Ausgabe 
13.12.1899 Zweites Blatt
 
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Mittwoch de« 13. December

1809

Nr. 293 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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* England und die Türkei.

Gießen, den 12. Dezember.

Mr. Chamberlain ist unter den gegenwärtigen Ver­hältnissen eine kleine Freude wohl zu gönnen. Während alle Welt seine Politik verurteilt und ihn verantwortlich macht für all die Opfer, welche der Krieg in Südafrika erfordert, wird ihm in einem einzigen Staate Beifall gezollt vom Herrscher und von Untertanen. Freilich ist es nur der kranke Mann, welcher den Krieg billigt, und in einer Adresse, mit Namen von 40 seiner Untertanen bedeckt, wird England Glück gewünscht zu dem Raubzuge, aber die Thatsache allein, daß in Europa jemand auf feiten des britischen Reiches steht, darf Chamberlain befriedigen. Wie wäre es mit einer Allianz zwischen England und der Türkei? Der Gedanke wäre so Übel nicht angesichts der Thatsache, daß in Asien und Afrika viele Millionen Muhamedaner unter der Oberherrschaft Großbritanniens leben.

Hat die Türkei berechtigte Ursache, die Freundschaft Englands zu suchen? In letzter Zeit hieß es wieder, daß Rußland wegen Zahlung der fälligen Kriegsentschädigungs­rate mit der Türkei in Konflikt geraten sei. Das ist freilich nichts neues, denn Rußland hat bisher noch keine Rate ohne Anwendung von Zwangsmaßregeln erhalten, und es wäre wunderbar, wenn diesmal eine Ausnahme stattsinden sollte. Aber im Orient heißt es bekanntlich:für England oder für Rußland", und da die Freundschaft für das Zaren­reich im Jldiz Kiosk gegenwärtig den Nullpunkt erreicht hat, so ist nichts natürlicher, als daß man Sympathien für England ostentativ zur Schau trägt. Von diesem Gesichts­punkte allein ist das Verhalten des Sultans und seiner getreuen Muselmanen zu betrachten.

Wir haben uns schon oft mit dem Reiche des Padischah an dieser Stelle beschäftigt und konnten konstatieren, daß jedesmal, wenn das europäische Konzert bei irgend welcher Gelegenheit auf den Sultan einwirken wollte, England das Karnickel war, welches sich von den anderen Großmächten trennte und Sonderinteressen verfolgte. Das geschah in fast allen Fällen zu dem Zwecke, um Rußland aus dem Sattel zu heben. Während des Beginns des griechisch­türkischen Kriegs sah man freilich England auf Seiten der Hellenen eben weil Rußland im Verein mit den anderen Mächten den Bruch des internationalen Rechts seitens Griechenlands verurteilen mußte. Sonst aber hat England meistens dazu beigetragen, den Sultan in seinem Widerstand gegen Reformen zu bestärken und die Anstrengungen der Großmächte, den christlichen Untertanen in der Türkei auf­zuhelfen, illusorisch zu machen.

Ob England auf die Sympathieen der Türkei stolz sein und auf dieselben für alle Fälle rechnen darf, ist freilich eine andere Frage. Der Wind schlägt am Bosporus gar zu leicht um, und wenn der Zar in der Kriegsentschädig­ungsfrage mit sich reden laßt, dann wendet sich ihm auch wieder die Neigung des Sultans zu. Aber immerhin ist es beachtenswert, daß Chamberlains Politik wenigstens von einer Seite Anerkennung gefunden hat, von der er sie vielleicht gar nicht erwartete. Wir sind die Letzten, welche ihm diese Anerkennung mißgönnen!

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Fokales und Provinzielles.

Gießen, 12. Dezember 1899.

* * Geschicht-kalender. (Nachdruck verboten.) Vor 100 Jahren, am 13. Lezemd.r 1799, wurde zu Düsseldorf Heinrich Heine geboren, ein Dichter von reichster Begabung, doch voller ungelöster W'dersp ücbe. Sein .Buch der Lieder" ist eine der wundersamsten Gaben, die \t ein Dichter s-Mem Volke bot; sein Loreley Sang: Ich weih nicht, was toll eS bedeuten", ist Gemeingut von A t und Jung. In frtmbtx Eide, auf dem Friedhöfe am Fuße des Mont­martre, schläft er den ewigen Schlummer.

* Vom kupferne« Sonntag. Der vorgestrige Sonntag, a« welchem unsere Geschäftsleute das erste Mal vor Weih «achten bis 7 Uhr abends verkaufen durften, hatte viele Fremde in die Stadt gezogen. In der Neustadt, der Markt­straße, auf dem Marktplätze, der Mäusburg rc. herrschte besonders am Nachmittag ein überaus reger Verkehr, Haupt, sächlich von Landleuten, die allerdings in den meisten Fällen vorerst nur ihre Schaulust an den Ausstellungen in den Erkern befriedigten. Die Umsätze, die trotzdem erzielt wurden, waren in einzelnen Branchen, z. B. Manufaktur-, Kurz-, Wolle- und Spielwaren recht gute. Das eingetretene Wetter hat offenbar Leben in« Geschäft gebracht, wenn auch die Käufer, der Beständigkeit desselben nicht tränend, vor­sichtig einkaufen. Da- Geschäft mit der Stadtkundschaft ist noch sehr rückständig. Diese wartet nach alter Gepflogen-

heit mit ihren Weihnachts Einkäufen bis zuletzt, wo dann die Läden mit Käufern überfüllt werden. Häufig hört man dann die Klage, daß man als alter Kunde von dem Ge­schäftsmann- nicht mit derjenigen Sorgfalt und Zuvor­kommenheit bedient sei, wie man es erwarten könne. Ge rade die Weihnachts Einkäufe sollte man möglichst zeitig besorgen, solange die Läger noch gut sortiert sind, und dann hat man auch viel mehr Ruhe, seine Wahl zu treffen, und hat nicht nötig, lange in den Läden zu warten, bis man bedient wird. Dem Kausmanne aber ist es eine Erleichte­rung, wenn sich das Geschäft mehr verteilt, und nicht alles die letzten paar Tage sich zusammendrängt.

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** Ruhestandsversetzung und Ordensverleihung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 9. Dezember den Steuerkommissär des Steuer­kommissariats Büdingen, Regierungsrat Ernst Hoos, mit Wirkung vom Tage des Dienstantritts seines Dienstnachfolgers an, auf sein Nachsuchen und unter Anerkennung seiner lang­jährigen, treugeleifteteen Dienste in den Ruhestand zu ver­setzen und demselben aus diesem Anlaß die Krone zum Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Groß­mütigen zu verleihen.

Ernannt wurde der Regierungsbauführer Fritz Kritzler aus Michelstadt zum Regierungsbaumeister.

«* Der Sprechverkehr zwischen Gießen und Greben­stein ist am 11. Dezember eröffnet worden.

Neuer Beamtenverein. Am verflossenen Samstag hat sich in Frankfurt einhessischer Richterver­ein" konstituiert, der das ganze Großherzogtum umfaßt. Zweck der Vereinigung ist ein engerer Zusammenschluß, der einerseits der Mitteilung und Besprechung wichtiger theo­retischer und praktischer Rechtsfragen dienen soll und ander­seits die Hebung und Forderung der Kollegialität unter den Mitgliedern und die Wahrung der Standesinteressen ins Auge faßt. Auch will die Vereinigung auch Hinterbliebene ihrer Mitglieder im Bedürfnisfall unterstützen. Der erst genannte Zweck soll vornehmlich durch ein zu gründendes Vereinsblatt erreicht werden. Dem Verein traten sofort über 100 Richter und Staatsanwälte aus dem ganzen Großherzogtum bei.

* Beim Herannahen des Weihnachts Packetverkehrs erscheint es uns angezeigt, auf verschiedene Punkte hin- zuweisen, deren Beachtung für die Absender von Packeten besonders wichtig und geeignet ist, das Publikum vor Nach­teilen und Unannehmlichkeiten zu schützen. Die Packele sind dauerhaft zu verpacken. Dünne Pappkasten, schwache Schachteln, Zigarrenkisten sind nicht zu benutzen. Die Aufschrift der Packete muß deutlich, vollständig und haltbar hergestellt sein. Kann die Aufschrift nicht in deutlicher Weise auf das Packet gesetzt werden, so empfiehlt sich die Verwendung eines Blattes weißen Papiers, welches der ganzen Fläche nach fest aufgeklebt werden muß. Bei Fleischsendungen und solchen Gegen­ständen in Leinwandverpackung, welche Feuchtigkeit, Fett, Blut u. s. w. absetzen, darf die Aufschrift nicht auf die Umhüllung geklebt werden. Am zweckmäßigsten sind gedruckte Aufschriften auf weißem Papier. Dagegen dürfen Formulare zu Post-Packetadressen für Packetauf­schriften nicht verwendet werden. Es ist ratsam, dem In­halte der Packetsendungen einen Zettel beizufügen, der die vollständige Adresse enthält. Der Name des Be- stimmungsorts muß stets recht groß und kräftig gedruckt oder geschrieben sein. Die Packetaufschrift muß sämtliche Angaben der Begleitadresse enthalten, zutreffendenfalls also den Frankovermerk, den Nachnahme­betrag nebst Namen und Wohnung des Absenders, den Vermerk der Eilbestellung u. s. w., damit im Falle des Verlustes der Begleitadieffe das Packet auch ohne dieselbe dem Empfänger ausgehändigt werden kann. Aus Packeten nach größeren Orten ist die Wohnung des Em­pfängers, auf Packeten nach Berlin auch der Buchstabe drs Postbezirks (0., W., 80. u. s. w.) anzugeben. Zur Beschleunigung des Betriebes trägt es wesentlich bei, wenn die Packete fr anfiert aufgeliefert werden; die Vereinigung mehrerer Packete zu einer Begleitadresse ist thunlichst zu vermeiden. $ eitere Aufschriften, die sich auf dem Verpackungsstoff etwa noch befinden, müssen vor der Ab­lieferung vollständig beseitigt, oder unkenntlich gemacht fein. Bei dem außerordentlichen Anschwellen des Verkehrs ist es nicht thunlich, die gewöhnlichen Beförderungsfristen einzuhalte» unb nament­lich auf weitere Entfernungen eine Gewähr für rechtzeitige Zustellung vor dem Weihnachtsfest

zu übernehmen, wenn die Packete erst am 22. De­zember oder noch später eingeliefert werden.

** Dnnggrnben-Entleerung. (Eingesandt.) Die hiesigen Landwirte, die, wie auch anderswo, bei uns immer einig sind, sobald es sich darum handelt, ihre Notlage zu verbessern, haben bekanntlich die Preise für die Dung- gruben -Entleerung schon einmal gesteigert. Unsere Hausbesitzer haben sich damals den Preisausschlag ruhig gefallen lassen. Vor kurzem verlangten die Absuhrleute Gießens statt bisher 1 Mk. 70 Pfg. 3 Mk. für die Abfuhr eines Fasfes Jauche, jedenfalls in Rücksicht auf die kommende Kanalisation, die allerdings in frühestens 34 Jahren die Hausbesitzer von den Landwirten unabhängig macht. Man merkte die Absicht, und wurde verstimmt. Eine größere Anzahl Hausbesitzer wandte sich an die städtische Verwaltung mit dem Anträge, die Stadt möge das Abfuhrgeschäft in die Hand nehmen. Wir erfahren nun aus sicherer Quelle, daß in der vergangenen Woche seitens der städtischen Ver­waltung verhandelt worden sei, und in Aussicht genommen ist, wenn die Landwirte die Dungabfuhr nicht auf 2 Mk. pro Faß heruntersetzen, das Abfohrgeschäft durch die Stadt mit Hilfe des Fuhrparks der Omnibus-Gesellschaft ins Werk gesetzt werden wird Es ist nicht zu verkennen, daß die in Aussicht genommene Thätigkeit für die Omnibusgäule die reinen Erholungsfahrten sein werden. Hoffen wir im eigenen Interesse unserer Landwirte, um deren Acker­bau um Gießen herum es sehr schlecht bestellt sein würde, wenn sie die wohlfeile und dabei vorzügliche Düngung nicht hätten, daß es zu einer für alle Teile befriedigenden Ver­ständigung kommt.

* In dem Telephonwesen zunächst der Stadt Berlin, danach wohl auch der anderen Großstädte im Reichs­postgebiet, steht eine bedeutsame Veränderung bevor, welche die von manchen Seiten gehegte Besorgnis vor einer Verteuerung der Benutzung des Fernsprechers be­seitigen und der privaten Telephonfabrikation ein neues und weites Gebiet eröffnen wird. Es wird darüber berichtet: Das kürzlich vom Reichstage verabschiedete Post­gesetz erhöht zwar die Telephonmiete in den Städten mit zahlreichen Anschlüssen über den bisherigen Jahresbetrag von 150 Mk., für Berlin auf 180 Mk., und bei dieser Erhöhung wird es auch für Ladeninhaber und andere Ge­schäftsleute, die auf sehr häufige Benutzung des Fern­sprechers angewiesen sind, einstweilen sein Bewenden be­halten. Zugleich aber wird eine Einrichtung getroffen, die für den Privatmann und dessen Haushalt den Preis auf den 5. Teil des jetzigen Betrages ermäßigt. Die Reichspostverwaltung ist, wie man weiß, zum Aufgeben der oberirdischen Leitungen gezwungen, weil bei diesen die elektrischen Straßenbahnen durch Ablenkung des Stromes die Verständigung in wachsendem Maße erschweren. An­läßlich der notwendigen Verlegung der unterirdischen Leitung sollen nun die Kabel allmählich durch alle Straßen und an jedes Haus geführt, und jedem Haus soll ein Fernsprechapparat zur Verfügung gestellt werden, der die Anbringung von zehn Nebenanschlüssen gestattet. Der jähr­liche Mietspreis für den Hauptapparat beträgt 180 Mk., für jeden Nebenanschluß 10 Mk., bei 10 Nebenanschlüssen also 180 + 10 X 10 = 280 Mk., so daß auf jeden Anschluß nur eine Jahresmiete von 28 Mk. entfällt. Das ist ein erheblich billigerer Mietpreis, als er irgendwo in der Welt gezahlt wird, darauf berechnet und geeignet, den Fern­sprecher in jeden Haushalt einzubürgern. Die Apparate für die Nebenanschlüffe will die Reichspostverwaltung ferner nicht selbst liefern, sondern ihre Hergabe an Private den Fabriken überlassen. Eine neuere Erfindung gestattet, von jedem Nebenanschluß aus das Fernsprechamt ohne Hilfe eines Vermittlers (Portiers u. s. w.) anzurufen. Die mit Sicherheit vorauszusehende Entwickelung wird die sein, daß wohl jeder Hausbesitzer für sein HauS einen Anschluß an die Fernsprechleitung nimmt wie an die Kanalisation, die Gas- und Wasserleitung und den anteiligen Betrag der Wohnungsmiete zuschlägt. Der Nachzügler, die sich der Neuerung gegenüber anfänglich ablehnend verhalten, dürften nicht allzu viele fein, schon weil sie bei verspätetem Anschluß die Kosten der Pflasteraufreißung und Pflastererneuerung vor ihrem Hauseingang zu tragen haben würden.

* Evangelischer Arbeiter-Derein Gießen. Im dichtge­füllten Saal des Lenz'schen Felsenkellers hielt am ver­gangenen Sonntagabend Herr Prof. Dr. Sievers einen Vortrag über die Buren. Mit großer Aufmerksamkeit folgten die Anwesenden de» klaren, lichtvollen Ausführungen des Vortragenden, welcher mit Hilfe der Landkarte und vieler