Ausgabe 
12.7.1899 Erstes Blatt
 
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Nr. 161 Erstes Blatt. Mittwoch den 12. Juli

IS99

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Aamt<te«rrstter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.

Rebottion, Expedition und Druckerei:

Kchukstra^e Ar. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Ktätter für hessische Volkskunde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieje».

Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Feil.

Gießen, 7. Juli 1899.

Betr.: Die Vertilgung der Eichhörnchen und raben­artigen Vögel.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 3. Mai ds. Js., Anzeiger Nr. 117 und 118, fordern wir Sie zur berichtlichen Anzeige auf, wieviel Tiere (nach einzelnen Arten getrennt) geschossen und abgeliefert worden sind.

v. Bechtold.

Das friedliche Ende der Transvaalkrise.

DieMünchener Neuest. Nachr." schreiben:

Nach einer Meldung aus Pretoria vom 5. Juli abends sind Frieden und Kompromiß nunmehr formell und zweifellos gesichert. Die Konferenz zwischen Hofmeyr und Holdt einerseits und dem Präsidenten Krüger sowie der Transvaal-Regierung anderseits ist soeben zum Abschluß gekommen und hat zur Regelung der Einzelheiten der bereits vorher in ihren Grundzügen feftgelegten Verständigung geführt.

Präsident Krüger und die Mitglieder der Transvaal- Regierung haben weitere sehr weitgehende Zugeständnisse gemacht, welche sich im großen Ganzen mit den von Herrn Fischer unterbreiteten Vorschlägen decken. Das Einverständnis mit dem Ministerium des Kaplandes und der Regierung des Oranjestaates ist nunmehr vollständig, wie die Trans­vaal-Regierung nun auch auf die moralische Unterstützung der ganzen zivilisierten Welt zuverlässig rechnet. Herr Hofmeyr übernahm die Verpflichtung, das vereinbarte Kom­promiß durch Vermittlung des Kapministeriums, bezw. Sir Alfred Milners in London zur Annahme zu bringen. Es heißt, daß der Oberkommissar der britischen Regierung vorher sein Einverständnis mit den Fischer'schen Vorschlägen gegeben habe. Zuverlässige Einzelheiten sind noch nicht zu erlangen, da alle Beteiligten sich zu strenger Geheimhaltung ver­pflichtet haben, bis das Ergebnis der Konferenz dem Raade vorgelegt und von diesem genehmigt worden sei. Die Raads- versammlung trat am 6. Juli zusammen; es besteht kein Zweifel, daß sie in kurzer Beratung die gefaßten Beschlüsse genehmigt. Die Mehrheit der Raadsabgeordneten hat nach Erwägung der Lage schon am 5. Juli Präsident Krüger wissen lassen, daß sie entschlossen sei, die Regierung durchaus zu unterstützen und daß der Präsident völlig freie Hand bezüglich der Unterhandlungen habe. Eine Anzahl Buren­versammlungen im Lande faßte ähnliche Beschlüsse.

Der Oranje-Freistaat-Raad beschloß seine Session am Mittwoch mit folgender bemerkenswerten Ansprache des Präsidenten Stejn:

Ich flehe zu Gott, daß das Transvaal die Frage in friedliche Wege zu lenken vermöge; wenn doch Krieg aus­

bricht, so weiß der Allmächtige, daß das Transvaal keine Schuld trifft. Wir alle können auf Gott in dem Kampfe um die Freiheit Südafrikas rechnen!"

Natürlich ist Präsident Krüger nicht der Mann, sich, sein Volk und sein Land dem Gegner in die Hände zu liefern. Die dem Raade vorgeschlagene Vermehrung der Abgeordnetensitze von 28 auf 47 ist nur in bedingter Weise eine Erfüllung der extremen Uitlander Forderungen. Denn wenn auch Johannesburg dadurch 3 Sitze im Raade erhält, so steht dem eine Vermehrung der Burenmandate um 16 gegenüber. Bisher war das Land in 25 Wahlkreise geteilt, von denen 5 je 2, die übrigen 18 je 1 Abgeordneten wählten. Zukünftig sollen die letzteren je zwei Deputierte zum Raade entsenden, und außerdem die Hauptstadt Pretoria einen weiteren Abgeordneten erhalten. Auch diese Maßregel ist ein die Überlegenheit der Burenpolitik zeigender geschickter Schachzug. Präsident Krüger bewilligte mit der einen Hand die geforderte Vermehrung der Johannesburger Sitze im Raade, stärkt aber gleichzeitig in formell gerechter und ein­wandfreier Weise den Einfluß der Buren im Parlamente, und schützt diese dadurch vor der gefürchteten Majorisierung durch die Uitlanders, selbst für den Fall, daß diese plötzlich und in bedeutender Anzahl das volle Bürger- und Stimm­recht erlangen sollten. Diese Maßregel ist anscheinend nur der Vorläufer der von Krüger angekündigten weiteren Kon« Zessionen. Bereits verlautet, daß Präsident Krüger den Goldgrubendistrikten eine weitere Ausdehnung ihrer parla­mentarischen Vertretung gewähren wolle, was er nun auch ungefährdet thuu kann.

Den Ausgleich zu hintertreiben, haben die extremen Uitlanders noch im letzten Augenblicke alle Hebel in Be­wegung gesetzt. Das Agitationskomitee der Johannesburger Jingos hat unter dem TitelUitlander Charter" fünfzehn Forderungen aufgestellt, die für das Transvaal unannehm­bar, weil praktisch einfach undurchführbar, waren, und somit lediglich als eine Provokation und ein Mittel, jede Ver­ständigung zu hintertreiben, und die Buren zum äußersten Widerstande zu reizen, aufgefaßt werden mußten. Durch die neueste Wendung sind diese wie andere Hetzereien vor- läufig gegenstandslos geworden.

Nach derStandard"-Meldung besteht der Inhalt des Abkommens darin, allen Ausländern, die sich vor 1880 in Transvaal niedergelassen haben, das Wahlrecht sofort zu verleihen, allen anderen aber nach einem Zeiträume von sieben Jahren. Die Bestimmungen sollen rückwirkende Kraft haben. Einzelne Punkte des Abkommens scheinen noch nicht völlig festzustehen. Wie es heißt, giebt man sich in Eng­land teilweise noch der Hoffnung hin, Präsident Krüger werde sich durchPression" noch zu einigen weiteren Zu­geständnissen in Details bewegen lassen. An dem Gesamt- Resultat wird dadurch nichts geändert werden, beiderseits hat man die Kraft des gegnerischen Willens bis an die Grenze eines Bruches erprobt.

Ob der hergestellte Friede von Dauer sein wird, läßt sich zur Zeit allerdings nicht absehen. Trotz des erfolgten

Dementis ist kein Zweifel, daß England seine militärische Situation in Südafrika wesentlich zu stärken beabsichtigt, um in dieser Beziehung nicht hinter der Südafrikanischen Republik zurückzustehen. Bei dem zur Zeit bestehenden Ver­hältnis der Kräfte hielt man selbst eine Offensive der Trans­vaal-Armee nicht für aussichtslos. Heber die beabsichtigten Verstärkungen wird gemeldet: London, 7. Juli. Der Zweck der bisherigen militärischen Schritte ist, die Schlagfertigkeit und Beweglichkeit der Truppen in Südafrika zu Verteidi­gungszwecken zu erhöhen. Der Kommandierende in der Kapkolonie ist ermächtigt, die Vorkehrungen zum Trans­porte der Truppen zu vervollständigen und zu vervoll­kommnen. Eine Anzahl Offiziere des Spezialdienstes hat Befehl erhalten, nach dem Kap zu gehen, um die militärische Organisation der Einwohnerschaft und der Polizeitruppen, sowie der Streitkräfte, die sich an verschiedenen Grenzpunkten befinden, zu vervollkommnen. Feldmarschall Wolseley ist beauftragt worden, die Aufstellung und Zusammenstellung einer größeren Streitmacht durchzuführen, die nach Süd­afrika gesandt werden soll, falls die Verhandlungen mit Transvaal erfolglos sind. Die Ausführung der geplanten Maßregeln wird jedenfalls einen längeren Zeitraum in An­spruch nehmen. Ob England sich mit dem Erreichten be­gnügen wird, wenn es durch umfassende Vorbereitungen sich in der Lage glaubt, auch weitergehende Ansprüche durchzu­setzen, bleibt abzuwarten.

Arbeitslosigkeit.

Kaum eine andere wirtschaftliche oder sozialpolitische Frage erfährt eine so verschiedene Beurteilung wie die Frage der Arbeitslosigkeit. Während die einen das Vor­handensein einer wirklichen Arbeitslosigkeit für' die Gegen­wart überhaupt leugnen, betrachten dagegen die andern eine solche geradezu als notwendige, sich womöglich noch stetig steigernde Begleit-Erscheinung modernen Wirtschafts-Lebens. Eine einigermaßen befriedigende Einsicht in das ganze Problem aber läßt sich nur erzielen, wenn man zwischen den verschiedenen Ursachen der Arbeitslosigkeit und den ver­schiedenen Klassen der Arbeitslosen richtig unterscheidet.

Einen sehr schätzbaren Versuch in dieser Richtung hat Dr. Brösike vor längerer Zeit bereits in derZeitschrift des Königlichen Statistischen Büreaus" unter ebenso gründ­licher wie vorsichtiger Benutzung des Materials der beiden Arbeitslosen - Zählungen vom 14. Juni und 2. Dezember 1895 gemacht. Dr. Brösike unterscheidet dreierlei verschiedene Ursachen der Arbeitslosigkeit: volkswirtschaftliche, betriebs­technische und soziale. Unter den volkswirtschaftlichen Ur­sachen versteht er im wesentlichen die durch Krisen bedingten. Betriebstechnische Ursachen sind Ursachen, die auf regelmäßig wiederkehrenden, in der Natur bestimmter Geschäftsbetriebe wurzelnden Thatsachen beruhen, wie solche beispielsweise in derstillen Zeit" der sogenannten Saison- und Kampagne- Betriebe gegeben sind. Den Begriff der sozialen Ursachen endlich faßt unser Gewährsmann sehr weit, indem er sowohl allgemeine Entwickelungs - Thatsachen, wie Uebervölkerung

ZUM Hoelße Iuöisäum in Hießen.

Am 28. August dieses Jahres erfüllen sich anderthalb Jahrhunderte seit Goethe's Geburt. Die Vaterstadt Frank­furt rüstet eine Feier, am Niederrhein ist die Reihe drama­tischer Festspiele schon eingeleitet, und Straßburg wird allen Hemmnissen zum Trotz sein Denkmal erringen. Wir sind weit entfernt, die Wirksamkeit öffentlicher Veranstaltungen zu überschätzen in der stillen Dankbarkeit stetiger Leser bleibt das Andenken des Dichters am sichersten geborgen. Nötig und nützlich aber für uns und kommende Geschlechter scheint die äußere Kennzeichnung der Stätten, wo Goethe Bedeutendes erlebte. Solch eine Stätte ist das Höpfner- Haus in den Neuen Säuen.*)

Goethe hat die Gießener Begegnung einer ausführlichen Schilderung inDichtung und Wahrheit" gewürdigt; die Bewohner Gießens sollen das Ereignis einer schlichten Tafel nicht unwert erachten.

Jener Besuch Goethe's bei Höpfner im August 1772 war mehr als Episode. Ein reisender Student stellt demütig-drollig dem Professor sich vor, und demaskiert sich mit den Worten:Ich bin Goethe! Verzeihen Sie mir meine Possen, lieber Höpfner, aber ich weiß, daß man bei der gewöhnlichen Art, durch einen dritten miteinander be-

*) Eckhaus der Sonnenstraße.

fannt gemacht zu werden, lange sich gegenüber steif und fremd bleibt, und da dachte ich, wollte ich in Ihre Freund­schaft lieber mit beiden Füßen hineinspringen."

Höpfner wurde Mitarbeiter derFrankfurter Gelehrten- Anzeigen" er freute sich hier einmal des litterarischen Verkehrs mit ebenbürtigen Geistern in Gießen hat sein zartes Gemüt schwer gelitten unter akademischer Barbarei.

Wär's nicht um Goethe, den zu loben Vermessenheit ist, Julius Höpfners Name verlangt für sich einen Denk­stein. Der Genosse der Geniezeit, der Klopstocks Oden zum Entzücken ihres Dichters vortrug, der weiche Mann, der beim Gesang Gellert'scher Lieder im grünen Walde gefühl­voll Thränen vergoß, der sentimentale Korrespondent bleibt als Jurist unvergessen; kein Rufer im Streit, kein Richtung gebender Genius, ein Gelehrter, der vorwärts schaute, in trübseliger Gegenwart der besseren Zukunft gewiß. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war die römische Jurisprudenz erstarrt in orthodoxer Auslegung des Codex, das Naturrecht deduzierte a prioridie Zwangsgesetze der menschlichen Gemeinschaft". Höpfner gelangte nicht zu genetischer Einsicht des Ueberfommenen, die zu Gegenwart und Wirklichkeit die Brücke schlägt aber wie er vom Hergebrachten behutsam sich löst, weist er zu neuen Zielen.

Sein Jnstitutionen-Kommentar und sein Lehrbuch des Naturrechts wurden oft aufgelegt und viel gerühmt.

Klare Gedanken in durchsichtiger Ordnung und ge­drungenem Stil boten den Lernenden gefällig sich an. Höpfner prunkt nicht mit Zitaten und wendet sich ab von einer Gelehrsamkeit, die ihr Genüge fand im Wust des Stoffes und im Schwulst des Ausdrucks.Es konnte nichts auf ihn wirken, was nicht mit einem sinnlichen Reiz ver­bunden war oder durch systematischen Zusammenhang ihm haltbarer wurde." Eine feine Natur, universell gebildet und universell empfindsam, Nationalist zugleich, und eine schöne Seele, antwortet er allem, was sein Zeitalter be­wegt, und verpflichtet die Nachwelt seinem Gedächtnis.

Vor zwei Jahren ist Höpfners hundertster Todestag ohne Erinnerung vorübergegangen. Wird man zum Goethe- Jubiläum die Tafel am Höpfnerhaus enthüllen?

Und die Inschrift? Hier ein Vorschlag, ganz un­maßgeblich :

In diesem Hause wohnte Julius Höpfner, Profeffor der Rechte, geboren 3. November 1743, gest. 2. April 1797.

Hier besuchte ihn Goethe im August 1772.

F.