Ausgabe 
12.3.1899 Viertes Blatt
 
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mit dem Maßstab ihres Erstlingswerkes messen. Gewöhnlich ist es dasjenige, welches wir am ungernsten missen würden, weil es uns den freisten Einblick in die Entwicklung des Dichters gestattet. Aber thatsächlich hat sich das Publikum so und so oft diese Ungerechtigkeit zu schulden kommen lassen. Es war ein Verhängnis für Grabbe, daß er aus dem himmelstürmenden Titanismus seinesHerzog Goth- lanv" nicht herausgekommen ist. Friedrich Bodenstedt ist sein ganzes Leben hindurch der Dichter derLieder der Mirza Schaffy" geblieben; er durfte schreiben, was er wollte, immer wieder verlangte das Publikum von ihm die seichte Philosophie eines Handlungsreisenden. Otto Roquette ist an dem Erfolg vonWaldmeisters Brautfahrt" gestorben. Und um auch hier ein Beispiel aus unseren Tagen einzu­streuen : Max Halbe wird stets und ständig der Dichter der Jugend" bleiben, weil hier seine starke Begabung für ly­rische Stimmungen am ungetrübtesten hervortrat, und weil er nie wieder so aus tiefster Seele schuf und mit vollem Herzen ans Werk ging.

Ich werde zu ausführlich. Ich wollte von einem Erst­lingswerk erzählen, das am Gießener Stadttheater seine Feuerprobe bestehen soll, dem bürgerlichen Trauerspiel Frau Marie" von Eduard Eugen Ritter. Die Versuchung liegt nahe, den Inhalt des Dramas vorzuführen, weil man ihm so am besten beikommen kann. Aber ich weiß nicht, ob dem Publikum und dem Autor mit einer peinlichen Zer­gliederung gedient ist; dem Publikum nicht, weil dadurch sein stoffliches Interesse vermindert wird, dem Autor nicht, weil das Publikum in einem solchen Falle nicht mehr unbeeinflußt

ist. Aber, wird man mir sagen, was hat es für einen Zweck, über ein Drama zu sprechen vor einem Publikum, das dessen Inhalt nicht kennt? Das ist gerade so als ob man einem, der die Noten nicht kennt, von der Schönheit eines Musikstückes vorreden wollte, und es wäre doch so einfach, sich ans Klavier zu setzen und es ihm vorzuspielen. Ich lasse diesen Einwand gelten, aber ich möchte doch dem Autor nicht vorgreifen und will sein bürgerliches Trauerspiel auf eine unbefangene Gemeinde wirken lassen. Dies scheint mir hier um so gebotener, weil ein Hauptreiz des Stückes im Stoff liegt. Er mag wohl aus dem Leben gegriffen sein, das mit der fabelhaften Fülle seiner Motive die fabelhafteste Dichterphantasie hinter sich läßt. Das Vorkommen eines Geschehnisses im Leben braucht deshalb noch lange nicht für die Bühne geeignet zu sein, ja es giebt Stoffe, die eben weil ihnen zu sehr die Erdenschwere anhaftet, der dichterischen Behandlung spotten. Aber das Problem, mit dem sich Ritter in seinem bürgerlichen Trauerspiel befaßt hat, ist in den letzten Jahren oft gestreift worden. Darin erblicke ich einen Beweis, daß der Stoff das Lampen­licht verträgt, wie ja in letzter Linie alles auf die Art der Behandlung, nichts auf den rohen Stoff ankommt. Es ist kein Kunststück, den Inhalt einiger anerkannter Meister­werke der Weltliteratur so zu erzählen, daß ein biederer Philister dabei in Andacht versinkt, z. B. des Sophoklei'schen Oedipus, des Faust, der Braut von Messina. Ritter hat seinen Stoff mit heißem Bemühen, ohne jegliche Frivolität zu gestalten versucht; nur scheint es, als ob ihm zu viele literarische Reminiscenzen haften geblieben seien. Wie in

Ausland.

Wien, 10. März. Das seit kurzem wieder arbeitsfähig gewordene ungarische Abgeordnetenhaus hat das einjährige Ausgleichsprovisorium mit Oesterreich ohne Er­örterung unverändert angenommen. Vorher hatte der Ministerpräsident von Szell erklärt, er sei ein aufrichtiger Anhänger der Zollgemeinschaft mit Oesterreich; infolgedessen sei er entschlossen, auf vertragsmäßigem Wege, wie es das Grundgesetz des Dualismus vorschreibe, die Zollgemeinschaft aufrecht zu erhalten. Sollte sich jedoch die Regelung der wirtschaftlichen Beziehungen mit Oesterreich auf vertrags­mäßigem Wege als unmöglich erweisen, so werde die Re­gierung dem wesentlichen Inhalt des jetzigen Zoll- und Handelsbündnisses mit der Begrenzung auf das Jahr 1903, bezw. 1904, durch einseitige Verfügung mit Anwendung der Reziprozitätsklausel Gesetzeskraft verleihen und ihn ins Leben treten lassen.

Rom, 10. März Die Leibärzte Dr. Mazzoni und Lapponi erklären die Nachricht, daß der Papst an Alters­brand leide, völlig erfunden. Der Papst nehme so reichlich Nahrung zu sich, wie seit langer Zeit nicht mehr. Mazzoni untersuchte soeben die Wunde und fand ihren Zustand aus­gezeichnet. Der Papst werde nach kurzer Zeit die Empfänge wieder aufnehmen können.

Die englische Admiralität hat für das Dock Calliope in Auckland, Neu-Seeland, einen jährlichen Zuschuß von 4,244 Sterl. auf die Dauer von 30 Jahren bewilligt.

M.P.C. Rußland. Wintermanöver im Kaukasus. Nachstehende Bestimmungen bezüglich der im Winter ab­zuhaltenden Hebungen sind den im Kaukasus stehenden Truppen zugegangeu: Obgleich die Grundzüge des Feld­dienstes zu allen Jahreszeiten dieselben bleiben, so bringt doch der Winter Verhältnisse mit sich, die den Truppen, die nicht mit ihnen vertraut sind, leicht gefährlich werden können. Benutzung des Geländes, Märsche, Angriff und Verfolgung, Besetzen von Stellungen und deren Befestigung mit Schnee oder Eis, Einrichtung der Biwaks, sind Sachen, welche sich nur durch praktische Erfahrungen im Winter lernen lassen. Es sollen daher zu Hebungen zusammen- gestellt werden: zwei kriegsstarke Infanterie-Bataillone,

Sonntag den 12. März

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Viertes Blatt.

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Gießener Anzeiger

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1883

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sprach sich der Besucher, welcher der Firma Silberbauer, Le Sueur, Wahl u. Fuller angehört, sehr lobend über den Eisenbahn- und Moleubau aus, so daß man in der That mit dieser Beurteilung der Verhältniffe Südwestafrikas zu­frieden sein kann, zumal wenn man in Betracht zieht, daß sie in einem durchaus deutsch feindlichen Blatte Aufnahme gefunden hat. Aus dem Interview geht jedenfalls hervor, daß in der Kapkolonie die merkwürdigsten Geschichten über die^Rechtsprechung und Gesetzgebung in Südwestafrika im Schwünge waren.

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nach dem Etat außer Wohnungsgeldzuschuß und Servis eine wandelbare, d. h.eine Zulage bis zu . . . Mk." zu­ständig ist, neben dem Gesamtbeträge der Gebührnisse der Stelle die jährlich steigende Pension nur bis zur Erreichung des von der Pensionierung bezogenen pensionsfähigen Diensteinkommens zu beanspruchen." Es bestehen also hiernach zwei Kategorien im aktiven Dienst wieder verwendeter pensionierter Offiziere, je nachdem der Etat eine feste oder wandelbare Zulage ausgeworfen hat. Zu den ersteren Stellen gehören beispielsweise die der Be­zirkskommandeure, zu den letzteren die der bei den General­kommandos wieder verwendeten Offiziere. Warum der eine besser gestellt werden muß, als der andere, dafür ist ein Grund nicht ersichtlich. Mann kann nur wünschen, daß bei der durch die Resolution in Aussicht genommenen Neu­regelung auch dieser durch nichts gerechtfertigte Hnterschied verschwindet.

Aus Südwestafrika. Die jungen Mädchen, welche mit Hnterstützung der Deutschen Kolonialgesellschaft nach Südwestafrika geschickt worden sind, sind am 25. Dezember in Swakopmund angekommen und haben ihre Bestimmungsorte glücklich erreicht. Acht von ihnen, die Stellungen in Windhoek angenommen haben, trafen am 10. Januar wohlbehalten in Windhoek ein.

DieCape Times", eines der verbissensten Jingoblätter, welches stets nur Hohn und Verachtung für die deutschen Bestrebungen in Südwestafrika hatte, muß doch jetzt eingestehen, daß die Deutschen dort besser sind, als ihr Ruf. Das Mitglied einer kapländischen Firma, welches kürzlich in Minenangelegenheiteu Südwestafrika be­sucht hatte, wurde nämlich nach seiner Rückkehr interviewt und sprach sich vor allem äußerst lobend aus über die Höf­lichkeit, mit der ihm seitens aller Beamten im Schutzgebiete begegnet worden sei. Der Eindruck, den er von dem Lande mit Bezug auf seinen Mineralreichtum empfangen habe, sei äußerst günstig und auch als großartiges Weideland habe Südwestafrika eine Zukunft. Die Rinderpest ist nach seiner Ansicht vollkommen überwunden, und das Land gewinnt seinen früheren Ruf als erstes Viehzuchtgebiet von Süd­afrika wieder. Eine hervorragende Eigentümlichkeit, welche ganz besonders dem Besucher auffiel, war die gegenwärtige Politik der Regierung, daß sie nämlich gleiche Rechte und Chancen allen Neuankommenden und zwar ohne Rücksicht auf Nationalität zubilligte. Die Negierung sei durchaus entschlossen, jede nur mögliche Hnterstützung den Unter» nehmungen zu geben, welche die Entwicklung der Kolonie im Auge hätten. Der Besucher konstatierte ferner, daß das fast militärische Regierungssystem, an welchem manche Kap- kolonisten Anstoß zu nehmen schienen, in keiner Weise eine freie und unparteiische Rechtsprechung, ohne Rücksicht auf Glauben oder Herstammung, beeinträchtige, oder die zu­friedenstellende Erledigung der Geschäfte hindere. Ferner

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Deutsches Reich.

Berlin, 10. März. Welche Härten und Ungleich­heiten die Militärpensionsgesetze in sich schließen, ist bei der Beratung des Allgemeinen Pensionsfonds und des Reichs- Jnvalidensonds in der Sitzung des Reichstages am 6. März Dom Abgeordneten Grafen Roon an einem Beispiele schlagend bewiesen. Ein im aktiven Dienst wieder verwendeter Offizier hatte sich durch sechsjährige Dienstzeit seine Pension um volle 67 Mk. sage und schreibe 67 Mk. erhöht. Derselbe Offizier wurde im statistischen Amt angestellt, wo er es nun, im Alter von 67 Jahren, zum Sekretariats- Assistenten gebracht hat, man kann sich denken, mit welch geringem Gehalt; und dabei wird ihm dauernd seine Pension darauf angerechnet, er darf nie über fein altes Dienstein- fommen, das er vor 24 Jahren als Hauptmann hatte, hm ausgelangen. Während den im Staatsdienst angestellten ehemaligen Offizieren die Pension angerechnet wird, sobald sie ihr altes Diensteinkommen als Offizier erreicht haben, beziehen die im Kommunaldienst Angestellten ihre Pension siels weiter, unbeschadet der Höhe ihres Gesamteinkommens. Infolgedessen wenden sich jetzt viele tüchtige verabschiedete Offiziere lieber der Kommunal- statt der Staatsverwaltung zu, was nicht im Interesse des Staates liegen kann. Diese Ungleichheit in der Behandlung der verabschiedeten Offiziere zu beseitigen, bezwecke die in derselben Sitzung hierzu ein» gebrachte und vom Reichstag unter Beifall einstimmig an­genommene Resolution. Diese Resolution spricht aber merk­würdigerweise nur von der Belastung der Pension beim Zivildiensteinkommen. Nun sind aber eine große Menge pensionierter Offiziere auch in etatsmäßigen Stellen der Heeresverwaltung wieder verwendet, und es darf wohl als selbstverständlich gelten, daß sie unter die beantragten Ver­günstigungen ausgenommen werden, da sie sonst den einzigen pensionierten Offiziere bleiben würden, denen diese nicht zu­teil würden. Bei diesen im aktiven Dienst wiederverwen­deten Offizieren liegt augenblicklich die Sache noch merk­würdiger, indem bei einem Teil derselben die jährlich steigende Pension gezahlt wird, ohne Rücksicht auf das frühere Dienst- einkornrnen, während sie bei einem anderen Teil einbehalten wird, sobald das alte Diensteinkommen erreicht ist. In der tom Kriegsministerium herausgegebenenZusammenstellung bei Militärpensionsgesetze" findet sich hierüber auf S. 26, Ziffer 10, folgende Bemerkung:Von den durch Wieder­verwendung im aktiven Dienst zur Pensionssteigerung be­rechtigten pensionierten Offizieren u. s. w. beziehen diejenigen, welchen in ihren Stellungen nach dem Etat außer Wohnungs­geldzuschuß und Servis eine feste Zulage zuständig ist, neben diesen Gebührnissen ihre alljährlich steigende Pension ohne Rücksicht auf die Höhe des vor der Pensionierung bezogenen Oiensteinkommens unbeschränkt weiter. Dagegen haben die­jenigen pensionierten Offiziere, welchen in ihren Stellungen

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Feuilleton.

Irau Marie.

öirgerliches Trauerspiel in 3 Akten von Eduard Eugen Ritter- (Erste Aufführung am Gießener Stadttheater).

In einem feiner feinsinnigen, tiefgründigen Essays hat Herman Grimm den Ausspruch gethan:Es geht nichts über die Stimme eines Menschen, der aus tiefster Seele das ausspricht, was er für wahr hält". Nirgends aber hat die Stimme des Menschen das redliche Bemühen, das auszu- fpirechen, was er für wahr hält, als in einem Erstlingswerk. Ein jedes Erstlingswerk trägt die unverkennbaren Spuren feines Schöpfers an sich. Es wird immer ein Gefäß werden siür die persönlichen Anschauungen des Autors, die nach dem sm deckenden Ausdruck ringen. Gerade bei dramatischen Schöpfungen läßt sich dies deutlich beobachten. Goethe w»ar in keinem späteren Drama so sehr in den Banden des Sturms und Drangs als in der Geschichte des Gottfried v»n Berlichingen. Schiller hat nie wieder eine urwüchsigere Sprache geredet als in den Räubern, da er seinen Bann /In tyrannos" hinausschleuderte.

Hebbel hat die lodernde Rhetorik seines Erstlings, der .Judith", nicht wieder erreicht. Hnd um ein Beispiel aus Hinferen Tagen anzureihen: Gerhart Hauptmann hat soziale Mißstände nicht wieder so rücksichtslos, aber so mit tiefster Seele Anteil nehmend, aufgedeckt wie inVor Sonnenauf- 90ang". Es wäre ungerecht, wollte man die Dichter stets