Dienstag den 12. September
Nr. 214
Erstes Blatt.
189©
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Das Arteit von Aennes.
Thut nichts, der Jude wird verbrannt — has fanatische Wort des Patriarchen in Lessings Nathan kennzeichnet die Männer des Kriegsgerichts von Rennes und ihr Urteil besser als der längste Kommentar. Zehn Jahre Gefängnis! Und wofür? Wir werden noch viel von Dreyfus und seiner Geschichte, der Geschichte seines verkommenen Adoptivvaterlandes hören und schreiben, und es wird dem besonnensten Menschen schwer werden, im Streite der Meinungen Ruhe und klares Urteil zu bewahren, denn die traurige Affaire — traurig für den unglückseligen Offizier, und noch trauriger für das Land — ist mit dem Urteil der Feigheit, wie es die „K. Z." sehr richtig nennt, nicht abgeschlossen.
Nach sünfwöchiger Verhandlung hat also am Samstag Nachmittag das Kriegsgericht in Rennes sein Urteil dahin gefällt, daß Dreyfus wegen Landesverrats, unter Bewilligung Mildernder Umstände, mit zehn Jahren Gefänguiß (detention) zu bestrafen ist. Wir haben diese Thatsache bereits am Samstag Abend durch Extrablätter unseren Gießener Lesern zur Kenntnis gebracht. Es erübrigt nun noch, anknüpfend an unseren fortlaufenden Bericht, die Ereignisse des Prozesses, die durch den Draht überholt worden sind, zu ergänzen.
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Neunes, 9. September. Es ist ein angenehmer Spätsommermorgen. In den Straßen, die das Lyceum umgeben, ist Gendarmerie postiert, wie an allen Vilaine-Uebergängen Infanterie-Abteilungen Wache halten. Die Bevölkerung ist vollkommen ruhig, da mit Max Regis alle der Agitation verdächtigen Elemente Rennes verließen. Zum neunund- zwanzigsten Male durchschreitet Dreyfus heute das Spalier zwischen dem Gefängnis und dem Lyceum. Keine Spur der Aufregung ist auf seinem Gesichte wahrzunehmen. Im Lyceumhof ist eine Escadron Dragoner aufgestellt, im Saale zehn Gendarmen, ebensoviele hinter der Vertheidigerbank und hinter den Sitzen Carrieres und Coupois. Die weiße Dame wurde, weil nur der Presse angehörige Damen zugelassen werden durften, abgewiesen. Durch Abklopfen der Taschen überzeugt sich Kommissar Hennion, daß die eintretenden Herren keine Waffen mitführen. Auf den Plätzen hinter dem Richtertische sitzt der Akademiker Graf und der ehemalige Kolonieminister Guysse, welchem Dreyfus die ersten Vergünstigungen auf der Teuselsinsel verdankt. Der Saal ist vollständig gefüllt. Nachdem der Gerichtshof eingetreten, erhebt sich der Vorsitzende und befiehlt die Vorführung des Angeklagten. Dieser tritt in strammer Haltung ein und begrüßt die Mitglieder des Kriegsgerichts. Der Präsident erwidert den Gruß.
Das Plaidoyer Demanges.
Die Vormittag-Sitzung wird um 7y2 Uhr eröffnet. Der Präsident erteilt alsdann dem Verteidiger Demange das Wort. Es ist mäuschenstill im Saale. Demange betont, er habe seine Rede gestern in dem Augenblick abgebrochen, wo er die direkten Beweise besprechen wollte, «ämlich den technischen Wert des Bordereaus. Die Anklage behaupte, nur der Angeklagte habe die erwähnten Schriftstücke in seinem Besitz haben können. Dieser Beweis müsse aber noch erbracht werden; die Beschuldigung allein genüge nicht. Um den Beweis erbringen zu können, müsse man natürlich Schriftstücke aufweisen können, die vom Angeklagten ausgeliefert wurden. Bis jetzt sei dies aber noch nicht geschehen. Es handele sich seitens der Anklage nur um Vermutungen, welche absolut grundlos seien. Es sei doch geradezu unmöglich, zu erklären, wie ein Artillerieoffizier, der eine Note über eine hydropneumatische Bremse des Geschützes „120 kurz" senden will, von einer hydraulischen Bremse spreche und so den Wert seiner Ware herabdrücke. Man könne daraufhin erklären, daß der Autor des Bordereaus kein Artillerist war. In dieser Beziehung tappe man im Dunkeln. Aber nicht mit dem Schatten schaffe man Wahrheit, sondern nur mit dem Licht. Nachdem Demange auch die verschiedenen Behauptungen des Generals Mercier als Hypothesen hingestellt, wendet er sich zum Regierungs- kommiffar und sagt: „Nur die Verteidigung allein hat das Recht, Hypothesen aufzustellen. Sie, der Kommissar der Regierung, dürfen nichts beibringen als den Beweis, den das Gewissen des Richters braucht, wenn es eine Verurteilung aussprechen soll." Man müsse sich, so fährt Demange fort, an die Briefe erinnern, die Esterhazy geschrieben, und aus denen klar hervorgehe, daß er auf der Schießschule in Chalons war. Was die Note über die
Die Sitzung wird sodann auf nachmittags 3 Uhr vertagt. Als Dreyfus den Saal verläßt, ruft ihm auch das Publikum: „Mut! Mut!" zu. Dreyfus ruft, dem Publikum zugewandt, aus: „Ich bin unschuldig!" Darauf ruft Jaurös: „Nur Mut, Dreyfus!"
Während der Sitzungspause besuchte Frau Dreyfus ihren Gatten und verweilte unter vier Augen eine Stunde bei ihm. Der Wagen wurde durch vier Gendarmen zu Pferde begleitet.
Die letzte Sitzung.
Um 3 Uhr nachmittags beginnt die neue, letzte Sitzung, in welcher zuerst Regierungskommiffar Carriöre nochmals das Wort ergreift und wiederum die Verurteilung des Angeklagten beantragt. Alsdann zieht sich, nachdem Demange nochmals kurz für die Freisprechung Dreyfus' plaidiert, der Gerichtshof zurück.
Nachdem während der ganzen Beratung im Saale und im Hofe eine gedrückte Stimmung wie bei einem Leichenbegängnis geherrscht, ertönt Plötzlich ein Glockenzeichen. Vom Hofe draußen stürzen alle in den Saal, der bald dicht gefüllt ist. Niemand setzt sich, alle stehen im tiefen Schweigen. Das Kriegsgericht läßt unbegreiflich lange auf sich warten. Fast eine Viertelstunde vergeht, die unbeschreiblich peinlich ist. Ueberall sieht man blasse Gesichter. Endlich ertönt ein zweites Glockenzeichen. Ein Ruf der Erleichterung geht durch den Saal, dem sofort wieder tiefes Schweigen folgt. Der Unteroffizier, der das hinten im Saale stehende Jnfanterie- piquet kommandiert, ruft mit seiner rauhen Wachtstuben- stimme: „Faßt das Gewehr an!" Die Gewehre klirren und auf der Bühne oben erscheint das Kriegsgericht. Der Präsident ist bleich. Auch die Richter sehen ernst, beinahe finster drein. Der Präsident legt die Hand salutierend an seine Mütze und spricht die üblichen Worte: „Im Namen des französischen Volkes", während die anderen Offiziere des Kriegsgerichts gleichfalls salutieren. Dann beginnt er die Verlesung mit seiner halblauten Stimme, die keine Bewegung verrät und die kein Wort besonders betont. Im Saale herrscht eine feierliche Stille wie in einer Kirche. Als der Präsident die dem Kriegsgericht gestellte Frage verlesen, macht er eine kurze Pause und verkündet dann in dem nämlichen halblauten Ton die Antwort: Ja, der Angeklagte ist schuldig! (Bewegung.) Ein Schrei des Entsetzens geht durch den Saal, dann drängt alles zum Ausgang. Aber die Gendarmen lassen niemand heraus, ehe das Urteil zu Ende verlesen ist. Die gefürchtete Manifestation unterbleibt vollständig, aber in meiner Nähe sehe ich zwei Herren, die weinen. Auch Demange oben auf seiner Verteidigerbank, der vor Eintritt des Kriegsgerichts mit gefalteten Händen dasaß, als ob er betete, ist jetzt in Thränen ausgebrochen.
Das Urteil.
Das Urteil lautet: In der geheimen Beratung des Kriegsgerichts hat der Präsident folgende Frage gestellt: „Ist Alfred Dreyfus, Generalstabshauptmann, schuldig, 1894 Machinationen mit einer auswärtigen Macht oder einem ihrer Agenten unterhalten zu haben, um sie zu veranlassen, Krieg gegen Frankreich zu führen oder ihr die Mittel dazu zu verschaffen, indem er ihr die im Bordereau erwähnten Noten auslieferte?" Der Präsident hat die Stimmen einzeln eingeholt, indem er beim untersten Grade begann und selbst seine Stimme zuletzt abgab. Das Kriegsgericht erklärt mit fünf gegen zwei Stimmen auf die gestellte Frage: Ja, der Angeklagte ist schuldig. Das Kriegsgericht erklärt ferner mit Majorität, daß mildernde Umstände zuzuerkennen sind. Der Präsident hat hierauf von neuem über die Bestrafung abstimmen lassen. Demzufolge verurteilt das Kriegsgericht mit fünf gegen zwei Stimmen Dreyfus zu zehn Jahren Haft. Das französische Wort lautet detention. Hierauf werden die Gesetzesartikel aufgezählt, auf Grund deren das Urteil gefällt wurde. Endlich wird dem Regierungskommissar Befehl erteilt, dieses Urteil sofort dem Verurteilten vor der unter Waffen angetretenen Wachmannschaft vorlesen zu lassen und ihm bekannt zu geben, daß er 24 Stunden Frist hat, um Revision einzulegen. Nach Verlesung des Urteils bemerkt der Präsident noch: Das Kriegsgericht bleibt in der Sitzung bis zur vollständigen Räumung des Saales. Ich bitte das Publikum, in Ordnung und schweigend den Saal zu verlassen, um zu keinem Einschreiten Anlaß zu geben. Thatsächlich erfolgte die Räumung ohne Zwischenfall. .
Dem Angeklagten wurde das Urteil nicht im Gesäng- nishofe verlesen, sondern, wie der „Franks. Ztg." gemeldet wird, im Sitzungssaale selbst, nachdem das Kriegsgericht
Deckungstruppen anlange, so müsse bewiesen werden, daß diese Arbeit nur dem Generalstabe habe bekannt sein können und ebenso, daß Dreyfus sie gekannt habe. Warum habe man das Datum des Bordereaus verändert? Esterhazy habe sich die betreffenden Mitteilungen verschaffen können, und es sei möglich, daß derselbe seinem Freunde Henry vertrauliche Mitteilungen entlockte, mit denen er dann Mißbrauch getrieben habe. Weshalb habe Henry Selbstmord begangen? Lediglich deshalb, um sich für ein Verbrechen zu strafen, das er begangen, und das die ganze Armee sofort entschuldigte? £>abe er vielleicht befürchtet, daß er schändlich von Esterhazy getäuscht worden sei und daß er kompromittiert fein könne? Warum habe er ausgerufen: „Die Elenden!" Habe er dabei an Esterhazy gedacht? (Demange spricht diese Worte mit sehr lauter Stimme.) Man mache volles Licht! Man bedenke, daß drei Männer im Generalstabe sich intim kannten, Esterhazy, Weil und Henry, die von allem Möglichen hätten sprechen können, auch von allen geheimen Stücken. Daraus ergebe sich ein neuer Zweifel.
Im Falle eines Zweifels müsse aber das Gewissen des Richters den Angeklagten freisprechen. Auch die bezüglich der Note über Madagaskar irre man im Dunkeln, und was die Schießvorschrift anlange, so könne dieselbe nur von einem Manne (Esterhazy) geliefert fein, der im Lager von Chalons gewesen fei. Auch die Behauptung der Anklage betreffs des Satzes: „Ich reife ins Manöver!" falle in Nichts zusammen. Der Herr Regierungskommissar möge doch irgend jemand nennen, der bezeugen könne, daß Dreyfus Schritte gethan, um ins Manöver zu kommen. Ich glaube, so fährt Demange fort, „alle Hypothesen der Anklage zerstört zu haben. Damit Sie verurteilen könnten, dürften Sie nicht den geringsten Zweifel darüber haben, daß Dreyfus allein die Dokumente des Bordereaus habe kennen können". Es tritt nun eine Pause ein. Während derselben ergeht man sich natürlich von allen Seiten in Prophezeiungen. Nicht wenig wird auch das militärische Aufgebot besprochen, welches der Umgegend des Lyceums das Aussehen eines Kriegslagers gibt. Nach der Panse bespricht Demange die Schrift des Bordereaus. Sie fei alles, was von der Anklage bleibe. Und was sei dieser Beweis wert? Selbst die Experten hätten zugeben müssen, daß das Bordereau nicht die natürliche normale Schrift des Dreyfus fei. Sei die Schrift aber eine künstliche? Bertillon, dessen erfinderischem Geist man die gebührende Achtung zollen müsse, habe sich getäuscht, wie sich eben jeder Gelehrte täuschen könne. Weiter protestiert Demange gegen die Hypothese, daß Esterhazy der Strohmann Dreyfus' gewesen sei. Von Esterhazy kommt Demange auf Picquart zu sprechen, und später zieht er einen Vergleich zwischen Esterhazy und Dreyfus, wobei er bemerkt, daß, wenn er die Anklage gegen Esterhazy zu vertreten hätte, er es in anderer Art thun würde und konnte, als es hier gegen Dreyfus geschehen sei. Als Demange zum Schlüsse seines Plaidoyers kommt, spricht er mit Donnerstimme. Das Publikum im Saale ist tief erschüttert. „Wo sind die Gründe für den Verrat des Dreyfus? General Boisdeffre hat von psychologischen Gründen gesprochen. Ah! Psychologische Gründe! Dieser Mann hatte Reichtum, Kinder, die sein Stolz sind, eine unvergleichliche Frau. Dort auf der Teufelsinsel in allen Torturen ist er stolz und aufrecht geblieben. Ich frage, ob das ein Verräter thut. Sie werden ihn freisprechen, weil Sie Menschen sind. Ich bitte Gott, Frankreich den Frieden zurückzugeben, Ihnen allen aber (zum Saale), ob Sie mit mir ober gegen mich sind, sage ich: „Wir sind einig in einem Gefühle, in der Liebe zum Vaterlande!" (Stürmischer Beifall).
Demange wird umringt und beglückwünscht. Seine Gattin trocknet ihm Stirne und Schläfe.
Präsident Jouaust will Labori das Wort erteilen. Dieser verzichtet.
Auf Aufforderung des Präsidenten ergreift Dreyfus das Wort. Er bemüht sich, feine Bewegung zu bemeiftern. Dreyfus sagt: Ich will nur wenige Worte sprechen. Vor meinem Vaterlande, vor der Armee gebe ich die Versicherung ab, ich bin unschuldig. Das einzige Ziel, das ich er- strebe, ist die Ehre meines Namens zu retten, des Namens, den meine Kinder tragen. Fünf Jahre lang ertrug ich die fürchterlichsten Leiden. Ich habe aber die Ueberzeugung, daß ich das Ziel erreichen werde Dank Ihrer Loyalität und Ihrem Gerechtigkeitssinne!" (Langanhaltende Bewegung.) Präsident: „Sind Sie zu Ende?" Dreyfus: „Ja, Herr Präsident!"
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