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Nr. 214 Drittes Blatt._______Dienstag den 12. September
1S99
Meßmer Anzeiger
Heneral-Unzeiger
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* Der Attentatsprozetz in Belgrad.
Belgrad, den 9. September.
In der weiteren Verhandlung des Attentatsprozesses widerruft zunächst der Hauptangeklagte seine in der Voruntersuchung abgelegten Angaben, daß er von politischen Persönlichkeiten zu seiner Thal angestiftet worden sei. Er behauptet, er habe eigentlich Selbstmord üben wollen, ganz plötzlich sei ihm der Gedanke gekommen, auf König Milan [ zu schießen. Allein auch diese Aussage widerruft er später und bringt neue Beschuldigungen gegen seine Mitangeklagten vor. Unter den Aussagen dieser ist die von Pafic bemerkenswert, der in einer groß angelegten Rede es weit von sich abweist, mit dem Attentat in irgend einer Verbindung gestanden zu haben.
Der Verhandlung ging der bereits gemeldete bezeichnende Selbstmord des angeklagten Präfekten von Schabatz, Jiwko Angjelitsch, eines Fortschrittlers und Busenfreundes des ehemaligen Ministers Garaschanin, voran, bei dem Briefe von dem in Paris wohnenden Gigerlprätendenten Alexis Karageorgewitsch, (also nicht Peter Karageorgewitsch!) vorgefunden wurden.
Diesen Alexis kennt hier niemand; er war nie in Serbien. Angjelitsch war aber nicht nur kein Radikaler, sondern einer jener Präfekten, die stets gegen sie wüteten. Deshalb wurde er auch jetzt vor einigen Monaten von Milan wieder angestellt. Er hat dem Attentäter Kneze- witsch den Auslandspaß ausgestellt. Uebrigens macht die Anklageschrift nicht den Eindruck, den man erwartete. Gegen Paschitsch, Tauschanowitsch und die übrigen radikalen Führer liegt kein einziger konkreter Beweis vor.
Sie werden wegen eines schon vor anderthalb Jahren gefaßten und in den Zeitungen erörterten Beschlusses der radikalen Partei verfolgt, so lange die Verfassung nicht hergestellt sei, die Steuern zu verweigern, ein Beschluß, der übrigens später zurückgezogen wurde. Lächerlich ist, daß die Anklageschrift die Radikalen für die gehässigen Darstellungen der in Oesterreich erscheinenden serbischen Blätter verantwortlich macht. Einzelne, Paschitsch in den Mund gelegte unbedachte Aeußerungen gegen Milan, die gleichfalls vor Jahren gethan worden sein sollen, stammen offenbar von wenig zuverlässigen Zeugen, sie erscheinen durchaus unglaublich, da Paschitsch ein verschlossener, äußerst mißtrauischer Mann ist. Das interessanteste Moment des ersten Verhandlungstages ist endlich, daß der Attentäter fast sämtliche, ihm abgerungenen Aussagen widerrief.
Belgrad, 10. September. Die Aussage des Attentäters Knesevic, er habe das Attentat aus Rache be
gangen, und sei weder zu demselben gedungen worden, noch kenne er die radikalen Führer, ruft unter der Bevölkerung große Erregung hervor.
Hokates und PrsoinMes.
Gießen, den 11. September 1899.
** Von hessischen Behörden werden steckbrieflich verfolgt: Glasergeselle Karl Niehoff aus Hamburg wegen Diebstahls und Backsteinmacher Hermann Link aus Fischbach wegen Diebstahls vom Amtsanwalt II in Darmstadt, Kellner Christoph Pöhlmann aus Nürnberg wegen Einbruchs-Diebstahls von der Staatsanwaltschaft Gießen, Taglöhner Karl Villwork aus Friedargen wegen Diebstahls vom Amtsanwalt in Friedberg, Schlosser Ernst Leon Büchi aus Baden wegen Diebstahls, Maschinist Wilhelm Schäfer aus Deicheroda wegen Körperverletzung, Spengler Hermann Karl Bernst aus Kassel wegen Diebstahls und Kaufmann Aug. Johann Fried. Huttenlocher aus Stuttgart wegen Unterschlagung — sämtlich vom Amtsanwalt in Mainz, Bahnarbeiter Fried. Richard Leuthäuser aus Sonnenberg wegen Betrugs und Dienstmagd Anna Marie Roller aus Durrweiler wegen Diebstahls vom Polizeiamt Mainz; ferner wegen Strafverbüßung: Arbeiter Heinrich Frank aus Griesheim und Arbeiter Paul Grätschmann aus Berlin vom Amtsgericht Zwingenberg, Photograph Albert August Gotthardt aus Peine vom Amtsgericht Bingen, Schreiner August Gnegler aus Landau vom Amtsgericht Worms, Buchdrucker Paul John aus Königshütle vom Amtsgericht Lorsch, Dienstknecht Karl Litschke aus Kamentz vom Amtsgericht II Darmstadt, Dachdecker Adam Schleich aus Ruddingshausen vom Amtsgericht Homberg a. d. Ohm, Schweizer Joseph Wycisk aus Beuchen vom Amtsgericht Bingen.
** Erledigte Stellen im Bezirk des 18. Armee-Korps. Biebrich, Magistrat bezw. Polizeiverwaltung, 6 Nachtschutzleute, je 950 Mk., außerdem je nach Dienstalter und Leistungen eine persönliche Zulage bis zu 200 Mk., freie Dienstkleidung. Oberlahnstein, Magistrat, 2 Stadt- und Polizeidiener, je 1000 bis 1400Mk. Gehalt. Usingen, König!. Schullehrerseminar, Schuldiener am Seminar, 900 bis 1200 Mk. Gehalt und freie Wohnung, außerdem sind für Beschaffung der Arbeitshilfe und des nötigen Materials beim Reinigen der Anstaltsräume 250 Mk. ausgesetzt. Im Bezirk der Großh. Hess. (25.) Division. Großh. Landeshospital Hofheim, 5. Bureaugehilfe, 500 Mk. Gehalt und vollständig freie Station.
T* Bad Salzhausen, 8. September. Unsrem Bade, das in diesem Jahre einen besonderen Aufschwung genommen hat, scheint im nächsten Jahre eine weitere Hebung in Aussicht gestellt zu sein. Nicht bloß, daß die Zahl der Kurgäste gegen die Vorjahre eine besonders starke ist, auch die Zahl der Passanten ist fortwährend groß. Gutem Vernehmen nach hat ein auswärtiges Konsortium acht Bauplätze erworben. Der Fiskus giebt aber nur unter der Bedingung Land zum Bebauen ab, daß es nicht der Spekulation dient, sondern von dem Käufer auch wirklich bebaut werde.
0 Büdingen, 10. September. Nächsten Montag findet die Einführung des neuen Direktors des hiesigen Gymnasiums Prof. Dr. Mohr durch Herrn Ministerialrat Eisenhuth statt. Der seitherige Direktor des Gymnasiums, Dr. Wittmann, zieht nach Heidelberg über, woselbst sein Sohn Realschuldirektor ist.
[] Friedberg, 10. September. In den Räumen des Saalbaues zu Friedberg findet vom 22. bis 25. September eine Obstausstellung für die Mitglieder des Vereinsbezirks Friedberg Gießen des Oberhessischen Obstbauvereins statt. Die Ausstellung umfaßt: 1. Obstsammlungen von Hoch- und Zwergstämmen, 2. einzelne Obstsorten, 3. Handelsobst, 4. Weintrauben, 5. Obst- und Beerenweine und andere Produkte der Obstverwertung, 6. Geräte. Die auszustellenden Gegenstände müssen am Mittwoch, dem 20. September, in der Ausstellung abgeliefert werden. Die feierliche Eröffnung findet am Freitag, dem 22. September, nachmittags 5 Uhr, statt. An dieselbe schließt sich ein einfaches Abendessen. Der Eintritt für die Besucher beginnt am gleichen Tage, nachmittags 3 Uhr. Der feierliche Schluß und Verteilung der Diplome ist am Montag, dem 25. September, nachmittags 4 Uhr. Anmeldungen zur Ausstellung muffen umgehend an die Geschäftsstelle des Oberhessischen Obstbauvereins in Friedberg gemacht werden. Mitglieder haben für ihre Person freien Eintritt gegen Vorzeigung der Mitgliedskarte von 1899/1900. Nichtmitglieder zahlen am ersten Tage 50 Pfg., an den übrigen Tagen 20 Pfg. Eintrittsgeld. Mit der Ausstellung ist ein Glückshafen verbunden.
Vilbel, 9. September. Die diesjährige Generalversammlung des Landes-Verbandes der Rechner in denLandgemeinden de s Großherzogtums Hessen fand am 3. ds. Ms. Hierselbst statt und war von 91 Mitgliedern besucht. In etwa ä^ffünbtger Sitzung wurde, rote die „Darmst. Ztg." meldet, die sehr umfangreiche Tagesordnung erledigt, worin nach eingehendster Darlegung und Besprechung sämtlicher Gegenstände eine seltene
FeuiüetM.
Per Kund des Auöry.
Eine Erinnerung an Goethes Theaterleitung.
Von Thespis (Weimar).
(Nachdruck verboten.)
Für alle diejenigen, die sich nicht durch eigenes Studium der 26jährigen Theaterleitung Goethes über die Gründe belehrt haben, um derentwillen der große Dichter im Jahre 1817 diese niederlegte, um sie dann — sehr zum Vorteil für seine ungemein vielseitige Thätigkeit — für immer als beendet anzusehen, gilt „Der Hund des Aubry" als der eigentliche Hauptgrund des Rücktrittes. Die Aufführung dieses Stückes erfolgte am 12. April des oben genannten Jahres, und noch heute bezeichnet der Jargon der Koulissen- velt alle diejenigen Schauspiele, die jenseits des guten Geschmackes stehen, mit dem Titel jenes Dramas. Dasselbe bot indessen nur den äußeren Grund von Goethes Direktions- wüdigkeit dar, während der wirkliche Beweggrund in den mannigfachen Differenzen bestand, welche zwischen ihm und der damals den Spielplan durch ihre Jntriguen fast souverän beherrschenden Schauspielerin Jagemann zu immer unerträglicherer Verschärfung gelangt waren. Schon lange hatte infolge dieser Reibungen, wie auch durch das drückende Gefühl, durch finanzielle Schwierigkeiten an der Durch- sührung mancher ideellen Pläne behindert zu werden, der Gedanke in der Seele des Dichters Wurzel geschlagen, sich dieser lästigen Fesseln zu entledigen. Jedenfalls hat in der Theatergeschichte Deutschlands jenes Schauspiel für alle Zeiten eine, wenn auch noch so fragwürdige, Bedeutung tti»ngt, und bis auf den heutigen Tag erinnert die kritische Dramaturgie, welche die Rolle des getreuen Eckart der
Schaubühne gegenüber spielen will, immer wieder und wieder just an dieses ominöse Machwerk, sobald von irgend einer neuen Richtung in der Dramendichtung eine Verrohung des Geschmackes zu befürchten steht. So ist gleich dem Schreckensworte: Hannibal ante portaa bei allen kundigen Thebanern der Koulissenwelt „Der Hund des Aubry" zu einem stereotypen Warnungsruf geworden. Solche Schlagworte sollte man füglich nicht ohne Kenntnis dessen, was sie eigentlich ihrem Wesen und Ursprung nach waren, in Anwendung bringen.
Der volle Titel des Stückes, das mit drei handlungs- reichen Akten einen Theaterabend völlig ausfüllt, lautet: „Der Hund des Aubry, oder: Der Wald bei Bondy". Dem Inhalt lag eine alte französische Sage zu Grunde: 1371 hatte ein Ritter, Aubry de Montdidier mit Namen, durch Meuchelmord sein Leben eingebüßt. König Karl V., sein Beherrscher, bot alles auf, den Mörder an das Licht zu ziehen, und dies gelang endlich, als man wahrnahm, wie der Hund des Erschlagenen sich in ganz auffallender Weise gegen den Ritter Richard de Macaire benahm, und diesem gegenüber stets eine ganz unverkennbare Feindseligkeit zu Tage treten ließ. Der König, den man davon unterrichtete, ordnete an, daß ein Zweikampf zwischen Macaire und dem Hunde des Aubry stattfinden solle, um durch dessen Ausgang ein Gottesurteil zu erlangen. Dieser wunderliche Kampf zwischen Hund und Ritter fand statt und der erstere siegte.
Dieses seltsame Sujet reizte den österreichischen Dichter Ignaz Castelli, jenen jovialen Humoristen, der im vormärzlichen Wien die alte Backhändel-Gemütlichkeit als ganz eigenartigen Typus repräsentierte, zur dramatischen Bearbeitung, und gleich seinem gruseligen Melodram: „Die Waise und der Mörder" hat „Der Hund des Aubry" von
Schikaneders Bühne (dem Theater a. d. Wien) seinen Weg über die größeren und kleineren Bühnen aller deutschen Länder genommen. Auch ans der königlichen Bühne zu Berlin gelangte er — ein Jahr vor der Aufführung in Weimar — zur Darstellung. Die eigentliche Hauptrolle spielte ein dressierter Pudel und Schikaneders Kapellmeister, Ignaz Ritter von Seyfried, dessen religiöse Kompositionen auch heute noch da und dort unvergessen sind, schrieb die entsprechende Musik zu diesem Stück, das als „sensationeller Kassenmagnet" in dem zweiten Dezennium dieses Jahrhunderts überall dieselbe glänzende Rolle spielte, wie im vierten „Der brasilianische Affe", welch letzterer indes kein veritabler Vierfüßler war, sondern von einem Herrn Klischnig dargestellt wurde. Es kann hier nicht der Ort sein, über den poetischen oder theatralischen Wert des Stückes eingehender zu urteilen, allein so viel steht fest, daß „Der Hund des Aubry" schließlich kaum einen tieferen Rang in der damaligen Literatur unserer Schaubühne einnahm wie manche schlüpfrige und saloppe Komödie des Herrn von Kotzebue, die zur selbigen Zeit — auch unter Goethes Theaterleitung! — den Spielplan der deutschen Theater beherrschte. Einen klassischen Stempel hatte das Repertoire der Weimarischen Bühne eigentlich unter Goethes Intendantur garnicht. Von den 600 Stücken, die er in den 26 Jahren seines Regiments dem Publikum vorsührte, gehörten, nach den authentischen Zusammenstellungen Burkhardts, dem Lustspiel 249 und der Oper 104 an, darnach folgt das Schauspiel mit 129, das Trauerspiel mit 77, das Singspiel mit 31 und endlich die Posse mit 17 Stücken. Die zahlreichsten Wiederholungen erlebten nicht etwa die Neuheiten, mit denen Schiller und Goethe in das damalige Repertoire traten (Shakespeare ist nur mit 8 Stücken in demselben verzeichnet), sondern die Opern („Die Zauberflöte" mit 82, „Don Juan" mit


