Ausgabe 
10.12.1899 Erstes Blatt
 
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Kr. 291 tzrfics Blatt. Sonntag dm 10. December 1899

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Amtlicher Teil.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert pro Monat November 1899 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg. betragen:

Hafer Mk. 15,15, Heu Mk. 5,25, Stroh Mk. 3,70.

Gießen, den 8. Dezember 1899.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

____________________v. Bechtold.____________________

Bekanntmachung.

Betr.: Sonntagsruhe im Handelsgewerbe.

Auf Grund der Vorschrift des § 105 b Absatz 2 der Gewerbe Ordnung wird für Sonntag, den 10. l. Mts., die Zeit, während welcher Gesellen, Gehilfen und Arbeiter im Handelsgewerbe beschäftigt werden dürfen und ein Gewerbe­betrieb in offenen Verkaufsstellen stattstnden kann, auf die Stunden von 79 Uhr vormittags und von 11 Uhr vor­mittags bis 7 Uhr nachmittags festgesetzt.

Hinsichtlich der beiden anderen Sonntage vor Weih­nachten wird besondere Verfügung ergehen.

Gießen, den 7. Dezember 1899.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Muhl._________________

Gefunden: 3 Portemonnaies mit Inhalt, 1 goldener Ring, 1 Kinderumhang, 1 weißwollener Kragen, 1 Strick­zeug, 1 Handschuh, 1 Taschentuch, 1 Arbeitsbeutel, 1 Kar­tätsche, 1 Uhrgehäus, 1 Schiebkarren und 1 paar Pferdezügel.

Gießen, den 9. Dezember 1899.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Muhl.

Politische Wochenschau.-

* Gießen, den 9. Dezember.

Die letzte Woche hat auf innerpolitischem Gebiete eine Neberraschung gebracht, die als ein Weihnachtsgeschenk für das deutsche Volk betrachtet werden kann: Durch Reichs­gesetz wird überall da, wo die Verbindung politischer Vereine untereinander untersagt war, dieses Verbot aufgehoben. Es hat recht lange gedauert, bis dieses Zugeständnis erfolgte, und wahrscheinlich hat es recht große Mühe gemacht, die maßgebenden Stellen zu überzeugen, daß eine dringende Notwendigkeit vorlag, dem Verlangen des Volkes nachzu­geben. Weiß doch ein rheinisches Centrumsblatt zu be­richten, daß Reichskanzler Fürst Hohenlohe fürsorglicher- «eise schon seine Koffer gepackt hatte für den Fall, daß er nicht in die Lage versetzt worden wäre, fein dem Reichstage gegebenes Wort einzulösen.

Nun darf er die Koffer wieder leeren und es sich von Heuern heimisch machen in dem eleganten Palais der Wil- Helmstraße. So mitten in derSaison" wäre übrigens ein Kanzlerwechsel auch nicht recht angängig gewesen; über­dies ist Fürst Hohenlohe auch preußischer Ministerpräsident, der die Aufgabe hat, die Kanalvorlage durchzubringen. Denn »ur noch wenige Wochen trennen uns von dem Zeitpunkte, wo der preußische Landtag zusammentritt und der Kampf um die wirtschaftlichen Interessen von neuem beginnt. Da wird es wieder heiß zugehen!

Bisher hat sich die deutsche Regierung vollständig aus- geschwiegen gegenüber dem Chamberlain'schen Liebeswerben. Vielleicht geschieht das im Interesse Englands! Denn wie sollten unsere maßgebenden Stellen sich anders verhalten, als jede Allianz mit dem britischen Reiche entschieden zurück­weisen. Auch die Vereinigten Staaten von Nordamerika versichern uns ihrer Freundschaft. Wenigstens fließt die Mc Kinleysche Botschaft an den Kongreß über von Sym­pathieversicherungen gegen Deutschland. Ob das nun alles ernst gemeint ist, muß die Erfahrung lehren, jedenfalls hat wie wir schon gestern ausführten Amerika selbst das größte Interesse daran, uns zu Freunden zu haben. England und die Vereinigten Staaten haben noch manches gemeinsam, auch daß beide gerne den Mund voll nehmen. Daß trotzdem die Erkenntnis immer weiter um sich greift, wie schlecht

es für . England in Südafrika aussieht, ist bemerkens­wert. DerSieg" am Modder River scheint auch nicht dazu beigetragen zu haben, die Zuversicht der eng­lischen Truppen zu stärken, die es teuer bezahlen mußten, daß die Buren sich in voller Ordnung zurückzogen. Ein großer Teil von Kapland hält zu den Buren, und Mr. Buller muß infolgedessen seine Streitkräfte zersplittern. Um Ladysmith, Mafeking und Kimberley steht es jedenfalls sehr faul, wenn auch die Reutermeldungen aus diesen drei Plätzen stereotyp lauten:Hier alles wohl."

In Oesterreich hat der Friede nicht lange gedauert, denn schon wieder macht sich eine Kampflust zwischen Deutschen und Tschechen bemerkbar, die Schlimmes befürchten läßt. Die aus­wärtige Politik Oesterreich-Ungarns ist in guten Händen, die inneren Zustände dagegen sind so verworren, daß die schlimmsten Befürchtungen nicht ungerechtfertigt sind. Da hilft auch kein Feilschen zwischen Deutschen und Tschechen; denn hier gründlich Abhilfe zu schaffen, dazu gehört ein Mann, der dem Nachbarstaate erst noch erstehen muß. Bis jetzt ist man seiner noch nicht habhaft geworden, so dringend man desselben auch bedarf.

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Dezember. Wie aus Bückeburg gemeldet wird, erfolgte heute früh 9 Uhr der Aufbruch des Kaisers zur Jagd nach dem Brandshofer Revier am Bückeberge; nachmittags sollte sich nach Einnahme eines größeren Früh­stücks im fürstlichen Jagdschlösse Brandshof ein Jagdausflug nach dem Baumer Revier im Schaumburger Walde an- fchließen.

Nebenher ersten Beratung des Etats werden im Reichstage in nächster Woche die zweiten und dritten Beratungen des Telegraphenwegegesetzes und der Reichs- fchuldenordnung einhergehen. Die Durchberatung des erst­genannten Entwurfs wird aus verschiedenen Gründen ge­wünscht. Der eine Grund liegt darin, daß als der in der Vorlage vorgeschlagene Zeitpunkt für das Inkrafttreten der 1. Januar 1900 von der Kommission beibehalten worden ist. Die Reichsschuldenordnung muß schnell von der Budget­kommission erledigt werden, um noch rechtzeitig in das Plenum gelangen zu können.

Der Vorsitzende v. Kardorff hat von neuem die Budgetkommission, und zwar zum 12. d. Mts., ein­berufen, um die vor der Vertagung in der Kommission un­erledigt gebliebene Reichsschuldenordnung zu beraten.

Die Abberufung des Grafen Lanza ist jetzt doch erfolgt. Wie dieVoss. Ztg." aus Rom meldet, ernannte der König seinen bisherigen ersten General­adjutanten Ponzio Vaglia zum Minister des Königlichen Hauses und berief als dessen Nachfolger den Grafen Lanza, den gegenwärtigen italienischen Botschafter in Berlin.

Als Nachfolger des am 1. Januar zurücktretenden Oberpräsidenten derProvinzPommern, v. Putt- kamer, werden verschiedene Personen genannt, in erster Linie der frühere Staatssekretär des Reichsschatzamtes, Freiherr v. Maltzahn-Gültz.

Wie demBerl. Tgbl." aus Rom gemeldet wird, soll die Reise des Freiherrn v. Hertling na* Rom mit der Errichtung einer katholisch-theologischen Faknlt. Straßburg im Elsaß zusammeuhängen.

Aus Reichstagskreisen wird un 'schrieben: Der Reichstag hat wiederholt den § 2 bet 'futtern ges etzes aufzuheben beantragt. Man ist sty«. gespannt, wie sich in dem laufenden Session Abschnitt die verbündeten Regierungen zu der Frage stellen werden. Tatsächlich ist es ein Widerspruch in sich selbst, daß die Jesuiten gesetz­lich aus dem deutschen Reichsgebiet ausgewiesen sind, während sie in den deutschen Schutzgebieten und Kolonien nicht nur frei aus und ein und ihrem Beruf nachgehen, sondern auch der deutschen Reichsregierung als Missionare nicht unbedeutende und unerwünschte Pionier-Dienste leisten. Jedermann weiß, daß auch im deutschen Reichsgebiete Jesuiten sich aufhalten die de jure ausgewiesen sind. Die Annahme, daß die verbündeten Regierungen dem wiederholt mit großer Mehrheit gefaßten Beschluffe des Reichstags Folge geben und der Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes ihre Zustimmung nicht länger versagen werden, wird vielfach als eine begründete angesehen. Viel­leicht bietet sich schon während der Generaldebatte über den Etat Gelegenheit, die Frage zur Sprache zu bringen und die Stellung, welche die verbündeten Regierungen zu ihr gegenwärtig einnehmen, kennen zu lernen. Es darf daran erinnert werden, daß die Aufhebung des § 2 des Jesuiten­

gesetzes auch nicht bedeuten würde, daß die Jesuiten im deutschen Reichsgebiet auch wieder Ordensniederlassunge« gründen können. Dies zu gestatten ist der Landesgesetz- gcbung Vorbehalten.

AustMd.

Rom, 8. Dezember. Der Papst verließ heute morgen das Bett und zelebrierte die Messe. Bis zu feiner völligen Genesung wird er noch einige Tage zur Vorsicht das Zim­mer hüten.

Paris, 8. Dezember. In der gestrigen Abendsitzung des Sozialistenkongresses erhoben sich nach Verlesung eines Telegrammes von Liebknecht über 600 Delegierte und brachten Hochrufe auf Liebknecht aus. Nur Jauräs blieb auf feinem Stuhle sitzen.

Paris, 8. Dezember. In der Militär sch ule zu Gard meuterten 80 Schüler. Sie zerstörten ihre Bänke, warfen die Fenster ein und forderten in einem Auf­rufe, den sie mitFort Chabrol" unterzeichneten, die Ab­setzung mehrerer höherer Osfiziere. Auf Zureden der Offi­ziere wurde der Aufstand beigelegt.

Loudon, 8. Dezember. Lord Salisbury ist voll­ständig wiederhergestellt. Er wohnte heute einem Ministerrate bei, in welchem ganz besonders die Frage des Aufstandes der Holländer in der Kapkolonie zur Sprache kam. Dieser Aufstand scheint bedeutend ernster zu sein, als bisher vermutet wurde. Derselbe paralysiert vollständig die Bewegungen der Generale French und Gatacre, welche mit einer starken Kolonne nach dem Oranjeflusse ausbrechen sollten, um von dort in den Oranjefreistaat einzudringen. Es wird versichert, daß eine ausgedehnte Verschwörung iu Kapstadt entdeckt worden ist und daß zahlreiche Verhaftungen bevorstehen.

Fokales.

Gießen, den 9. Dezember 1899.

* Hessischer Landtag. Die Eröffnung des neuen hessischen Landtages erfolgt, wie dieDarmst. Ztg." vernimmt, am 20 Dezember.

** -r. Stadttheater. Vor fast leerem Hause ging gestern abend die von der Direktion in so guter und liebens­würdiger Absicht arrangierte Wohlthätigkeits-Vor­stellung zum besten einer Weihnachtsbescherung für atme Kinder in Szene. Der Direktion war es offenbar nicht bekannt gewesen, daß am gestrigen Abend der sogenannte Rcktoratsball, der einen großen Teil des sonst das Theater besuchenden Publikums fernhält, ftattfanb. Der gute Zweck der Vorstellung würde die breiteren Schichten über das Unbekanntsein des Verfassers vonZurück" haben hinweg­sehen lassen, und somit auch eine größere Einnahme gewähr­leistet haben. Herr W. Winter aus Lüdenscheid i. Wests, ist als Litterat vollständig Autodidakt, und hat sich neben seinem bürgerlichen Berufe, wie wir hören, wiederholt alS Prosa-Schrtftsteller versucht. Uns über den Wert deS von ihm verfaßten VolksschauspielsZurück", daS gestern abend unter sorgfältiger Einstudierung feilens der Direktion und großem Fleiße des Personals in Szene ging, sachgemäß auszulassen, verbietet uns bei der Natur der Vorstellung an und für sich und dem Verhältnis des Verfaffers zu den mit so guten Absichten an die Aufgabe herangetretenen Ver­anstaltern der Wohlthätigkeits-Vorstellung die journalistische Delikatesse. Vor allem wollen wir den Fleiß und die liebe­volle Behandlung des wenn auch etwa« alltäglichen Stoffes von Seiten des Verfaffers anerkennen. Den Dialogen, die allerdings oft recht breit und somit ermüdend sind, merkt man an, daß er mit einem warmen Herzen geschrieben und offenbar das beste gewollt hat. Und das ist auch schon ein Verdienst! Die Fabel ist, wie gesagt, sehr ein­fach. Ein alter 48er ging wegen politischer Umtriebe über das Wasser, ließ feine Frau mit 2 Kindern, einem Knaben und einem Mädchen, zurück und kehrte auch, nachdem die allgemeine Amnestie erlassen war, nicht heim. Erst nach vielen Jahren als Greis betritt er den heimischen Boden, findet unerkannt seine Frau und seine inzwischen ver­heiratete Tochter der aber unglücklicher- oder besser ge­sagt, merkwürdiger Weise auch der Mann durchgebrannt ist wieder, auch den moralisch etwas stark entgleisten Sohn überrascht er unerkannt bei einer etwas sehr stark aufge­tragenen Situation bei Sekt und Liebe in seiner Jung­gesellenwohnung und so spielt er Vorsehung, rettet den finanziell ruinierten Sohn vor der Flucht, seine Geliebte vor Selbstmord, der unmoralische Sohn muß die unmoralische Geliebte heiraten