Ausgabe 
13.8.1899 Drittes Blatt
 
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Sonntag de» 13. August

Nr. 189

Drittes Blatt

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Gießener Anzeiger

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Doaß mir uns diesen Luxus gönne, Wer will dann eewig Gas noch brenne. Es woar aach nett mit a ze seh, Doaß Butschbach uns voraus dhat geh. No, doa doch e jedem kloar, Doaß deß e Hunnsdoagtraam nor woar".

Beim Geh, doa hört aich als woas rausche, Aich woar versucht, manchmoal ze lausche. So eigedhümlich koam mers vor Unit doacht goar oft, woas doas nor? Umt frisch erraus dhat aich es woage Beim Freilein schnurstracks oauzefroage, Woas doaß dann für Geblätscher wär? Säi seggt daruff, bei meiner Eehr: Aich deeschte doch, doas wüßte schon, Doas dieneu Kanalsation". No, doa doch e jedem kloar, Doaß deß e Hunnsdoagtraam nor woar".

Dann sein mer, woar däi Tour aach stoark, Als weirer bis zum Wochemoark.

Der stand dr dicht von Mensche voll, Doas woar selbst mir a bische toll. Ei Dünner, woas dann doas heut, Woas wolle nor die viele Leut" Unn Faahneschmuck an jedem Haus, E Hurrah unn Musikgebraus.

Unn aus der Menschenmaß hervor Zum halwe Himmel roagt cmbor E Mauerwerk von scheene Stei, Woas moag doaß für e Ding nor sei? Säi seegt:Waaßt Du dann nett, doaß heit DeßKriegcrdenkmoal" wird eigeweiht". No, doa doch e jedem kloar, Doaß deß e Hunnsdoagtraam nor woar".

Dann koame mer noach Oswaldsgoarte Doa dhäte dausend Mensche woarte. E jeder e Billjctt in de Hand

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hietzo« Fernsprecher Nr. 51.

Feuilleton.

Gn Kunnsdoagtraam.

Däi Hunnsdoagsonn, se brennt so haiß, Es kost aam manche Droppe Schwaiß. Unn Noachts sogar hoatt mer ka Ruh, Mer schwitzt unn traamt nur immerzu. So hoatt aich aach die halbe Noacht In birrerböse Traam verbroacht. Erst gege Morge schlief aich ei, Hoatt noch en Traam, der woar so fei, Doaß aich barduh nett derf verfeehle, Den Traam euch Leser zu verzeehle: Inn aaner schwile Hunnsdoagnoacht Do moacht aich noch um Mitternoacht, Weil doch kaan rechte Schloaf mer hoat, En Bummelgang dorch unser Stoadt. E Freilein, wunnerbar zu schanu, Mei Aage wollte fast nett drauu Gesellt sich zu mer, stellt sich vor, Seggt zu mer woas, woas seggt se nor? Säi seggt: loaß dich nor nett verdrieße Aich bin'spersonisicierte Gieße". Aich seh, doaß Du jo goar kei Eil Aich waaß woas für die Langeweil, Mer wolle seh, woas in der Stoadt Sich neues all ereignet hoat. Galant bot aich ihr aa mein Arm, Doaß muß mer dhu, noch so warm.

Da ginge mer so kreuz unn quer Dorch manches Gäßche hi unn her Unn üwwerall, wohi mer sicht, Doa blendt aam deßelektrisch Licht", Aich soagt: Hold Freilein, seit wann hoat Mer dann deß Licht in unser Stoadt, Säi seggt daruff: Du kannst mer's glaube, Däi städt'sche Uewwerschüß erlaube,

Lehrlingsheimen wird auch für das Bildungs- und Unterhaltungs- bedürsnis der jüngeren Leute gesorgt. Ein Volksbildungsoerein ist: freilich in die Brücke gegangen, ein Verein für Volksunterhaltungs­abende zeigt aber schöne Erfolge. Er ist über die ganze Provinz verbreitet und veranstaltet nur Einzelvorträge, deren Wert jedoch nicht zu unterschätzen ist.

Herr Professor Bernheim-Greifswald betont den großen Wert, der heutigen Konferenz. In Greifswald bestehen seit 6 Jahren Ferienkurse für Lehrer und Lehrerinnen, in denen die Themata in. je 8 bis 13 Stunden behandelt werden.

Herr Professor Fuchs-Freiburg i. B.: In Freiburg sind im Winter 1898 Ku.-se für Kaufleute eingerichtet worden, die einen überraschend guten Erfolg hatten. Durch den vor kurzem gegründeten Spar- und Äauverein sind Beziehungen zu den Arbeitern gewonnen worden, die demnächst auch nach dieser Richtung hin ausgenutzt: werden sollen.

Herr Professor Engler-Karlsruhe berichtet, daß in Baden schon seit Jahrzehnten Unterrichtsveranstaltungen für den mittleren und kleineren Gewerbestand bestehen. In Karlsruhe giebt es Fachkurse für einzelne Gewerbekategorien, die auch auf das Land in Lehrkursen für Handwerker ausgedehnt werden. Sie haben sich so gut ent­wickelt, daß eine Steigerung wohl nicht mehr zu erwarten ist. An die Fabrikarbeiter heranzutreten, ist aber noch nicht gelungen.

Herr Professor Lexis-Göttingen: In Göttingen bestehen Kurse für höhere Lehrer und für Landwirte, die eigentlich nicht hierher gehören, auch die staatswlssensckaftlichen Kurse, die zwei Jahre lang abgehalten wurden und dann eingeschlafen sind, wandten sich nicht direkt an die Arbeiter. Eine direkte Beziehung zu diesen wurde durck den sozialwissensckaftlichen Studentenverein gesckaffen, in dem mit Vorliebe Sozialdemokraten das Wort ergriffen, was dann zur Auflösung des Vereins führte.

Herr Professor AndrS-Göttingen ergänzt diese Mitteilungen dahin, daß jetzt derartige Anregungen dort einen guten Boden finden würden, wenngleich ein direktes Bedürfnis dafür nicht kon­statiert werden könne.

Professor Prutz-Königsberg i. Pr.: In Königsberg lassen sich bisher kaum Anfänge einer Volksbildungsbewegung erkennen. Das kommt daher, weil dort der Arbeiterstand überhaupt erst sehr jung ist, und weil der neutrale Boden, den solche Bestrebungen bis zn einem gewissen Grade doch voraussetzen, vollständig fehlt. Alle Ver­hältnisse sind dort durck die Schärfe der politischen Gegensätze getrübt.

Herr Professor Windelband-Straßburg: Die Universität hat auch kein Mittel, direkt an die Arbeiter heranzukommen, ebenso scheint es ausgeschlossen, allmählich herabsteigend, den Weg von den Gebildeten zu den Arbeitern zu suchen. Hier müssen Zwischen­organisationen geschaffen werden, an denen die Universitätslehrer sich aktiv beteiligen müssen.

Herr Professor Lepsius-Darmstadt berichtet über den seit 20 Jahren bestehenden Volksbildungsverein, der Einzelvorträge wesentlich zur Unterhaltung für mittlere bürgerliche Kreise, besonders ) für Frauen, veranstaltet. Die Arbeiter sind vollständig in den Händen der Sozialdemokratie und durch diese Bestrebungen nicht erreichbar.

Uff dem mit rotem Druck dva stand: Andree zum Soalbau"; zum erschtemoal Gibts heute hier deParsifoal". Unn wäi die Dhür sich öffne dhut. Stürzt alles sich in biinner Wut Enei, um scheene Blatz ze kriehe, Anstatt ze geh, dhat alles fliehe. Mei Freilein lehrt mich uff mei Froag, Doaß heut wär derEröffnungsdoag". Viel Geld dhät jetzt mer joa erspoare, Mer braucht nach Frankfort nett ze foahre. No, doa doch e jedem kloar, Doaß deß c Hunnsdoagstraam nor woar".

Dann an dr Westoalag vorbei Koam mer zur Beergermaasterei Viel Mensche staune Widder do, Däi woare allminnanner froh, E jeder hoat e Hand voll Geld Doas er vergnügt inn Sack sich zeelt. Woas dann dva schoon Widder los? Ja, heut hier de Juwel groß". Hoat mei Begleitrin mich belehrt Mei Sinne rooarn mer ganz verkehrt Zum erstemoal dhut die Stadt Giesse, Verdheile heut ihr Uewwerschüsse.

Statt Schteuerzahle gibts bar Geld Jetzt wird's erscht schee uff dieser Welt. Es gibt e ganze neu Gestaldung Denn aus der grooße städtische Waldung, Kritt jeder Beerger zu feint Stolz Aach noch sechs Meter Buchenholz. Die Stoadtkass' hoat etzt gute Ruh Moacht drei, vier Dvag deß Bieroh zu. Wenn so däi Gelder weirer fließe Zäiht alles schließlich noch nach Gieße. Jetzt gewiß e jedem kloar, Daß allesHunnsdoagtraam nor woar". , Gießen Emil Geißler.

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Humboldt-Akademie und ähnlicke Veranstaltungen in anderen Städten direkt die Einricktung von Unterricktskursen auf ihr Programm gesetzt hatten. Alle diese Bestrebungen sind indessen nickt zu nennens­werten Erfolgen gekommen, da die hervorragenden Gelehrten sick von ihnen fernhielten und mit Einzelvorträgen günstige Resultate überhaupt nicht erzielt werden können.

Ueber die Berliner Veranstaltungen, welche im letzten Winter getroffen waren, ist u. a. zu berickten, daß zwei Serien von je sechs Kursen stattfanden, an welchen sich im November und Dezember ca. 2000, im Januar und Februar ca 1500 Teilnehmer beteiligten, darunter 27 Proz. weibliche. Die männlicken Besucher gehörten zu 67 Proz. der Arbeiterklasse an. Die Eintrittskarten zu einem Kursus kosteten 1 Mark (Vorverkauf 60 Pfg.).

Die lebhafte Beteiligung von feiten der Arbeiter an den Kursen ist der Centralstelle für Arberter-Woblfahrtseinrichtungen zu danken, die durch ihre Verbindunaen einen Absatz in weiten Kreisen ermöglichte.

Um dem Unternehmen eine sichere finanzielle Unterlage zu geben, wurde nun das Kultusministerium um einen Beitrag von 10000 Mark gebeten. Das Gesuch ist abgelehnt, aber es wird auch ohne diese Hilfe möglich sein, das Unternehmen fortzuführen. Einst­weilen haben eine Reihe von Hochschullehrern einen Garantiefonds gezeichnet, um ein eventuelles Mehr in den Ausgaben decken zu können.

Herr Professor Rein berichtet über die Veranstaltungen in Jena. Dort hat man schon im Jahre 1889 den ersten Versuch einer Univerflity extension gemacht. Im Winter 1898/99 sind an vierzehn Samstagen Vortragskurse vor 330 Teilnehmern gehalten worden. Drittens veranstaltete man Cyklen für Arbeiter. Im ersten Winter 1896/97 fanden sechs Kurse eine Zuhörerzahl von zusammen 903 mit 74 Proz. Arbeitern. Der Eintritt war frei, und die Kosten wurden von der Firma Karl Zeiß gedeckt. Im Winter 1897/98 waren sechs Kurse von 466 Zuhörern besucht, darunter 49 Proz. Arbeiter.

Herr Professor Gothein-Bonn gedenkt zunächst der vor etwa 20 Jahren von dem Humboldtverein in Breslau veranstalteten Kurse für den gebildeten Mittelstand, mit denen auf die Dauer größere Erfolge leider nicht erzielt sind, vornehmlich wohl, weil es an einer geeigneten Organisation fehlte. Im Rheinland müssen alle solche Unternehmungen sich, den dortigen Verhältnissen ent­sprechend, an konfessionelle Arbeitervereine anschließen. Im evan­gelischen Arbeiterverein in Bonn sind mit solchen Vorträgen bereits gute Erfolge erzielt worden.

Herr Professor Kobert-Rostock erwähnt die Vorträge, die schon vor 20 Jahren in Dorpat, in dem damals durch Dorpater Professoren gegründeten Handwerkerverein, gehalten wurden.

Herr Professor Conrad-Halle äußert sich reserviert: Es ist be> denklich, wenn Universitätslehrer anmittelbar an die Arbeiter heran­treten wollen, da ihnen weder die Gabe, genügend volkstümlich zu reden, besonders eigen, noch die Fähigkeit, breitere Massen dem Zwecke entspreckend zu organisieren. Darum kann die Universität nicht als berufen erscheinen, die Sache der volkstümlichen Kurse selbst in die Hand zu nehmen.

Herr Professor Petersen-Kiel berichtet u. a.: Die Fortbildungs­und Gewerbeschulen erfreuen sich einer schönen Blüte, und in den

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UMstimlichk HoMülkurse in Deutschland.

Ueber die gegenwärtige Ausdehnung der Volksbildunqsbeweg- ung in Deutsckländ Bericht zu geben, war der Zweck einer Konferenz Deutscher Hockschullehrer, welche im März dieses Jahres in Berlin (Senatssaal der kgl. Universität) tagte. Nach dem umfangreichen Berickt, den dieZeitschrift für Arbeiter-WohlfabrtSeinrichtungen" giebt, ist der Stand der Bewegung im allgemeinen ein hocherfreu­licher zu nennen, wenngleich aus den Berichten der einzelnen Städte hervorgeht, daß die Verhältnisse zum Teil recht verschiedenartige sind, und namentlich manchenorts die auf eine politische Formel ein­geschworene Stellung der verschiedenen Arbeitervereinigungen eine intensive Heranziehung großer Kreise außerordentlich erschwerte. Aber es sind in solchen Fällen meist Mittel und Wege zur Erreich­ung des gesteckten Zieles gefunden worden, und auch derVorwärts", der ursprünglich der Berliner Bewegung kühl gegenüber stand, trat schließlich für dieselbe ein.

Professor Waldeyer-Berlin führte den Vorsitz. Zu den Ver­handlungen waren als Vertreter für Berlin ferner anwesend: Pro­fessor Schmoller, Professor Diels und Professor Dieckerhof, ferner je ein Vertreter der Universitäten bezw. tecknischen Hochschulen von Bonn, Cho.rloitenburg, Darmstadt, Dresden, Erlangen, Freiburg i B., Gießen, Göttingen, Greifswald, Halle a. S., Jena, Karlsruhe, Kiel, Königsberg, Rostock und Straßburg. Der Vertreter Münchens und der von Breslau waren Krankheits halber zurückgehalten; auch Leipzig, das übrigens in dieser Bewegung bereits selbst vorgegangen ist, war zufälligerweise nicht vertreten. Professor Schmoller führte u. a. aus,daß der Bewegung von gegnerischer Seite wiederholt der Vorwurf gemacht werde, daß durch sie die Halbbildung verbreitet werde. Daß diese Gefahr bis zu einem gewissen Grade vorliegt, wird nicht zu leugnen sein, es wird darauf ankommen, wie die einzelne Persönlichkeit ihre Aufgabe anfaßt. Jedoch muß andererseits es immer wieder betont werden, daß wir nicht zu befriedigenden sozialen Anständen kommen können, solange der ungeheure Riß der Gesittung und Bildung, der zwischen den besitzenden und arbeitenden Klassen gähnt, nickt überbrückt wird. Und es ist aufrichtig zu wünschen, daß die Universitätslehrer es als eine soziale Pflickt erkennen, an dem Ausgleich dieses Gegensatzes mitzuarbeiten und daß sie sich nicht nur in den Dienst der oberen Zehntausend stellen. Es geschähe das auch in ihrem eigenen Interesse Die Universitäten sind sehr wohl in der Lage, der Anforderung nach Lehrkräften, die durch die Ver­anstaltung volkstümlicher Hochsckulkurse an sie herantreten würde, zu genügen, denn tn den Privatdozenten besitzen sie eine große An­zahl jüngerer Kräfte, die zum Teil zehn bis fünfzehn Jahre hindurch nicht voll beschäftigt sind. Für sie würde der Unterricht an den Kursen eine gute Schule und eine Bethätignng ihrer Kräfte bedeuten".

An Unternehmungen, die sich eine Vertiefung der Volksbildung zur Aufgabe gestellt hatten, hat es übrigens schon früher in Deutsch­land nickt ganz gefehlt. Schon in den siebziger Jahren wurde der sich über gan- Deutschland erstreckende Volksbildungsverein gegründet, Ser sich die Verbreitung von Volksbibliotheken und die Veranstaltung v»n Einzelvorträgen hauptsächlich angelegen sein läßt, während die

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