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10.11.1899 Zweites Blatt
 
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Freitag den 10. November

Nr. 265 Zweites Matt

Amts- und Anzeigeblntt für den ALreis Gieren

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Grattsbnlagrn: Gieße«r Famüienblätter, Der hrMche Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde._____________

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Amtlicher M

* Bom Kriegsschauplatz.

Endlich wiedereine amtliche Meldung vom Kriegs­schauplätze! Wir lassen sie (teilweise wiederholt) unver­kürzt folgen:

London, 7. November. Das Kriegsministerium hat heute fol­gende Depesche des Generals Buller aus Kapstadt erhalten: Heute nachmittag 1 Uhr ist mir durch Vermittelung des Gouverneurs von Natal folgendes von gestern datierte Telegramm des in Estcourt kommandierenden englischen Generals zugegangen:Als am Freitag die Feindseligkeiten bei Ladysmith eingestellt waren, wurde noch an diesem Tage auf Verlangen des Bürgermeisters von La­dysmith von dem General White an Joubert eine Mitteilung gesandt, « der Joubert ersucht wurde, zu gestatten, daß die Nichtkombattanten, die^'Kranken und die Verwundeten nach Süden abziehen dürften. Joubert lehnte dieses Ansuchen ab, gestattete aber, daß sich die Leute in ein besonderes Lager vier Meilen von Ladysmith entfernt begeben dürften. Die Bevölkerung der Stadt weigerte sich, dieses Angebot Joubert's an­zunehmen; somit verliehen gestern nur die Kranken, die Verwundeten und wenige Ortsansässige die Stadt. Gestern wurden nur wenige

Schüsse zwischen den Vorposten gewechselt. Bei dem Bom­bardement am Freitag fielen einzelne Granaten in das Hospital; auch in das Hotel fiel eine Granate zur Früh­stückszeit und platzte, es wurde jedoch niemand verletzt. Ueberhaupt ist bisher durch die Granaten in der Stadt nur ein Kaffer am Mittwoch getötet worden. Am Freitag führten die Truppen unter General Brocklehurst in der Richtung auf Dewdrop eine schneidige Aktion aus, sie trieben die Buren eine beträchtliche Strecke zurück und brachten ein Geschütz derselben zum Schweigen. Ein weiteres Gefecht wurde am Jsimbulwana-Berge geliefert. Die englischen Verluste belaufen sich insgesamt auf 8 Tote und etwa 20 Verwundete. 98 Mann, welche bei Dundee verwundet und uns zugesandt wurden, sind am Samstag hier eingetroffen. Sie be­finden sich alle wohl. Unsere Position wird hier jetzt für voll­kommen sicher gehalten, sie ist in den letzten 24 Stunden noch erheblich verstärkt worden. Die Bevölkerung hat ihre Wohnungen verlassen und hält sich in bombensicheren Räumen auf. Vorräte aller Art sind reichlich vorhanden. Hauptmann Knapp und Leutnant Brabant sind bei der Aktion am Freitag gefallen. Das Vorstehende ist der Wortlaut eines Telegramms des Preßcensors, das ein Kaffern- läufer nach Estcourt gebracht hat." Weitere amtliche Nachrichten liegen nicht vor.

Nimmt man hierzu die aus Ladysmith an General Buller am 3. November (Freitag) mit Taubenpost über­mittelte Depesche, welche nur zu berichten hatte, daß General French am Donnerstag mit Cavallerie und Feldartillerie ausgerückt sei und das Burenlager ohne Verlust auf eng­lischer Seite beschossen habe, sowie daß am Freitag General Brocklehurst südwestlich von Ladysmith mehrere Stunden mit dem Feinde gekämpft habe, wobei die Engländer geringe Verluste gehabt, so ergiebt sich lediglich, daß der ganze Erfolg der Ausfallskämpfe am Donnerstag und Freitag für die Engländer darin bestanden hat, daß sie die Buren bei Dewdrop eine Strecke weit zurückgetrieben und ein Geschütz i derselben zum Schweigen gebracht haben. Vielleicht haben aber die Buren nur wieder ihren bekannten Tric auszuführen gesucht, den Feind durch plötzliches Zurückweichen und Zurück­holen der Geschütze zu täuschen und in eine Falle zu locken. Auf alle Fälle erweisen sich die in den letzten Tagen ver­breiteten englischen Nachrichten, welche behaupteten, die Buren seien bei Besters Hill, nordwestlich von Ladysmith, vollständig in die Flucht geschlagen worden, sie hätten furcht­bare Verluste erlitten und das ganze Lager sei in die Hände I der Engländer gefallen, sowie die im heutigen Morgenblatt I mitgeteilte Kapstadter Depesche vom 5. d. M., die Engländer I hätten ineinem" Kampfe bei Ladysmith 2000 Gefangene I gemacht, als eitel Windbeutelei: Von beiden Heiden- I thaten wissen die amtlichen Telegramme an I Buller kein Wort. Sie sind sehr vorsichtig abgefaßt und I sprechen nur von englischen Verlusten, nicht von solchen der Buren. Gleichzeitig dürfte aus ihnen erhellen, daß eine zweite große Schlacht, die nach der einen Version ein I Sieg der Buren, nach der andern ein solcher der Engländer I gewesen sein soll, nicht stattgefunden hat. Diese I würden die amtlichen Depeschen nicht vollständig unerwähnt I haben lassen können, auch dann nicht, wenn sie für die Eng- I länder ein neuer Schlag gewesen wäre. Endlich lesen wir I aus den offiziellen Meldungen heraus, daß Ladysmith I bis zum Sonntag noch nicht eingenommen und I die Beschießung der Buren bis dahin von besonderer Wirkung I nicht war. Wie die Dinge jetzt liegen, eilt eben auch die I Einnahme von Ladysmith nicht, da die Buren es leicht in I Schach zu halten vermögen und mit der Okkupierung des I weiter südlich gelegenen Terrains bis Durban wichtigeres I zu thun haben. Die Buren zögern auch noch mit derZer- I störung des Bahndammes zwischen Ladysmith und Durban, I wie aus folgender Meldung hervorgeht:

Estcourt, 7 November. Der P « n z e r z u g, der gestern über I die Tugela-Brücke fuhr, fand, daß Colenso, fowie die Ehaussee I und die Eifenbahnbrücke über den Tugela unbe- schädigt waren. Eine starke Abteilung Fretstaats-Buren wurde | fechS Meilen nördlich von Colenfo bemerkt; eS waren vermutlich solche, die am Freitag mit englischen Truppen auS Ladysmith im I Gefecht gewesen waren und schwere Verluste (?) erlitten hatten. Gerüchtweise verlautet, Afrikander auS Natal hätten an I diesem Gefecht aus fetten der Buren teilgenommen.

Offenbar wollen die Buren die Bahnverbindung so lange wie möglich aufrecht erhalten, um sich selbst größere Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit eines raschen Rück­zugs, wenn dieser nötig werden sollte, zu erhalten. Kommt I es dann darauf an, die in Durban landenden englischen Ersatztruppen am Vorrücken zu hindern, so sind Eisenbahn­schienen und -Brücken rasch zerstört. Wenn sich der Schluß der obigen Meldung bestätigt, so eröffnet dies für die Eng­länder eine sehr bedenkliche Perspektive. Erheben sich die

Bekanntmachung.

In Hattenrod ist in drei Gehöften die Maul- und Klauenseuche festgestellt und Gemarkungssperre angeordnet worden.

Gießen, den 9. November 1899.

Großh. Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Betr.: Maul- und Klauenseuche.

In der letzten Woche ist in einer Anzahl Gemeinden I die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen, und zwar höchst | wahrscheinlich durch Ansteckung von wandernden Schafherden, I die, aus der preußischen oder hessischen Nachbarschaft von den Sommerweiden kommend, durch unseren Kreis zogen. Dies ist um so bedauerlicher, als die Seuche in unserem Kreise entschieden im Abnehmen begriffen und eine Milderung der Sperrmaßregeln in Aussicht genommen war. Zum Schutz gegen eine dadurch drohende Seucheverschleppung ist bestimmt, 1. daß auswärts in den Kreis Gießen eintretende Schafherden an denjenigen Orten im Kreise Gießen, an welchen sie zuerst eingestellt werden, 7 Tage lang verbleiben müssen, ihren Standort innerhalb der nächsten zwei Wochen | nur verlassen dürfen, wenn sie nach einer Untersuchung des Kreisveterinärarztes seuchefrei sind (Verfügung vom 14. August 1899, Anzeiger Nr. 191); 2. die Herden dürfen nur die Kreisstraßen ziehen; 3. muß der Führer mit einem Zeugnis des Kreisveterinärarztes, daß die Herde seuchefrei ist, versehen sein, welches drei Tage gültig ist (Verfügung vom 10. Mai 1899, Anzeiger Nr. 110); 4) der Durchtrieb der Herde durch eine gesperrte Gemarkung ist verboten. Zahlreiche Klagen und Anzeigen haben ergeben, daß gegen diese Anordnungen oft gefehlt worden ist; Schäfer sind viel­fach nachts große Strecken gefahren, ohne sich um die Vor­schriften zu kümmern, und haben überdies noch an Feld­wegen gelegene Grundstücke teilweise abgeweidet. Die An­zeigen sind an die Gerichte abgegeben. Wir machen auf diese Bestimmungen wiederholt hiermit aufmerksam.

Gießen, den 6. November 1899.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.

Gießen, den 6. November 1899. Betr. wie oben.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an daS Großh. Polizeiamt Gießen, die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden, Großh. Polizeikommissariat Arnsburg und die Großh.

Gendarmerie des Kreises.

Wir machen es Ihnen unter Hinweis auf obige Be­kanntmachung zur Pflicht, auf die wandernden Schafherden ein besonders wachsames Auge zu haben. Bei Zuwider­handlungen gegen die Bestimmungen unter 1, 3 und 4 der obigen Bekanntmachung wollen Sie die Einsperrung der Herde auf einen bestimmten Bezirk oder, wenn möglich, in einen Stall anordnen und uns alsbald benachrichtigen. Anzeige ist in jedem Betretungsfalle sofort zu machen.

v. Bechtold.

Afrikander der Kapkolonie und machen mit den Buren ge­meinsame Sache, dann stehen dem Armeekorps Bullers, wenn es genötigt ist, in Fußmärschen vorzudringen, schlimme Tage bevor, denn dann begegnen sie im eigenen Lande dem Feind auf Schritt und Tritt. Besonders auf dem west- ichen Kriegsschauplatz müssen die Buren für die De­molierung der Schienenwege sorgen, um den Feind nicht in großer Masse an die wenig gedeckten Grenzen der beiden Freistaaten herankommen zu lassen. Sie sind auch tapfer an der Arbeit, wie folgende Nachricht zeigt.

Oranje River-Station, 5. November. Wie ver- bautet, haben die Buren einen der Pfeiler der Brücke über den Moder River zerstört. Nach Gerüchten aus Hopetown scheinen die Buren einen Angriff auf das dortige englische Lager zu machen.

Der Modder River kreuzt die Bahnlinie Kapstadt- Bulawajo südlich von Kimberley. Gelingt es den Buren auch noch die Brücke über den Oranje River bei Hopetown zu sprengen, dann dürfte es den Ersatztruppen Bullers kaum möglich sein, Kimberley und Mafeking zu entsetzen. Die südafrikanischen Flüsse, namentlich der reißende Oranje-River sind während der jetzigen Regenzeit hochangeschwollen, und Notbrücken über dieselben unter dem feindlichen Feuer zu bauen, gehört gegenwärtig zu den Unmöglichkeiten. Ueberhaupt scheint es, daß die Buren im Westen ihre Hauptmacht jetzt gegen Kimberley und die südlich davon nach de Aar zu gelegenen Punkte kon­zentrieren, um den englischen Ersatz von der Grenze des Oranjestaates fern zu halten. Ganz verspätet kommt fol­gende Meldung:

London, 8. November.Daily Mail" meldet aus Mafeking vom 26. v. M.: Nach einem mehrtägigem Bombardement von neun Kanonen, die wenig Schaden anrichteten, machten die Buren gestern den entschlossenen Versuch, die Stadt zu stürmen, wurden aber schließlich zurückgeschlagen und zogen sich in panikartiger Flucht zurück. Eine Anzahl Leute wurden über die gelegten Minen getrieben, die explodierten und sie nach allen Richtungen ver­sprengten.

Unterdessen ist die Lage vor Mafeking wohl eine für die Buren günstigere geworden, da sie ihnen gestattet, Ver­stärkungen gegen Kimberley abzusenden.

London, 8. November.Daily Mail" beginnt eine große Agitation zur Aufstellung eines neuen Armee- Korps von 15000 Mann. Sie begründet dies mit der Thatsache, daß die Engländer die wirkliche Stärke und Leistungsfähigkeit der Buren unterschätzt haben.

Weiteres siehe Neueste Meldungen.

England und der Zarevbesuch.

Wie vorauszusehen, ist in England der Besuch des russischen Kaisers Gegenstand der lebhaftesten Erörterung. Ein der englischen Regierung nahestehendes Organ beugt bereits Gerüchten vor, welche die Zusammenkunft der Monarchen in Verbindung bringen mit einer Intervention anläßlich des südafrikanischen Krieges. England sei ent­schlossen, jedwede Einmischung einer fremden Macht abzu­lehnen.

Eine Londoner Meldung besagt:

London, 8. November. Die Kaiser-Zusammenkunft in Potsdam erregt hier lebhafte Beunruhigung. Das Regie­rungsorganStandard" schreibt, zweifellos würde die Lage in Südafrika bei den Konferenzen nicht ignoriert werden, aber es sei nicht wahrscheinlich, daß der Deutsche Kaiser irgend einen Vorschlag annehmen werde, welcher dem Ent­schluß Englands widerstreiten würde, die Frage nach seinem eigenen Willen zu erledigen. Falls das Projekt einer Inter­vention auch nur in der Luft läge, würde Kaiser Wilhelm nicht den Besuch bei der Königin Viktoria beabsichtigen. Alle Gerüchte über ein englisch-portugiesisches Abkommen wegen Delagoa und über Deutschlands Wunsch nach einer Kompensation dafür stammten aus Kreisen, denen Deutsch­land ebenso das Ziel des Uebelwollens sei, wie England. Die Franzosen seien bereit, den Buren alles zu geben, außer wirksamer Hilfe; sie hätten die Unabhängigkeit der Hovas gewissenlos vernichtet und bedienten sich schamlos des Be­sitzes von Madagascar als Grund, England Ungelegenheiten zu bereiten. Diese Pläne würden in Potsdam keine günstige Aufnahme finden, der deutsche Kaiser sei viel zu aufgeklärt, um ein Werkzeug der französischen Nadelstich Politik zu werden, und sein kaiserlicher Gast werde seine Verpflich­tungen gegen die französischen Bundesgenossen nicht Über­treiben. Der europäische Friede werde von keinem patrio­tischen Herrscher leichtherzig gefährdet werden, und die Er­widerung, welche die englischen Staatsmänner auf jedwede Ankündigung einer Einmischung geben würden, sei den Betreffenden kein Geheimnis.