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12.7.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 161 Zweites Blatt Mittwoch den 12. Zuli

1899

Gießener Anzeiger

Keneral-An^eiger

Bei Postbezug R Mark 50 Pf^ vierteljährlich.

AezugrpretL vierteljährlich 2 Mark 20 Pf, monatlich 75 Pf, mit Bringerlohn.

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Di« Gießener »ewWfcnHittrr »erden dem Anzeiger »dchentlich viermal beigelegt.

Amt-- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieszen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Nr. 7.

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Deutschlands und Englands Industrie.

Die Geschichte des Welthandels zeigt doch einen wunder­baren Wechsel der Machtverhältnisse der handeltreibenden Nationen, die einst den Weltmarkt beherrschten. Als nach der Entdeckung Amerikas das Mittelmeer als Centrum des Handels seine Bedeutung verlor, und sich der Welthandel nach dem Atlantischen Ozean zog, wurden die Spanier das erste Handelsvolk der Welt, das (mit den Portugiesen) den Atlantischen Ozean beherrschte. In ihren Reichen ging die Sonne nicht unter. Allmählich aber wurden die Spanier aus ihrer weltbeherrschenden Stellung verdrängt, und an ihren Platz traten die Holländer, die eine solch ungeheure Handelsthätigkeit entfalteten, daß sie sich zur reichsten Nation der Welt emporschwangen. Die Börse zu Amsterdam war die Pulsader der Welt, und die Centralstelle alles geschäft­lichen Verkehrs jener Zeit. Aber auch die Weltherrschaft der Holländer war nicht von Dauer. Sie wurde ihnen von den Engländern entrissen, die im 17. Jahrhundert die holländischen Schiffe aus den britischen Meeren vertrieben, und mit Erlaß der Cromwell'schen Navigationsakte, die u. a. vorschrieb, daß alle Waren aus Asien, Afrika und Amerika nur von englischen Schiffen eingeführt werden durften, der Weltmachtstellung der Holländer den ent­scheidenden Schlag versetzten.

Die Engländer wurden die erste Handelsnation der Welt, und haben diese Stellung bis zum heutigen Tage be­hauptet. Wird es so bleiben? Vorläufig liegen jedenfalls noch keine Anzeichen für einen starken Wandel vor. Was aber die englische Industrie betrifft, die einst als unerreichbar galt, auf der ganzen Erde die herrschende Rolle spielte, und keinen Mitbewerber neben sich aufkommen ließ, so haben die Engländer zu ihrem Leidwesen schon seit geraumer Zeit die Entdeckung machen müssen, daß es mit ihrer einstigen ausschließlichen Stellung in Handel und Industrie vorüber ist, und erfreulicherweise war es vor allem der deutsche Kaufmann, der deutsche Industrielle, der überall auf dem Erdball erfolgreich mit den Engländern den Wettbewerb aufnahm.

In mancher Beziehung herrschen über den englischen Unternehmungsgeist geteilte Meinungen, und es dürfte daher Interesse bieten, hierüber einmal ein ausländisches Urteil zu hören, wie wir ein solches in einem Londoner Briefe der Stockholmer ZeitungNya dagligt Allehanda" finden. Es ist ein Irrtum, heißt es dort, zu glauben, daß die heutigen englischen Kaufleute und Industriellen unternehmende Leute seien. Wenn die Engländer behufs wirtschaftlicher Thätig- keit im In- oder Auslande eine Menge Geld in Gesellschafts­gründungen stecken, so geschieht dies ganz einfach, um die Summen fruchtbringend zu verwerten, die von allen Teilen

der Erde, von den Kolonieen, die durch glückliche Kriege oder geschickte Politik erworben wurden, hereinströmen. Gilt es aber, in den verschiedenen Industriezweigen neue Her­stellungsmethoden anzunehmen, sich nach Geschmack und Wünschen der ausländischen Käufer zu richten, anstelle des uralten, verwickelten englischen Maß-, Gewichts- und Münz­systems das in der ganzen civilisierten Welt verbreitete Dezimal- und Melersystem anzunehmen, statt der Vorliebe für physische Kraftäußerungen, die unter dem Namen Sport gehen, den künftigen Industriellen und Kaufleuten den nötigen Unterricht und allgemeine technische Ausbildung zu geben da sind die Engländer wie auf den Kopf gefallen, und alles andere eher, als unternehmend.

Die guten Zeiten haben nicht verhindert, daß in dem offenen internationalen Wettkampf ausländische Industrielle ihre englischen Nebenbuhler selbst in der von alters her als ganz besonders englisch betrachteten Maschinenfabrikation aus dem Felde geschlagen haben. Hier ein Beispiel. In Amerika werden gegenwärtig 50 Lokomotiven für zwei eng­lische Eisenbahngesellschaften, die Midland Railway Company und die Great Northern Rw.Co., hergestellt. Die Amerikaner können billiger und schneller liefern, und ihre Lokomotiven zeigen eine den englischen überlegene Konstruktion. Ebenso bemächtigten sich deutsche und andere europäische Neben­buhler eines großen Teils der Ausfuhr Englands in Industrie- Erzeugnissen nach den eigenen Kolonien. Selbst bei Pro­dukten, die nur England glaubte herstellen zu können, ist das Ausland mit England in Wettbewerb getreten. Zu allem Ueberfluß ist auch Englands Ueberlegenheit im Schiffs­bau nur noch eine Mythe. Die Deutschen, die vor nicht zu ferner Zeit ihre Fahrzeuge in England bauen ließen, besitzen jetzt die größten und schnellsten Liniendampfer der Welt, und alle sind auf deutschen Werften, von deutschen Arbeitern, vom Kiel bis zur Mastspitze mit deutschem Material gebaut. Im Jahre 1896 baute man in Großbritannien nur einen Dampfer über lOOOO Tons, aber in Deutsch­land 4, 1897 in England nur einen über 12000 Tons, in Deutschland aber drei, und 1898 wurde in England kein Dampfer von solchem Tonnengehalt gebaut, während in Deutschland wieder drei solcher Kolosse vom Stapel liefen. Unlängst begann man in Deutschland mit dem Bau der Deutschland", von 16000 Tons und 24 Knoten Fahrt, die also an Größe und Schnelligkeit noch denKaiser Wilhelm der Große" übertreffen wird. Letzteres Schiff hat über ein Jahr lang den Record gehalten, ohne daß die Engländer auch nur den Versuch machten, ihn den Deutschen zu ent­reißen. Die vielen Millionen, die sonst von Deutschland für Schiffe nach England gingen, bleiben jetzt im Lande. Die Engländer sind unerhört langsam, sich neue Erfindungen

und Ideen anzueignen. So brauchten sie 20 Jahre, um dem Fernsprecher größere Verbreitung zu geben, aber das ganze Fernsprechnetz ist so schlecht, daß man die Lust ver­lieren kann, es zu benutzen.

Dieses Urteil klingt scharf, aber in der englischen Preffe selbst hat es nicht an Stimmen gefehlt, die den Ursachen auf den Grund zu gehen versuchen. Ein Fachblatt schreibt die vielen Niederlagen Englands auf industriellem Gebiet der konservativen Trägheit der englischen Industriellen und dem Mangel der englischen Arbeiter an Originalität zu.

K. Z.

Deutsches Reich.

Berlin, 10.Juli. Wie aus Kiel gemeldet wird, wird morgen die Kaiserin anläßlich des Geburtstages der Prinzessin Heinrich von Preußen dortselbst eintreffen und gegen Mittag nach Berchtesgaden abreisen.

Berlin, 10. Juli. Das Staatsmini st erium trat heute nachmittag 3 Uhr in seinem Dienstgebäude unter dem Vorsitz des Kultusministers vr. Bosse zu einer Sitzung zusammen.

Berlin, 10. Juli. DerReichsanzeiger" veröffentlicht das Gesetz vom Jahre 1899 betreffend Verwendung von Mitteln des Reichs-Jnvalidenfonds, ferner das Gesetz betreffend die Aufnahme einer Anleihe im Betrage von 17 215000 Mark, welche in dem zweiten Nach­trage zum Reichshaushaltsetat für das Rechnungsjahr 1899 vorgesehen sind, und das Gesetz betreffend die Handels­beziehungen zum britischen Reiche.

Berlin, 10. Juli. DerReichs-Anzeiger" veröffentlicht die Abberufung des Botschafters am italienischen Hofe, Freiherrn v. Saurma-Jeltsch und dessen Versetzung in den einstweiligen Ruhestand.

Berlin, 11. Juli. Ob erpräsi d ent v. Achenbach fi. Der Oberpräsident der Provinz Brandenburg, Staatsminister v. Achenbach, der in der vorigen Woche, wie wir gemeldet haben, einen Schlaganfall erlitt, ist gestern früh infolge eines wiederholten Schlaganfalles aus dem Leben geschieden. Der Verstorbene stand im 70. Lebensjahre Geboren am 23. November 1829 zu Saarbrücken, trat Heinrich Achenbach im Jahre 1851 nach Beendigung seiner juristischen Studien in den Staatsdienst. Als Justitiar am Oberbergamt zu Bonn habilitirte er sich dort an der Universität und wurde 1860 Professor. Im Jahre 1866 wurde er in das Handels­ministerium berufen und in demselben Jahre auch in das Abgeordnetenhaus gewählt. In den folgenden Jahren er­warb er sich um wichtige gesetzgeberische Arbeiten hervor­ragende Verdienste, u. a. um das Reichsbeamtengesetz und

Feuilleton.

Iritz Meuter.

Ein Gedeukblatt zu seinem 25jährigeu Todestage. (12 Juli 1899.)

Von Paul Pasig.

(Nachdruck verboten.)

vr. Fritz Reuter. Vormittags nicht zu sprechen." Nit welcher Enttäuschung, aber mit welchem Hochgefühl zugleich lasen wir jugendfrohe Musensöhne und begeisterte Verehrer des kerndeutschen, nordischen Dichters diese Worte auf dem glänzenden Messingschilde an der Thür von Reuters Villa bei Eisenach, von der aus man einen entzückenden Blick auf das vielbesuchte Marienthal zu Füßen hat, während seitwärts die auf hoher, waldiger Bergkuppe thronende Wartburg in den Gesichtskreis tritt. Da wir uns einmal vorgenommen hatten, wenn irgend möglich dem greisen Dichter in die treuen Augen zu schauen, so ließen wir uns durch den zarten Wink des Thürschildes, dessen Berechtigung wir übrigens, zumal während der Reisezeit, durchaus anerkennen mußten, nicht abschrecken, sondern beschlossen, am Nachmittag wiederzukommen, vorher aber der reizvollen Wartburgumgebung unfern Besuch abzustatten. Als wir dann gegen drei Uhr wiederkameu, meldete das saubere Hausmädchen, daßder Herr Doktor" im Garten fei. Wir traten ein und sahen uns bald der gedrungenen, auf Men Krückstock gestützten Gestalt des Dichters gegenüber, dec uns auf der breiten Terrasse, auf welche die Thür des Speisezimmers mündet, entgegenkam und mit beiden Hän­den herzlichst bewillkommnete. Ja, das war es leibhaftig,

das alte, liebe Gesicht, mit dem weißen, etwas struppigen Vollbarte, wie wir es von den neuesten Bildern her kannten, zwar keineswegs das, was manschön" zu nennen pflegt, weit eher das Gegenteil, aber so voll Güte und Wohlwollen, daß einem das Herz aufging, und die treuherzigen, blauen Augen blickten so vertrauenerweckend durch die blanken Brillengläser hindurch, als wollten sie sagen: Nur nicht so zaghaft, junger Mann! Trotz meines weißen Haares bin ich noch einer der Euren geblieben!" Und das zeigte sich auch während der allerdings leider nur kurzen Unter­haltung, die wir mit dem liebenswürdigen Hausherrn pflogen, der sogleichsin Lowising", seine erprobte Gattin, herbeigeholt hatte, um uns Musensöhne als seinetreuesten Freunde" vorzustellen. Wovon wir sprachen, während wir von der Terrasse unsere wundernden Blicke Über das bezaubernd schöne Landschaftsbild vor uns gleiten ließen? Von allem andern, nur nicht von unseres Dichters Werken, der, wie uns wohlbekannt war, ein abgesagter Feind jeder Schmeicheleien und alles Weihrauchstreuens war. Aber wenn er von seinem trauten Heim erzählte, das ihm sein unermüdlicher Schaffenseifer mitgebracht hatte, da wußte er nicht genug Worte des Dankes für dielieben guten Freunde" zu finden, die durch ihr reges Interesse an seinen Schöpfungen ihm die Erfüllung dieses seines größten Wunsches ermöglicht hatten.

Im Jahre 1853 der Dichter ist am 7. Novem­ber 1810 in Stavenhagen geboren, studierte Jurisprudenz in Jena und Rostock, wurde 1833 in Berlin als Burschen­schafter verhaftet und zum Tode verurteilt, aber zu 30 Jahren Festung begnadigt, bis die Amnestie vom Jahre 1840 den fast verzweifelnden Freiheitsschwärmer der Oeffentlichkeit wieder zurückgab war es, als der unbeachtete Privatlehrer,

dem alle Versuche zur Wiederaufnahme des Studiums, zum Ergreifen der landwirtschaftlichen Karriere u. a. m. fehlge­schlagen waren, in Gemeinschaft mit seinem Weibe fein Erstlingswerk:Läuschen und Rimels" (d. h. Gereimte Schnurren) in die Welt hinaussandte, wozu ihnen Justtzrat Schröder in Treptow, ein erprobter Freund, Mut gemacht hatte.Dor laag denn nu in de ein Stubeneck en groten Hümpel Säufer un de Dichter un sin Lowising stünd'n an'n Disch un matten lute lütte Bäukerpackets un drogen se mit sworen Harten up de Post un talten bat grnglich vele Porto dorför un schickten de Läuschen un Rimels an de Baukhändlers in Meckelnborg un Pommern un ehr Upstahn un ehr Liggengahn was; Ob't woll glückt? Ob de leiw Herrgott sinen Segen un Sün'nschin dortau giwt? Ob dat Bank woll Einer köfft? Ob am End nich de Baukhändlers uns de Läuschen und Rimels wedder in't Hus schicken und toi noch ein Mal dat grnglich vele Porto dorför talen möten?" Aber der Erfolg der im Selbstverläge erschienenen Dichtungen war ein wider Erwarten großer, und nach zehn Jahren bereits konnte Reuter dem Gedanken an ein eigenes Heim in grüner Waldeinsamkeit, wie er es sich so oft geträumt hatte, näher treten, zumal da der über Nacht populär und berühmt gewordene Dichter nach diesem besten Erfolge nicht müde ward, auf der so verheißungsvoll eingeschlagenen Bahn mecklenburgischer Dialektdichtung weiter fortzuschreiten. Es folgten:De Reis'nah Belligen" (1855),Polterabendgedichte" (1855), zwei Lustspiele: Der 1. April 1856 oder Onkel Jack und Onkel Jochen" und:Blücher in Teterow" (1827),Läuschen und Rimels neue Folge" (1858),Kein Hüsung" (1858),Olle Kamellen" (1860),Hanne Räte" (1860),Schurr-Murr" (1861),Ut mine Stromtid,, (186264), sein populärstes Werk,Ut nune