Ausgabe 
13.7.1899 Zweites Blatt
 
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* Vergiftungen durch gewöhnlichen Sauerampfer sind, tvic jeder nach seiner eigenen Erfahrung vermuten dürfte, außerordentliche Seltenheiten, nichtsdestoweniger gehören sie zu den Thatsachen. Neulich berichtete Professor Eichhorst aus Zürich von einem solchen Falle, da ein 12 Jahre alter Knabe Ende April dieses Jahres erkrankte und mach Verlauf von 10 Tagen starb. Die Krankheit begann mit Störungen der Berdauungsorgane und Nierenentzündung, die schon am ersten Tage richtig erkannt wurde, stellenweise trat auch Blutharnen ein. Das einzige, was über die Ursache der Krankheit sestzustellen war, bestand darin, daß der Knabe am Tage, bevor er krank geworden war, große Mengen von gewöhnlichem Sauerampfer gegessen hatte; die sorgfältigste Nachforschung bei den Angehörigen vermochte eine andere Ursache nicht ans Licht zu ziehen. In Deutschland sind, soweit Professor Eichhorst Nachforschungen in der Litteratur angestellt hat, solche Vergiftungen bisher nicht verzeichnet worden, dagegen ist aus England ein tötlich verlaufener Fall bekannt. Ferner haben französische Tierärzte ver­schiedentlich tätliche Vergiftungen von Pferden infolge über­mäßigen Genusses jenes Krautes sestgestellt. Unter diesen Umständen scheint es immerhin gerechtfertigt, die möglichen Schäden durch den Genuß von rohem Sauerampfer vor die Oeffentlichkeit zu bringen, zumal die Pflanze bisher all­gemein als gänzlich unschädlich betrachtet wird. Selbst­verständlich kann sich die Warnung keineswegs auf den Genuß von gekochtem Sauerampfer oder der daraus bereiteten Suppe beziehen.

Vom sibirischen Bahubau verlauten interessante Details, die auf das Geschäftsverfahren ein eigentümliches Streif­licht werfen. Die Bauleitung der mittelsibirischen Teilstrecke hat bereits stark ihr Budget überschritten und bezahlt seit mehr als zwei Jahren ihre Kontrahenten nicht in Bar, sondern in Promessen, worin die Zahlung einer bestimmten Summe an einem festgesetzten Tage erfolgen soll. Die Sibirische wie auch die Chinesische Bank diskontierten diese Promesse mit 8% Prozent. Die Bauleitung löste sie aber nicht ein, worauf die Banken auch die Diskontierung eiu- ftcäten. Darauf trat einer der Distanzchefs, Fürst Andro­nikow, für die Kontrahenten ein. Er machte die Dis­kontierung wieder möglich, indem er beiden Banken für Einlösung der Promessen garantierte, und ließ sich dafür von den Inhabern derselben 15 Prozent bezahlen. Die ge­schädigten Lieferanten sind aber nicht einmal in der Lage, klagbar zu werden. Obgleich der Sitz der Bauleitung in Irkutsk ist, müssen alle Klagen, die Bahn betreffend, in

Petersburg anhängig gemacht werden. Da die Bauunter­nehmer nicht zu ihrem Gelde kommen, zahlen sie natürlich auch den armen Arbeitern feine Löhne. Dieselben sahen sich infolge dessen genötigt, unlängst eine Petition an den Minister der Wegebauten, Fürsten Chilkow, einzureichen und zwar auf telegraphischem Wege, um ganz sicher zu gehen, daß ihr Anliegen nicht in den Papierkorb irgend eines Beamten wandert. Die mittelsibirische Bahn hat ihr Budget bereits um mehrere Millionen überschritten. Trotzdem geschieht^ die Ausführung der Arbeiten recht oberflächlich. Ganze Strecken des Bahndammes versanken. Die Herren Ingenieure erhalten dabei alle vorzügliche Gagen.

* Heilung durch Hypnose und Suggestion. Eine vor kurzem auf einer deutschen Universität vorgekommene Heilung durch Hypnose dürste besonders deshalb von allgemeinem Interesse sein, weil der Fall zeigt, daß die An­wendung der Hypnose und das Suggerieren von Gedanken und Handlungen doch nicht so einfach ist, als vielfach an­genommen wird. Es befand sich in der Klinik eine Dame, welche absolut keine Nahrung bei sich behalten konnte; jede, auch die leichteste Speise wurde nach kurzer Zeit ausge­brochen. Da alle anderen Mittel versagten, beschloß der Professor es mit der Hypnose, von der er im ganzen nicht viel hielt, zu versuchen. Er hypnotisierte die Kranke und befahl ihr, zu essen und das Genossene bei sich zu behalten. Dies hatte absolut keinen Erfolg; die Kranke gab das Ge­nossene nach wie vor von sich, und der Professor gab die Behandlung auf. Nicht so sein Assistent, welcher den Versuch auf seine Manier fortsetzte und in folgender Weise verfuhr: Er hypnotisierte die Kranke und befahl ihr zu essen. Nachdem dies geschehen war, befahl er ihr, zu vergessen, daß sie ge­gessen habe, und weckte sie nun auf. Sie hatte wirklich so vollständig vergessen, daß sie Nahrung zu sich genommen, daß auch das gewöhnliche Erbrechen ausblieb. Sie behielt die Nahrung bei sich, und verdaute sie vollständig. Sie wurde nun mehrere Tage lang auf solche Weise ernährt, wobei ihr noch, damit ihr nicht auffiel, daß sie im wachen Zustande gar nichts, suggeriert wurde, daß sie so krank sei, daß sie absolut nichts essen dürfe. Nach und nach, nachdem sich der Magen an die Verdauung der Speisen ge­wöhnt hatte, verminderte man die Nahrung, welche ihr im hypnotischen Zustand gegeben wurde, und ließ sie etwas im wachen Zustande genießen. Als sich zeigte, daß der Magen jetzt auch diese Speisen bei sich behielt, steigerte man langsam die Portionen, welche sie im wachen Zustande erhielt, und schließlich kam man dahin, daß sie alle ihre Nahrung im

wachen Zustande bekam, unb auch bei sich behielt. Man sieht also, daß auch die hypnotische Kur ihre Feinheiten hat, unb daß es mit dem einfachen Suggerieren von Be­fehlen nicht gethan ist.

Meratur, Wissenschaft und Kunst.

Das große Bismarckbild, welches im Lenbachsaale der Dresdener Kunstausstellung allgemeine Bewunderung erregte, ist für 15,000 Mt. vom Auffichterate der Dresdener Bank angckaust und dem Direktor der Bank, Kommerzienrat Konsul Arnftädt, zu seinem 25jährigen DtreklorialjubilLuin zum Geschenk gemacht worden.

Der Sohn des jüngst verstorbenen Dichter«, Karl Groth aus Rudesheim a. Rh., bereitet eine Gesamtausgabe der Werke und abschließende Biographie Klaus Groths vor, die auch besten Brief­wechsel in möglichster Vollständigkeit enthalten wird. Zum diesem Zwecke bittet er Freunde und Verehrer des Verstorbenen, Auto­graphensammler u. s. w. um gütige Mitteilung von Briesen und Handschriften seines VaterS in Original oder sorgfältiger Abschrift. Jede von ihm nicht genehmigte Veröffentlichung von Briefen u. s. w. wird strafrechtlich verfolgt.

In den gelehrten Kreisen Brüssels machte das Ereignis Auffehen, daß ein junger talentvoller Mediziner, Dr. Wybauw, Mit­arbeiter vieler medizinischen Zeitschriften, der den akademischen Doktorhut erworben, feine These in vlämif cher Sprache stellte und verteidigte; wohl der erste Fall an der französtsierten Brüsseler Hoch­schule. Wie man hört, folgte fchon ein zweiter dem Vorbild, der bekannte Flamingant und Schriststiller Vermeylen.

Professor Mommsen verlas in der Pariser Akademie der Inschriften, deren auswärtiges Mitglied er fdt 1895 ist, eine Denkschrift, in welcher er beantragte, die Akademie möge gemeinsam mit der Berliner Akademie ein corpus nummorum, ein Verzeichnis aller im Altertum geprägten Münzen, Herausgebern Der Antrag wurde der Kommifston für lttlerarische Arbeiten überwiesen.

»Deutscher Soldatenhort", Jllustrirte Zeitschrfft für das deutsche Heer und Volk. Herausgeber: General-Lieutenant z. D. H. v. Below. Preis pro Quartal Mk. 1.80. Verlag von Karl Stegismund, Berlin SW., Dessauerstraße 13. 10. Jahrgang. Nr. 29, erschien soeben und enthält: Ein Künstler wider Willen. Originalhumoreske von Joses 9^(161(1. Der moderne Kreuzer. Skizze von H. de Möpille. (Mit Abbildungen.) Aus dem Dienst- leben deS Kavalleristen. Von Oberstleutnant d. Kav. a. D. von Sanden. Berchtesgaden. Von Jägerhuber, Kgl. bayr. Major a. D. (Mit Abbildung.) Ein Prachtstück aus dem grünen Ge­wölbe zu Dresden. (Btldenext) Der Schimmel des Herzogs Eberhard von Württemberg in der Schlacht am Sch/llenberge. Don Th. V. Prinz Waldemar von Preußen (Mit Porträt.) Ti« Erntehetltgen Lorenz und Barthel. Von Pastor R. Reichhardt Die Nachtigall. Eine musikalische Reminttzcenz von Arthur Eugen Stmfon. (Schluß.) Vaterländische Gedenktage. Splitter und Funken. Rätsel. Briefkasten. Inserate.

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