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13.7.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 162 Zweites Blatt Donnerstag den 13. Juli

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Gießener Anzeiger

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England und Transvaal.

Die Verhältnisse zwischen Großbritannien und der Südafrikanischen Republik sind noch immer nicht geklärt, wenn auch die Nitlanderfrage, die den Anlaß zur Spannung gegeben hat, ihrer Lösung jetzt einen Schritt näher gekommen ist. Präsident Krüger hat dem ersten Volksrate in Pretoria eine Botschaft zugehen lassen, in welcher die Anregung zur Abänderung des Wahl- und Bürgerrechts zu Gunsten der Uitlanders gegeben wird. Das schließt freilich nicht aus, daß der britische Kolonienminifter Chamberlain, der sich die Vernichtung der Selbständigkeit Transvaals zur Lebensauf­gabe gemacht zu haben scheint, demnächst wieder eine Brand­rede gegen die verhaßten Buren hält. Mit welchem Rechte England in die Geschicke Transvaals eingreifen will, ist nicht ersichtlich; man stellt die Behauptung, daß die Buren­republik in einem rechtlichen Abhängigkeitsverhältnis zu Eng­land stehe, zwar auf, kann aber den Beweis dafür nicht erbringen.

Transvaal ist ein unabhängiger Staat gewesen, bis er im Jahre 1877 durch England annektiert wurde. In dieser Abhängigkeit blieb das Land aber nur vier Jahre, denn es verlangte 1881 vollständige Selbstverwaltung, wenn auch die Oberhoheit der englischen Krone noch aufrecht erhalten blieb. Die Souzerainetät Englands wurde erst beseitigt im Jahre 1884 auf Grund einer freien Vereinbarung, die in einem förmlichen Vertrage niedergelegt wurde. Die britische Regierung erkannte damals die Transvaal-Republik als freie, unabhängige Macht an, und sie hat sich auch niemals in die Befugnisse derselben gemischt, bis die Jntereffen der unter englischer Oberhoheit stehenden Chartered Company mit der­jenigen Transvaals kollidierten. Von da ab begannen die Reibungen, welche ihre Spitze fanden in dem Raubzuge Jamesons und seiner Genossen.

Bekanntlich machte es der Transvaalregierung große Schwierigkeiten, hierfür Genugthuung von England zu er­langen, und Präsident Krüger hat damals das Menschen­mögliche geleistet in Nachgiebigkeit. Freilich wandten sich den Buren die Sympathien der meisten Kulturvölker zu, jedoch mußte es bei diesem moralischen Erfolge sein Bewenden haben. Nach und nach erlahmte auch das Interesse für Transvaal, so daß England ungestört mit dem Säbel raffeln konnte, um den Präsidenten Krüger zu bewegen, den Uitlanders, d. h. insbesondere den in Transvaal lebenden englischen Unterthanen, größere politische Rechte zu verleihen und sie möglichst mit den Buren in dieser Hinsicht gleichzu­stellen. Wir haben diesen Punkt schon vor einiger Zeit hinreichend erörtert, so daß wir jetzt nicht wieder darauf

einzugehen brauchen. Schon eingangs bemerkten wir, daß die Transvaal-Regierung den Uitlanders entgegenzukommen bereit ist, und in englischen politischen Kreisen herrscht die Ansicht vor, daß die Vorschläge Krügers eine geeignete Grundlage für eine Verständigung bilden. Ob freilich auch Herr Chamberlain diesen Anschauungen huldigt, ist eine andere Frage, denn er wird immer neue Punkte finden, an denen er einsetzen kann, um die Südafrikanische Repu­blik zu peinigen. Man darf gespannt sein, ob beim Aus­bruch kriegerischer Verwickelungen Transvaal nicht einen Bundesgenossen in Frankreich finden wird, das wegen seiner Kolonie Madagascar an den Dingen in Südostafrika stark beteiligt ist. (xx)

Der Brand der Ausstellung in Como.

Aus Rom wird demBerl. Lok.-Anz." unterm 8. Juli über die von uns bereits gemeldete Katastrophe berichtet: Das Feuer entstand nach den einen durch Kurz­schluß in der Marine-Ausstellung, nach anderen beim Proben der Maschine eines französischen Ausstellers. Da sich nur wenige Personen früh um 10 Uhr in der Ausstellung be­fanden, wurde das Feuer erst von den Gärtnern bemerkt. Es war aber bereits zu spät, die Flammen schlugen schon zu den Dächern der hölzernen Gebäude hinaus und griffen mit rasender Schnelligkeit um sich. In zwanzig Minuten war die ganze Ausstellung ein einziges Flammenmeer. Die elektrische Ausstellung, die Seiden-Ausstellung und die Marine- Ausstellung wurden vernichtet. Große Menschenmassen strömten herbei, sämtliche Truppen waren aufgeboten. Man stand dem rasenden Elemente machtlos gegenüber, obgleich mit den elektrischen Spritzen aus dem nahen Comersee ge­waltige Wasserfluten über die Gebäude geschüttet wurden. Es heißt, daß auch Menschenleben in dem allgemeinen Wirr­warr vernichtet worden seien, bis abends 10 Uhr aber war nichts festzustellen. Als die Flammen die Maschiuen-Aus- stellung erreichten, sprangen unter gewaltigem Krachen zwei Gasometer, mit ihnen zahlreiche, eben in Betrieb gesetzte Gasmaschinen, deren Eisenstücke hoch in die Luft geschleudert wurden. Außer der Ausstellung sind auch sämtliche Pflanzen des herrlichen Parkes vernichtet. Ein unersetzlicher Verlust ist der vieler Volta-Reliquien. Unersetzlich ist ferner der Verlust prachtvoller mittelalterlicher Stickereien, Sammet- und Seidenstücke aus dem 13. und 14. Jahrhundert, größten­teils Familienerbstücke. Die Ausstellung ist mit 8 Millionen Lire versichert. Die von dem Brande herrührenden unge­heuren Rauchwolken waren bis Mailand sichtbar. Unter den verbrannten Volta-Erinnerungen befindet sich ein von

der Berner Bibliothek ausgestelltes Schreiben, in dem Volta gewissermaßen die elektrische Telegraphie vorausgesagt hatte.

Eine spätere Meldung des gleichen Blattes sagt: Der Brand der Ausstellung in Como wurde dem Publikum erst signalisiert durch ein entsetzliches Getöse explodierender Gasometer und sämtlicher Dampfkessel, worauf sofort eine ungeheuere Menschenmenge herbeiströmte, darunter zu aller­erst die Angehörigen der in der Ausstellung Bediensteten. Bis jetzt jedoch scheint kein Verunglückter entdeckt zu sein. Als letzte retteten sich aus den flammenden Gebäuden 20 Priesterschüler mit ihrem Lehrer. Sie kamen mit versengten Haaren und Kleidern davon. Als man bei Ausbruch des Brandes an die Spritzen lief, funktionierte ein großer Teil nicht; man telegraphierte nach Mailand um Hilfe. Nach zwei Stunden erschien ein Feuerwehrmajor ohne Spritzen! Für heute war der Besuch des Königspaares angesagt; so­fort verbreiteten sich Gerüchte über Brandstiftung. Sicher ist, daß vor einigen Tagen bei der Ausstellung der fran­zösischen elektrotechnischen Gesellschaft mit genauer Not ein Brand verhütet wurde; er war entstanden durch überstarken Strom in den Drähten. Dasselbe wiederholte sich heute morgen und führte das entsetzliche Brandunglück herbei.

Aus Mailand wird gemeldet: Der Schaden wird auf 20 Millionen Lire geschätzt. Die Firma Schuckert in Nürnberg verlor etwa 300,000 Mk. durch den Brand­schaden. Wie nunmehr konstatiert ist, brach das Feuer unter dem Fußboden im Marinesaal infolge Erglühens eines elektrischen Leitungsdrahtes aus. Als Wachleute den Boden aufriffen, schlugen ihnen die Hellen Flammen ent­gegen, die sofort so heftig um sich griffen, daß jeder Lösch­versuch unmöglich wurde. 25 Minuten nach dem ersten Allarm war die gesamte Ausstellung ein einziges Feuer­meer, wenige Minuten später stürzten alle Dächer, Mauern, sowie die gesamte Fahnde mit ihren charakteristischen, Volta­säulen darstellenden, hohen Türmen ein. Aus dem Saal der Cimelien Voltas wurden mit größter Lebensgefahr seitens einiger Arbeiter der Gipsabguß des Schädels Voltas, so­wie einige Bilder gerettet, alle übrigen unersetzlichen Gegen­stände, worunter sehr viele Manuskripte, verbrannten. Be­züglich der Verluste von Menschenleben herrscht noch immer Ungewißheit.

In der Ausstellung war, wie schon gesagt, den Re­liquien Voltas ein ausgedehnter Raum zugewiesen. Hier waren seine eigenen zahlreichen Schriften und die vielen anderen, die über ihn erschienen sind, wohlgeordnet aus­gestellt. Außerdem lagen Adels-, Ordens- und Ehrendiplome, die ihm verliehen wurden, zur Ansicht auf. An den Wänden

Feuilleton.

Weiseöriefe für denHießener Anzeiger".

(Nachdruck verboten.) III.

Gärtnertheater. Volkstheater. Refidenztheater. Münchener Kirchen.

Für gedachte Bühnen ist jetzt gute Zeit. Das Regen- wetter treibt die Touristen scharenweise von den Bergen und Seen in die bayerische Hauptstadt. AmGärtner­theater giebt man gegenwärtig, unter Beihilfe des beliebten Gesangskomikers Konrad Dreher, in neuer Einstudierung und in geschmackvoller Ausstattung Joh. Strauß' Operette Waldmeister", in welcher Sentimentalität und Pikanterie in der üblichen Weise sich ablösen.

Die eleganten, flotten Walzermelodien, welche in jeder Szene den Ton angeben, sind das beste an dem Opus, das an Schwung und Ausgelassenheit mit derFledermaus" keineswegs wetteifern kann.

DasGärtnertheater" verfügt über gute Gesangs­kräfte, und kann auch, was Dekorationen und Personal­aufwand betrifft, den garnicht kleinen Anforderungen dieser Strauß'schen Operette gerecht werden.

ImVolkstheater", das für den kleinen Bürger­stand und seine künstlerischen Bedürfnisse in erster Linie da ist, aber auch von solchen besucht wird, die sich über ein gemütliches Volksstück mit einfacher Moral nicht zu erhaben dünken, sahen wirL'ArrongesMein Leopold", das trotz seiner Jahre auf nicht blasierte Menschenkinder noch immer einen jugendfrischen Eindruck macht

AmVolkstheater", wo zurzeit auch eine Wiener Gesangssoubrette, Luise Lichten, gastiert, hatte man

den ganzen Ton aus dem Berliner Jargon in den Wiener übertragen, was dem Humor natürlich keinen Abbruch thut.

In die Welt der Bildungs- und Geldaristokratie rückt man ein, sobald man den Fuß in den in reichem Rokoko­stil gehaltenen Zuschauerraum desResidenztheaters", wo gegenwärtig die Schnitzler'schen Einakter:Para celsus" Die Gefährtin"Der grüne Kakadu" große Anziehungskraft üben, und mit vollem Recht; denn der junge Wiener Poet, der eine Zeit lang aus dem Motivkreis vonLiebelei" nicht mehr herauszukommen schien, entwickelt in diesen drei Stücken, von welchen jedes seine eigene Farbe trägt, so viel psychologisches Feingefühl und Charakteri­sierungsvermögen, daß der Hörer sich vollständig im Banne des von ihm angeregten Problems fühlt. ImParacelsus" streift Schnitzler das Psychologische das mit der hypnotischen Suggestion verbunden ist, auf welche sich in früheren Zeiten wohl schon Leute verstanden haben, die wie Theophrastus Paracelsus dadurch bei ihren Zeitgenossen in den Ruf von Schwarzkünstlern gerieten. Mit einem Grill- parzer-Calderon'schen Gedanken schließt das sinnige Vers- spiel. Was ist Traum was ist Wirklichkeit, wo liegt die Grenze zwischen diesen beiden Sphären? Ist das, was aus dem Reiche des Unbewußten aufsteigt, nicht am Ende ebenso wahr, wie das, was wir vermeinen in voller geistiger Klarheit auszuüben?

Die Gefährtin" beschäftigt sich mit der uralten Frage des Verhältnisses zwischen Mann und Weib in hoch­moderner Form. Die verhaltene Leidenschaft, die niemals explodiert, die gedämpfte Sprache, und die matten Lichter, welche der ganzen Situation aufgesetzt sind, wirken un­gemein apart.

Der grüne Kakadu" führt uns in das Jahr des Bastillensturmes, und zeigt uns in grotesker Beleuchtung

die Typen einer Gesellschaft, die auch noch auf vulkanischem Boden ihre Orgien feiert.

Das Schauspielensemble des Residenz - Theaters ist mustergiltig. Jeder und jede befindet sich auf ihrem Platze und bleibt bis zu Ende in der Stimmung des Ganzen.

Die Kirchen Münchens gehören nächst den stolzen Rhein- und Donau-Münstern zu den sehenswertesten in ganz Deutschland. Die reine Gotik verschwindet hier gegen den byzantinisch-romanischen, den Jesuiten- und Zopfstil. Architektonische und historische Merkwürdigkeiten sind mit jeder verbunden. Hochinteressant ist die von König Ludwig I. erbaute Bonifaziuskirche, die uns in allem den Charakter einer echten Basilika aus der altchristlichen Zeit vor Augen führt.

Wir betraten letzten Freitag Vormittag das Mittel­schiff gerade in der Stunde, als unter großer Pracht­entfaltung ein feierliches Totenamt für den jungen, am Wilden Kaiser" abgestürzlen bayerischen Offizier gehalten wurde.

Es war ein düsterer Tag, der eher November-, als Julistimmung zeigte. Draußen lag die Welt im Regen­schleier, das graue Tageslicht brach sich durch die schmalen Fenster der Basilika nur mühsam Bahn, in den Seiten­schiffen lagerte die Dämmerung, aber auf dem Hochaltar, vor der goldschimmernden Apsis brannten unzählige schlanke Kerzen, über einen mit Blumenspenden belasteten Schem- katafalk zogen die Weihrauchdämpfe hin, und ein unsicht­barer Chor, in dem herrliche Tenorstimmen den Aufschwung der Seele zu himmlischen Höhen versinnbildlichten, sang das requiem aeternam.

Ueber eine Stunde währte die Seelenmesse, welcher eine hocharistokratische Trauergemeinde beiwohnte.