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14.1.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 12 Zweites Blatt Samstag den 14. Januar

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Amtlicher geil

Gießen, den 12. Januar 1899. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Grohherzogl. Bürgermeistereien der Laud- gemeinden des Kreises.

Zufolge Auftrags Großherzoglichen Ministeriums des Innern vom 28. Dezember 1898 Hetzen wir Sie davon in Kenntnis, daß diese Behörde angeordnet hat, daß überall da, wo das Bedürfnis nach einer Aufstellung, Abänderung oder Erweiterung eines Ortsbauplanes eintritt, es zur Ver­meidung von Verzögerungen, welche bei nachträglichen Haupt­abänderungen der Pläne entstehen, notwendig erscheint, dem Kreisamt von der geplanten Aufstellung rc. eines Orts­bauplanes, unter Vorlegung des von dem Geometer ge­fertigten, noch kein Fluchtlinienprojekt enthaltenden Situativnsplans Mitteilung zu machen, damit hierauf der Großh. Kreisbauinspektor das Straßenprojekt unter Zugrundelegung der Wünsche der Gemeinde in den Haupt- zagen aufstellt. Den Geometern soll lediglich die An­fertigung des Situationsplans mit Eintragung der Höhenzahlen, die Projektierung und Einzeich­nung der Straßen fluchten dagegen ausschließlich dem Großh. Kreisbauinspektor überlasten werden.

v. Bechtold.

Deutsches Keich.

Berlin, 10. Januar. In den deutschen Münzstätten sind im Monat Dezember an Reichs münzen für 17 074800 Mk. Doppelkronen und zwar sämtlich auf Privat­rechnung, für 2269845 Mk. silberne Fünfmarkstücke, für 373688 Mk. Zweimarkstücke und für 58136.40 Mk. Zehn- psennigstücke geprägt worden. Ende 1898 waren an Reichs­milnzen in Umlauf für 3384.7 Millionen Mark Gold­münzen und zwar 2781.6 Millionen Doppelkronen, 591.1 Millionen Kronen, 5.9 Millionen halbe Kronen. Von den letzteren sind insgesamt für 27.9 Millionen Mark geprägt, jedoch wurden für 22 Millionen wieder eingezogen, sodaß ihr völliges Verschwinden aus dem Verkehr in ab­sehbarer Zeit erfolgen dürfte. An Silbermünzen sind für 501.6 Millionen in Umlauf, wovon für 102,8 Millionen i

Fünfmarkstücke, für 122.7 Millionen Zweimarkstücke, für 189.9 Millionen Einmarkstücke, für 71.5 Millionen Fünfzig- und für 14.7 Millionen Zwanzigpfennigstücke sind. An Nickelmünzen waren für 58.5 und an Kupfermünzen für 14 Millionen Mark in Umlauf.

Berlin, 12. Januar. Die erste Lesung der Militär- Vorlage im Reichstage wird voraussichtlich morgen zu Ende gehen. Am Samstag dem 14. und Montag dem 16. sollen die Plenarsitzungen ausfallen, um den Fraktionen Zeit zu lassen, damit sie weiter zum Etat Stellung nehmen können. Am Dienstag dem 17. wird in die Beratung des Etat ein­getreten werden können.

Berlin, 12. Januar. Inder Budget-Kommission des Reichstages wurde heute die Beratung des Marine- Etats zu Ende geführt. Morgen soll der Justiz-Etat beraten werden.

Berlin, 12. Januar. Das neue Jnvaliden-Ver- sicherungsgesetz hat im Bundesrats-Ausschuß mehrfache Veränderungen erfahren; dieselben werden wahrscheinlich in vierzehn Tagen dem Reichstage zugehen.

Unser Verhältnis zu Frankreich bespricht dieMagdeburgische Zeitung": Auch die Thatsache, daß der Kaiser selbst Veranlastung genommen hat, bei seinem ersten Besuche in Berlin dem französischen Botschafter seinen Dank persönlich auszusprechen, ist gewiß bemerkenswert, obwohl es bekannt ist, daß sein ritterlicher Sinn für Be- thätigungen der Kourtoisie besonders empfänglich ist. Aber man 'sollte meinen, daß es genügte, diese Thatsachen hin­zustellen, und daß es nicht nötig war, sich auf den schwanken Boden von Kombinationen zu begeben, um sie richtig ein­zuschätzen. Bis zu einer politischen Verständigung, selbst wenn sich diese nur auf entfernte Gegenden und auf zoll- politische Fragen erstrecken sollte, fehlt noch viel.

Ausland.

Wien, 12. Januar. ^Oer ehemalige Minister Graf Falkenhayn ist schwer erkrankt.

Budapest, 12. Januar. Baron Banffy nahm vom Grafen Andrassy die wesentlich reducierten Forderungen der Opposition an.

Paris, 12. Januar. DemFigaro" zufolge wird die Ernennung des Kassationsrats Maceau zum Präsidenten der Civilkammer des Kassationshofes Anlaß zu wichtigen Veränderungen in juristischen Stellen geben.

Loudon, 12. Januar.Daily Mail'> meldet aus Hongkong: Die amerikanischen Behörden haben ein Tele­gramm Aguinaldos an die Philippinische Junta ab­gefangen, welches wichtige Nachrichten enthält. Die Ameri­kaner, welche aus Manila nach Hongkong zurückgekehrt sind, beklagen sich über die Lässigkeit des Generals Otis, weil derselbe nicht den Versuch gemacht habe, die Wasserleitung Manilas in seiner Gewalt zu bekommen. Jetzt könnten die Philippinen den Amerikanern jeden Augenblick das Master abschneiden.

Lokales und MovinMes.

0. Ortenberg, 12. Januar. Das letzte Jahrzehnt des zu Ende gehenden Säkulums kann als das Decennium der Schulhausbauten in unserer Gegend, vielleicht für das ganze Großherzogtum Hessen angesehen werden, denn an vielen Orten sind neue Schulhäuser errichtet worden, wozu der Staat namhafte Beiträge leistet. Auch wir erhalten 1400 Mark Zuschuß, In Bezug auf W o h n u n g e n, namentlich für Beamte, ist hier ein deutlicher Mangel zu verspüren. Wenn nicht irgendwelche Abhilfe geschaffen wird, ist es nicht unmöglich, daß am Ende Leute wegziehen und anderweit Wohnungen suchen. Nach Lage der Sache wäre es hier nicht unvorteilhaft, wenn einige neue Wohn­häuser gebaut würden.

O Darmstadt, 11. Januar. Gettkes und Engels letzthin vielgenannter SchwankIm Fegefeuer" (er könnte natürlich auch anders heißen) erzielte heute auf der Hof­bühne bei den zahlreichen Zuhörern großen Lacherfolg, indes glauben wir nicht, daß dem Stück trotz der neuesten Berliner Kalauer und Ingangsetzung eines großen Personen­apparates längere Dauer beschieden sein wird, wenngleich das behandelte Thema: Liebe, ein Konflikt mit den Geboten der konventionellen Sitte, recht dankbar erscheint. Ganz besonders traten heraus Herr C o nradi (Kanzleirat Grien- berger) und das Haupt-Liebespaar (Frl. Eichelsheim und Herr Stöckel).

Mainz, 12. Januar. Wegen Beleidigung des Aschaffenburger Landgerichtes, der dortigen Gesängnis- beamten und des Botendieners des Reichsgerichts, wurde in der letzten Sitzung der Strafkammer des hiesigen Land­gerichts der Kaufmann Louis Rück aus Leipzig zu 6 Wochen Gefängnis verurteilt. Rück hatte wegen Be­günstigung zur Flucht von der Aschaffenburger Strafkammer

Feuilleton.

Englische Iolksöiöliolyeken.

Bon Dr. Ernst Schultze.

(6. Fortsetzung.)

Die Nachschlagebibliothek freference library), die sich meist im selben Raume wie die ausgelegten Zeitschriften befindet, ist in weitaus der Mehrzahl der Fälle eine recht stattliche und kann sich mit der vieler unserer Universitäts­bibliotheken recht wohl messen, und zwar gilt das nicht nur von der Zahl der Werke, sondern auch von ihrer Aus­wahl. In Großstädten umfaßt sie viele tausende von Bänden und bietet dem Gelehrten unter Umständen mehr als die Bibliotheken der betreffenden Universitäten. Um

zwei Beispiele anzuführen, so scheint es mir, als wenn die piiblic library von Edinburg, deren reference library von Studenten und Professoren viel benutzt wird, der dortigen Universitätsbibliothek einige Konkurrenz macht, und in Liverpool hat man den recht glücklichen Gedanken gehabt, die eigentlich wissenschaftlichen Zeitschriften zusammen mit einer sehr großen Nachschlagebibliothek (oder, wie wir es ' auch häufig nennen, Präsenzbibliothek) von den populäreren and Unterhaltungszeitschriften zu trennen und sie in einem besonderen Saale unterzubringen. Durch das großherzige Geschenk des Sir James Picton war es möglich, dafür eisien kuppelförmigen Bau aufzuführen (ben Picton Reading Itoom), der gewissermaßen den Lesesaal des Britischen Museums im kleinen darstellt. Dieser Saal dient für Äudienzwecke und Nachforschungen aller Art und wird DU)n Lehrern, Journalisten, den Studenten und Professoren des Liverpool University College u. s. w. außerordentlich 'i«ark benutzt. Ich will übrigens nicht unerwähnt lassen, dccß es, so viel mir bekannt ist, in allen reference libraries, baren Hauptbestandteil wissenschaftliche Werke ausmachen,

dem Publikum nicht gestattet ist, die Bücher selbst aus den Regalen zu nehmen, sondern daß man sich zu diesem Zwecke an einen der Beamten wenden muß; doch ge­schieht dies wohl nur in denjenigen Bibliotheken, die eine sehr große Anzahl von Werken als Präsenzbibliothek auf­gestellt haben (z. B. Manchester, Liverpool, Edinburg).

Sowohl Zeitungs- wie Zeitschriftenlesesaal und Nach­schlagebibliothek sind den ganzen Tag über, d. h. in der Regel von 99 oder von 1010 Uhr zugänglich. Fast während dieser ganzen Zeit ist nun auch die Ausleihe­bibliothek geöffnet, die allein und isoliert von jenen anderen Einrichtungen in England nicht als eine vollgiltige public library angesehen werden würde, während dies in Deutsch­land leider fast noch die Regel ist. Auch diese lending library wird fast den ganzen Tag über benutzt; am stärksten aber ebenfalls in den Mittags- und noch mehr in den Abendstunden. Sie unterscheidet sich von der reference library, außer durch die in den Namen angezeigten Unter­schiede, durch ihre Zusammensetzung. Die Nachschlage, bibliothek enthält außer eigentlichen Nachschlagewerken (Lexika, Atlanten u. s. w.) nur wissenschaftliche Werke und von schöner Literatur nur die Klassiker. Die Ausleihe­bibliothek dagegen besteht zum überwiegenden Teil aus Unterhaltungslektüre (man bezeichnet sie im Englischen als fiction.); 80 Prozent sämtlicher Bücher der Ausleche- bibliothek pflegen dieser Klaffe anzugehören, und sie werden nicht nur absolut, sondern auch relativ am meisten gelesen. Die Gegner der Volksbibliothekcn führen diese Thatsache oft an, um gegen dieselbe Stimmung zu machen merk­würdigerweise sind das oft dieselben Leute, die dem Volke gern jede wissenschaftliche Lektüre vorenthalten wissen wollen, damit es nur nichtzu gebildet" wird. Ich vermag aber beim besten Willen nicht einzusehen, warum man dem Volke die Schätze unserer Nationalliteratur verschließen, warum man nicht im Gegenteil alles aufbieten sollte, um es dafür zu interessieren. Schon in der Schule lernen wir, welch

eine ideale Zeit das griechische Altertum gewesen sei, wo das ganze Volk (natürlich nur das, was man damals als Volk bezeichnete, also weder Sklaven noch Frauen, aber doch wenigstens alle Bürger) ein tiefgehendes Interesse an der nationalen Literatur und Kunst nahm. Sind aber die Männer, die jenes Zeitalter deshalb mit enthusiastischen Worten glücklich preisen, auch immer in der ersten Reihe derer zu finden, die ähnliche Zustände in der Gegenwart anbahnen wollen?

Von den englischen Bibliothekaren verkennt kein ein­ziger, daß man einem Manne, der in der Schule über Lesen, Schreiben und die elementarsten Kenntnisse nicht hinausgekommen ist, nicht ein wissenschaftliches Werk in die Hand geben kann, sondern daß man seine Leselust erst wecken, oder wenn sie schon da ist, dazu benutzen muß, ihn mit Büchern zu versorgen, die für seinen Bildungsstandpunkt verständlich sind. In vielen Fällen bestätigt sich dann die Erwartung, die man in den interessierten Kreisen Deutsch­lands an die Wirkungen der belletristischen Abteilung der Volksbibliothek knüpft: die Leser lesen sich zu wissenschaft­lichen Werkenherauf". In manchen anderen Fällen ge­schieht das auch nicht; die Leute nehmen wohl auch einmal ein naturwissenschaftliches, technisches oder historisches Buch mit nach Hause, bleiben aber im wesentlichen bei der Lektüre der belletristischen Abteilung, die auf diese Weise für jeden ihrer Bände naturgemäß eine stärkere Benutzung erzielt, als die wissenschaftliche. Doch betrachtet man das in England vielfach durchaus nicht als Fehler; man sagt sich ganz richtig, daß der Arbeiter, der acht oder zehn oder mehr Stunden gearbeitet hat, kaum imstande sein kann, mit Lust und Liebe ein wissenschaftliches Werk zu lesen, falls er nicht über eine außergewöhnliche geistige Kraft verfügt. Und so läßt man denn die Leser, wenn sie cs wollen, ruhig immer wieder Romaue und Novellen entleihen.

(Fortsetzung folgt.)