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Mittwoch den 11. October
1899
Nr. 239 Zweites Blatt
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Mnnitionsverteilung vor einer Landdrostei in Transvaal.
Mit welchem Eifer die Buren ihre Rüstungen betreiben, geht aus dem Umstande hervor, daß alle Waffen und Munition, die von Lorenco Marques auf der Eisenbahn ins Land gebracht werden, sofort durch Maultiergespanne an die einzelnen Landdrosten weiter- gehen, die sie an die Buren verteilen. Unsere heutige Abbildung zeigt eine Waffen- verteilung vor einer Landdrostei.
I
Der Doktortitel der Techniker.
Technische und nicht technische Zeitschriften, Tagesblätter und Broschüren beschäftigen sich in letzter Zeit eingehend mir der Frage des gelegentlich der Charlottenburger Säku larfeier zu erwartenden kaiserlichen Geschenkes: der Verleihung des Doktortitels an jene Hörer technischer Hoch schulen, die den Anforderungen ihrer Lehranstalt voll genügt haben. Gelehrte, Professoren technischer Hochschulen und Universitäten, Studierende der Hochschulen und als erster der Verein deutscher Ingenieure haben das Wort in der Angelegenheit ergriffen, um einen rechtsgeschützten Titel für jene Männer vorzuschlagen, die mit ihrem Wissen und ihrer Arbeit dem scheidenden Jahrhundert den Namen des eisernen gaben. Ausschlaggebend war neben dem Verein deutscher Ingenieure eine gewisse Kategorie von Professoren, die seit einigen Jahren an den technischen Hochschulen in reformatorischer Beziehung ein unbeschränktes Regiment sich aneignen wollen und wohl auch zum großen Teil sich angeeignet haben, gegen das nur wenige andere Kollegen mit Erfolg auftreten können. Der letzteren Stimmen verhallen
auch ungehört in dem Beifall, mit dem die Studenten fast ausnahmslos den Sprechern für den Doktortitel zujubeln; ein Jubel, der bei der studierenden Jugend selbstverständlich und lobenswert ist. Wie denkt aber die Mehrzahl jener Männer, die nach beendeter Hochschule die Erfahrungen des praktischen Lebens gesammelt haben und unparteiisch die energischen Bestrebungen nach Erlangung eines Titels betrachten? Da man in nicht-technischen Kreisen die Verleihung des Doktortitels an die Techniker gewissermaßen als Erfüllung eines langgehegten, großen Wunsches anzusehen geneigt ist, so möge hier gesagt sein, daß alle Bestrebungen, welche die Schaffung des „Doktors der Technik" bezwecken, niemals den Beifall der großen Zahl im praktischen Leben stehender, schaffender, akademisch gebildeter Techniker erringen können.
Wir wollen ganz von den zum Teil ungerechten Einwendungen absehen, welche die „Universitas literarum“ diesem „Eindringling" entgegensetzen will und die dem technischen Doktor gar leicht den Beigeschmack des Geduldeten geben können, wir wollen vielmehr nur die Bedingungen,
die bei Verleihung des Titels von den beiden Hochschulen an den Kandidaten gestellt werden, mit einander vergleichen. Durch die Verleihung des Doktortitels bezeugt die Universität den Doktoranden die Fähigkeit reifen Denkens und selbständiger Arbeit auf einem bestimmten Wissensgebiete; und in der That, der Jurist sowohl als der Theologe und Philosoph und in ganz besonderem Grade der Mediziner können, zufolge der Eigenart ihres Studiums, nach Vollendung desselben den an sie gestellten Anforderungen der Praxis mehr oder weniger erfolgreich gerecht werden. Nicht so der Techniker, der eine Hochschule absolviert hat. Ihm giebt das Polytechnikum die Möglichkeit, volle Herrschaft über die seinem Fache zur Grundlage dienenden Wissenschaften zu erlangen; sie bildet ihn nur in rein wissenschaftlicher, theoretischer Beziehung aus, während der große Teil der technischen Ausbildung stets und allein der spätern praktischen Bethätigung überlassen werden muß.
Diese „Praxis", die der vollendete Mediziner zufolge Besuches von Kliniken, Arbeiten im Seziersaal u. s. w. in hohem Maße bei Erlangung einer Stellung im öffentlichen Leben besitzt, und die bei den drei anderen Universitäts- Fakultäten sich von ihrer Theorie so gut wie garnicht unterscheidet (?), muß dem absolvierten und selbst mit bestem Erfolge geprüften Techniker fehlen. Die vielen Hunderttausende, die für Errichtung von Ingenieur-Laboratorien an technischen Hochschulen ausgegeben wurden und werden, jene schönen Redensarten von der Ausbildung in „praktischer" Richtung, welche die Hochschulen gewähren sollen, und alle Bestrebungen, die den theoretischen Unterricht auf Kosten der „praktischen" Fächer verkürzen wollen, können an der Thatsache nichts ändern, daß der Absolvent der technischen Hochschule mit der Erlangung seiner höchsten akademischen Befähigung noch lange nicht jene für praktische Bethätigung notwendige Summe von Wissen besitzt, das in der richtigen Anwendung der in der Schule gelernten „Theorie" auf die im Laufe der Jahre erst erworbene „Praxis" besteht. Dasjenige, was also die Universitäten mit dem Doktortitel erreichen wollen und gewiß auch zum Teil erreichen, nämlich die Anerkennung selbständigen Denkens und Schaffens auf einem bestimmten Wissensgebiete, kann die technische Hochschule, wenn sie den Doktortitel ebenfalls verleihen sollte, nimmer erreichen. Die Eigenart der Technik, jene Verquickung von Theorie und Empirie, bringt es eben mit sich, daß die technische Hochschule so gut wie keine Garantie für den Erfolg ihre« Absolventen im praktischen Leben übernehmen kann, wenn sie ihm in Zukunft den Doktortitel verleihen sollte. Menn man aber diese Erfahrung, die die Universitäten mit dem „technischen Doktor" früher oder später vielleicht machen könnten, sich heute vergegenwärtigt, so muß man im Interesse des Standes befürchten, daß der „Doktor der Technik" leicht zu einem Doktor zweiter Klaffe herabsinken könnte.
Feuilleton.
$>te Zarin.
(Ein Charakterbild.)
In diesen Tagen, da das russische Kaiserpaar wieder auf deutschem Boden weilt, mag es wohl angebracht sein, die Blicke auf die edle Frau hinzulenken, die auf der Höhe deS stolzesten Thrones dazu berufen ist, dem einsamen Beherrscher des riesigen Zarenreiches eine liebende Gefährtin zu sein.
Bekanntlich hatte Zar Nikolaus, als er als Großfürst- Thronfolger von seinem Vater gezwungen werden sollte, die hessische Prinzessin zu heiraten, sich ganz entschieden geweigert, diese Ehe einzugehen. Aus diesem Grunde war man in Petersburg nach dem Tode des Kaisers davon überzeugt, daß Zar Nikolaus die Partie vollständig rückgängig machen würde. Aber darin sah man sich sehr bald getäuscht. Als Nikolaus nicht mehr unter dem Zwange des väterlichen Willens stand, als er zudem die jugendliche Prinzessin näher kennen und lieben gelernt hatte, war er sofort entschlossen, die Braut heimzuführen; und er hat es nie bereut, denn er weiß, daß er keine treuere Gattin und für sein Land keine bessere Kaiserin hätte finden können.
So leben denn die zwei Menschen in ihrer Familieneinsamkeil in der schönsten Harmonie. Die höfischen Sitten und Zeremonien bringen es natürlich ost mit sich, daß das Kaiserpaar sich mitunter tagelang so gut wie gar nicht sieht
und kaum ein Paar vertrauliche Worte sprechen kann, ohne daß Hunderte von neugierigen Ohren sie hörten. Aber wo es nur irgend möglich ist, sucht der Kaiser die Kaiserin und umgekehrt diese ihren hohen Gemahl auf. Zar Nikolaus hat die Gewohnheit, bis in die späte Nacht am Schreibtisch zu sitzen; dann sitzt aber gewöhnlich die Zarin an seiner Seite, über eine Näh- oder Stickarbeit gebückt. Tritt nun irgend ein vortragender Rat ein und die Zarin will sich still entfernen, so bittet sie der Zar, zu bleiben; und sie bleibt, denn sie weiß, daß sie einen wohlthuenden Einfluß auf ihren hohen Gemahl ausübt. Unermüdlich ist sie thätig, den Kaiser in seinen guten Absichten zu bestärken und ihn zu ermutigen, auf der freiheitlichen Bahn fortzuschreiten. Alexandra Fcodorowna hat sich für die Katholiken in Polen und für die Deutschen in Livland und Kurland verwendet und namentlich viel dafür gethan, daß die katholische Kirche in Rußland nicht so sehr unter der Intoleranz des orthodoxen PopentumS leide — kurz, vieles von dem, woran die besseren Elemente Rußlands ihre Freude haben, ist auf den Einfluß der jungen Zarin zurückzuführen.
Aber Alexandra Feodorowna ist nicht nur etne von reinsten Absichten erfüllte Herrscherin, nicht nur eine edle und vielgeliebte Frau, sie ist auch em praktisches und resolutes Hausmüllerchen. Die Zarin spricht französisch, deutsch, englisch und italienisch und soll jetzt auch bereits die schwere russischeSprache beherrschen. Sie verfügt über eine schöne, von dem Frankfurter Gesangsmeister Herborn ausgebildete Sopran- ftimme und ist zugleich eine ausgezeichnetePianistin.Aber auch das
Kochen und weibliche Handarbeiten sind der Zarin vertraute Dinge, ja, sie ist auf diesen Gebieten in ihrem wahrsten Element. Sie darf geradezu für eine Meisterin in der Kochkunst gelten, und ihre Stickereien sollen bewunderungswürdige Kunstwerke sein. Auch ihre Mutterpflichten faßt sie ganz von der edlen Seite auf. Die Liebe, mit welcher sie an ihren Töchtern hängt, soll nahezu grenzenlos sein. Al- Prinzessin Olga, die erste Tochter des Kaiseipaares, geboren war, hatte die Kaiserin nur den einen Wunsch, das kleine Wesen selbst zu nähren. Das ging natürlich nicht an. Einer Amme aber wollte sie ihr Kind auch nicht anvertrauen; sie wollte es selbst hegen und pflegen. Nikolaus zog nun alle möglichen Petersburger Aerzte zu Rate; und schließlich kam man zu dem Entschlüsse, die kleine Großfürstin mit Kuhmilch zu ernähren. Eine stattliche Anzahl Schweizer Kühe hielt daher eines Tages am Zarenhofe ihren Einzug; und wo immer das Zarenpaar auch hinreiste — die Kühe folgten mit; selbst auf den Reisen ins Ausland wurden die Kühe der Großfürstin Olga mitgenommen; denn die Zarin wollte sich von ihrem Töchterchen nicht trennen.
Im Mittelpunkt ihrer Familie stehend, hat die junge Kaiserin viel dazu beigetragen, daß sich das melancholische Wesen des Zaren mehr und mehr ausheiterte. Aber auch ihrem Volke steht sie als eine Lichtgestalt, als eine Spenderin des Guten gegenüber. Wie sie den Zaren zu dem Handschreiben an den Justizminister anregte, in welchem er die Justizordnung Alexanders II. verfügte und erklärte, daß die veraltete und unbrauchbare Justizordnung in Sibirien dem modernen Leben nicht mehr entspreche, so ist sic es, welche


