Ausgabe 
12.10.1899 Zweites Blatt
 
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Chamberlain und ihr Uitländertroß in der Republik den Ausschlag geben.

Wir registrieren noch die letzten Nachrichten zu diesem Konflikt:

London, 10. Oktober. Nach Depeschen aus Süd­afrika ist dort alles ruhig, und dieBuren führen keinerlei Bewegungen aus. Das Johannesburger Kommando und das deutsche Korps lagern zwei Stunden von Prätoria. Präsident Krüger sagte in einem Interview, es sei schwer zu sagen, was kommen werde. Die Landung großer britischer Verstärkungen in Natal mache ihm keine Sorge. Er sei voll Vertrauen ans den Allmächtigen. Da­von, daß Hofmeir und Roseinnes nach Prätoria kommen wollten, wisse er nichts, und über die vorgeschlagene ameri­kanische Vermittelung sei nichts weiter zu sagen.

London, 10. Oktober. DasBureau Dalziel" meldet aus Prätoria: Dem dortigen britischen Vertreter wurde heute mittag eine dringende Depesche überreicht, in welcher Trans­vaal auch die ausdrückliche Versicherung ver­langt, daß alle britischen Truppen binnen 48 Stunden von derGrenze zurückberufen werden, ebenso alle in Südafrika eingetroffenen Ver­stärkungen.

London, 10. Oktober. Heute vormittag ritten 80 Mann der New-South-Wales-Lancers, die bisher im Lager von Aldershot ausgebildet wurden und jetzt nach Südafrika ab­gehen, durch die City und wurden von einer Ungeheuern Menschenmenge unter Aeußerungen großer Begeisterung begleitet.

Paris, 10. Oktober. Eine derAgence Havas" aus Prätoria ohne Abgangsdatum zugegangene Depesche meldet: Tsie Negierung von Transvaal hat die Antwort Eng­lands auf ihre letzte Note noch nicht erhalten; die Erlasse bezüglich der Einberufung der englischen Reservisten und der Mobilisierung der englischen Truppen rufen daher hier die größte Entrüstung hervor. Die öffentliche Meinung ist hier allgemein für eine sofortige Aktion, und dieselbe Stimmung herrscht im Oranje-Freistaat.

* *

Im Gegensatz zu unseren obigen Ausführungen lassen die heute nachmittag eingetroffenen Telegramme keine Hoff­nung mehr überig:

London, 11. Oktober. (Tel.) Nach Meldungen aus Kapstadt beabsichtigen dieBuren, heute die Grenze zu überschreiten und die Pässe zu besetzen.

Loudon, 11. Oktober. (Tel.) Nach Meldungen aus Madras macht sich unter den Muhamedanern eine bedenkliche Gärung gegen die Engländer be­merkbar, welche von russischen Emissären geschürt wird.

London, 11. Oktober. (Tel.) Nach Meldungen aus Süd-Afrika besteht nunmehr kein Zweifel mehr darüber, daß die Buren spätestens morgen, wenn die englische Regierung keine befriedigende Antwort auf das Ultimatum Transvaals ge­geben hat, die Offensive ergreifen werden. Die Einnahme von Ladysmith und Mafeking dürfte daher vor Ende der Woche Thatsache werden. Alle Maßregeln sind getroffen worden, um die Eisenbahn-Verbindung gleich nach Beginn der Feind­seligkeiten zu zerstören.

Amsterdam, ll.Okt. (Tel.) Hier verlautet, die Königin Wilhelmine habe von Kaiser Wilhelm das Ver­sprechen erhalten, daß derselbe alles thun werde, damit die Unabhängigkeit der beiden Buren- Regierungen aufrecht erhalten bleibe.

London, 11. Oktober. (Tel.) Das gestern abend be­kannt gewordene Ultimatum der Transvaal-Regie­rung hat hier die größte Erregung verursacht. DieTimes" fügen der Veröffentlichung des Ultimatums hinzu: Wir haben allen Anlaß, zu glauben, daß die Ant­wort, welche an Transvaal gesandt werden wird, in einem kurzen Telegramm bestehen wird, worin in wenigen Worten das Bedauern ausgesprochen wird, daß Präsident Krüger es für notwendig erachtet habe, ein so ernstes Telegramm an die englische Negierung zu senden, und gleichzeitig er­klärt wird, daß die englische Regierung der Transvaal- Regierung vorläufig keine andere Mitteilung zu machen habe. Die Minister sind für Freitag zu einer außerordent­lichen Sitzung zusammenberufen worden.

London, 11. Oktober. (Tel.) Im Ministerrat, welcher auf gestern abend verschoben wurde, wurde, wie verlautet, beschlossen, die Forderungen Transvaals voll­ständig zurückzuweisen. Infolgedessen wird der Krieg auf regelrechte Weife heute nachmittag 5 Uhr beginnen.

London, 11. Oktober. (Tel.) Die konservativen Blätter er­klären, England sei genötigt, den Krieg zu führen.

Die Blätter verlangen von der Regierung, daß der Krieg mit der größten Schnelligkeit beendet werde. Die liberalen Blätter drücken die Meinung aus, daß, wenn jetzt der Krieg ausbreche, er der von der eng­lischen Regierung befolgten Taktik zuzuschrciben sei. Morning Leader" sagt, die Herren Cecil Rhodes und Chamberlain haben nun ihrenZweck erreicht.sürden sie gearbeitet haben. Transvaal ist durch die Nadelstiche und die heuchlerischen Erklärungen, welche durch die Thatsachen Lügen gestraft worden sind, müde geworden. Wir bedauern, daß sich Transvaal entschlossen hat, ein Ultimatum abzu­senden. Die Thatsache überrascht uns jedoch nicht, das Gegenteil hätte uns mehr überrascht. Die Buren saßen wie eine Maus in der Falle, und es ist bewun­dernswert, daß sie nicht schon früher ihre Zähne gezeigt haben. Ihre bisherige Zurückhaltung liefert den Beweis, daß sie bis zum letzten Augenblick den Ausbruch von Feindseligkeiten vermeiden wollten.

London, 11. Oktober. (Tel.) Chamberlain kam früh ins Kolonialamt, wo große Thütigkeit herrscht. Mehrere Diplomaten besuchten das Auswärtige Amt, darunter auch diplomatische Gesandte. Es erhält sich das Gerücht von der Abtretung der Delagoa-Bai an England. Der Kaufpreis betrage 8 Millionen Pfund. Deutschland und Frankreich hätten ihre Zustimmung hierzu gegeben.

Kskates und Ursvissiettrs.

Gießen, 11. Oktober 1899.

** Geschichtskalender. Vor 4 7 Jahren, am 12. Oktober 1492, erblickte Christoph ColumbuS zum ersten Male auf seiner großen Reise den amerikanischen Boden, die Watltngsinsel, welche die Eingeborenen Gnanahani nannten, der man aber später zu Ehren des Erlösers den Namen San Salvador beilegte. Bald darauf wurde auch die im spanisch-amerikanischen Krieg« viel ge­nannte Jnstl Kuba entdeckt.

Der große Szenenwechsel in der Natur macht sich von Tag zu Tag mehr bemerkbar. Regen, Nebel und rauhe Stürme haben gemeinsam an dem Sommerkleid der Bäume und Sträucher gezerrt, sodaß einzelne von ihnen in bemit­leidenswerter Kahlheit dastehen, der Blätterabfall verstärkt sich, und der bekannte bunte Herbstteppich ist stellenweise so dicht, weich und elastisch, als wäre es ein echter Smyrnaer. Das ist die Zeit, wo etliche Menschen sich ge­drungen fühlen, melancholisch zu werden, wo sie aus einer oft eingebildeten Nervenstimmung heraus über Vergehen und Hinwelken, Scheiden und Meiden, und den alles er­eilenden Tod ebenso tief- wie trübsinnige Betrachtungen an­stellen, und damit nichts anderes erreichen, als daß sie zahl­reichen Mitmenschen die Laune verderben. Es mag ja Verhältnisse geben, unter denen das erklärlich und entschuld­bar ist. Wer z. B. sieht, wie die Bäume ihr Sommer­gewand los werden, ohne daß sie sich über einen neuen Winterüberzieher die Wipfel zu zerbrechen brauchen, wäh end er selbst an seiner naphtalinduftenden Winterhülle die glänzenden Spuren einer viel längeren als dreijährigen Dienstzeit wahrnehmen und sich eingesteheu muß, daß hier einNeubau" ein Gebot der dringendsten Notwendigkeit ist, der hat alle Ursache, in jedem kahl werdenden Baume einen unangenehmen Mahner zu sehen. Im großen Ganzen aber kommt die Menschheit ebenso gut durch Herbst und Winter, wie durch Frühling und Sommer, und manchem, der sich leicht an Wald und Feldern satt sieht, dünken die Freuden im wohlig durchwärmten Zimmer, in fröhlicher Tafelrunde erstrebenswerter und höher, als der Genuß der Gaben, welche die Natur darbietet. Der Gesellschaftsmensch beginnt den Naturfreund in den Hintergrund zu drängen: da das große Himmelslicht so früh ausgelöscht wird, huldigt man um so länger der künstlichen Lichtquelle der Kron­leuchter, an Stelle des vielstimmigen Vogelkonzertes tritt das Klingen der Geigen und Flöten; Plaudern und Lachen ersetzt das Rauschen des Waldes und des Baches, und an­statt durch Berg und Thal zu schweifen, dreht man sich im lustigen Reigen mit einer schönen Partnerin. Und dabei wird ein Eifer, eine Zähigkeit, eine Ausdauer entwickelt, die, auf andere Verhältnisse übertragen, Menschcnschicksale umgestalten konnten. So tanzt die junge und ältere Welt sich in den Winter hinein, selten vermißt einer die Freuden der grünenden und blühenden Jahreszeit!

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** Auszeichnung. Seine*Königliche Hoheit derGroß- herzog haben Allergnädigst geruht, am 8, Oktober dem Schriftsetzer und Drucker Heinrich Lehr VII. zu Nidda,

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*Was wirds?

Berlin, 11. Oktober 1899.

In der Transvaalkrise ist infolge der Zurück­haltung der Buren eine Pause eingetreten, die diesen ver­hängnisvoll werden kann. Die größte Gefahr für Natal ist vorüber. Die beste Siegeschance für die Buren scheint verloren zu sein. Mitte der Woche dürfte Sir Georg White etwa 20000 Mann zur Verfügung haben, genug, um die befestigten Lager bei Glencoe und Ladysmith uneinnehmbar zu machen und starke Posten für die Verbindung beider Positionen und Bewachung der Grenzen zu erübrigen. Durch diese Truppenkette dürste Natal gesichert sein, und das Operationsfeld der Buren wird auf das schmale, vom Majuba Hill nach Dundee abfallende Thal eingeschränkt. Wenn sie dieses Gebiet besetzen, was dann? Die Engländer werden sich nicht beeilen, sie anzugreifen. Ein Ausfall der Buren über die Nordgrenze wäre ziemlich unschädlich, er würde sie in halbe Wildnis führen. Im Westen könnten sie Mafeking und andere Städtchen besetzen und vor allem die Eisenbahn an vielen Stellen zerstören, aber der einzige wirklich gefährliche Verlust wäre doch nur die Wegnahme Kimberleys, und diesen Platz glaubt man ebenfalls geborgen. Wenn die Buren also auch einige Wochen lang hier und dort eine erfolgreiche Offensive ergreifen, so müssen sie doch in der Hauptsache warten, und wenn sie Tag für Tag un- thätig bleiben müssen, so werden sie bald zu fragen beginnen, warum sie denn überhaupt an den Grenzen stehen und von ihren Farmeü weggeholt sind, wo ihre Gegenwart gerade jetzt zur Saatzeit mehr als je vonnöten ist. Es läßt sich nicht von der Hand weisen, daß ein längeres unthätiges Warten eben bei dem eigentümlichen Charakter der Buren­armee geuiffe Gefahren in sich birgt. Daß es mit ihrem Transport- und Verpflegungswefcn herzlich ärmlich bestellt ist, geben die meisten Gewährsmänner zu. Sie bilden schließ­lich eine Art Reiterheer der alten Zeit, das Plötzlich erscheint und verschwindet und fortdauernd in Bewegung ist. Die Buren würden darum bald empfindlichen Mangel an Proviant zu leiden beginnen, falls sie genötigt sein sollten, wochenlang zur Grenzbewachung auf derselben Stelle zu verharren. Noch größeren Einfluß verspricht man sich in England auf die Kriegsstimmung der Buren. Ein Heer von dieser Zu­sammensetzung müsse kämpfen oder die geringe Disziplin mache sich sofort fühlbar, und der Wunsch, nach Hause zurückzukehren, nähme überhand. Mit anderen Worten: man glaubt, den Buren, insbesondere des Frei­staats, werde die Kriegslust ausgehen, ehe es wirklich zum Entscheidungskampfe kommt. An diesem Punkte setzt auch die Friedenspartei in ihrer Hoff­nungsfähigkeit ein und malt sich die Entwicklung der Dinge dahin aus, daß die Mobilisierung der Buren nur eine Gegendrohung zu dem britischen Säbelrasseln sei; daß, wenn das britische Ultimatum, durch den Einfluß Lord Salisbury's und in letzter Reserve der Königin in ge­mäßigten Grenzen gehalten, endlich überreicht ist, Krüger sozusagen die Ehre Transvaals für befriedigt erklären und einlenken wird. Wie weit diese Auffassung richtig ist, mag dahingestellt bleiben, jedenfalls ist sie weit verbreitet.

Die Volksstimmung in England zeigt sich aller­dingsfortgesetzt sehr kriegerisch; aber man thut offiziell nichts, so daß sichs fragt, weshalb noch immer der Frieden erhalten bleibt. Eine genügende Erhaltung böte allerdings der Umstand, daß einige Wochen Verzögerung für England einen großen Gewinn bedeuten. Es fragt sich aber, ob außerdem nicht etwas hinter den Koulissen vorgeht, das mäßigend und einschüchternd auf das Kabinett Salisbury wirkt. Wir denken hierbei besonders an Rußlands Absichten auf Persien und Afghanistan und Graf Murawiews letzte Rundreise. Es ist allerdings nicht anzunehmen, daß Ruß­land den Engländern direkt den Krieg erklärt; aber es kann ihnen während eines Feldzuges in Südafrika in Asien so viel wegfischen, daß England dort in Scheffeln verliert, was es in Afrika mit Löffeln gewinnt. Die Engländer sind aber so nüchterne Rechner, daß sie aus solchen Erwägungen vielleicht noch vom Kriege mit Transvaal abstehen. Als wahrscheinlich möchten wir einen solchen Ausgang nach dem Muster des Hornberger Schießens allerdings nicht bezeichnen; aber er ist wenigstens noch möglich.

Mag dem sein wie es wolle, Thatsache ist,, daß Eng­land einmal tabula rasa mit denSelbständigkeitsphan­tastereien" der Transvaaler machen will, und es wird sich ohne Zweifel nur befriedigt erklären, wenn nicht mehr die Buren, sondern die englischen Kapitalisten an ihrer Spitze, wie wir wiederholt darlegten, der Oberehrenmann