Nr. 12 Erstes Blatt. Samstag den 14. Januar
1S99
Weßmer Anzeiger
Heneral-Anzeiger
^»ejußspreis vierteljährlich
2 Mar! 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn.
Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.
Alle Anzeigen-BermittlungSstellen deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener
Kamikteubtätter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.
Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr.
Aints- und Anzeigeblntt für den Ttvais Gieren.
Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schutstraße Ar. 7.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Kandwirt, Klättrr für hessische Volkskunde.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Kietzen. Fernsprecher Nr. 51.
Beunruhigung und Beschwichtigung.
Die dem Deutschell zur Gewohnheit gewordene Sucht, an den Regierungsmaßregeln zu nörgeln, drückt sich natürlich in besonders hohem Grade in der Presse aus, und in pessimistischster Weise werden die Handlungen der Regierung beurteilt. Als im vorigen Jahre durch das Flottengesetz die Ausgaben für unsere Marine auf geraume Zeit festgelegt wurden, da herrschte auf der einen Seite Freude über die Opferwilligkeit des Reichstags uud über sein Verständnis gegenüber den nationalen Aufgaben. Andererseits aber wurde sofort der Gedanke ventiliert: Wenn die Negierung sich nur wirklich für gebunden hält, und nicht etwa schon im nächsten Jahre mit weitergehenden Plänen hervortritt! Und als nun gar der Staatssekretär des Reichsmarineamts, Kontreadmiral Tirpitz eine längere Urlaubsreise aus Gesundheitsrücksichten antrat, da war es in den Augen jener Nörgler ganz sicher, daß zwischen dem Marinekabinet und dem Reichsmarineamt Differenzen obwalteten, daß in ersterem an den uferlosen Flottenplänen festgehalten würde. Wir haben ja zu beobachten Gelegenheit gehabt, wie dieser Gedanke in der Presse lebhafteste Erörterung fand, wie man es als ganz sicher hinstellte, daß Mehrforderungen für die Marine im Reichsetat erscheinen würden, und daß man selbst einer offiziösen Blättermeldung, an jener Nachricht sei kein wahres Wort, nicht unbedingt Glauben schenkte.
Es war ausgefallen, daß bei der Etatsberatung im Plenum des Reichstags die Negierung keine Veranlassung nahm, den immerhin eine gewisse Beunruhigung verursachenden Meldungen von weitgehenden Flottenplänen entgegenzutreten. Das hat am Mittwoch der Staatssekretär Tirpitz in der Budgetkommission nachgeholt und in unzweideutiger Weise erklärt, daß unter allen Umständen die für das Flottengesetz vorgesehenen Limitierungen innegehalten werden sollen. Wir wollen gar nicht behaupten, daß es auch nach dieser Erklärung nicht doch noch Leute giebt, welche der Regierung Hintergedanken zutrauen, aber für die große Oeffentlichkeit wirkt die Regierungskundgebung doch beschwichtigend.
Wir sind im allgemeinen nicht dafür, daß bei allen minderwertigen, den Thalsachen nicht entsprechenden Meldungen die Regierungsmaschine in Bewegung gesetzt wird. Wenn es sich aber um Nachrichten handelt, welche geeignet sind, Beunruhigung zu erregen, und die öffentliche Meinung aufzuhetzen, dann sollte man keinen Augenblick zögern, mit Nachdruck einzuschreiten, um die Oeffentlichkeit zu beschwichtigen. Das Organ hierfür ist der „Reichsanzeiger". Erscheinen solche Dementis in anderen, vielleicht vielfach zu offiziösen Kundgebungen benutzten Blättern, so ist daraus doch nicht unzweideutig zu ersehen, ob es sich thatsächlich um eine Regierungserklärung handelt oder nicht. Vielmehr gehört auf jede thatsächliche Beunruhigung durch die Presse eine über jeden Zweifel erhabene Regierungserklärung.
(xx)
Deutscher Reichstag.
9. Sitzung am 12. Januar. 1 Uhr.
Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärt Abg. Lieber (Centr.), der Abg. Eßlinger habe ihm und dem Centrum gestern Mitgefühl für die Landwirtschaft abgesprochen. Dieser Vorwurf sei vollständig ungerechtfertigt.
Tagesordnung: Erste Lesung der Militärvorlage.
Kriegsminister von Goßler betont die Notwendigkeit der Heeresverstärkung, denn nur dann könne man der Zukunft mit voller Zuversicht entgegensehen. Die Friedenskundgebung des russischen Kaisers sichere Deutschland von Angriffen von jener Seite. Aber das könne nicht von einer Fortbildung unseres Heeres entbinden, denn man habe nicht gesehen, daß irgendwo in einem Staate die Rüstungen eingestellt würden. Redner begründet nun speziell die Schaffung der geplanten neuen Armeekorps, die Verbände dürften nicht zu groß sein, widrigenfalls die Generalkommandos außer stände seien, sie zu übersehen. Bei der Infanterie handele es sich nur um Etatsvcrstärkungen im Zusammenhänge mit der verkürzten Dienstzeit. Bei der Kavallerie sei die Schaffung mehrerer neuer Regimenter nötig. Was die Artillerie anlange, so habe diese den Sieg durch ihr rasantes Feuer vorzubereiten. Betreffs der verkürzten Dienstzeit sei zu bemerken, daß die bisher gemachten Erfahrungen noch zu kurz seien. (Der Reichskanzler betritt den Saal). Die Güte einer Truppe hänge wesentlich ab ron dem Kern alter Mannschaften. Es sei bereits vorge- Ichlagen worden, daß denjenigen Mannschaften, welche frei
willig ein drittes Jahr dienten, Urlaubs- und andere Vergünstigungen gewährt werden. Mit der abgekürzten Dienstzeit hätten die Strafen nicht ab-, sondern zugenommen. Der Minister spricht schließlich die Hoffnung aus, daß die Kommission das beschließen werde, was zum Heile des Reiches und der Armee gereiche.
Abg. Richter (freis. Vp.) bezeichnet die Bemerkung des Ministers über die Zunahme der Strafen als sehr auffallend, da .ausweislich der Kriminalstatistik die Vergehen und Verbrechen sonst abgenommen hätten. Bei dem Bündel von Fragen, die die Vorlage enthalte, müsse man durchaus auseinanderhalten die Organisationsfrage uud die Frage der Vermehrung. Technischen Aendernngen könne man zustimmen; aber bisher habe beispielsweise niemand vorausgesetzt, daß bei Einführung neuer, besserer Geschütze auch die Zahl derBatterien vermehrt werden müßte. Die Vermehrung der Kavallerieregimenter sei umso auffallender, als ihre frühere Hauptaufgabe der Massenwirkungen gar nicht mehr so in Betracht komme, wie früher. Aber die hohen Herren könnten sich von den glänzenden Reiterregimentern nicht trennen. Auch die Jägerbataillone könnten verringert werden, desgleichen die Garde-Bataillone; letztere seien ja nur der adeligen Offiziere wegen da. Redner kritisiert die Abkommandierungen zu nicht eigentlich militärischen Zwecken, selbst zur Küche und die Thätigkeit der Offiziersburschen. Den an die Kriegsschule kommandierten Offizieren müßten die Burschen sogar die Schulmappe nachtragen. (Heiterkeit). Die Burschen führten dabei ein Leben, daß man beinahe sagen könne: Frei ist der Bursch! (Stürmische Heiterkeit). Durch die angekündigte gesetzgeberische Absicht, eine bestimmte Quote noch ein drittes Jahr zurückzubehalten, bringe man Unsicherheit in die bürgerlichen Verhältnisse aller Dienstpflichtigen, gleichviel wie hoch oder niedrig man die Quote greife. Hier wolle man wieder 28 Millionen dauernde und 133 Millionen einmalige Ausgaben beschließen. Herr v. Miquel kenne nur eine Finanznot fürs Civil. (Heiterkeit). Zum Schlüsse wolle er, Redner, dieselben Worte gebrauchen, die Herr v. Miquel bei der letzten Etatsrede gebrauchte: Nur ein starker Staat kann seine Kulturaufgaben erfüllen, und stark ist nur ein Staat, der gesunde und gute Finanzen hat. (Beifall links).
Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) bemerkt, die Vorlage bewege sich durchaus auf dem Boden der 1893er Beschlüsse. Der Abrüstungsvorschlag des Zaren sei dankenswert, aber jedenfalls sei selbst im Falle der Annahme eines solchen Vorschlages derjenige Staat am besten dran, der im Augenblicke der Abrüstung in seinen Rüstungen am weitesten vorgeschritten sei. (Große allgemeine Heiterkeit). Aus den Reichsfinanzen, der Reichsschuld, ergäben sich keinerlei Bedenken gegen die Vorlage.
Abg. v. Levetzow (kons.) tritt namens seiner Fraktion lebhaft für die Vorlage ein. Dieselbe werde in der Kommission allerdings im einzelnen sorgsam zu prüfen sein, denn sie enthalte offenbar Widersprüche in Bezug auf Organisationen. Auch schienen ihm in der Vorlage Zukunftspläne enthalten zu sein. (Rufe links: Hört! Hört!) Es sehe aus, als ob dem A noch ein B folgen solle. Eine gesetzliche Festlegung der zweijährigen Dienstzeit sei jetzt noch nicht ratsam, die Zeit, um Erfahrungen zu sammeln, sei zu kurz. Redner schließt: Wenn wir diese Vorlage annehmen, dann wird die ganze Welt sagen: Wir rüsten nur, um den Frieden zu wahren. (Beifall).
Nächste Sitzung morgen 12 Uhr. Tages-Ordnung: Fortsetzung der ersten Lesung der Militärvorlage.
Schluß 5 Uhr. ___________
Deutsches Reich-
Berlin, 12. Januar. Der Kaiser hörte heute Vormittag im hiesigen Schlosse die Vorträge des Kriegsministers v. G ö ß l e r und des Chefs des Militär-Kabinetts v. H a h n ke. Um 12i/3 Uhr empfing der Kaiser den Fürsten Herbert Bismarck, welcher die Orden seines verstorbenen Vaters zurückreichte.
Berlin, 12. Januar. Der „Reichsanzetger" veröffentlicht die Ernennung des bisherigen vortragenden Rates im Reichs-Justizamt Freiherrn v. Seckendorfs zum Unterstaalssekretär im Staatsministerium.
Berlin, 12. Januar. Die „Post" schreibt: Neuen Meldungen zufolge handelt es sich bei dem gestern erwähnten Vorgänge auf dem Tongaberge um eine Inspektionsreise des ersten Vize-Konsuls in Apia, v. Grünow, und nicht um eine solche des General-Konsuls in Apia, des Legationsrates Rose.
Berlin, 12. Januar. Den „Bert. Neuest. Nachr." wird aus Prätoria telegraphiert, daß der Redakteur der „Johannisburger Randpost" wegen Beleidigung des gegenwärtigen diplomatischen Vertreters Englands in Transvaal verhaftet wurde. Die „Nandpost" hatte das von dem britischen Gesandten in letzter Zeit beobachtete Verhalten als mit den diplomatischen Bräuchen im Widerspruch stehend einer scharfen Kritik unterzogen. Gegen eine Bürgschaft von 100 Pfund wurde der Redakteur wieder auf freien Fuß gesetzt.
Berlin, 11. Januar. Koloniales. Die Einrichtung einer unmittelbaren regelmäßigen Dampfschiffahrt von Deutschland nach Südwestafrika, die nach und nach zu einer monatlichen sich entwickelt hat, ist von dem erwarteten Erfolg gewesen. Die Handelsbeziehungen des Schutzgebietes zum Mutterland sind in fortwährender Steigerung, während diejenigen mit Kapstadt immer abnehmen. Auch in Groß- namaland, welches wegen seiner Lage schon stets sehr rege Beziehungen zur Kapkolonie unterhielt, ist ein Umschwung zu Gunsten des deutschen Marktes eingetreten, was namentlich die Wechselbeziehungen der Bezirkskasse in Keetmanshoop zur Legationskasse in Berlin beweisen. Auf Berlin wurden dort nämlich fast 300000 Mk., auf Kapstadt nur 23572 Mk. gezogen. Dort werden fast alle Geldvermittlungsgeschäfte von den amtlichen Kassen besorgt. Durch den neu eingeführten Anweisungsverkehr wird nun künftighin die Post einen Teil des Geldverkehrs übernehmen. Im Schutzgebiet ist gegenwärtig fast nur noch deutsches Geld in Umlauf, englische Münzen sind zur Seltenheit geworden. Bei der Landeshauptkasse haben die Buchungen voriges Jahr 15 Millionen Mark betragen.
M.P.C. Ueber d i e Stellung des Cent rums zur Militär Vorlage erfahren wir von gutunterrichteter Seite folgendes: Das Centrum wird allerdings zunächst eine abwartende Haltung annehmen. Doch steht schon jetzt außer Frage, daß es die in der Vorlage enthaltenen Artillerie- Forderungen, sowie die damit zusammenhängenden zu bewilligen entschlossen ist, wegen der anderen dürften allerdings Vorbehalte gemacht und weitere Nachweise des Bedürfnisses gefordert werden. Von einer Geneigtheit des Centrums, die zweijährige Dienstzeit gesetzlich festzulegen, ist in dem Umfange nicht die Rede, wie mehrfach behauptet worden ist, prinzipiell hält die Partei an der zweijährigen Dienstzeit fest. Die Frage ihrer Nützlichkeit erscheint aber noch nicht geklärt genug, um eine gesetzliche Festlegung angezeigt erscheinen zu lassen. Auch herrscht mehrfach die Besorgnis, die verbündeten Regierungen würden, wenn eine gesetzliche Festlegung beschlossen werden sollte, mit ganz neuen Forderungen hervortreten.
M.P.C. Wie aus London gemeldet wird, bestreitet man in dortigen politischen Kreisen, daß der Höflichkeitsbesuch, den der deutsche Kaiser dem französischen Botschafter am Berliner Hofe, Marquis de Noailles abstattete, irgend eine Veränderung in der Gruppierung der Mächte zu inaugurieren angethan sei. Man glaubt in Downingstret, daß im Laufe des Jahres eine Begegnung des deutschen Kaisers und der Königin von England stattfinden werde.
Flensburg, 12. Januar. Sämtliche dänisch gesinnten Eltern des Amtsgerichtsbezirks Toftlund sind bis auf eine Witwe der Aufforderung des Amtsgerichts nachgekommen und haben erklärt, daß sie ihre Kinder von den dänischen Hochschulen zurückziehen wollen.
Ausland.
Nom, 12. Januar. In dem jetzigen Kabinett, so schreibt man der „Tägl. Rundschau", sitzen vier Generale und Admirale, unter ihnen der Ministerpräsident Pelloux. Die schwierige Frage der Lage in Erythräa könnte man also in guten Händen glauben. Denn sie werden doch eher als Laien in der Lage sein, die eigentliche und wahre Bedeutung der fortwährenden Bewegungen Meneliks und Makonnens zu erfassen. Amtlich und halbamtlich läßt die Regierung nun das Oel der Beruhigung in die Wogen der öffentlichen Aufregung fließen; sie erklärt, daß in Afrika nichts zu fürchten sei. Das wäre sehr zu wünschen; denn die jetzige Besatzung der Kolonie ist zu ernstlichem Widerstand nicht fähig. Hat doch Pelloux selbst als Kriegsminister des Rudini'schen Kabinetts freimütig erklärt, zur Zurückweisung eines Einfalls der Abyssinier in die Kolonie seien zwei Armeekorps nötig. Wann sollen die hinübergeschafft werden, wenn es drüben wirklich losgeht? Verfällt man in den alten Fehler, im letzten Augenblick freiwillige


