Nr. 611 Erstes Blatt.
Sonntag den 12. März
1899
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AmtlicherIell.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 ßber die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert, pro Monat Nebrrrar 1899 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg. betragen:
Hafer Mk. 16,90, Heu Mk. 6,30, Stroh Mk. 4,70.
Gießen, den 6. März 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Nachdem unter dem Rindvieh und den Schafen zu Laubach, Kreis Schotten, die Maul- und Klauenseuche amtlich festgestellt worden ist, iji über tic stuchten Gehöfte und über die Gemarkung Laubach die Sperre angeordnet worden. .
Gießen, den 10. März 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Zwicker, 2 Laschenmesser, 1 Muff, 1 Regenschirm, 1 Halstuch, 1 Paar Strümpfe, 1 Sack mit Waschklammern, 1 Schulbuch, 1 Wagen- kctte und 1 Laterna magica.
Gießen, den 11. März 1899.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
____________' Muhl.
Politische Wochenschau.
Als die Ernennung des Prinzen Heinrich zum Chef ieS ostasiatischen Geschwaders bekannt wurde, da galt es -in manchen Kreisen für sicher, daß der Admiral von Dietrichs in Ungnade gefallen sei, weil er vor Manila lic Regeln des internationalen Codex verletzt habe. Dem wird nunmehr offiziell widersprochen. Eine weitere offizielle Kundgebung teilt mit, daß über die Vorgänge auf Samoa demnächst ein amtlicher Bericht gegeben werden solle. Das ist auch die höchste Zeit, da eigentlich niemand wußte, doran er war: ob wirklich der deutsche Konsul gefehlt ober szb England und Nordamerika einen Vergewaltigungsakt iegangen haben. — Die Regierung soll mit dem Resultat i jec Beratung der Militärvorlage nicht zufrieden sein; aller Wahrscheinlichkeit nach wird das Zentrum aber noch mit fh reden lassen und die Regierung befriedigen.
Im Aus lande war es im Laufe der letzten Woche jumlich still. Die englische Regierung hat dem Parlamente fkanntlich einen umfangreichen Flottenvermehrungsplan «orgelegt, den Herr Goschen in längerer Rede begründete. Interessant ist die Bemerkung, daß, falls der Abrüstungs- ■jlm des Zaren Gestalt gewinne, England bereit sei, auf Flottenvermehrung ganz oder teilweise zu verzichten, es dazu freilich jemals kommen wird, erscheint sehr siiglich.
Die Beziehungen Italiens zu China haben sich noch «iht geklärt, wenigstens ist bis zu dem Augenblick, in sichern wir dieses schreiben, die Zustimmung des Tsung-li- JJjttten zur Besetzung eines Teils der chinesischen Gebiete ckirch Italien nicht erfolgt. Wir haben darüber vor einigen ligen ausführlich geschrieben, so daß wir uns jetzt weiteres -aiparen können.
Was sollen wir von Frankreich mitteilen? Allem Inschein nach herrscht dort völlige politische Windstille. Ibrr unsere Meinung bleibt nach wie vor, daß die Leiden- $a|ften nur schlummern.
Die Erkrankung des Papstes ist zum Stillstand ge- -fommen, womit freilich nicht gesagt sein soll, daß alle chesaihr vorüber ist. Bei dem Alter des hohen Patienten ist vielmehr einiger Pessimismus nicht unberechtigt.
Noch eine Erkrankung einer fürstlichen Person hat im £au‘fe dieser Tage von sich reden gemacht: diejenige der SoKttgin von Belgien. Allen Befürchtungen zum Iro-'j ist deren Befinden ein besseres geworden, und man darf chsfi'rn, daß die Königin ihrem Lande erhalten bleibt.
(xx)
Deutscher Reichstag.
53. Sitzung vom 10. März. 1 Uhr.
Am Bundesratstische: Kolonialdirektor v. Buchka.
Tagesordnung: Kolonialetat. Etat fürDentsch- Ost-Afrika.
Abg. Bebel (Soz.) erwähnt zunächst die Peters'sche Broschüre, um eine Angabe derselben — daß er selbst bei seinen Angriffen auf Peters mit Eugen Wolff, unter einer Decke gesteckt habe — als völlig unwahr zu bezeichnen. Weiter kommt Redner auf die Baumaun'schen Veröffentlichungen, die „Galgenskizzen" aus Ostafrika zu sprechen.
Kolonialdirektor v. Buchka erklärt bezüglich der Broschüre Peters', die Postverwaltung habe wegen der unqualifizierbaren Beschuldigungen Peters Strafantrag gegen denselben gestellt. Er selbst habe es für unnötig gehalten, ebenfalls Strafantrag zu stellen, denn die Angriffe Peters fielen in sich zusammen. Die Pacifikation in Ostafrika fei im großen und ganzen durchgeführt, daß ab und zu kleine lokale Empörungen stattfänden, sei nur natürlich. Diese verminderten sich aber immer mehr.
Ab^. Lieber (Centr.) schließt sich dem Urteile b. Buchkas und Bebels über Peters Broschüre an. Peters fei jetzt wohl im Reichstage endlich abgethan. Zu wünschen sei die endliche Regelung der Affaire Denhardt-Wüu, Entschädigung der Familie Denhardt, welche durch die Aufgabe von Witu seitens des Reichs schwer geschädigt sei.
Direktor v. Buchka erwidert, das Reich habe keinerlei rechtliche Verpflichtungen gegen Denhardt. Er werde aber die Zahlung einer Entschädigung befürworten.
Abg. v. K a r d o r f f (Rp.) bedauert die moralischen Verfehlungen des Herrn Peters; aber die ihm gewordene Strafe sei doch sehr hart, angesichts seiner großen Verdienste.
Abg. Graf O r i o l a (natl.) kündigt eine Resolution zugunsten Denhardts an.
Abg. Arendt (Rp.) meint, Peters sei milde zu beurteilen, denn er habe schweres Unrecht erfahren. Die Dis- ziplinaruntersuchung gegen ihn sei nur die Folge einer Mystifikation des Reichstages und der Regierung seitens des Abg. Bebel gewesen. Der angebliche Brief Tuckers sei eine schwere Verleumdung gewesen. Herr Bebel müsse Aufklärung geben, woher er die Mitteilung hatte über den Tuckerbrief. (Ruf Bebels: Nein!)
Abg. Bebel (Soz.) bleibt dabei, seine Quelle nicht zu nennen.
Die Debatte wird geschlossen.
Beim Titel Schwimmdock in Dar es Salaam bittet Abg. Freese (frs. Vg.), das Dock in solcher Breite anzulegen, daß zwei große Schiffe nebeneinander gleichzeitig in Dock gehen können. .
Corvettenkapitän Faber hält dies nicht für zweckmäßig.
Der Titel wird bewilligt.
Für eine Bahn Tanga—Muhesakorogwe (Usambara- bahn) sind 2 Millionen gefordert; die Kommission hat nur l8/4 Millionen bewilligt.
Ein Antrag Graf Stolberg (kons.) will die Vorlage, also 2 Millionen, wiederherstellen.
Abg. Graf Stolberg (kons.) bittet um Annahme seines Antrages.
Abg. Freese (frs. Vg.) behauptet, die Bahn sei von Anfang an von der ostafrikanischen Gesellschaft ganz irrationell gebaut worden. Auch hätten sich die Erwartungen bezüglich der Rentabilität weder jetzt erfüllt, noch würden sie das in Zukunft. Er bitte, es bei dem Beschlüsse der Kommission zu belasten.
Direktor v. Buchka bittet um Annahme des Antrages Stolberg.
Abg. Graf Arnim (Rp.) tritt für den Antrag Stolberg ein und weist auf die hervorragende Qualität des Usambarakaffees hin.
Abg. Richter (frs. Vp.) meint, bis jetzt hätten uns die Kolonien nur Kosten gemacht und die Aussichten auf wirtschaftliche Vorteile hätten sich mehr und mehr verringert. Es gehe doch nicht an, daß, wenn dies Unternehmen einer so reichen Gesellschaft, wie es die afrikanische sei, sich als verfehlt herausstelle, dann das Reich eintrete. Redner geht bann auf die Überproduktion in Kaffee ein.
Direktor v. Buchka empfiehlt Erhaltung der Bahn, die für die Entwickelung unserer Kolonien von großem Werte fei.
Abg. Hasse (nl.) empfiehlt den Antrag Stolberg.
Abg. Lieber (Centr.) ist bereit, die ganze Summe, 2 Millionen, zu bewilligen. Es fei nur die mangelnde Auf
klärung über die Sachlage gewesen, welche das Centrum in der Kommission veranlaßt habe, den Abstrich zu beschließen.
Abg. v. Kardorff (Rp.) kann das ziffernmäßige Vorrechnen betreffs der Kosten unserer Kolonien nicht gutheißen.
Schatzsekretär Thielmaun entgegnet, er sei verpflichtet zu genauer Rechnungslegung gegenüber dem Reichstag und den verbündeten Regierungen.
Der Titel Ostafrika wird genehmigt.
Beim Titel Kamerun bemängelt Abg. Lehr (nl.) die zu seltene Einberufung des Kolonialrats.
Direktor v. Buchka meint, alle Augenblicke könne man den Kolonialrat nicht einberufen; das würde zu kostspielig fein. —
Abg. Müller-Sagau (frs. Vp.) giebt feinem Bedauern darüber Ausdruck, daß die Kultur des Gummibaumes in Kamerun nicht gelungen fei.
Der Rest des Etats für Kamerun wird genehmigt.
Morgen 1 Uhr Fortfetzung.
____________________Schluß 6i/4 Uhr.____________________
Ausland.
Wien, 10. März. Selten hat in Oesterreich ein Stück echt polnischer Verderbnis ein so großes Aufsehen erregt, wie der Krach der mit Dutzenden von Millionen arbeiienben großen Galizischen Sparkasse in Lemberg, die infolge leichtfertigen Wirtschaftens einen Verlust von 41/, Millionen ®muui ausguweisen hui. Die Mißstände bei dieser Geldanstalt sind in der That grauenhaft. Abgesehen davon, daß der größte Teil der Rücklagen verloren ist, wäre der jämmerliche Zusammenbruch der ganzen Anstalt unvermeidlich gewesen, wenn nicht in zwölfter Stunde das Land mit hilfreicher Hand eingriffe. Der galizische Landtag hat die Gewährung einer Landbürgschaft zur „Gesundung" der Sparkasse beschlossen, da im Falle eines Zusammenbruches viele Tausende von kleinen Leuten um ihre Spareinlagen gekommen wären. Die greulichen Mißstände bei der Galizischen Sparkasse werfen wieder einmal ein grelles Licht auf die sattsam bekannte polnische Wirtschaft. Der verhaftete Direktor Zima ist sicherlich nicht der einzige Schuldige, das wird schon die gerichtliche Untersuchung an den Tag bringen. Der ehemalige Reichsratsabgeordnete Szcze- panowski, dieses große finanzielle Genie, erfreute sich der hohen Gunst des ehemaligen Statthalters Kasimir Badeni, vor dessen Fürsprache sogar der Einspruch des landesfürstlichen Kommissars der Sparkasse verstummen mußte. Wie sagte doch seinerzeit Graf Badeni in Graz? „Die Deutschen wissen bis auf den letzten Kreuzer sparsam zu wirtschaften, bei uns in Polen verschwindet aber das Geld zwischen den Fingern, man weiß nicht wie." — Das war aufrichtig gesprochen. Die Polen haben nun ihr Panama. Zuerst kam das Vorspiel der lieben tschechischen Brüder im Herbste vorigen Jahres mit dem Krach einiger Vorschußkaffen; nun sind die Polen würdig nachgefolgt. Ob die Polen aus dem Zusammenbruche der Galizischen Sparkasse einige gute Lehren für die Zukunft behalten werden? Schwerlich.
Tägl. Rundschau.
Lokales und Provinzielles.
Gießen, den 11. März 1899.
*• Von der Universität. Die Veränderungen im Lehrkörper unserer Hochschule faßt die „Frankf. Ztg." nochmals wie folgt zusammen: Der ordentliche Professor der Pharmakologie K. Gaethgens trat mit Ende des letzten Sommersemesters in den Ruhestand. An seine Stelle ist der bisherige außerord. Professor I. Geppert in Bonn berufen, der seine Vorlesungen im nächsten Semester beginnen wird. Die Verhandlungen wegen der Neubesetzung der ordentlichen Professur für Physik, die durch die Ueber- fiedelung Professor V. Wiener'S nach Leipzig frei wird, sind noch nicht zum Abschluß gelangt. Zu außerordentlichen Professoren wurden ernannt die bisherigen Privatdozenteu H. Walther (für Gynäkologie), G. Sticker (für innere Medizin) und R. Haußer (für Mathematik). Die Vsnia legendi haben sich bei der philosophischen Fakultät erworben Dr. Kinkel und Dr. Messer für Philosophie und Pädagogik, Dr. Helm für Germanistik.
•• Aus dem Verwaltungsdienst. Durch Entschließung Großherzoglichen Ministeriums des Innern vom 6. März l. Js. ist der seitherige Rechtsanwalt Martin Emmerling in Darmstadt zum Regierungsaffeffor ernannt worden.
** Ein Frühlingsbote in Gestalt eines lustig krabbelnden Maikäfers wurde uns gestern eingeliefert.


