedenfalls eine gute. Es sei dringend wünschenswert, daß dort sich deutsche Familien ansässig machten.

Abg. Graf Arnim (Rp.) wendet sich gegen den Abg. Bebel, der wie auch gestern beim Fall Tucker, heute wieder zeige, daß er mit der objektiven Wahrheit auf gespanntem Fuße stehe. Man möge doch nur Bebels Buch über die freie Liebe lesen und werde dann mit ihm, dem Redner, das Recht dem Abg. Bebel bestreiten, sich um diese Mädchen zu bekümmern.

Nach einer kurzen Erwiderung des Abg. Bebel (Soz.) wird die Forderung gestrichen.

Beim Schutzgebiet von Neu-Guinea beantragt die Kommission eine Resolution, die Zustimmung zu diesem Etat nur unter der Bedingung zu erteilen, daß der Ver­trag vom 7. Oktober 1898 zwischen dem Reich und der Neu - Guinea - Kompagnie in Artikel 7 dahin abgeändert wird, daß das Auswahlrecht der Neu-Guinea-Kompagnie von 10 auf 3 Jahre, sowie daß diese Auswahl auf das Kaiser Wilhelmsland beschränkt wird.

Abg. Freese (frf. Vp.) hält Neu-Guinea für eine gute Erwerbung; der Tabak fei gut, weiter werde Copra und vorzügliche Baumwolle gewonnen. Der neue Vertrag unterscheide sich von dem früheren wie Tag und Nacht; er gewährleiste, daß die Aufwendungen des Reiches auch wirk­lich dem Lande zu gute kämen. Er bitte um Annahme der Resolution. . c

Abg. Gamp (Rp.) ist mit der Erwerbung von Neu- Guinea einverstanden. .

Abg. Hasse (nl.) erklärt, seine Freunde wurden unter den Voraussetzungen der Resolution dem Vertrage zustimmen.

Direktor v. Buchka weift darauf hin, daß der Preis von 4 Millionen auf dem Wege von Angebot und Nach­frage zustande gekommen fei, und auch der Kolonialrat habe dem zugestimmt. Er empfehle, den Vertrag anzunehmen mit den Voraussetzungen der Resolution.

Abg. Richter (frf. Vp.) bemängelt an dem Vertrage, daß die Gesellschaft gerade dasjenige Vorrecht behalte, welches allein wertvoll sei, nämlich sich 50 000 Hektar Land auszusuchen. Und da wolle man der Gesellschaft 4 Millionen schenken. Wo unsere Kolonien fruchtbar sind, da ist es nicht gesund, und wo es gesund ist, wie in Südwestafrika, da ist es nicht fruchtbar. c

Hierauf wird die Resolution und sodann der Etat für Neu-Guinea angenommen.

Damit ist der Etat der Schutzgebiete erledigt.

Es folgt der Etat für das Auswärtige Amt.

Auf Anfrage des Abg. Graf Stolberg (konf.) er­klärt Kolonialdirektor v. Buchka, es fei richtig, daß Herr Cecil Rhodes gegenwärtig in Berlin fei, und daß Verhand­lungen stattfänden zu dem Zwecke eine Durchführung englisch-afrikanischer Eisenbahnlinien durch das deutschost- afrikanische Gebiet zu gestatten. Auskunft hierüber könne aber nicht gegeben werden, da die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen seien. Sicher sei, daß der Bau jener Bahn

tägNch mit Lu-nahme des Montags.

Die Gießener »««tkieudtttter werden dem Anzeiger »tchrntlich viermal beigelegt.

Deutscher Reichstag.

54. Sitzung vorn 11. März. 1 Uhr.

Die Beratung des Kolonialetats wird fortgesetzt bei dem Etat für Togo.

Referent Prinz Arenberg berührt die bekannten Angriffe des Afrikareisenden Krause (Duldung von Sklaven- bandel), mit dem Bemerken, es sei jetzt gegen Krause Straf- cntrag gestellt.

Der Etat wird genehmigt.

Beim Etat für Südwestafrika kommt Abg. Nebel (Soz.) auf den Fall Dr. Esser zu sprechen.

Direktor v. Buchka entgegnet, Esser habe zu der Kolonialverwaltung nicht die geringsten Beziehungen. Ueber die Vorgeschichte der Erteilung des Kronenordens 2. Klaffe cu Esser sei er nicht in der Lage, irgend welche Auskunft zu geben. Was den Streit zwischen Effet und Dr. Wagner anlange, fo schwebe darüber eine militär-ehrengerichtliche Vnlersuchung gegen Esser. Auch darüber könne er nichts Mitteilen.

Die Debatte wird geschlossen.

Das Haus pflichtet den verschiedenen bei diesem Etat id« der Kommission vorgenommenen Streichungen meist ohne Debatte bei. U. a. hat die Kommission auch 25,000 Mk. i« Beihilfen für sich in Südwestafrika an- fieebelnbe deutsche Mädchen gestrichen.

Abg. Bebel (Soz.) geht auf die über Mädchen- an stedelungen abgeschlossenen Verträge näher ein. Aus

Hiehener Anzeiger

Genera l-Unzeiger

durch deutsches Gebiet nur geschehen werde, wenn die deutschen Interessen in Afrika im weitesten Sinne und nach allen Richtungen hin gewahrt blieben.

Abg. Richter (frf. Vp.) giebt zu, daß die deutsche Kolonialverwaltung die deutschen Interessen nicht ver­nachlässige.

Abg. Lieber (Centr.) hat ebenfalls volles Vertrauen zur deutschen Kolonialverwaltung. Weder er, Redner, noch einer feiner politischen Freunde kennten Herrn Rhodes; sie seien weit entfernt, ihn mit offenen Armen zu empfangen und irgend eine Abmachung zu seinen Gunsten zu beab­sichtigen.

Abg. Richter (frs. Vp.) fragt an, was an den Zeitungsmeldungen über deutsche Absichten auf die Karv- lineninseln sei.

Staatssekretär v. B ü l o w ist nicht in der Lage, etwas Tatsächliches mitteilen zu können. Ob die Erwerbung der Inseln in unserem Interesse liege, lasse sich nicht übersehen so lange, bis nicht der Vertrag Spaniens mit den Ver­einigten Staaten abgeschlossen sei.

Abg. Richter (frs. Vp.) plaidiert gegen die Erwerb­ung der Karolineninseln.

Es entspinnt sich nunmehr eine längere Debatte über den Wert unserer Kolonien zwischen verschiedenen Abgeord­neten der Reichspartei und dem Abg. Richter (frf. Vp.).

Auf eine Anfrage teilt Direktor Reichhardt mit, Verhandlungen mit Chile über einen neuen Vertrag schwebten, nähere Auskunft könne er daher nicht geben.

Beim TitelKonsulat Alexandrien" fragt Abg. Richter (frf. Vp.) an wegen des angeblichen Bombenattentats.

Direktor Hellwig verliest drei Berichte des dortigen deutschen Konsuls, denen zufolge dem Konsul ganz bestimmte Mitteilungen seitens der dortigen Geheimpolizei über anar­chistische Pläne, erst in Alexandrien, dann in Palästina, gemacht worden seien. Das seien doch sehr schwerwiegende Verdachtsgründe gewesen. Es scheine mithin ausgeschlossen, daß alles Schwindel gewesen sei. Die Angeklagten seien überdies vor das Schwurgericht in Ancona gefordert und dessen Urteil müsse abgewartet werden.

Beim TitelKonsulat in Palästina" vertagt das Haus die Weiterberatung auf Montag 1 Uhr.

Schluß 6 Uhr.

Deutsches Reich.

Berlin, 12. März. Cecil Rhodes ist gestern abend 6 Uhr vom Kaiser empfangen worden. Die Audienz dauerte 40 Minuten.

Berlin, 12. März. Auch heute ist noch nicht mit Sicherheit festzustellen, ob die Bestätigung Kirschners zum Oberbürgermeister von Berlin thatsächlich erfolgt ist, wie mehrere Morgenblätter berichteten. Auch Herrn Kirschner selbst war gestern abend nichts davon bekannt.

M.P.C. Berlin, 12. März. In der Presse ist davon die Rede, der Staatssekretär des Innern Graf Posa- dowsky-Wehner werde demnächst zum Oberpräsidenten der Provinz Posen ernannt werden. Dies Gericht klang deshalb schon von vornherein unwahrscheinlich, weil eine Reihe von Gesetzentwürfen im Gange sind, die nur Graf Posadowsky vertreten und weiter behandeln kann, da sie seiner eigensten Initiative entsprungen sind. Der Staats­sekretär des Innern bestritt auf der gestern von ihm ge­gebenen parlamentarischen Abendgesellschaft auf das ent­schiedenste, daß etwas wahres an der Nachricht sei.

MP.C. Berlin, 12. März. In weiten Kreisen des Reichstags herrscht die Ansicht vor, daß auch diesmal ein für die verbündeten Regierungen annehmbares Ergebnis aus den Beratungen über die vielberufene lex Heinze nicht herauskommen werde. Einerseits wird das Zentrum, andererseits die Sozialdemokratie zuweitgehende Anträge zu vertreten fortfahren, in den Mittelparteien ist man der Meinung, es sei besser, die Erledigung der Kernfragen im Zusammenhang mit der zu erwartenden Revision der Straf­prozeßordnung vorzunehmen. Den verbündeten Regierungen wäre dies vielleicht ebenfalls das erwünschteste.

Krefeld, 9. März. Die Sammetfabrikanten fahren mit der Veröffentlichung der von sämtlichen Arbeitern im vorigen Jahre verdienten Arbeitslöhne fort. Die Listen be­stätigen, daß der verdiente Lohn im Durchschnitt nicht nur auskömmlich, sondern daß er zum Teil sogar sehr hoch war, jedenfalls höher als, abgesehen von Amerika, irgendwo im Webegewerbe bezahlt wird. Allgemein wird es bedauert, daß die Fabrikanten erst jetzt aus ihrer vornehmen Zurück­haltung gegenüber der von den sozialdemokratischen Hetzern