Ausgabe 
11.5.1899 Zweites Blatt
 
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Erscheinung des vereinzelten Auftretens des Genies. Würde sich dasselbe von Sproß zu Sproß verpflanzen, so würden wir bald eine ganz besondere Geistes- oder vielmehr Genie- aristokratie haben, deren Existenz der gleichmäßigen Ent­wickelung der Menschheit sicherlich nicht förderlich sein könnte. Vorläufig ist trotz der eingehenden Untersuchungen moderner Forscher wir nennen nur Lombroso das Wesen des Genies noch zu wenig ermittelt, als daß wir uns zu einer auch nur hypothetischen Lösung der auf­geworfenen Frage entschließen möchten. Gewinnt solche doch sofort ein anderes Bild, wenn wir die umgekehrte Maxime verfolgen, und statt zwischen großen Männern und ihren Kindern einen Vergleich zwischen ersteren und ihren Eltern ziehen. Wir treffen dann in sehr vielen, vielleicht in den meisten Fällen auf, wenn auch nicht geniale, so doch in vieler Hinsicht intelligente Personen, in welchen häufig verwandte Eigenschaften und Neigungen, wenn auch in un­vollkommener oder doch unvollkommenerer Entwickelung, schlummern. Schillers Vater z. B. vererbte seinem Sohne nicht nur die rastlose Energie und den gewaltigen Ehrgeiz, sondern er besaß auch selbst ein nicht zu unterschätzendes schriftstellerisches und poetisches Talent. Wir wissen, daß er mehrere Bücher über Baumzucht und Landwirtschaft schrieb, und ein von ihm noch erhaltenes Gedicht, ein Morgengebet, zeugt trotz einiger Anklänge an E. Ehr. Kleist's HymneLob der Gottheit" von hohem poetischen Empfinden und einer gewandten Behandlung der metrischen Form. Noch weniger kann Goethe den erblichen Einfluß der elterlichen Charaktere verleugnen. DieFrohnatur und Lust zu fabulieren" erhielt er von der Mutter,die Statur und des Lebens ernstes Führen" vom Vater. Im Vater Rouffeaus begegnen wir einer ganzen Reihe derjenigen Züge, welche den Charakter des Sohnes zusammensetzen, nur der Grad ihrer Entwickelung ist verschieden, vor allem

sind hier die krankhafte Unstethcit und Sentimentalität zu nennen. Auch die Mutter war eine Frau von Geist und Talent, sie zeichnete, sang, musizierte und machte hübsche Verse. Wir könnten diese Beispiele nach Belieben ver­mehren, glauben aber für unseren Zweck genug gesagt zu haben; die Frage der Erblichkeit, der Eigenschaften, Neigungen und Talente steht jedenfalls nach alledem außer Zweifel, nur scheinen für die Entwickelung des Genies noch besondere Momente in Betracht zu kommen, welche sich bisher unserer Kenntnis entziehen.

Rechtfertigt schon obige Ausführung die Behandlung unseres Themas, so kommt noch das natürliche Jntereffe hinzu, welches jeder Gebildete an den Kindern der von ihm verehrten Geistesgrößen und Helden nimmt. Wie oft hören wir die Frage:Was ist denn eigentlich aus Schillers (oder Goethes, Luthers u. s. w.) Kindern geworden? Existieren überhaupt noch Nachkommen von ihm oder ist die Familie erloschen?" Soweit es im Rahmen einer kurzen Skizze möglich ist, wollen wir darauf antworten.

Um mit dem Lieblingsdichter der Deutschen zu be­ginnen, so ist bekannt, daß er bei seinem am 9. Mai 1805 in Weimar erfolgten Tode vier Kinder hinterließ: den elf­jährigen Karl, den neunjährigen Ernst, die fünfjährige Karoline und die erst neun Monate alte Emilie. Sämt­liche Kinder erwuchsen zu äußerst tüchtigen und intelligenten Menschen, wenn auch des Vaters dichterisches Genie mit ihm selbst zu Grabe ging. Karl (geboren 1793) bekleidete den Posten eines württembergischen Oberförsters und den Rang eines weimarischen Kammerherrn, er starb 1853 in Stuttgart im Alter von etwa 64 Jahren. Der zweite Sohn, Ernst (1796 zu Jena geboren), erreichte nur das Alter des Vaters, sein Todesjahr war 1841, er nahm die Stellung eines Appellationsgerichtsrats ein.

(Fortsetzung folgt.)

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1899

Gießener Anzeiger

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Berlin, 9. Mai. Die Statistik der Reichstags- Wahlen von 1898, die das kaiserliche Statistische Amt im vorigen Jahre herausgegeben hatte (Ergänzungsheft zu der Bierteljahrsheften zur Statistik des Deutschen Reichs 1898 III und Reichstagsdrucksache Nr. 77) ist jetzt von diesem Amte fortgesetzt worden (zweiter Teil, in einem Er- gLt znngsheft zu den Vierteljahrsheften 1899 I). Das ganze Material ist nach Größenklassen der Orte in den einzelnen Wahlkreisen zerlegt, um den Einfluß des Zerstreutwohnens obei des Zusammenlebens größerer Menschenmengen auf die Wahlbeteiligung und die Parteibildung zu veranschau- likh^n. Die Ortsgrößenklasse a ist aus Gemeinden gebildet, zu denen kein Wohnplatz von 2000 Einwohnern und dar- i&er gehört, im wesentlichen also das sogenannteplatte Land"; die Ortsgrößenklasse b aus den Orten bis zu 10000, c ans den Orten mit mehr als 10000 Einwohnern. Zur Ortsklasse a gehörten von insgesamt 11441094 Wahl­berechtigten 5961697; auf die Klasse b kamen 2 004142; auf die Klasse c 3 475255. In den beiden ersten Orts- grötzenklaffen belief sich die Wahlbeteiligung am 16. Juni 189.8 auf je 66,9 v. H., in der dritten auf 70,8 v. H. Di« meisten Stimmen vereinigten hierbei auf sich in der Orbsgrößenklasse a das Zentrum (928869), in den beiden anbttren die Sozialdemokraten (437 439 bezw. 1 105 785). Di« Gemeinden von mehr als 10000 Einwohnern sind tinpfa aufgeführt; die Wahlergebnisse in den 28 Groß­städten des Deutschen Reichs (die bei der Volkszählung am 2. Dezember 1895 mehr als 100000 Einwohner aufwiesen) Huben eine besondere Zusammenstellung gesundem In fünf biefcr Städte (nämlich in Köln, Düffeldorf, Dortmund, Sachen und Krefeld) hat das Zentrum, in zweien (Bremen unb Danzig) die freisinnige Vereinigung, in Straßburg i.E. bttFreisinnige" Riff, in den übrigen zwanzig die sozial- delmkratische Partei bei den ersten odentlichen Wahlen die Mehrheit der Stimmen erlangt. Hierbei sind die Stimmen- mh ältnisse natürlich streng nach den amtlichen Wahlberichten angegeben worden. In einem Anhang werden die Cr- gcbmffe der bis zur Fertigstellung dieser Statistik statt- gcha.bten sechs Ersatzwahlen nachgewiesen. Sehr bemerkens- »ert sind auch in diesem zweiten Teile der Wahlstatistik die Sartcnbeilagen. Während dem ersten Teile eine geographische Harte des Reichs beigegeben war, welche nach Wahlkreisen bie um 16. Juni 1898 erzielten Majoritäten darstellte, liege n dem zweiten Teile zwei graphische Tafeln bei, welche bie Entwicklung dec Parteiverhältnisse für alle Reichstags- rchllen seit 1871 zeigen.

Eine Warnung veröffentlicht die MünchenerAllg. Ztg." in folgender Zuschrift aus Franken: Wohl weniger um der allgemeinen Ausstellungsmüdigkeit entgegenzuarbeiten, als vielmehr auf Umwegen ein gutes Geschäft auf Kosten der ehrlichen Aussteller zu machen, hat eine Firma einen Spezialdienst für die Pariser Weltausstellung 190 0" organisiert und versendet an Industrielle ein Zir­kular mit folgender verlockender Einladung:Seit Jahren im Ausstellungswesen thätig, bin ich mit sämtlichen Forma­litäten vertraut und wäre imstande, Ihnen für Ihre Spezialitäten hohe Auszeichnungen, wie goldene Medaillen mit Diplom garantieren zu können. Sie hätten nur Kata­loge und Proben an die betreffende Ausstellung zu senden, eventuell durch meine Vermittlung, und würde ich alsdann alles weitere ohne Vorzahlung für Sie besorgen; auch wäre der auf Wunsch von mir veranschlagte Gesamtkostenbetrag erst bei Empfang der betreffenden Auszeichnung an mich zu entrichten, somit wäre jedes Risiko für Sie ausgeschlossen. Erfolg garantiert."

Aus st and im Sa ar re vier. Gestern nach­mittag betrug die Zahl der Ausständigen 4000. Die Ar­beiter verlangen die Achtstundenschicht, einen täglichen Mindestlohn von 5 Mk. für die Häuer sowie die Bildung von Arbeiterausschüssen, Einführung von Lohnbüchern und Schaffung von Badeanstalten. Heute hat sich der Ausstand nunmehr auf alle Schichten ausgedehnt. Die von den Ver­trauensmännern angenommene Vermittlung des Kreisdirektors und des kaiserlichen Bergamts wurde von den Arbeitern abgelehnt. Die Ruhe ist nicht gestört worden.

Regulierung des Oberrheins. Eine wich­tige Mitteilung machte dieser Tage im Straßburger Ge­meinderat der Bürgermeister, Unterstaatssekretär z. D. Back. Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärte er den Vertretern der Bürgerschaft, der Kaiser habe ihm anläßlich seiner An­wesenheit in Straßburg huldvoll gestattet, im Beisein des kaiserlichen Statthalters Fürsten Hohenlohe-Langenburg über den gegenwärtigen Stand der Frage der Regulierung des Oberrheins Vortrag zu halten. Der Kaiser sei bereits über die Angelegenheit unterrichtet gewesen und habe sein lebhaftes Jntereffe für ihre baldige glückliche Lösung kund­gegeben.

Von derKolonialschule inWitzenhausen. Ein Teil der angemeldeten Kolonialschüler ist bereits in die deutsche Kolonialschule eingezogen. Indessen findet die offizielle Eröffnung des Sommersemesters erst am 15. Mai statt. Der Eröffnungsakt mit größerer Feierlichkeit wird erst am 29. Mai erfolgen. Der Protektor der Anstalt,

Herzog Paul von Mecklenburg, wird ihr voraussichtlich beiwohnen.

Bayerischer Senat des Reichsmilitär­gerichtshofs. Die MünchenerAllg. Zeitung" bringt folgende offiziöse Mitteilung:Am bayerischen Senat des Reichsmilitärgerichtshofs, der bekanntlich am 1. April 1900 in Aussicht genommen ist, erhalten die Richterbeamten den Titel Reichs-Militärgerichtsräte. Als Senatspräsident wird der jeweilige Militärbevollmächtigte in Berlin, als Beisitzer werden die dorthin kommandierten bayerischen Stabsoffiziere fungieren."

Berlin, 9. Mai. Eine wichtige und für die jüngeren Offiziere sehr bedeutungsvolleBestimmung ist kürz­lich in der Armee bekannt gegeben worden. Danach soll die große Zahl der aus der Front abkommandierten Ober­leutnants und Leutnants nach Möglichkeit eingeschränkt werden, um dem vielfach vorhandenen Mangel an diesen Chargen abzuhelfen. Obwohl der Nutzen von Kommandos zu wissen­schaftlicher oder theoretischer Weiterbildung der Offiziere an maßgebender Stelle anerkannt wird, werden besonders die längeren Beurlaubungen mit oder ohne Stellung ä la suite der Regimenter, sofern sie nicht zur Wiederherstellung der Gesundheit geboten sind, in Zukunft wesentlich schwerer zu erlangen sein als bisher.

Erzbischof v. Stablewski Kardinal? Wie aus vatikanischen Kreisen verlautet, dürfte infolge des Ab­lebens des Kardinals Krementz von Köln im nächsten Kon­sistorium der Erzbischof v. Stablewski von Posen-Gnesen den Purpur erhalten. Die Kreirung eines neuen deutschen Kardinals erscheine den deutschen Kreisen durchaus notwendig, da die zwanzig Millionen deutscher Katholiken zurzeit nur mehr einen einzigen in Deutschland residierenden Kardinal haben, während das kleine Spanien allein fünf Kardinäle besitzt. So berichtet ein Berliner Blatt. DieGermania" gibt dies mit der Bemerkung wieder, daß eine Bestätigung dieser Meldung noch nicht vorliege.

Ausland.

Wien, 9. Mai. Blättermeldungen zufolge wird das neu zu errichtende österreichisch-ungarische 16. Armeekorps fein Hauptquartier in Brünn erhalten.

Wien, 9. Mai. Bei der heutigen Probe vonFra Diavolo" in der Hofoper fiel der sinkende Vorhang oem Sänger Neid! auf den Kops. Der Sänger stürzte ohn­mächtig und blutüberströmt zusammen, erholte sich aber später etwas. Die Probe wurde sofort sistiert.

Feuilleton.

Die Kinder großer Wänner.

Von Dr. Ernst Wilms.

(Nachdruck derboten.)

Große Söhne großer Väter sind in der Geschichte eine Mene Erscheinung. Warum? Diese Frage hat, obwohl fit ein hohes psychologisches Interesse besitzt, bisher noch kmie befriedigende Lösung erfahren. Wenn man an der Hand von Beispielen über dieselbe nachgrübelt, so möchte mit fast zu dem Resultate kommen, daß die Darwinsche Zhcorie von der Vererbung hier versagt. Und doch muß am sich auch wieder hüten, ein allzu schnelles Urteil zu Mein. Denn wir müssen mit dem nicht zu leugnenden llvstande rechnen, daß die Menschheit nur zu leicht geneigt fit om die Söhne großer Väter weitgehendere Ansprüche zu |Mem, als an die Kinder gewöhnlicher Sterblichen. Der raimale Maßstab geht in ersterem Falle verloren, die Ver- öknfte des Vaters werfen ihren Schatten auf diejenigen vis Sohnes. So kann derselbe an sich ein recht tüchtiger, t altn tboöer Mensch sein, da er aber das Unglück hatte, eiittu durch Gaben ausgezeichneten Vater zu besitzen, wie fnt nur bei wenigen begnadeten Sterblichen vorhanden sind, 0 löirb er uns immer im Vergleich zu seinem großen Vater mbeibeutenb und klein erscheinen.

Wenn wir also gerecht sein wollen, so dürfen wir kmfseits nicht vergessen, daß wir auch berühmte Künstler- siAillen besitzen, in welchen eine bestimmte Begabung sich d-nlh, Generationen hindurch fortgeerbt hat, andererseits, d'chums nichts berechtigt, den für den großen Vater geltenden Wstab auch an den Sohn anzulegen. Wir müssen letzteren Milmchr stets mit dem normalen Maße, das für uns alle gK «essen, denn nichts kann wohl natürlicher sein, als die