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13.1.1899 Zweites Blatt
 
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Freita« dm 13. Januar

Rr. 11 Zweites Blatt

Gießener A zzzeiger

Heneral-Anzeiger

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Fernsprecher Nr. 51.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 11. Januar. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen am 11. Januar den Kanzleirat Schäffer aus Gießen, den Pfarrer Scriba aus Wetterfeld, den Pfarrer L)r. Bergmann aus Bingen, den Pfarrer Scriba aus Groß-Winternheim, den Verlagsbuchhändler Alexander Koch; zum Vortrag den Staatsminister Rothe, den Finanzminister Küchler, den Oberkammerherrn Frhrn. v. Schenck zu Schweinsberg-Wäldershausen, den Kabinettsrat Römheld, den Galerieinspektor Dr. Back.

Berlin, 11. Januar. Zu der Mitteilung des Pariser Figaro, daß der Kaiser dem französischen Botschafter in lebhaften Ausdrücken seine Sympathien für Frankreich gegen­über den englischen Drohungen ausgedrückt habe, schreibt dieNational-Zeitung", es müsse darauf hingewiesen werden, daß durch die englisch-deutsche Konvention über Südafrika jeder Konflikt zwischen Deutschland und England in den in Betracht kommenden Gebieten ausgeschlossen ist. An wohl­unterrichteter Stelle werde denn auch mit aller Bestimmtheit angenommen, daß von irgendwelcher Parteinahme Deutsch­lands für Frankreich gegen England nicht die Rede sein könne.

Berlin, 11. Januar. Die CentrumS-Fraktion des Reichstages war gestern abend zusammengetreten, um zur Militärvorlage Stellung zu nehmen. Die Be­ratungen währten vier Stunden. Als vorläufiges Ergebnis ist zu bezeichnen, daß die Fraktion gegen die unbedingte Annahme ist und Abschwächungen wünscht.

Berlin, 12. Januar. Bei dem Reichskanzler Fürst Hohenlohe findet am 12. ds. Ms., abends 7>/, Uhr, ein Diner von zirka 60Gedecken statt, zu welchem die Staats­minister und Staatssekretäre, das Präsidium des Reichs­tages, die Mitglieder des Bundesrates und mehrere Par­lamentarier Einladungen erhalten haben.

Berlin, 11. Januar. Aus dem F ü r st e n t u m R e ä. L. kommt die interestante Nachricht, daß, während schon im vorigen Jahre daselbst die Grund- und die Einkommensteuer je um einen Termin ermäßigt worden ist, kürzlich der R e st der Staatsschulden des Landes ausgelost worden ist. Reuß ä. L. ist somit der einzige Staat im deutschen Reiche, der vollständig schuldenfrei dasteht.

M.P.C. Berlin, 11. Januar. Wenn öfters behauptet wird, die deutsche Regierung wende ihr Interesse zu ein­seitig der Landwirtschaft zu, sodaß sich Handel und In­dustrie als Stiefkinder behandelt fühlen könnten, so muß auf die nicht unbeträchtlichen Aufwendungen verwiesen werden,

welche Jahr für Jahr beispielsweise zur Hebung der Strom- und Flußschifffahrt gemacht werden. Diese kommen doch in erster Linie Handel und Industrie zu gute. Ebenso sind die Summen, mit denen die Schifffahrt über See unter­stützt wird, als Subventionen von Handel und Industrie anzusehen. Die soeben ausgegebene Denkschrift betreffend die Entwicklung von Kiautschou beweist ebenfalls, in welchem Maße der Leitung des Reiches das Wohl von Handel und Verkehr am Herzen liegt. U. a. heißt es darin, so günstig sich die wirtschaftlichen Aussichten des Kiautschougebietes für die Zukunft auch darstellten, so werde es sich doch für die nächsten Jahre nicht vermeiden lassen, daß das Deutsche Reich durch einen Zuschuß den Hauptteil der Kosten für die Anlagen und die Verwaltung des Schutz­gebietes trage. Es würde gerade in dem ersten Entwicke­lungsstadium der jungen Kolonie ein schwerer Fehler sein, durch eine Häufung von Steuern und Abgaben die Ein­nahmen steigern zu wollen, da dieses das Hereinströmen von Handel und Gewerbe ernstlich gefährden und damit die Steuerkraft des Gebietes dauernd schwächen würde. Ein Ausgleich für die vom Reiche aufzuwendenden Beträge werde für die nächsten Jahre im Wesentlichen nur darin erblickt werden können, daß durch das Schutzgebiet und sein weites Hinterland ein neues Absatzgebiet für den deutschen Handel und die deutsche Industrie geschaffen werde.

Das Schicksal der Karolinen-Inseln ist während und nach dem spanisch-amerikanischen Kriege der Gegenstand mannigfacher Erörterungen gewesen und es mehrten sich, zumal in der letzten Zeit, die Gerüchte, daß Deutschland die Gelegenheit benutze, um die Inselgruppe in seinen Besitz zu bringen. Meist waren diese Meldungen völlig unkontrollierbar oder sie ließen sich im besten Falle auf englische Quellen zurückführen. So brachte derStan­dard" vor einigen Tagen die Notiz, daß die Verhandlungen in dieser Sache abgeschlossen seien. Auch diese Nachricht erscheint jedoch sehr verfrüht, denn eine anscheinend aus offiziöser Quelle stammende Nachricht desHamb. Korr." bemerkt zu der Meldung desStandard":Ob es sich hier um eine im Augenblick schon abgeschlossene Sache handelt, entzieht sich noch der sicheren Beurteilung. So viel aber dürfte gewiß sein, daß die deutsche Regierung bemüht gewesen ist, angesichts der durch den spanisch-amerikanischen Krieg hervorgerufenen Aenderung der Verhältnisse die deutschen Interessen auf den Karolinen auf friedlichem Wege nach Möglichkeit wahrzunehmen."Tgl. Rundsch."

Ausland.

Wie«, 11. Januar. Ein in Plauen (Sachsen) er­scheinendes Blatt veröffentlichte einen Erlaß der österreichi­schen Regierung an die Grenz-Bezirksämter, der diese bereits unter dem 21. September 1898 anweist, Material zu er­folgreichen Reklamationen wegen konventionswidrigen Ver­haltens der deutschen Regierung in bezug auf die Aus­weisung erkrankter Oesterreicher zu sammeln. (Der tschechische Text sagt fürkonventionswidrig"protiümcurni6 d. h. vertragswidrig",kontraktbrüchig.") Daß ein inhumanes Verfahren im Verhältnis zu dem verbündeten Nachbarreiche deutscherseits ausgeübt werden sollte, ist höchst unwahr­scheinlich; höchstens können vereinzelte Mißgriffe unterge­ordneter Behörden vorgekommen sein. Der Erlaß, ergangen einige Wochen vor der vielbesprochenen Rede des Grafen Thun, macht aber durchaus den Eindruck, daß es sich dabei nicht um gewöhnliche geschäftliche Reklamationen wegen ein­zelner, vielleicht vorgekommener amtlicher Mißgriffe handelt, sondern daß planmäßig Anklagematerial gegen Deutschland gesammelt werden sollte, vielleicht gerade für die Rede, welche Graf Thun zur Befriedigung seiner tschechischen und polni­schen Freunde zu halten beabsichtigte. Es scheint sich jedoch nichts Erhebliches ergeben zu haben, sonst würde das Material wohl einige Wochen später in der Thun'schen Rede auf­getaucht sein.

Budapest, 11. Januar. Die Kompromiß-Ver­handlungen verlaufen in ungünstigster Weise. Der liberale Klub erklärt die Forderung der Opposition: De­mission des Gesamt-Kabinetts und Abschluß des Zollvertrages, falls der Ausgleich nicht im Sinne Ungarns zu stände kommt, für unannehmbar.

Madrid, 11. Januar. Die Audienz des öster­reichischen Botschafters bei der Königin-Regentin steht mit einem Schreiben Don Carlos an Kaiser Franz Josef in Zusammenhang. Don Carlos will unter gewissen Bedingungen, welche sich hauptsächlich auf die Zukunft seines Sohnes Jaimes beziehen, die weitere Agitation einstellen. Die Unterhandlungen darüber sind schwierig. Polavieja wäre einem solchen Ausgleich nicht abgeneigt, unter der Voraussetzung, daß Garantien für die Loyalität der Karlisten gegeben würden.

Zu den russischen Abrüstungsplänen wird derKöln. Ztg." unterm 9. Januar aus London geschrieben: Als ein Mann, der aufrichtig und herzlich den Erfolg der Vorschläge des Zaren wünscht schreibt ein Mitarbeiter derTimes" ans Sabastopolunter dem 6. Januar,

Feuilleton.

Englische Worksöiötioliiekcn.

Von Dr. Ernst Schultze.

(5. Fortsetzung.)

Es ist klar, daß bei einer solchen Ausdehnung der Aufgaben einer Volksbibliothek ein eigenes Gebäude fast ein unbedingtes Erfordernis ist. Natürlich haben nicht alle public libraries von Anfang an ein solches besessen; aber jetzt, nachdem die Bewegung schon längst ans den Kinder­schuhen heraus ist, findet man in jeder, auch noch so kleinen Ortschaft, die die Bibliothekssteuer erhebt, die public library in einem eigenen, in den meisten Fällen recht ge­schmackvoll ausgestatteten Gebäude, wenn sie nicht etwa in einem Seitenflügel des Rathauses (town hall) unter­gebracht ist. Nicht selten zählt die public library zu den schönsten Gebäuden des ganzen Ortes. Das gilt nicht nur von Großstädten ich führe als Beispiel Liverpool an, wo die public library zusammen mit dem mit ihr in Ver­bindung stehenden Museum die eine Seite des größten Platzes der ganzen Stadt entnimmt und in der That ihre imposanteste Gebäudegrnppe darstellt sondern auch von recht kleinen Städten. Häufig ist das allerdings erst durch großartige Schenkungen möglich geworden, so z. B. in Preston (etwa 110,000 Einwohner); ich habe selten ein schöneres öffentliches Gebäude gesehen, als die dortige Volksbibliothek, die zusammen mit einem Kunstmuseum in einem Gebäude untergebracht ist, das zwei Brüder Harris ihrer Vaterstadt zum Geschenk gemacht haben; es ist ein imposanter Ban in griechischem Stil, mit schönen Giebel­skulpturen von Roscoe, der jeder Großstadt zur Zierde ge­reichen würde. Ich glaube, daß er sich mit den beiden

schönsten Bibliotheksbauten Deutschlands, der Universitäts­bibliothek in Leipzig und der städtischen Bibliothek in Köln, wohl messen kann man bedenke aber, daß Leipzig etwa 300,000 und Köln etwa 350,000 Einwohner hat, und daß zudem die erstgenannte Bibliothek eilte stattliche Anstalt ist, ganz abgesehen von dem geringen Preis ihrer prachtvollen Baumaterialien.

II.

Tritt man in eines der englischen Volksbibliotheks- gebäude, so gelangt man zunächst in den Zeitungslesesaal (news room). Die Zeitungen sind hier auf schrägen Pulten befestigt, die an der Wand entlang laufen und auch die Mitte des Saales, soweit es irgend yngeht, ansfüllen. Sie sind in einer Höhe angebracht, daß ein erwachsener Mensch sie stehend bequem lesen kann. Man kann sich dabei auf die Pulte aufstützen, Stühle giebt es in diesem Raume nicht. Jede Zeitung ist in der Mitte mit einem Falz befestigt, der das Umschlagen der Blätter, wohl auch das Herauf- oder Hernnterschieben der Zeitung gestattet, nicht aber ihre Entfernung. Gewöhnlich kann dieser Zeitnngslesesaal, in dem ich selten weniger als 30 oder 40 Zeitungen gefunden habe, von einem der Beamten der Bibliothek im Auge be­halten werden; doch habe ich nicht selten auch eine solche Anordnung getroffen, daß der Saal ganz ohne Aufsicht blieb. Besuchte man einen dieser newe-rooms zur Mittags­und namentlich zur Abendzeit, so findet man ihn gedrängt voll von eifrig lesenden Brenschen. Häufig kann man be­obachten, daß eine Zeitung gleichzeitig von mehreren Leuten gelesen wird: hinter dem eigentlichen Leser stehen dann noch einer oder zwei, die über seine Schulter hinweg die Zeitung mitzulesen suchen.

Wenn ich einen solchen Besuch der Zeitungslesesäle englischer Volksbibliotheken einem deutschen Bekannten er­zählte, bin ich häufig (im Tone der Gewißheit) gefragt

worden:Das sind natürlich meistens Stellungsuchende?" Das ist aber durchaus nicht der Fall. Gewiß besuchen auch diese die public libraries, und es ist ein Segen, daß sie es können; aber in den Mittags- und Abendstunden sieht man fast nur Leute, die die Zeitungen in der That auf ihre Artikel und nicht auf ihre Annoncen durchlesen. Und auch die Befürchtung ist unbegründet, die ich einmal aussprechen hörte, daß die Zeitungen dadurch in ihrem Verkaufe geschädigt werden; die starken Auflagen der eng­lischen Zeitungen und das ganze blühende englische Zeitungs­wesen beweisen deutlich genug das Gegenteil. Es ist eben mit den Zeitungen ebenso, wie mit den Büchern: je mehr Lesestoff dem Volke geboten wird, desto mehr wächst auch die Lust am Lesen und die Freude an den Büchern. Wer nie ein vernünftiges Buch in den Händen gehabt hat, dem wird es natürlich auch nicht einfallen, fein Geld für Bücher auszugeben; wer aber gesehen hat, welche Schätze in der Literatur niedergelegt sind, und welchen Genuß eine schöne Lektüre bieten kann, der wird sich auch das eine oder andere Buch anschaffen, wird Bücher zu Geschenken benutzen u. f. w. Glücklicherweise haben viele unserer deutschen Buchhändler das schon eingesehen, oberes ist merkwürdig genug, daß oft von anderer Seite behauptet wird, daß es im Interesse der Buchhandlungen läge, die Volksbibliotheken nicht auf­kommen zu laffe«.

Als selbstverständlich erscheint es mir allerdings, daß man bei der Gründung von Volksbibliotheken von der in Deutschland leider noch häufig beliebten Praxis absehen sollte, die Buchhändler selbst um unentgeltliche Überlassung ihrer Verlagswerke zu bitten, das mag in Ausnahme­fällen, wie z. B. augenblicklich bei Gründung der Katser- Wilhelm-Bibliothek in Posen, die übrigens keine Volks­bibliothek sein soll, berechtigt sein, in der Regel aber sollte man es streng vermeiden. Ich verkenne habet durchaus