Samstag den 11. November
1S99
Rr. 266 Erstes Blatt.
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Amtlicher Kett.
Bekanntmachung,
betr. die Herbstübungen in 1899.
Das Generalkommando des 18. Armeekorps hat an Großherzogliches Staats - Ministerium das nachstehende Schreiben gerichtet, welches wir hiermit zur allgemeinen Kenntnis bringen.
Gießen, den 8. November 1899. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Frankfurt a. M., 21. Oktober 1899.
Dem Großherzoglichen Staatsministerium beehre ich mich ganz ergebenst mitzuteilen, daß die mir unterstellten Truppen während der diesjährigen Herbstübungen im Großherzogtum Hessen überall eine sehr gute Aufnahme gefunden haben, und darf ich das Großherzogliche Staatsministerium sehr ergebenst bitten, den beteiligten Staats- und Kommunalbehörden sowie den Gemeinden hierfür meinen verbindlichsten Dank sehr gefälligst zum Ausdruck bringen zu wollen.
Der kommandierende General
(gez.) von Lindequist. __v. Werner.
Bekanntmachung.
Die Sperre der Gemarkung Inheiden wird aufgehoben. Die Weidesperre bleibt bestehen.
Gießen, den 10. November 1899.
Großh. Kreisamt Gießen.
____________________v. Bechtold.____________________
Bekanntmachung.
Betr.: Maul- und Klauenseuche in Queckborn.
In Queckborn ist in einem Gehöfte und zwei Schafherden die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und Sperre der Gemarkung und der Weiden angeordnet worden.
Gießen, den 9. November 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
* Samoa deutsch!
Gießen, 10. November 1899.
Ms die Hoffnungen, daß wir in dem Wettbewerb um -ie Inselgruppe in der Südsee den Siegespreis davon- tragcn würden, ihren Tiefstand erreicht hatten, da wurde uns die erfreuende Kunde, daß noch in letzter Stunde ein Umschwung eingetreten, und daß die durch deutsches Blut geweihte, durch deutsche Arbeit kostbar gewordene Inselgruppe dem deutschen Volke gesichert sei. Wir müssen gestehen, daß wir selbst nicht ohne leise Bedenken der Meldung Raum geben. Hatten doch noch vor wenigen Tagen alle Anzeichen, hatte doch vor allem die Sprache der Londoner Blätter darauf gedeutet, daß unserem Vaterlande ein koloniales Olmütz drohe, und gerade die deutschen Organe, die in dem Geruch der Offiziosität stehen, haben alles ge- than, um im Lande das Gefühl der bittersten Resignation zu verbreiten; sie haben das Thema von der Ungehörigkeit einer „Schnapphahnpolüik" durch alle Tonarten variiert bis zur dringlichen Empfehlung der schüchternsten Bescheidenheit, sie haben die Verteidiger der Samoaintereffen wechselnd als anmaßend, dumm und frech hingestellt.
Jetzt ist Wandel gekommen. Das Hoffen der Nationalen, die gerade durch ihren heftigen Widerspruch gegen die Preisgabe der Eilande dem Auswärtigen Amte den Rücken stärkten, ist der Erfüllung nahe: Die Verhandlungen »it England sind zu Ende geführt worden, und man hat sich dahin geeinigt, daß die Inseln, mit Ausnahme der Insel Tutuila, die von den Vereinigten Staaten längst begehrte Kohlenstation, gegen nicht allzu wertvolle Kompensationen an Deutschland fallen. Das ist wahrlich ein Erfolg! Und sicherlich haben an diesem Erfolge nicht die Flau-Macher, die Matten und Lauen, die Laodicäer der Preßbüreaus teil, wohl aber die nationalen Politiker, die im Volke das Gefühl für Ehre und Schande wachhielten und schärften.
Sie haben es gut gemacht, die wackeren Buren da unten in Südafrika, die uns Samoa aus den englischen Fingern herausgehauen haben! Denn wer kennt die englische
Geschichte und will dennoch behaupten, daß Gründe des Rechtes und der Billigkeit uns zu unserem Eigentum verhelfen? Nein, die Erklärung für das rasche Nachgeben Englands kann nur gesucht werdenin denSorgen, die der unerwartet starke und siegessichere Widerstand der Burghers von Transvaal und dem Oranje-Freistaat den Engländern einflößt. Schon wird die Entsendung eines neuen Armeekorps beschlossen, immer größere Opfer an Geld und Gut, an Kraft und Blut werden gefordert, Wolken türmen sich von allen Seiten auf, und leise durchdringt die Gemüter die Ahnung, als sollte der Anfang des Endes sich nahen, als stehe die Welt vor einer jener gewaltigen Katastrophen, wie sie einherstürmten über das Reich des spanischen Philipp. Auch in England mögen solche Ahnungen dämmern, und sorgenvoll mag man umherschauen, ob in der Stunde der Not kein Freund zu sinden sei. Und überall trifft man auf feindliche Mienen. Da ist es wahrlich eines bescheidenen Opfers wert, die Schar der Gegner zu verringern!
Und sonderbar! Die lang dahingezögerten Verhandlungen um Samoa haben plötzlich ihren Abschluß gefunden, wenige Stunden, ehe der russische Kaiser in Potsdam eintraf, ehe Graf Murawjew seine Fahrt nach Madrid und Paris abschließen konnte durch die Fahrt nach dem Kaiserschloß der Hohenzollern. Nicht allzuschwierig sind die Gedankenreihen zu lösen, die sich von selbst an Thatsachen knüpfen. Und auch die Vermutung ist nicht abzuweisen, daß die Möglichkeit einer Preisgabe der Reise nach England beflügelnd auf den Gang der Verhandlungen gewirkt hat, daß man in der Sorge, der Plan könne unter dem Eindruck der russischen Erklärungen aufgegeben werden, ein Entgegenkommen gezeigt hat, das der englischen Politik sonst wahrlich fremd ist. Und so hätten wir denn doch ein ganz klein wenig — „Schnapphahn- politik getrieben! Wir sind es zufrieden.
Das letzte Urteil heute zu fällen, wäre voreilig. Noch fehlt die Klarheit über Amerikas Verhalten, über die politischen Folgerungen, die von Deutschlands Vertretern gezogen werden sollen. Aber wir freuen uns des Morgenrotes, weil wir hoffen, daß es der Herold eines schönen Tages ist.
* Vom Kriegsschauplatz.
Telegramme aus Kapstadt, die drei bis fünf Tage gebraucht haben, um nach London zu gelangen, berichten, daß die infolge der Siege der Buren veränderte Haltung der holländischen Bevölkerung der Kapkolonie die Engländer etwas besorgt macht. Wie der „Daily Mail" aus Kapstadt gemeldet wird, wurde in dem Orte Paar!, der eine vorwiegend holländische Bevölkerung hat, am Mittwoch abend, als dort die Niederlage bei Ladysmith gemeldet wurde, von den Zeitungsjungen gerufen: „Gute Nachrichten heute abend!", und erwachsene Holländer sagten den „Rooineks" (das heißt den Engländern, das Wort bedeutet „Rothälse"), sie würden ihnen zeigen, wie gekämpft wird. Auch die „Morning Post", die, wie man annehmen muß, am wenigsten geneigt sein würde, solche Dinge einzugestehen, läßt sich melden, daß der Rassenhaß nicht nur in den nördlichen, sondern auch in den mittleren Distrikten der Kapkolonie sehr stark ist, und der Korrespondent fügt bei, daß die Zensur sehr scharf ist und seine Mitteilungen einschränkt. Eine aufständische Bewegung ist in den an den Oranje-Freistaat angrenzenden Bezirken der Kapkolonie am ehesten zu erwarten und eine solche scheint auch englischerseits befürchtet worden zu sein. Das jetzt von den Freistaat-Buren genommene Colesberg ist ein vorwiegend holländischer Ort, und nicht minder holländisch gesinnt find die benachbarten Orte Dordrecht, Burghersdorp, Aliwal, North und Stekkerftroom. Die Buren haben dort Schützenvereine, aus denen sich leicht Buren- Kommandos bilden lassen, wenn es nicht schon geschehen ist. Auch in Natal ist man sich über die Haltung der dortigen Buren-Bevölkerung nicht mehr im Unklaren. Ein in Durban angekommener verwundeter Leutnant Wilson soll über viele Fälle von feindseligem Verhalten der Natal-Holländer berichtet und behauptet haben, daß die holländischen Farmer Natals dem Feinde trotz der Gefahr, welche sie laufen, behilflich sind, zwar nicht mit der Waffe in der Hand, aber doch auf andere Weise.
Der holländische Dampfer „Friesland" ist bei den Seychellen vor Anker gegangen, um dort Kohlen zu nehmen. Er wird sodann nach der Delagoa-Bai weiter gehen.
Vom westlichen und südlichen Kriegsschauplatz.
Stormberg (Südgrenze des Oranjegebiets). Die Bure «- Kommandos rücken auf der ganzen Linie weiter vor. Die Verbindung mit den nach Kapstadt führende» Linien über De Aar-Junction ist abgeschnitte»; ein starkes Korps der Freistaatler soll sich morgen der Bahnlinie von De Aar selbst bemächtigen. Ob dies kämpfe los geschehen wird, ist um so zweifelhafter, als dort angeblich 700 Mann regulärer Truppen, und etwa 1000 Freiwillige liegen. Ob diese Geschütze haben, ist nicht bekannt, aber unwahrscheinlich, und in diesem Falle könne» sie gegen die acht Geschütze führenden Buren auf die Dauer nichts ausrichten. Die Buren, welche hier insgesamt 6000 Mann stark operieren, und zwar in drei Kolonnen, haben sich sämtlicher strategischerBrücken bereitbemächtigt. Die über den Oranjefluß führenden Brücken sind unversehrt, aber von den Buren unterminiert worden, damit diese dieselben jeden Augenblick sprengen können. Die Bahnlinie von Colesberg bi- Knapdaar, 30 Kilometer südlicb von Bethulie, ist aufgerissen. Die Buren operieren in drei verschiedenen Korps, das erste, etwa 3000 Mann stark, gegen Queenstown und Port Elizabeth, ihr rechter Flügel, 2000 Man« stark, gegen De Aar und die Kapbahnlinie, während 1000 Mann auf der Colesberg-Linie weiter südlich vorgeschoben sind und ihr Hauptkorps, angeblich 4000 Mann stark, bei Bethulie steht, um von dort aus, je nach Bedürfnis, in der einen oder anderen Richtung vorzugehen.
Zur Lage iu Natal.
London, 7. November. Die Lage um Ladysmith entwickelt sich in der bisherigen Form weiter. Kommandant Lukas Meyer hat seinen Vormarsch über Colenso, unter Zurücklassung eines Kommandos auf dem Doornkop, dessen Geschütze die Bahnlinie beherrschen, bis Estcourt fortgesetzt, welches die Engländer geräumt haben (das scheint am 2. resp 3. November geschehen z« sein) und steht jetzt vor Pietermaritzburg. Die letzten Depesche« der verschiedensten englischen Quellen bestätigen jetzt vollständig unsere eigenen letzten Nachrichten, wonach am Dienstag, Mittwoch uni» Donnerstag nicht nur ein fortgesetztes Artillerie-Duell zwischen den Truppen General Whites und denjenigen Jouberts stattfand, sondern der englische General auch, und zwar am ersten Tage gegen Colenso hin, am zweiten zwischen Klippfluß und Jsimbulwana vergebens durchzubrechen versuchte, um am dritten Tage, nachdem er an den beiden vorangegangenen blutig und mit schweren Verlusten zurückgeschlagen worden, einen allerdings nur schwer verständlichen Versuch machte, in west-nordwestlicher Richtung auf der Bahnlinie, gegen Walkershoek zu, sich Luft zu schaffen, ein Unternehmen, das gleichfalls mißlang Hier war es, wo eine in Siegeserfindungen besonders bewährte englische Agentur, welche, wunderlicherweise, in deutschen Blättern immer noch ganz ernsthaft citiert wird, General White ein Burenlager stürmen und wegnehmen ließ, ein Erfolg, den das englische Kriegsamt selbst offiziell ableugnet. — Was General White mit diesem Vorstöße bezweckte, ist schwer abzusehen, allerdings ist es die einzige Stelle um die Stadt, welche in ein offenes Gelände führt und die, da Anhöhe« in direkter Nähe nicht vor ihr liegen, zum wenigsten dem Geschützfeuer der Buren ausgesetzt ist. Vielleicht wollte der englische General di« Freistaat-Buren täuschen und dadurch einen scheinbar ernsthaften Angriff deren auf den Höhen des Blaawbankflusses stehende Korps nach Bester- station hinüberziehen, um dann selbst mit den übrigen Truppen im Thal« des Flagstonespruit, südwärts auf der Straße über Onderbrück-Colenss durchzubrechen. Jedenfalls mißlang auch dieser Versuch. Ob General White, wie gemeldet, am 1. November wirklich schwer verwundet wurde, ist immer noch nicht aufgeklärt, nur einsscheint dies indirekt zu bestätigen: die letzten beiden Osfizialberichte aus Ladysmith tragen nicht mehr, wie bisher, seine Unterschrift, sondern diejenige seines Adjutanten. Wie sich jetzt herausstellt, wurde der Kampf am 1. nach zwei Seiten von den Buren geführt, welche sich auf den Höhen von Grobberskloff mit schwerer Artillerie festgesetzt hatten, und von dort aus einerseits Whites Truppen nach Ladysmith hinein zurücktrieben und andererseits Colenso bombardierten und das dortige Fort Wylie zur Uebergabe zwangen, während General Lukas Meyer die von Colenso herankommenden britischen Truppen, die offenbar White die Hand zu reichen suchten, zurücktrieb und sich der Bahnlinie bemächtigte. Nach einem Telegramm der „Times" aus Pietermaritzburg vom 3. November wäre der Kampf am 2. November besonders blutig gewesen. Dis Nachricht ist allerdings, wie alle Meldungen der letzten Tage, überaus vage und spricht von einer blutigen Schlacht, „welche wahrscheinlich zwischen Ladysmith und Colenso stattfand". — Der Korrespondent fügt eigentümlicherweise hinzu: „Eine große Anzahl Buren wurde getötet, viele derselben waren Verwandte in Pietermaritzburg lebender Holländer Natals." Wie der Mann wissen kann, daß viele Buren, und nun gar Verwandte von Natalholländern gefallen, während es ihm nicht einmal bekannt ist, wo diese blutige Schlacht eigentlich stattgefunden, ist eins jener Probleme, wie die Kriegsberichterstattung selbst der größten englischen Blätter fie uns jetzt täglich stellt.
Ein frommer Wunsch.
London, 8. November. Das konservative Blatt „Standard" erklärt offen, die einzige Möglichkeit, die Pläne der Buren zu zerstören und den Feldzug gegen sie vor Jahresfrist zu beenden, sei die, gegen Abtretung der Walfischbai an Deutschland mit dessen Zustimmung ein drittes Armeekorps in der Delagoabai zu landen. (Eine sehr naive Zumutung; aber man sieht, was man m London uns zuzumuten wagt. D. Red.)


